Migräne ist mehr als nur Kopfschmerz. Viele Menschen mit Migräne leiden auch unter Magen-Darm-Beschwerden wie Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen oder Durchfall. Bis zu 80 Prozent der Migränepatienten berichten über Magen-Darm-Beschwerden während ihrer Attacken.
Die Darm-Hirn-Achse: Eine wichtige Verbindung
Gehirn und Verdauungstrakt kommunizieren ständig miteinander, insbesondere über den Nervus vagus. Dieses Zusammenspiel wird als Darm-Hirn-Achse bezeichnet. Der Vagusnerv überträgt Signale zwischen Gehirn und Verdauungstrakt über Botenstoffe wie Serotonin. Störungen in diesem Kommunikationssystem können sowohl zu Kopf- als auch zu Bauchschmerzen führen und neurologische Erkrankungen wie Migräne beeinflussen.
Entzündungen und Nährstoffmangel
Entzündliche Prozesse im Magen-Darm-Trakt können bei der Entstehung von Migräne eine Rolle spielen. Chronische Entzündungen im Verdauungstrakt wie Morbus Crohn, Zöliakie oder Infektionen mit Helicobacter pylori können Entzündungsmediatoren freisetzen, die ins Blut gelangen und die Blut-Hirn-Schranke überwinden können.
Ein weiterer Zusammenhang zwischen Magen-Darm-Beschwerden und Kopfschmerzen könnte ein Nährstoffmangel sein:
- B-Vitamine: Insbesondere Vitamin B2 (Riboflavin) und B12 spielen eine wichtige Rolle im Energiestoffwechsel der Nervenzellen.
- Omega-3-Fettsäuren: Diese essentiellen Fettsäuren haben entzündungshemmende Eigenschaften.
Weitere Faktoren
Auch das Reizdarmsyndrom (RDS) wird häufig bei Migränepatienten beobachtet. Etwa 30-50% der Migränepatienten leiden gleichzeitig unter RDS-Symptomen. Stress aktiviert das sympathische Nervensystem, was sowohl zu Kopfschmerzen als auch zu Verdauungsproblemen führen kann. Hormonelle Veränderungen, insbesondere bei Frauen, spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Östrogenschwankungen während des Menstruationszyklus können Migräneattacken auslösen und die Magen-Darm-Motilität beeinflussen, was zu Symptomen wie Blähungen, Verstopfung oder Durchfall führen kann.
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Bauchmigräne: Wenn der Bauch im Vordergrund steht
Die Bauchmigräne (abdominale Migräne) ist eine spezielle Form der Migräne, bei der die Bauchschmerzen im Vordergrund stehen, während die Kopfschmerzen fehlen oder nur leicht ausgeprägt sein können. Diese Form der Migräne betrifft vor allem Kinder, kann aber auch bei Erwachsenen auftreten. Etwa 4 bis 15 % der Kinder mit wiederkehrenden Bauchschmerzen könnten an dieser Form der Migräne leiden. Die Diagnose wird oft erst spät gestellt, da viele dieser Kinder im Erwachsenenalter eine klassische Migräne entwickeln.
Symptome der Bauchmigräne
Bei einer abdominellen Migräne treten anfallsartig und in regelmäßigen Abständen Bauchschmerzen ohne Fieber auf. Begleitend zu den Bauchschmerzen kann es häufig zu Übelkeit, Erbrechen, Blässe sowie Appetitlosigkeit und Lichtempfindlichkeit kommen. Die Schmerzen treten dabei meist im Bereich des Bauchnabels auf und können von einer Stunde bis zu drei Tagen dauern. In der Regel müssen sich Betroffene hinlegen und können ihren alltäglichen Beschäftigungen in dieser Zeit nicht nachgehen. Zwischen den periodisch auftretenden Bauchschmerzattacken treten keine Beschwerden auf.
