Vestibuläre Migräne bei Kindern: Ursachen, Symptome und Behandlung

Migräne ist eine weit verbreitete Erkrankung, die viele Menschen betrifft. Die vestibuläre Migräne ist eine spezielle Form der Migräne, die neben den typischen Kopfschmerzen auch Schwindel verursacht. Diese Schwindelmigräne kann auch mit Übelkeit und Erbrechen einhergehen und dauert in der Regel einige Minuten bis mehrere Stunden.

Was ist vestibuläre Migräne?

Die vestibuläre Migräne ist eine Sonderform der Migräne, die in der Neurologie erst seit den 1980er-Jahren bekannt ist. Bei dieser Form der Migräne treten neben den Kopfschmerzen auch Symptome wie Übelkeit, Ohrgeräusche und Sehstörungen auf. Auch das Gleichgewichtsorgan im Innenohr kann beeinträchtigt sein. Die Attacken dauern meist nur wenige Minuten, können aber auch Stunden oder Tage anhalten. Der Name "vestibuläre Migräne" bezieht sich auf das vestibuläre System, das für die Wahrung des Gleichgewichts zuständig ist. Bei der vestibulären Migräne ist dieses System gestört, sodass schon einfache Kopfbewegungen Schwindel und Desorientierung auslösen können.

Symptome der vestibulären Migräne

Das Hauptsymptom der vestibulären Migräne ist Schwindel. Dieser kann sich als Drehschwindel, Schwankschwindel oder Lagerungsschwindel äußern.

Weitere Symptome sind:

  • Kopfschmerzen: Migräneartige Kopfschmerzen, die aber auch fehlen können.
  • Übelkeit und Erbrechen: Begleiten oft die Schwindelattacken.
  • Oszillopsien: Scheinbewegungen der Umwelt.
  • Gangunsicherheit: Aufgrund der Gleichgewichtsstörungen.
  • Auditive Symptome: Hörminderung, Tinnitus oder Ohrendruck.
  • Lärm- und Lichtscheu: Typische Migräne-Symptome.

Die Symptome der vestibulären Migräne können zwischen fünf Minuten und 72 Stunden dauern. Die Beschwerden klingen bis zum nächsten Migräne-Anfall komplett ab und halten nie länger als drei aufeinanderfolgende Tage und keinesfalls wochenlang an.

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Vestibuläre Migräne bei Kindern

Schwindel durch Migräne kann auch Kinder befallen. Tatsächlich sind Anfälle von Schwankschwindel bzw. Lagerungsschwindel bei Kindern gar nicht selten. Weit häufiger als Erwachsene leiden Kinder unter vestibulärer statt gewöhnlicher Migräne. Die Neurologie geht derzeit davon aus, dass sich rund 50 Prozent aller Migräne Diagnosen bei Kindern auf eine Migräne mit vestibulärer Aura beziehen. Klagen Kinder häufig über Kopfschmerz, sollten Eltern deshalb eine klinische Untersuchung veranlassen. Zwar leiden Kinder häufig unter Migräne mit Schwindel, doch meist ist der penetrante Kopfschmerz kein Grund zur Beunruhigung und nimmt einen harmlosen Verlauf.

Symptome bei Kindern

Migräneattacken bei Kindern sind häufiger in stärkerem Ausmaß von Geruchsüberempfindlichkeit, Schwindel und Bauchschmerzen begleitet. Rund 70% der Kinder empfinden während der Migräneattacke sogenannte autonome Symptome. Solche Symptome werden im Erwachsenenalter mehr bei Clusterkopfschmerzen beschrieben. Im Kindesalter können sie auch bei Migräne beobachtet werden. Diese Symptome schließen Gesichtsschwitzen oder Gesichtsröte ein. Das Auge kann gerötet sein oder tränen. Die Nase kann laufen oder verstopft sein. Die Augenlider können angeschwollen sein und auch ein Augenlid kann eine Schwäche aufweisen. Die Kopfschmerzphase von Kindern ist häufig kürzer als im Erwachsenenalter und kann auch weniger als 4 Stunden umfassen. Auch die Seitenlokalisation ist bei Kindern weniger ausgeprägt als wie im Erwachsenenalter. Währendem im Erwachsenenalter der Kopfschmerz oft einseitig auftreten kann, ist bei Kindern der Schmerz meist auf beiden Seiten lokalisiert. Schließlich gibt es im Kindesalter sogenannte Migränevarianten. Dabei handelt es sich um periodisch auftretende Symptome in der Kindheit. Dazu gehören die episodische Reiseübelkeit, periodische Schlafstörungen wie Schlafwandeln, Sprechen im Schlaf, Aufschrecken im Schlaf und Zähneknirschen. Prägnant sind auch das periodisch auftretende Erbrechen oder periodische Bauchschmerzen.

