Einleitung
Die verwaschene Sprache, auch Dysarthrie genannt, ist eine häufige Begleiterscheinung von Morbus Parkinson und anderen neurologischen Erkrankungen. Sie beeinträchtigt die Artikulation und Verständlichkeit des Sprechens erheblich. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Symptome, Diagnose und Therapiemöglichkeiten der verwaschenen Sprache bei Parkinson.
Was ist eine Dysarthrie?
Unter einer Dysarthrie versteht man eine erworbene neurogene Sprechstörung, die durch eine Schädigung des zentralen und peripheren Nervensystems entstehen kann. Bei einer Dysarthrie handelt es sich um eine Sprechstörung, bei der das Sprachverständnis und die eigentliche Produktion intakt sind. Die Symptome beziehen sich hier auf die Atmung, die Stimme, die Artikulation und damit die allgemeine Verständlichkeit. Eine Dysarthrie oder Dysarthrophonie ist eine neurologische Sprechstörung, bei welcher eine Schädigung der Hirnnerven vorliegt. Die Sprechweise, aber nicht der Sprachinhalt, ist durch die Störung der Muskelkoordination beeinträchtigt.
Dysarthrie vs. Aphasie
Bei einer Aphasie handelt es sich um eine Sprachstörung, die im Gegensatz zur Dysarthrie das Verstehen von Sprache (Sprachverständnis), die Produktion von Sprache sowie das Lesen und Schreiben beeinträchtigen kann.
Dysarthrie vs. Dysarthrophonie
Bei einer reinen Dysarthrie sind vor allem die Artikulation, Prosodie (Sprechmelodie) und Verständlichkeit betroffen. Bei einer Dysarthrophonie sind es zusätzlich noch die Haltung, Atmung, Phonation (Stimmgebung) und Resonanz. Beide Begriffe werden meist synonym verwendet.
Ursachen der Dysarthrie
Die Ursachen für eine Dysarthrie sind vielfältig. Schlaganfälle, Schädel-Hirn-Traumata, degenerative (fortschreitende) Erkrankungen wie z.B. Morbus Parkinson, Multiple Sklerose, Chorea Huntington oder amyotrophe Lateralsklerose (ALS) oder auch Tumore können die Auslöser sein.
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Parkinson als Ursache
Parkinson ist eine Erkrankung, die in erster Linie die Beweglichkeit betrifft, auch die Beweglichkeit der am Sprechen beteiligten Organe. Bei Parkinson gehen in bestimmten Hirnregionen (unter anderem Substantia nigra) Nervenzellen unter. Dies führt zu einem Mangel des Nervenbotenstoffs Dopamin. Dopamin wird gebraucht, um Nervenreize weiterzuleiten, unter anderem für die Bewegungssteuerung.
Weitere neurologische Erkrankungen
- Multiple Sklerose (MS): Eine Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems, also sowohl das Gehirn als auch das Rückenmark, die verschiedenste Symptome entstehen lassen kann. Mimik als auch das Schlucken oder eine Kombination der genannten Bereiche können betroffen sein.
- Chorea Huntington: Eine Erbkrankheit, die durch eine Genmutation verursacht wird. Aus logopädischer Sicht sind bei Corea Huntington meist das Sprechen und die Merkfähigkeit betroffen.
Symptome der Dysarthrie
Die Symptome einer Dysarthrie sind vielfältig und hängen von der zugrunde liegenden Ursache ab. Typische Symptome der Dysarthrie sind eine verwaschene oder stark abgehackte Aussprache, leises bzw. schnell leiser werdendes Sprechen sowie eine monotone Sprechweise oder unpassende Betonung (Störung der Prosodie). Häufig kommt es auch zu veränderten Stimmklang, wie beispielsweise einer rauen, behauchten, heiseren und oder gepressten Stimme. Auch die Atmung kann unter anderem in Form einer verkürzten oder verlängerten Ein- und Ausatmung betroffen sein. Damit verbunden kann es zu unpassenden Atempausen oder gepresstem Sprechen kommen.
