Ein Schlaganfall ist ein unvorhersehbares, schwerwiegendes Krankheitsereignis, das oft zu langanhaltender Hilfs- und Pflegebedürftigkeit führt. Das Absterben von Nervenzellen im Gehirn, die nicht mehr mit Blut versorgt werden, kann je nach Ausmaß und Lokalisation mehr oder weniger schwere Schäden verursachen. Neben bekannten Ausfällen wie Arm- und Beinlähmungen, Sprach-, Sprech- oder Sehstörungen können auch komplexe Hirnfunktionen wie Gedächtnis, Abstraktionsvermögen, Raumorientierung und die Selbstwahrnehmung des Körpers betroffen sein. Insbesondere das Kurzzeitgedächtnis kann nach einer Hirnblutung oder einem Hirninfarkt stark beeinträchtigt sein, was das Leben der Betroffenen erheblich einschränken kann.
Ursachen des Gedächtnisverlusts nach einem Schlaganfall
Ein Schlaganfall kann zu plötzlichem Gedächtnisverlust führen, da er bestimmte Bereiche im Gehirn schädigt, die für das Speichern und Abrufen von Erinnerungen wichtig sind. Besonders betroffen sind häufig der Thalamus und der Hippocampus.
- Thalamus: Der Thalamus dient als "Tor zum Bewusstsein". Informationen, die wir wahrnehmen, werden hier gefiltert und an andere Hirnregionen weitergeleitet. Bei einer Schädigung kann die Fähigkeit, neue Informationen bewusst aufzunehmen und zu speichern, beeinträchtigt sein. Störungen im Kurzzeitgedächtnis nach einem Schlaganfall sind typisch für Thalamus-Infarkte.
- Hippocampus: Der Hippocampus ist für das Speichern von Erinnerungen wichtig. Er wandelt neue Informationen in das Langzeitgedächtnis um.
Zusätzlich kann ein Schlaganfall das Kurzzeitgedächtnis beeinflussen. Das Kurzzeitgedächtnis ist eng mit Aufmerksamkeit und Konzentration verbunden. Wenn die Aufmerksamkeit geschwächt ist, können Informationen schwerer verarbeitet und behalten werden. Probleme im Antrieb und Aufmerksamkeit sind ein Kennzeichen für Schlaganfälle im Vorderlappen (ACA-Infarkt).
Arten von Hirnblutungen
Unter einer Hirnblutung verstehen Ärzte verschiedene Blutungen des menschlichen Gehirns. Es handelt sich also um einen Oberbegriff.
- Intrazerebrale Hirnblutung: Die Blutung tritt unmittelbar im Bereich des Gehirns auf, im Hirngewebe (Parenchym). Sie wird in der Regel nicht durch traumatische Umstände wie etwa Unfälle verursacht, sondern tritt plötzlich auf.
- Intrakranielle Blutung: Hier kann es, z. B. nach Schädel-Hirn-Traumen, zu Blutungen zwischen Gehirn und Schädelknochen, einem epiduralem Hämatom kommen.
- Extrazerebrale Hirnblutungen: Diese werden in zwei Untergruppen eingeteilt:
- Subduralblutung (Subduralhämatom): Ein Bluterguss entsteht unterhalb der Hirnhaut.
- Subarachnoidalblutung: Die Blutung liegt unterhalb der Spinngewebshaut (Arachnoidea) außerhalb des Gehirns.
Eine Hirnblutung in einem Bereich des Gehirns (z. B. durch ein Aneurysma) kann Ursache für eine Unterversorgung eines anderen Bereichs im Gehirn mit Blut bzw. Sauerstoff sein und somit einen Schlaganfall auslösen. Insbesondere führt eine Hirnblutung jedoch durch die lokale Schädigung von Gehirngewebe und sekundär durch ihre raumfordernde Wirkung und Verdrängung von gesundem Gehirngewebe zu funktionellen Störungen.
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Symptome und Diagnose
Hirnblutungen führen zu einer massiven Beeinträchtigung der körperlichen Unversehrtheit, weswegen die typischen Symptome eines Schlaganfalls auch auf eine Hirnblutung hinweisen können.
Hirnblutungen können nicht ausschließlich durch die Zuordnung objektiver Symptome diagnostiziert werden, da sie äußerlich nicht sichtbar sind. Die standardisierte Erstversorgung greift in der Regel auf eine CT-Aufnahme zurück, da das Verfahren Ergebnisse schneller als eine MRT liefert. Sowohl CT als auch MRT ermöglichen es den behandelnden Ärzten, Lage und Größe der Hirnblutung zu bestimmen.