Diagnose bei Kindern

Kindern fällt es schwer, Veränderungen während einer Migräneattacke zu beschreiben. Daher können sie z.B. Zickzacklinien im Gesichtsfeld, Kribbelmissempfindungen, Schwindel oder Sprachstörungen nur sehr schwer kommunizieren. Während der Kopfschmerzphase sind die Kinder auch nur sehr schwer in der Lage, die Schmerzcharakteristika zu beschreiben. Auch hierzu fehlen ihnen noch die Vokabeln, um z.B. einen pulsierenden Schmerz in der Kommunikation mitzuteilen. Auch die Schwere der Schmerzen können sie nur schlecht in Worte fassen. Aus diesem Grunde ist es wichtig, durch Beobachtung des Verhaltens und auch durch Wahrnehmung von Veränderungen des Effektes bei Kindern die Schmerzen zu erfassen. Kinder können z.B. den Beginn von Schmerzen nur schwer kommunizieren. Sie hören jedoch auf zu spielen oder zu essen, sie können weinen, gereizt sein oder auch Wutanfälle haben. Diese Veränderungen können nicht die Diagnose einer Migräne begründen. Sie sind jedoch Hinweise auf den Beginn und Ablauf einer Migräne.

Ursachen der vestibulären Migräne

Die genauen Ursachen der vestibulären Migräne sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird angenommen, dass eine Kombination aus genetischen Faktoren und äußeren Auslösern eine Rolle spielt.

Auslöser (Trigger)

Zu den häufigsten Auslösern gehören:

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  • Stress: Negativer Stress und Überreizung des Gehirns.
  • Schlafmangel: Unregelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus.
  • Hormonelle Schwankungen: Bei Frauen im Zusammenhang mit Menstruation, Schwangerschaft oder Wechseljahren.
  • Bestimmte Lebensmittel: Bei Unverträglichkeiten oder Allergien.
  • Licht und Geräusche: Helle Lichter oder laute Geräusche.
  • Wetterveränderungen: Besonders bei wetterfühligen Menschen.
  • Ernährung: Mangel an wichtigen Nährstoffen.
  • Nikotin und Alkohol: Übermäßiger Konsum.

Bei den meisten Betroffenen sind die Auslöser jedoch individuell verschieden.

Diagnose der vestibulären Migräne

Die Diagnose der vestibulären Migräne kann schwierig sein, da die Symptome diffus sein und auch auf andere Erkrankungen hinweisen können. Eine amerikanische Studie ergab, dass die vestibuläre Migräne nur in 20 Prozent aller Fälle richtig diagnostiziert wird.

Folgende Untersuchungen können bei der Diagnose helfen:

  • Anamnese: Detaillierte Erfassung der Krankengeschichte und Symptome.
  • Neurologische Untersuchung: Überprüfung der neurologischen Funktionen.
  • Gleichgewichtsprüfungen: Tests zur Überprüfung des Gleichgewichtsorgans.
  • Hörtest: Um andere Ursachen für den Schwindel auszuschließen.
  • Bildgebende Verfahren: In manchen Fällen MRT des Gehirns, um andere Erkrankungen auszuschließen.

Die internationale Kopfschmerzgesellschaft (IHS) und die Bárány-Society haben Diagnosekriterien für die vestibuläre Migräne veröffentlicht, um Ärzten eine Hilfestellung zu geben.

Differentialdiagnosen

Es ist wichtig, die vestibuläre Migräne von anderen Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen abzugrenzen. Dazu gehören:

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  • Morbus Menière: Erkrankung des Innenohrs mit Schwindel, Tinnitus und Hörverlust.
  • Transitorisch ischämische Attacken (TIAs): Vorübergehende Durchblutungsstörungen im Gehirn.
  • Vestibularisparoxysmie: Schwindelattacken durch Nervenkompression.
  • Benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel (BPLS): Kurze Schwindelattacken bei Kopfbewegungen.
  • Psychogener Schwindel: Schwindel als Folge einer Angststörung.
  • Orthostatische Hypotonie: Blutdruckabfall beim Aufstehen.
  • Episodische Ataxie Typ 2 (EA 2): Seltene autosomal-dominant vererbbare Erkrankung, die mit attackenförmigem, rezidivierendem Schwindel mit Stand- und Gangataxie einhergeht.
  • Syndrom des 3. mobilen Fensters: Eine zusätzliche Öffnung zum Innenohr als „Drittes Fenster“, wie bei der superioren Bogengangsdehiszenz (SCD).
  • Unilaterale Vestibulopathie (UVP): Akuter einseitiger Ausfall des Gleichgewichtsorgans/-nervs.
  • Bilaterale Vestibulopathie (BVP): Beidseitiger Ausfall der Gleichgewichtsorgane/-nerven.
  • Labyrinthitis: Entzündung des Innenohrs.
  • Vestibuläre Epilepsie: Schwindel in Form eines Verkippungs- oder Drehgefühls als Ausdruck einer vestibulären Epilepsie.
  • Funktioneller Schwindel: Dauerschwankschwindel, teils mit zusätzlichen Attacken von Angst bis Panik.
  • Zerebrale Tumoren: Infratentoriell lokalisierte Tumoren, die neben Kopfschmerzen zu Okulomotorikstörungen und Ataxie führen.