Bauchmigräne bei Kindern
Nach Angaben des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) sind etwa 1 bis 4 % Prozent aller Kinder im Alter zwischen drei und zehn Jahren von einer abdominellen Migräne betroffen - nach Berichten aus den USA sogar bis zu 9 %. Damit gehört die abdominelle Migräne zu den häufigsten Ursachen funktioneller Bauchbeschwerden bei Kindern.
Auslöser einer Bauchmigräne
Um körperliche Ursachen für die Bauchschmerzen bei Kindern auszuschließen, sollten Eltern immer zur Abklärung einen Kinder- und Jugendarzt aufsuchen. Deutet alles auf eine Bauchmigräne hin, ist es empfehlenswert, zusammen mit dem betroffenen Kind, ein Bauchschmerztagebuch zu führen, um die sogenannten Triggerpunkte herauszufinden.
Psychischer Stress zählt dabei zu den relevantesten Auslösern. Bauchmigräne tritt häufig bei Fünf- und Zehnjährigen auf, was mit dem schulischen Stress zusammenhängen kann, der in diesen Altersgruppen gehäuft auftritt: Einschulung mit circa fünf Jahren und mit circa zehn Jahren Wechsel auf die weiterführende Schule.
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Daneben können aber noch weitere Auslöser, wie etwa Erschöpfung, Schlafmangel, grelles oder flackerndes Licht sowie diätetische Lebensmittel - etwa Zitrusfrüchte, Käse, Schokolade, kohlensäurehaltige Getränke - eine abdominelle Migräne begünstigen. Die tatsächliche Ursache einer Bauchmigräne ist jedoch wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt.
Migränekopfschmerz durch Bauchmigräne?
Die Beschwerden einer Bauchmigräne nehmen mit der Pubertät häufig ab oder verschwinden gänzlich. Erwachsene sind in der Regel nur noch selten davon betroffen. Vielmehr geht im Laufe der Jahre eine abdominelle Migräne in einen Migränekopfschmerz über. Da Migränekopfschmerz jedoch oft mit weiteren Begleiterkrankungen, wie beispielsweise Reizdarm, einhergeht, leiden manche Erwachsene weiterhin an Bauchbeschwerden.
Diagnose der Bauchmigräne
Gerade kleine Kinder können ihre Empfindungen und Körpersignale noch nicht genau deuten und sich nicht richtig ausdrücken. Achten Sie deshalb darauf, ob sich Ihr Kind anders verhält als sonst. Viele Kinder hören beispielsweise auf zu spielen, sind blass oder rot im Gesicht oder möchten sich gerne hinlegen und schlafen. Andere Kinder werden unruhig und reizbar. Manche klagen über Bauchweh oder kneifen die Augen bei hellem Licht zusammen. Schulkinder haben zudem oft plötzlich Probleme, sich zu konzentrieren und ihre Hausaufgaben zu machen. Auch bei Kopfschmerzen, die das Kind nachts wecken, sollten Sie an Migräne denken. Migräne bei Kindern äußert sich häufig anders als bei Erwachsenen. Achten Sie daher genau auf das Verhalten Ihres Kindes und lassen Sie auftretende Beschwerden gegebenenfalls ärztlich abklären.
Kriterien für die Diagnose einer abdominellen Migräne
Die International Headache Society nennt Kriterien für die abdominelle Migräne. Ebenso gibt es Rom-IV-Kriterien. Allerdings gibt es gewisse Unterschiede zwischen beiden Definitionen. Daher schlagen die Mediziner aus London pragmatische Kriterien vor, die auch Nichtspezialisten helfen können, eine erste Diagnose zu stellen. Bauchmigräne betrifft vor allem Kinder im Alter zwischen drei und zehn Jahren.
Behandlung von Migräne und Bauchmigräne
Die Behandlung von Migräne und Bauchmigräne zielt darauf ab, die Symptome zu lindern und die Häufigkeit der Attacken zu reduzieren. Es gibt verschiedene Ansätze, die je nach Schweregrad der Erkrankung und individuellen Bedürfnissen eingesetzt werden können.
