Einführung
Lange Zeit wurde Migräne als eingebildete Krankheit abgetan, doch heute ist sie als ernstzunehmende neurologische Erkrankung anerkannt. Obwohl die genauen Ursachen noch nicht vollständig geklärt sind, hat die Forschung im Laufe der Geschichte verschiedene Theorien hervorgebracht. Eine der ältesten und bekanntesten ist die vaskuläre Theorie, die die Rolle der Blutgefäße bei der Entstehung von Migräneattacken betont. Dieser Artikel beleuchtet die Entwicklung und den aktuellen Stand dieser Theorie, unter Berücksichtigung historischer und moderner Erkenntnisse.
Historische Perspektiven
Antike und Mittelalter
Bereits im altägyptischen Papyrus Ebers (ca. 1500 v. Chr.) wurde die Migräne als „Krankheit der Hälfte des Kopfes“ beschrieben. Hippokrates sah die Ursache in „Dämpfen, die vom Magen in den Kopf aufsteigen“, während Galen von Pergamon, der den Begriff „Hemicrania“ prägte, die „übermäßige aggressive Galle“ verantwortlich machte. Im Mittelalter glaubte man, ein Überangebot an Säften, insbesondere gelber Galle, sei die Ursache. Hildegard von Bingen deutete in ihren Visionen, die als Migräne-Anfälle mit visueller Aura interpretiert werden können, auf eine psychogene Theorie hin.
Die erste neuzeitliche Gefäßtheorie
Thomas Willis stellte 1672 die erste neuzeitliche Gefäßtheorie auf. Er beobachtete den Gefäßkreislauf im Gehirn bei Leichenschauen und schloss, dass Migräne mit einer Gefäßerweiterung in der betroffenen Kopfhälfte einhergeht, die die Hirnhäute reizt und so zu Kopfschmerzen führt. Johann Jakob Wepfer führte Migräne auf eine Erschlaffung der Gehirngefäße mit verstärkten Pulsationen zurück.
19. Jahrhundert
Im 19. Jahrhundert wurden zahlreiche Artikel veröffentlicht, die entweder zur neurogenen (Entstehung der Migräne durch eine Störung von Nervenfasern) oder zur Gefäßtheorie neigten. P. Latham sah Migräne als Folge einer arteriellen Verengung im Bereich der hinteren Gehirnarterie, während Emil du Bois-Reymond Migräne als eine Verkrampfung der Gefäßmuskulatur auffasste. Edward Liveing versuchte, die beiden Theorien zusammenzuführen, indem er von einem „nerve storm“ sprach, einem zentralen Anfall, der die autonomen Nervenfasern und damit auch die Nervenversorgung der Gefäße beeinträchtigt.
Moderne Migränetherapie
In der modernen Migränetherapie werden gelegentliche Attacken mit NSAR wie Aspirin, Ibuprofen, Paracetamol, Metamizol als Einzelpräparat oder auch in Kombination, teilweise zusammen mit dem Wirkungsverstärker Koffein behandelt. Gegen die Übelkeit können Mittel wie Dimenhydrinat oder Metoclopramid eingesetzt werden. Mit den Triptanen ist in den letzten Jahren ein Durchbruch in der Migränetherapie gelungen. Dabei handelt es sich nicht um Gefäßstabilisatoren, die die Dilatation der Hirngefäße verhindern und von vielen Patienten in der Akutphase gut vertragen werden. Bei häufigen Migräneattacken, die über zehn Schmerztage im Monat hinausgehen, rät man aufgrund der Gefahr des Medikamentenübergebrauchkopfschmerzes (MÜK) zur Prophylaxe. Hierzu zählen in erster Linie Betablocker, insbesondere wenn die Migräne mit erhöhtem Blutdruck einhergeht. Mittel zweiter Wahl sind Antikonvulsiva, also Medikamente, die auch bei der Epilepsie eingesetzt werden, wie z. B. Topiramat oder Valproat. Trizyklische Antidepressiva gehören ebenfalls zu den Mitteln zweiter Wahl, da sie eine schmerzlindernde Wirkung haben und bei einer gemeinsam auftretenden Depression hilfreich sein können. Natürlich besitzen alle Medikamente unterschiedliche Nebenwirkungen.