Auswirkungen auf das Kurzzeitgedächtnis
Nach einem Schlaganfall ist oft das Kurzzeitgedächtnis weg oder stark beeinträchtigt. Betroffene erleben, dass sie sich an alltägliche Dinge nur schwer erinnern können - manchmal scheint das Kurzzeitgedächtnis nach Schlaganfall nicht mehr vorhanden zu sein. Dieser Verlust des Kurzzeitgedächtnisses nach einer Hirnblutung oder Hirninfarkt kommt häufig vor und kann das Leben stark einschränken.
Behandlung und Rehabilitation
Das erste Training erfolgt kurz nach dem Schlaganfall noch im Krankenhaus. Auf Schlaganfall-Stationen arbeiten Neurologen mit intensivmedizinischer Zusatzausbildung, Krankenschwestern und Pfleger Hand in Hand mit medizinischen Assistenzberufen, wie Krankengymnastik (Physiotherapie), Sprach- und Beschäftigungstherapie (Logopädie, Ergotherapie). Mit Hilfe von Krankengymnasten, Sprachtherapeuten und Ergotherapeuten sollen die Patienten die verlorengegangenen alltäglichen Fähigkeiten wie z. B. Sprechen, Schlucken, Gehen und Ankleiden wieder erlernen.
Je nach Schweregrad der Behinderung wird der Schlaganfall-Patient in einem Rehabilitationszentrum stationär, tagesklinisch oder ambulant weiterbehandelt. Auch eine rein ambulante Versorgung zu Hause ist denkbar, wenn nur einzelne Funktionen, wie zum Beispiel die Sprache, betroffen sind.
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Während der Rehabilitation werden verschiedene Maßnahmen eingeleitet, um das Ausmaß der Folgeschäden zu begrenzen und eine weitere Blutung zu verhindern. Therapeuten, Mitarbeiter im Pflegedienst (therapeutisch-aktivierende Pflege) und Ärzte versuchen, geistige und körperliche Funktionsstörungen zu beseitigen bzw. deren Auswirkungen auf die Lebensqualität zu begrenzen.
Zur Verbesserung der geistigen Funktionen (Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Planungsfähigkeit, Problemlösen und Sprache) werden wissenschaftlich überprüfte Methoden, beispielsweise in der Neuropsychologie, angewendet. Sehr bedeutsam sind auch die Eigenübungen der Betroffenen.
Kognitive Rehabilitation
Kognitive Einschränkungen von Gedächtnis, Orientierung oder Aufmerksamkeit betreffen 50-70% der Schlaganfallpatienten. Die Ursachen und Symptome von Gedächtnisstörungen nach einem Schlaganfall sind vielfältig und brauchen alle eine gezielte kognitive Rehabilitation.
Zur Wiederherstellung des Gedächtnisses kann man Ergotherapie sowohl zu Hause durchführen als auch Ergotherapie in Ordinationen erhalten. Außerdem gibt es einiges Übungsbüchern oder Apps zum Verbessern des Gedächtnis. Am wichtigsten ist eine Ergotherapie, die kognitive Therapie mit dem Alltag verbindet, danach eine spezifische Neuropsychologische Therapie.
Übungen und Strategien zur Verbesserung des Kurzzeitgedächtnisses
- Merkspiele: Merkspiele wie "Ich packe meinen Koffer" oder das Nachsprechen von Wortreihen trainieren die Merkfähigkeit.
- Gedächtnistraining mit Listen: Einkaufslisten oder To-Do-Listen im Kopf durchzugehen, ist eine gute Übung, um das Gedächtnis zu fordern.
- Erinnerungshilfen im Alltag nutzen: Kalender, Erinnerungs-Apps und Notizen können helfen, den Alltag zu strukturieren.
- Konzentrationsübungen: Da das Kurzzeitgedächtnis auch von der Aufmerksamkeit abhängt, sind Konzentrationsübungen hilfreich.
- Aufmerksamkeit schulen: Neuen Informationen mit besonderer Aufmerksamkeit begegnen, sich mehr Zeit nehmen und für möglichst geringe Ablenkung sorgen.
- Verknüpfungen schaffen: Dinge lassen sich leichter einprägen, wenn sie sowohl bildlich als auch sprachlich erfasst werden. Das neue Wissen mit bereits bekanntem Wissen oder Emotionen verknüpfen.
Medikamentöse Unterstützung
Es gibt Hinweise darauf, dass bestimmte Medikamente die kognitive Funktion nach einem Schlaganfall verbessern können. Madopar verbessert nicht nur manchmal die sprachliche Entwicklung, sondern auch manchmal den Antrieb sowie Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen. Antidepressive Serotoninwiederaufnahmehemmer (SSRI) stimulieren Schlaganfall-Patienten mit mehr Hirnbotenstoffe und können nicht nur bei einer Depression eingesetzt werden.