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Nicht-medikamentöse Behandlung
- Ausgewogene Ernährung: Eine faserreiche Ernährung fördert die Darmgesundheit und könnte indirekt auch Migräne-Symptome positiv beeinflussen. Es ist ratsam, histaminreiche Produkte wie gereifte und fermentierte Lebensmittel zu meiden.
- Stressmanagement: Stress ist ein häufiger Auslöser sowohl von Migräne als auch von Verdauungsbeschwerden. Entspannungstechniken wie progressive Muskelentspannung oder autogenes Training können helfen, Stress abzubauen.
- Regelmäßiger Schlaf: Ein regelmäßiger Schlafrhythmus ist wichtig, um Migräneattacken vorzubeugen.
- Vermeidung von Triggern: Wenn die Triggerpunkte einer Bauchmigräne erkannt werden können, sollten diese nach Möglichkeit gemieden werden.
Medikamentöse Behandlung
Je nach Schwere der Migräne und der Verdauungsbeschwerden können verschiedene Medikamente eingesetzt werden. Die Einnahme von Medikamenten sollte immer mit einer Ärztin oder einem Arzt abgesprochen werden.
- Akutmedikation: Bei Migräne können Triptane (z.B. Sumatriptan) und Schmerzmittel wie Ibuprofen, Acetylsalicylsäure oder Paracetamol eingenommen werden. Bei ausgeprägter Übelkeit kommen Antiemetika (z.B. Metoclopramid) in Betracht.
- Vorbeugende Medikamente: Vorbeugend können Betablocker (z.B. Metoprolol) oder Kalziumantagonisten eingenommen werden.
- Magen-Darm-Beschwerden: Bei Sodbrennen und Magenschmerzen können Protonenpumpenhemmer (z.B. Omeprazol) oder H2-Blocker (z.B. Ranitidin) eingenommen werden, um die Magensäureproduktion zu reduzieren. Bei akutem Durchfall kann Loperamid die Darmbewegungen verlangsamen.
Prä- und Probiotika
Die Darmflora besteht aus Billionen von Mikroorganismen, die nicht nur die Verdauung beeinflussen, sondern auch mit dem Nervensystem kommunizieren. Eine gestörte Darmflora (Dysbiose) kann zu Entzündungsreaktionen führen, die möglicherweise Migräneattacken begünstigen könnten. Prä- und Probiotika wirken sich positiv auf die Darmflora aus. Präbiotika sind Nahrungsbestandteile, die den nützlichen Darmbakterien als "Futter" dienen. Probiotika hingegen sind lebende Mikroorganismen, die die Darmflora positiv beeinflussen können.
Spezifische Therapie bei abdomineller Migräne
Für Betroffene mit einer Bauchmigräne gibt es noch keine zugelassene spezifische Therapie. Man orientiert sich vorrangig an den Erfahrungen von Migränekopfschmerz. Betroffene sollten sich während einer Bauchmigräneattacke ausruhen, bis die Symptome wieder verschwunden sind. Auch können Entspannungsübungen, wie progressive Muskelentspannung oder autogenes Training, die Beschwerden lindern. Reicht dies allein nicht aus, kann nach ärztlicher Absprache Ibuprofen 10 mg/kg, Paracetamol 15 mg/kg oder Sumatriptan 10 mg intranasal verabreicht werden.
Treten die Bauchschmerzattacken mehr als zweimal im Monat auf oder ist das betroffene Kind trotz Akutbehandlung stark beeinträchtigt, können präventiv Medikamente empfohlen werden. Unter ärztlicher Absprache kann dann z. B. der Betablocker Propranolol oder das Antihistaminikum Cyproheptadin verordnet werden.
