Migräne ist eine weit verbreitete Schmerzerkrankung, von der in Deutschland über acht Millionen Menschen betroffen sind. Die Kopfschmerzattacken werden oft von Begleitsymptomen wie Übelkeit begleitet. Ein besonderer Typ ist die vestibuläre Migräne, die sich durch ausgeprägte Schwindelattacken auszeichnet. Dieser Artikel beleuchtet die Symptome, Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten der vestibulären Migräne und geht auf die Zusammenhänge mit Angst und Unruhe ein.
Was ist Migräne?
Migräne äußert sich in wiederkehrenden Kopfschmerzattacken, die mit Begleitsymptomen einhergehen, welche das vegetative Nervensystem betreffen. Die Häufigkeit der Attacken variiert von zweimal jährlich bis mehrmals im Monat. Mediziner unterscheiden verschiedene Unterformen der Migräne, wobei die häufigsten Migräne ohne und mit Aura sind.
Migräne ohne Aura
Typisch für eine Migräne ohne Aura sind einseitig pulsierende Kopfschmerzen von mittelschwerer bis hoher Intensität. Die Beschwerden verstärken sich bei körperlicher Aktivität, und es kommt häufig zu Übelkeit bis hin zum Erbrechen.
Migräne mit Aura
Die Migräne mit Aura weist ähnliche Symptome wie Kopfschmerzen und Übelkeit auf, jedoch treten bei dieser Form zusätzlich visuelle Störungen auf, bevor die Schmerzen einsetzen.
Die vestibuläre Migräne
Eine vestibuläre Migräne zeichnet sich durch ausgeprägte Schwindelattacken aus. Der Schwindel kann auch ohne Kopfschmerzen auftreten, was die Diagnose der Erkrankung besonders erschwert. „Im Rahmen der vestibulären Migräne kommt es zu spontanem Schwank- oder Drehschwindel, der auch lageabhängig auftreten kann. Der Schwindel kann ohne ersichtlichen Anlass plötzlich auftreten und in bestimmten Abständen immer wiederkehren“, berichtet Dr. Curt Beil vom Berufsverband Deutscher Neurologen (BDN).
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Die Dauer der Schwindelattacken ist sehr variabel und beträgt in typischen Fällen Minuten bis Stunden. Im Zuge der Attacken können auch klassische Migräne-Symptome auftreten, wie starke Kopfschmerzen, Sehstörungen, Lärm- und Lichtempfindlichkeit, Tinnitus, Übelkeit und Erbrechen. Bei einem Teil der Fälle kommt es gar nicht zu Kopfschmerzen, was die Diagnose dann manchmal sehr schwierig macht.“
Symptome der vestibulären Migräne
Das Hauptsymptom ist Schwindel, der sich als Drehschwindel, lageabhängiger Schwindel oder Kopfbewegungsintoleranz äußern kann. Weitere Symptome sind:
- Oszillopsien: Scheinbewegungen der Umwelt.
- Übelkeit und Erbrechen
- Gangunsicherheit: Aufgrund der Beeinträchtigung des Gleichgewichtsorgans.
- Migräne-Symptome: Kopfschmerzen, Lärm- und Lichtscheu, häufiges Wasserlassen.
- Auditive Symptome: Hörminderung, Tinnitus oder Ohrendruck.
Differentialdiagnosen
Es ist wichtig, die vestibuläre Migräne von anderen Erkrankungen des Innenohrs zu unterscheiden. Zu den Differentialdiagnosen gehören:
- Morbus Menière: Hier treten zusätzlich Hörverlust, Tinnitus und Ohrendruck auf, die sich im Laufe der Erkrankung verschlimmern.
- Transitorisch ischämische Attacken (TIAs): Betreffen meist ältere Patienten, und die Symptome (Sprachschwierigkeiten, Verwirrtheit, Sehverlust, Schwindel, Gleichgewichts- und Koordinationsverlust) halten nur wenige Minuten bis Stunden an.