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Der MoCA-Test
Der MoCA Test ist laut Studien der zuverlässigste und alltagstauglichste Gedächtnistest nach Schlaganfall. Beim Test kann man maximal 30 Punkte erreichen und unter 26 Punkte wird als Gedächtnisstörung bezeichnet. In einer Studie wurde gezeigt, dass sogar bei leichten Schlaganfällen ohne Einschränkung der Selbständigkeit (NIHSS von 5 Punkten) oder bei einer TIA, dass der MoCA Test bei über 60% auffällig ist.
Bedeutung von Routinen und Unterstützung durch Angehörige
Auch wenn es klar ist, dass das Gedächtnis bei der zu pflegenden Person als Folge eines Schlaganfalls gestört ist, ist es normal oft die Nerven zu verlieren und sich aufzuregen. Umso wichtiger ist es als Angehörige, Unterstützung zu bieten. Routinen und geregelte Zeiten für Essen, Morgenpflege oder Freizeitaktivitäten sind wichtig, damit der/die Betroffene gewohnte Handlungsabläufe ohne Angst und Stress abrufen kann.
Schlaf und Lichttherapie
Regelmäßiger Schlaf ist von zentraler Bedeutung für die Erholung des Gehirns. Die MediClin Fachklinik Rhein-Ruhr in Essen schuf als erste Rehaklinik in Deutschland eine eigene Station für Patienten mit Aufmerksamkeitsstörungen. Der zentrale Therapieraum der „Attention Lounge“ ist mit einem speziellen Lichtsystem mit einer Beleuchtungsstärke von bis zu 12.000 Lux ausgestattet. Die Lichttherapie hat einen antidepressiven Effekt, unterstützt einen normalen Schlaf-/Wachrhythmus und verbessert die Konzentrationsfähigkeit.
Prognose und Langzeitfolgen
Ob das Gedächtnis nach Schlaganfall wieder kommt, hängt von der Schlaganfallgröße, Vorschädigungen des Gehirns sowie Alter des Patienten ab. Generell gilt: Umso kleiner der Schlaganfall, umso leichter können andere Gehirnareale den Gedächtnisverlust nach Schlaganfall kompensieren. Außerdem sind in den ersten drei Monaten bei jedem Symptom, auch bei Gedächtnisstörungen nach Schlaganfall, die größten Fortschritte möglich.
Die Erholung des Gedächtnisses nach dem Schlaganfall ist sehr schwer einzuschätzen. Generell gilt: Umso größer der Hirnschlag, umso schlechter ist die Erholung. Außerdem erholen sich Hirnblutungen besser von Hirninfarkten. Die Neuroplastizität hilft Gehirnzellen sich neu zu vernetzen und geschädigte Hirnareale zu ersetzen.
Es dauert durchschnittlich 18 bis 36 Monate, bis die Betroffenen sich wieder mit voller Aufmerksamkeit ihrer Arbeit oder den Dingen des Alltags widmen können. Manche leiden länger, einige fortwährend. Am schwierigsten ist es, bei der sogenannten geteilten Aufmerksamkeit wieder die volle Leistungsfähigkeit zu erreichen.
Prävention eines Schlaganfalls
Die besten Tipps zur Prävention eines Schlaganfalls sind letztendlich immer die Vermeidung von Risikofaktoren. Das heißt: Maßnahmen, die effektiv einem Bluthochdruck, Übergewicht, Bewegungsmangel und letzten Endes auch Diabetes vorbeugen und verhindern. Dazu gehört im ersten Schritt, dass man sich vernünftig ernährt, das heißt eine balancierte, ausgewogene zum Beispiel mediterrane Diät zu sich führt. Also überwiegend Gemüse, nicht zu viel Fleisch, nicht zu viel Alkohol. Alkohol ist zwar nicht komplett verboten, aber nur in sehr geringen Mengen. Und natürlich ist ausreichende Bewegung sehr wichtig. 20 bis 30 Minuten Bewegung pro Tag, bei der man leicht schwitzt, ist ideal. Und wenn Risikofaktoren wie Diabetes oder Bluthochdruck vorliegen, sollte man die natürlich auch behandeln.
Die Deutsche Schlaganfall Gesellschaft bietet einen Schlaganfall-Risikotest an, mit dem Personen ihr persönliches Schlaganfall-Risiko einschätzen können. Dieser Test ersetzt keine ärztliche Untersuchung, aber er kann helfen, Risikofaktoren frühzeitig zu erkennen und entsprechende Behandlungen einzuleiten.
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