Die Dysarthrie macht sich auf verschiedenen Ebenen des Sprechens bemerkbar und man kann sie in die folgenden sieben Funktionskreise unterteilen:
- Haltung/Tonus
- Atmung
- Phonation (Stimmgebung)
- Resonanz
- Artikulation
- Prosodie (Sprechmelodie)
- Verständlichkeit
Jemand, der an Morbus Parkinson erkrankt ist, hat z.B. oft eine nach vorn gebeugte Haltung, eine leise und behauchte Stimme, eine monotone Stimmlage sowie eine verwaschene Artikulation. Jemand, der hingegen an Chorea Huntington erkrankt ist, hat ein eher unkontrolliertes Atemmuster, eine unkontrollierte Stimme (mal laut, mal leise), eine wechselnde Artikulationsschärfe und ein schwankendes Redetempo (mal langsam, mal schnell).
Verwaschene Sprache
Unter einer verwaschenen Sprache oder Artikulation versteht man das undeutliche Sprechen bis hin zur Unverständlichkeit. Der Mund kann nur noch kleine Sprechbewegungen machen und dem Betroffenen fällt es somit schwer, präzise und klar verständlich zu sprechen. Patienten mit Parkinson sprechen zunehmend leiser und undeutlicher. Eine leisere Stimme (Hypophonie) kann das erste Anzeichen für Parkinson sein! Diese nehmen die Betroffenen selbst jedoch oft nicht wahr.
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Diagnose der Dysarthrie
Die Diagnose einer Dysarthrie stellt ein Arzt, meist ein Neurologe. Dieser kann dann eine logopädische Verordnung ausstellen und der Logopäde schaut, in welchem Maße das Sprechen betroffen und die Verständlichkeit eingeschränkt ist.
Logopädische Untersuchung
Der Logopäde führt zunächst einen Erstbefund durch, um sich einen Eindruck der Symptomatik zu verschaffen. Er kann hierzu verschiedene Testverfahren anwenden, wie z.B. den “Frenchay” oder den “UNS” (Untersuchung neurogener Sprech- und Stimmstörungen). In beiden Testungen werden u.a. funktionelle Bewegungen der Artikulationsorgane überprüft sowie die Sprechleistung und allgemeine Verständlichkeit. Nach der Einstufung erstellt der Logopäde einen Behandlungsplan mit den zu therapierenden Funktionskreisen.
Therapie der Dysarthrie
Der zentrale Ansatzpunkt für die Behandlung von Parkinson ist der Ausgleich des zunehmenden Dopamin-Mangels. Dieser Mangel ist Auslöser der hauptsächlichen Symptome des Primären Parkinson-Syndroms. Die direkte Einnahme von Dopamin bleibt allerdings völlig wirkungslos. Denn der Botenstoff selbst kann nicht die natürliche Blut-Hirn-Schranke überwinden, die das Gehirn vor Vergiftungen und Infektionen schützt. Deshalb werden nur Medikamente, die eine Vorstufe des Dopamins darstellen, verabreicht. Diese erreichen die Nervenzellen im Gehirn und werden erst dort zu Dopamin umgebaut.
Medikamentöse Therapie
Als Tablette, Kapsel oder Tropfen wird L-Dopa (Levodopa) verabreicht. Es ist überaus wirksam und zunächst nebenwirkungsarm. Erst nach jahrelanger Einnahme können sich doch Nebenwirkungen einstellen. Hervorzuheben sind schwer kontrollierbare Wirkungsschwankungen und Bewegungsstörungen. Deshalb wird L-Dopa meist erst verordnet, wenn der Patient das 70. Lebensjahr überschritten hat.
Als Tablette sind Dopamin-Agonisten wie Pramipexol, Ropinirol oder Piribedil verfügbar. Bevorzugt werden sie verordnet, wenn der Patient jünger als 70 Jahre ist. Erst anschließend, in späteren Jahren, werden die Dopamin-Agonisten dann durch Gabe von L-Dopa abgelöst, um das Auftreten von Nebenwirkungen nach Langzeitgebrauch hinauszuzögern. Als Wirkstoffpflaster kann alternativ auch der der Dopamin-Agonist Rotigotin zum Einsatz kommen. Eine weitere Option ist Apomorphin. Es wird per Spritze oder Infusion verabreicht.