Lesen Sie auch: Ursachen, Symptome und Behandlung von vaskulärer Demenz
Die vaskuläre Theorie im Wandel der Zeit
Wolffs vasomotorische Theorie
Als Graham und Wolff 1937 Migräne-Anfälle mit Ergotamin durchbrechen konnten und gleichzeitig eine Verengung der Schläfenarterie beobachteten, entwickelte Wolff eine moderne vasomotorische Theorie. Diese besagte, dass Migräne durch eine initiale Gefäßverengung und eine sekundäre Gefäßerweiterung entsteht, wobei der Blutdruck gegen die Gefäßwände den Schmerz auslöst.
Kritik und neue Erkenntnisse
In den letzten Jahren konnte jedoch gezeigt werden, dass Ergotamin kaum zu einer Verengung der großen Gefäße im Gehirn während eines Migräne-Anfalls führt. Ähnliches gilt für Sumatriptan, das zwar einen Migräne-Anfall durchbrechen kann, aber nicht zu einer relevanten Verengung der großen Gehirnarterien führt. Es ist inzwischen bekannt, dass bei einem Migräne-Anfall ein zentraler Mangel an dem Botenstoff Serotonin besteht. Dies spricht für eine Ursache der Migräne im Bereich des Nervensystems.
Alternative Erklärungsmodelle
Der Migräne-Motor
Das Migräne-Motor-Modell geht davon aus, dass sich im Hirnstamm ein Konglomerat aus hypersensiblen Schmerzrezeptoren befindet, das extrem empfindlich auf Reize reagiert und mit jeder Attacke noch empfindlicher wird. Diese vermehrte Durchblutung reizt Fasern des Trigeminus-Nervs, der daraufhin Schmerzreize an das Gehirn sendet. Das führt zu einer Ausdehnung weiterer Blutgefäße im Gehirn, welches dann anschwillt. So entsteht vermehrter Hirndruck und in der Folge die typischen Hirndrucksymptome wie Übelkeit, Sehstörungen, Erbrechen, Schwindel oder Tinnitus. Der ganze Vorgang wird als neurovaskuläre Reaktion bezeichnet.
Streudepolarisation
Eine weitere Theorie ist die sogenannte Streudepolarisation. Demnach befindet sich das Gehirn in einem ständigen Metazustand, d.h., jede Nervenzelle ist bestrebt, ihr Aktionspotential aufrecht zu erhalten, damit sie jederzeit aktiv werden kann. Gibt sie dieses Aktionspotential an eine nächstliegende Nervenzelle ab, erstellt sie schnell ein neues. Damit bleibt das Nervensystem praktisch immer einsatzbereit. Anders bei Menschen mit Migräne, bei denen kurz vor einer Attacke ein pathologischer Dominoeffekt entsteht, den man eben Streudepolarisation nennt. Dabei kommt es zu einer unerklärlichen, schlagartigen Entladung der Nervenzellen, die aber in diesem Entladungszustand länger als üblich verbleiben, also depolarisiert sind. Als Ursache werden lokale biochemische Dysbalancen im Gewebe angenommen.
Defekte Mitochondrien
Wie lässt sich nun die Theorie der Streudepolarisation mit der Migräne in Zusammenhang bringen und wie kommt es zu chemischen Dysbalancen im Gehirn? Eine mögliche Erklärung liefert eine weitere Theorie: eine lokale mitochondriale Dysfunktion in den Nervenzellen. Demnach führt eine abnorme Mitochondrienfunktion zu einer zu hohen intrazellulären Penetration von Calcium sowie einer übermäßigen Produktion von freien Radikalen und einer verringerten oxidativen Phosphorylierung, was letztendlich zu einem Energieversagen in den Neuronen und Astrozyten führt und somit eine Streudepolarisation auslösen kann.