Ernährungsumstellung
Eine Arbeitsgruppe stellte 2012 fest, dass durch eine oligoantigene Diät die Symptomatik bei 77 Prozent der Betroffenen gelindert werden konnte. Bei der sogenannten Oligoantigen-Diät sollen mögliche allergieauslösende Stoffe in der Nahrung vermieden werden. Im Rahmen dieser Diät wird daher unter anderem auf Eier, Milch, Erdnüsse, Fisch, Weizen sowie auf Farb- und Konservierungsstoffe verzichtet. Jedoch ist die Wirksamkeit von Diäten sowie der Einsatz von Probiotika bei einer Bauchmigräne nicht abschließend bewiesen.
Migräne bei Kindern
Im Kindesalter tritt die Migräne bei 4 bis 5% der Kinder auf und klingt bei jedem zweiten Kind in der Pubertät aus. Auch nimmt eine Migräneattacke einen etwas anderen Verlauf als bei Erwachsenen. Oft ist eine Attacke schon nach 2 Stunden vorüber, aber auch bei Kindern kann sie gelegentlich 48 Stunden anhalten. Viele betroffene Kinder hören mit dem Spielen oder Lernen auf. Sie sind blass und legen sich freiwillig hin, um zu schlafen. Migräneschmerzen treten bei Kindern häufig beidseitig auf, teilweise mit Aura. Übelkeit, Erbrechen und Schwindelgefühle können wesentlich stärker ausgeprägt sein als die Schmerzen. Einige Kinder haben auch nur eine „Bauchmigräne“ (abdominelle Migräne), begleitet von Blässe, Appetitlosigkeit, Übelkeit und/oder Erbrechen und Bauchschmerzen. Viele Medikamente, die Erwachsenen helfen, können bei Kindern schwere Schäden anrichten. Geben Sie daher Ihrem Kind keine frei verkäuflichen Schmerzmittel oder Ihr persönliches „Anti-Kopfschmerzmittel“. Für Kinder sind in erster Linie Paracetamol oder Ibuprofen empfehlenswert. Stärkere Wirkstoffe oder Mittel zur Vorbeugung verschreibt der Neurologe bzw. Kinder- und Jugendarzt nur in seltenen Fällen, z.B.
Diagnose von Migräne bei Kindern
Da sich kleine Kinder meist noch nicht entsprechend ausdrücken können, gestaltet sich die Diagnostik bei einer kindlichen Migräne oft schwierig. In vielen Fällen wird eine Migräne erst relativ spät festgestellt. Wenn Sie Migräne bei Ihrem Kind vermuten, lassen Sie Ihr Kind möglichst rasch ärztlich untersuchen. Der Kinder- oder Hausarzt ist Ihr erster Ansprechpartner. Bei Bedarf oder für weitere Untersuchungen überweist er Ihr Kind gegebenenfalls weiter an einen Neurologen oder Kinderneurologen.
Therapie von Migräne bei Kindern
Einfache Entspannungsverfahren wie die Muskelrelaxation nach Jacobson haben sich bei Kindern zur Behandlung und Vorsorge bewährt. Die Patienten lernen hier gezielt - z.B. in Form von Fantasiereisen durch den Körper -, einzelne Muskelbereiche anzuspannen und wieder zu entspannen.
Zusammenfassung
Migräne ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die oft mit Magen-Darm-Beschwerden einhergeht. Die Bauchmigräne ist eine spezielle Form der Migräne, bei der Bauchschmerzen im Vordergrund stehen. Die Behandlung von Migräne und Bauchmigräne umfasst nicht-medikamentöse Maßnahmen wie eine ausgewogene Ernährung, Stressmanagement und regelmäßigen Schlaf sowie medikamentöse Behandlungen zur Linderung der Symptome und Vorbeugung von Attacken. Bei Kindern mit Bauchschmerzen sollte immer ein Arzt konsultiert werden, um krankhafte Ursachen auszuschließen und eine geeignete Behandlung einzuleiten.