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MAO-B-Hemmer gehen einen anderen Weg. Sie bremsen den natürlichen körperlichen Abbau von Dopamin. Die Präparate, ein Beispiel ist Selegilin, sind meist gut verträglich aber nicht sehr wirkungsstark. Deshalb werden sie eher in frühen Krankheitsstadien oder in Kombination mit anderen Medikamenten verordnet.
COMT-Hemmer, wie Entacapon, verlangsamen ebenfalls den natürlichen Dopamin-Abbau. Sie werden zusammen mit L-Dopa in fortgeschrittenen Krankheitsphasen gegeben, um das Einsetzen von Nebenwirkungen von L-Dopa zu vermeiden.
Die Anticholinergika gehören zur Gruppe der ersten verfügbaren Parkinson-Medikamente. Sie wirken hauptsächlich gegen das Zittern der Hände, ein typisches Symptom von Parkinson.
NMDA-Antagonisten (Amantadin oder Budipin) wirken gegen den, durch Dopamin-Mangel verursachten, Überschuss des Botenstoffs Glutamat. Die Präparate werden meistens in frühen Stadien von Parkinson verordnet.
Logopädische Therapie
Eine Logopädieeinheit kann z.B. aus Atem-, Stimm- und Sprechübungen bestehen, die die allgemeine Kommunikationsfähigkeit des Patienten im Alltag verbessern sollen. Eine Therapie bei Parkinson ist folglich schon frühzeitig anzufangen.
So gibt es Übungen, die die Beweglichkeit der Sprechorgane verbessern, Übungen für eine kräftigere Stimme und Übungen, mit denen der Betroffene deutlicher sprechen lernt. Alle Übungen sind immer individuell auf den Patienten abzustimmen. Wir bei Logopädie PLUS können in den verschiedenen Bereichen helfen.
Die Logopädie ist die Wissenschaft und die Behandlung von Sprach-, Sprech-, Stimm- und Schluckstörungen. Dies beeinträchtigt mitunter die Kommunikation, so dass der Patient oder die Patientin auch schwer verständlich ist und sich sozial zurückzieht.
LSVT® LOUD Therapie
Besondere Therapien, wie das LSVT® LOUD ("Goldstandard"-Therapie), sind jedoch für den ambulanten Bereich ausgelegt. Außerdem kann das Kernproblem der fehlerhaften Wahrnehmung ambulant effektiver angegangen und die daraus resultierenden Übungen zur Selbstkontrolle im häuslichen Umfeld umgesetzt werden.
Das LSVT® ist eine intensive Therapie, die über mehrere Wochen mit häuslichen Übungen hierarchisch aufgebaut ist. Objektive Messverfahren dienen zum genauen Festhalten der Therapieerfolge.LSVT® Therapie bei Parkinson: Woher erhält man eine Verordnung?Das Rezept für die Behandlung wird von Ihrem Hausarzt oder Neurologen ausgestellt- die Kosten hierfür werden von den gesetzlichen und privaten Krankenkassen getragen.Wo bekomme ich eine LSVT® Therapie bei Parkinson?
LSVT Therapie hat auch positive Auswirkungen auf das Schlucken. In wissenschaftlichen Untersuchungen zeigten sich nach der LOUD Therapie auch beim Schlucken vergrößerte Bewegungen der Kehlkopfhebung, ein besserer Stimmlippenschluss und somit ein besserer Schutz der Atemwege. Größere Beweglichkeit der Zunge verbessert den Transport und die Kontrolle von Flüssigkeiten und Speisen. Patienten mit zuvor leichteren Schluckstörungen berichten, dass diese nach der Therapie nicht mehr aufträten.
Weitere Therapieansätze
- Physiotherapie: Die Stabilisierung des Gleichgewichtes und die Sicherheit der Bewegungen können durch die Anwendung von Physiotherapie erheblich gebessert werden. Dazu werden Kraft und Dehnbarkeit trainiert. Selbst Koordination und Schnelligkeit lassen sich durch Physiotherapie positiv beeinflussen.