Behandlung der vestibulären Migräne

Da die Neurologie noch vergleichsweise wenig über die vestibuläre Migräne weiß, ist eine gezielte erfolgreiche Therapie oft schwierig. Im Mittelpunkt des richtigen Umgangs mit der Schwindelmigräne steht deshalb vor allem die Vorbeugung. Vestibuläre und gewöhnliche Migräne werden von der Neurologie mit ähnlichen Ansätzen therapiert.

Akutbehandlung

  • Nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR): Medikamente wie Ibuprofen und Aspirin können den Kopfschmerz im akuten Fall lindern.
  • Antiemetika: Medikamente gegen Übelkeit und Erbrechen, wie Metoclopramid und Domperidon.
  • Triptane: Können bei Migräne mit Kopfschmerzen helfen, sollten aber nicht zu häufig eingenommen werden, da sie auch Kopfschmerzen verursachen können.
  • Antivertiginosa: Medikamente, die speziell gegen Schwindel wirken.

Vorbeugung (Prophylaxe)

  • Vermeidung von Triggern: Identifizierung und Vermeidung individueller Auslöser.
  • Gesunde Lebensweise: Ausreichend Schlaf, ausgewogene Ernährung, regelmäßige Bewegung und Stressabbau.
  • Entspannungstechniken: Progressive Muskelrelaxation, Meditation oder Yoga.
  • Medikamentöse Prophylaxe: Bei häufigen oder schweren Attacken können Betablocker, Calciumkanalblocker, Antidepressiva oder Antiepileptika eingesetzt werden.
  • Magnesium: Bei nachgewiesenem Magnesiummangel kann die Einnahme von Magnesium die Symptome lindern.
  • Flunarizin: Ein Calciumkanalblocker, der direkt am Vestibularorgan wirkt.
  • Acetazolamid und Diclofenamid: Carboanhydrasehemmer, die den Blutdruck und Hirndruck senken.
  • CGRP-Antikörper: Können bei hohem Leidensdruck zur Prophylaxe eingesetzt werden.

Spezifische Maßnahmen für Kinder

  • Regelmäßiger Tagesablauf: Gleichtakt und Regelmäßigkeit im Alltag.
  • Ausreichend Schlaf: Ein regelmäßiger Tag-Nacht-Rhythmus sollte eingehalten werden.
  • Feste Mahlzeiten: Die Einnahme von Mahlzeiten zu festen Zeiten ist ebenfalls wichtig. Insbesondere sollte auf ein ausreichendes kohlenhydratreiches Frühstück in Ruhe geachtet werden.
  • Ausreichend trinken: Ausreichendes Trinken im Tagesablauf ist ebenfalls bedeutsam.
  • Entspannung und Ruhe: Insbesondere sollten Kinder Zeit haben für Entspannung und Ruhe am Tag.
  • Progressive Muskelrelaxation: Zur Vorbeugung können Kinder die progressive Muskelrelaxation nach Jacobson durchführen.
  • Kühlen: Lokales Kühlen mit einem Coolpack von Stirn und Schläfen.
  • Ibuprofen: Zur Behandlung von Migräneattacken bei Kindern wird in erster Linie Ibuprofen 10 mg/kg Körpergewicht empfohlen.
  • Acetylsalicylsäure: Ab dem 12. Lebensjahr kann auch Acetylsalicylsäure in einer Dosierung von 500 mg eingesetzt werden.
  • Domperidon: Besteht Übelkeit oder Erbrechen kann Domperidon ab dem 12. Lebensjahr eingesetzt werden.
  • Triptane: Zur Behandlung der Migräne bei Jugendlichen ab dem 12. Lebensjahr sind Sumatriptan 10 mg und Zolmitriptan 5 mg als Nasenspray zugelassen.

Krankheitsverlauf und Prognose

Die vestibuläre Migräne ist nicht heilbar, aber die Symptome können durch vorbeugende Maßnahmen und Medikamente gelindert werden. Bei vielen Betroffenen gelingt es, ihre individuellen Auslöser zu identifizieren und zu vermeiden oder einen Weg zu finden, mit den Symptomen umzugehen. In manchen Fällen kommt es zu einer Spontanremission, aber viele Patienten haben immer wieder Migräne-Anfälle. Bei Frauen in den Wechseljahren lassen die Kopfschmerzen oft nach und der Schwindel tritt alleine auf.

Leben mit vestibulärer Migräne

Die vestibuläre Migräne kann die Lebensqualität der Betroffenen stark einschränken. Es ist wichtig, sich über die Erkrankung zu informieren, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen und Strategien zu entwickeln, um mit den Symptomen umzugehen. Dazu gehören:

  • Selbsthilfegruppen: Austausch mit anderen Betroffenen.
  • Psychologische Unterstützung: Bei Bedarf, um Ängste und Depressionen zu bewältigen.
  • Anpassung des Lebensstils: Berücksichtigung der individuellen Bedürfnisse und Einschränkungen.

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