Lesen Sie auch: Vaskuläre Demenz verstehen: Ein tiefer Einblick
Die Rolle der Osteopathie
Gerade die Osteopathie kann bei der Migräne vielversprechende therapeutische Ansätze bieten. Sie ist durch ihre manuelle Diagnostik in der Lage, Stress im Körper zu lokalisieren und, was in diesem Fall unerlässlich ist, auch dem Patienten selbst bewusst zu machen. Spasmen, Verspannungen, Gewebedysfunktionen sind ein Indikator für Stress und hier ist nicht nur der subjektive empfundene Stress gemeint, sondern auch der oxidative Stress auf Zellebene. Die vaskuläre Ver- und Entsorgung spielt in der Osteopathie eine entscheidende Rolle und nimmt auch unter den Migränefaktoren einen hohen Stellenwert ein. Stauungen im Bereich der hirnversorgenden Gefäße wie die Arteria carotis oder die Arteria vertebralis nahe der Halswirbelsäule, insbesondere an ihren Eintrittsstellen in den Schädel, sind echte Hot Spots, wenn es um Migränetherapie geht. Häufig finden sich an diesen Stellen bei Migränikern massive muskuläre Verspannungen und Gewebeverdichtungen, die nicht nur zu Stauungssymptomen führen, sondern auch zu Nervenkompressionen des N. occipitalis major und N. occipitalis minor. Sehr häufig zeigen sich in der Praxis auch Kieferdysfunktionen. Nächtliches Zähneknirschen oder -pressen reizen die Trigeminuswurzel nahe dem Kiefergelenk, das angesichts der Zugkraft des M. masseter massivem Druck ausgesetzt wird. Als Dura versorgender Nerv, verdient der Trigeminus besondere Aufmerksamkeit in der osteopathischen Behandlung. Neben der strukturellen Arbeit bietet die Osteopathie auch einige neurologische Herangehensweisen, die unmittelbar den Energiehaushalt positiv beeinflussen können. Besonders die unterschiedlichen Techniken der Vagusstimulation stellen eine manuelle Alternative zur Transkutanen Elektrische Nervenstimulation (TENS) dar, die inzwischen vielfach bei der Migräne zur Vagus- oder Trigeminusstimulation erfolgreich eingesetzt wird, gerade bei Patienten, die eine medikamentöse Therapie schlecht vertragen oder aus gesundheitlichen Gründen (z. B. Schwangerschaft) nicht einsetzen können.
Osteopathische Behandlung einer Migräne: Ein Fallbeispiel
Das folgende Beispiel stellt einen recht typischen Behandlungsverlauf für eine Migräne dar. Eine Reduktion der Attackenfrequenz und -stärke um die Hälfte kann durchaus erreicht werden. Bei leichteren Verlaufsformen der Migräne kann ich aus meiner persönlichen Erfahrung in Einzelfällen sogar von einer mehrmonatigen Attackenfreiheit berichten.
Fallbericht: Renate S., zweifache Mutter, verheiratet und berufstätig, stellte sich in meiner Praxis mit einer episodischen linksseitigen Migräne mit Aura vor, die von Sehstörungen, Übelkeit und Lichtempfindlichkeit begleitet ist. Sie habe derzeit beruflich und privat sehr viel Stress, darum sei die Attackenzahl von sonst viermal im Jahr auf ca. einmal im Monat angestiegen und das nun seit gut sechs Monaten. Außerdem leide sie nun an chronischer Verstopfung mit Blähungen. In der Untersuchung ergab sich eine massive linksseitige Kontraktion der suboccipitalen Muskulatur, die zu einer Lageveränderung des ersten Halswirbels geführt hatte. Ein Craniopuls war in Folge der chronischen Überbelastung kaum tastbar. Während der Behandlung brach sie häufiger in Tränen aus. Ich behandelte Frau S. über ein halbes Jahr in größer werdenden Abständen und fokussierte mich dabei zunächst auf das Lösen der Kopfgelenkssituation. Außerdem empfahl ich die Einnahme eines Kombipräparates aus hochdosiertem Magnesium, Vitamin B2 und Q10 und riet, die Dosis langsam zu steigern, um keine Durchfälle zu provozieren, was auch die Obstipation normalisierte. Anfänglich traten reaktive Attacken am Folgetag der Behandlung auf, die aber in Dauer und Intensität im Verlauf der Therapie schwächer wurden und schließlich ganz ausblieben. Weiter konzentrierte ich mich besonders auf die linksseitigen Schädelforamina, die Sinus des gesamten Kraniums, sowie die entsprechenden Suturen und band in jede Behandlung eine Vagusstimulation zum Abschluss mit ein, was sich als projektiv hinsichtlich der reaktiven Attacken erwies. Nach sechs Monaten, als keine Attacken mehr auftraten, beschlossen wir, die Behandlung zu beenden, um sie bei Bedarf wieder aufzunehmen.
Lesen Sie auch: Vaskuläre Demenz: Aggressivität als Symptom