- Ergotherapie: Bei der Bewältigung von verschiedenen Alltagssituationen, um das zu erleichtern, spielt die Ergotherapie eine große Rolle. Also hier geht es zum Beispiel um Geschicklichkeitstrainings, um Training der Feinmotorik, aber auch zum Beispiel um Gedächtnisübungen, Übungen zur Verbesserung der Aufmerksamkeit.
Eigentraining
Nach einer logopädischen Therapie, der vorherigen Anleitung eines Therapeuten und ausreichender Routine in der richtigen Durchführung von Stimmübungen können Sie das Training alleine fortführen. Nehmen Sie sich anfangs immer nur einen Übungsschwerpunkt vor. Wenn Sie diesen einen Aspekt mit Leichtigkeit auf allen Sprechebenen einsetzen können, nehmen Sie einen neuen Schwerpunkt hinzu.
Machen Sie sich Erinnerungshilfen für das laute Sprechen und kleben Sie diese an verschiedene Stellen in Ihrer Wohnung und an Ihren Arbeitsplatz. Erstellen Sie sich zur Motivation ein persönliches Übungsprotokoll oder notieren Sie sich Trainingseinheiten in lhrem Kalender. Entwickeln Sie eine Routine für das Üben in Ihrem Tagesablauf (Zeit und Ort). So werden die Übungen für Sie ganz selbstverständlich. Informieren Sie Nachbarn, Mitbewohner und Angehörige über Ihr Stimmtraining, um keine Hemmungen bezüglich der Lautstärke bei den Übungen zu haben.
Übungsbeispiele für das Eigentraining
- Tönen Sie jede Silbe mit großer Mundöffnung 10 x laut ca. 2 - 3 Sek. Ist lhre Stimme kratzig, tönen Sie MO - / HO - / O!
- Was willst du schon wieder? Was willst du schon wieder? Was willst du schon wieder?
- Was wir schon alles gemeinsam erlebt haben! Was wir schon alles gemeinsam erlebt haben! Was wir schon alles gemeinsam erlebt haben!
- Sprechen Sie schon Ihre allererste Äußerung laut: z. B. "Guten Morgen" (auch zu sich selbst)
- Motivieren Sie sich vor dem Spiegel mit einem lauten "Ich starte mit einer kräftigen Stimme in den Tag!"
- Tönen Sie kraftvoll 3 x ein HE
- Kaufen Sie sich einen Tagesabreißkalender mit kurzen Sprüchen oder kleinen Texten und lesen Sie jeden Tag den Spruch laut vor, auch wenn Sie alleine leben.
- Lesen Sie kurze Artikel aus einer Zeitung oder Illustrierten laut vor
- Wenn Sie ein Buch lesen, lesen Sie jeweils die ersten drei Zeilen jeder Seite laut
- Kommentieren Sie die Zubereitung des Essens laut oder lesen Sie ein Kochrezept laut vor
- Singen Sie laut
- Fragen Sie Passanten laut nach der nächsten Haltestelle, Post oder nach der Uhrzeit
- Sagen Sie Ihre Wünsche beim Metzger, Bäcker, Verkäuferin usw. laut.
- Sprechen Sie Fragen oder kurze Antworten mit Freunden, Familienmitgliedern, der Sekretärin, Arbeitskollegen, bei Versammlungen etc.
Wann ist der richtige Zeitpunkt für eine Therapie?
Sie sollten spätestens bei offensichtlichen Veränderungen der Stimme oder des Sprechens eine Therapie beginnen und ein Eigentraining durchführen. Durch einen sehr frühen Behandlungsbeginn können Sie Ihren gesamten Körper noch optimal bei den Übungen nutzen, maximal aktiv mitarbeiten und die Übertragung in den Alltag leichter vollziehen. Zudem können Sie einer Gewöhnung an einen leisen, monotonen Stimmklang vorbeugen. Dieses vorbeugende Training wird Ihre stimmlichen Fähigkeiten fordern, den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen und schafft die Voraussetzungen für den größten und am längsten anhaltenden Erfolg! Enorm wichtig ist der frühzeitige Beginn der Logopädie. Wenn Sie von einer neurologischen Erkrankung wissen (z.B. feststellen, kann eine logopädische Therapie bereits sinnvoll sein.
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