- Vestibularisparoxysmie: Kurze Schwindelattacken, die einige Sekunden dauern und bis zu 100-mal am Tag auftreten.
- Benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel (BPLS): Kurze Schwindelattacken bei Kopfbewegungen, begleitet von einem rhythmischen „Augenzittern“ (Nystagmus).
- Psychogener Schwindel: Folge einer Angststörung, tritt situativ auf, begleitet von pessimistischen Gedanken, Angst, Herzrasen, Luftnot und Muskelzittern.
- Orthostatische Hypotonie: Blutdruckabfall beim Aufstehen, der zu Benommenheit, Schwindel und Sehstörungen führt.
Ursachen und Auslöser
Die Auslöser der vestibulären Migräne sind ähnlich wie bei der klassischen Migräne:
- Stress
- Gestörter Schlafrhythmus
- Lebensmittel: Rotwein, Käse, dunkle Schokolade, Geschmacksverstärker wie Glutamat.
- Hormonelle Schwankungen: Besonders im Rahmen der weiblichen Menstruation.
Diagnose
Es ist in jedem Fall wichtig, wiederkehrenden Schwindel oder Kopfschmerzen von einem Neurologen abklären zu lassen, damit durch eine korrekte Diagnose eine angemessene Therapie eingeleitet werden kann.
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Behandlung
Die vestibuläre Migräne wird genau wie jede andere Migräne behandelt. Falls mehr als drei Attacken im Monat auftreten oder die Attacken jeweils sehr lange dauern sollte rechtzeitig eine medikamentöse Prophylaxe mit dem behandelnden Neurologen besprochen werden. Auch regelmäßige körperliche Betätigung und Stressabbau können eine Migräne sehr positiv beeinflussen. Gegen den Schwindel selber gibt es bisher kein spezifisches Medikament.
Akutbehandlung
- Antiemetika: Gegen Übelkeit, z.B. Metoclopramid und Domperidon.
- Triptane: Gegen die Migräne selbst, wirken nicht nur symptomatisch.
- Analgetika: Klassische Schmerzmittel wie Ibuprofen und ASS zur Schmerzlinderung.
Prophylaxe
- Flunarizin: Ein Calciumkanalblocker, der direkt am Vestibularorgan wirkt.
- Acetazolamid und Diclofenamid: Carboanhydrasehemmer, die den Blutdruck und Hirndruck senken und die Wasserausscheidung erhöhen.
- Magnesium: Bei nachgewiesenem Magnesiummangel.
Angst und Unruhe bei Migräne
Migräne kommt nicht immer allein. Tatsächlich können viele Patienten weitere Erkrankungen, in der Fachsprache Komorbiditäten genannt, entwickeln. Zum einen haben Menschen mit Migräne ein erhöhtes Risiko für psychische Störungen wie für Depressionen, generalisierte Angststörungen oder bipolare Störungen.
Angststörungen
Unter Angststörungen fassen Psychologen Störungen zusammen, bei denen übertriebene Angstreaktionen ohne wirkliche Bedrohungen auftreten. Diese Ängste können diffus und unspezifisch oder auf bestimmte Dinge oder Situationen (Phobien) bezogen sein.
Folgende Formen der Angststörungen gibt es:
- Panikattacken: Sie werden begleitet von Atemnot, Herzklopfen, Zittern und großen Ängsten. Diese Anfälle können ohne erkennbaren Grund überraschend oder in bestimmten Situationen, etwa in Menschenmengen, auftreten.
- Generalisierte Angst: Hierbei leiden Betroffene unter anhaltenden Sorgen und Ängsten, die sich auf ganz unterschiedliche Lebensbereiche beziehen können, beispielsweise mögliche Erkrankungen oder Unfälle. Symptome sind Herzrasen, Unruhe, Schwitzen, Zittern oder Verspannungen.
- Phobien: Ängste werden durch bestimmte Dinge oder Situationen, wie Tiere, Höhen oder Spritzen, hervorgerufen. Allein der Gedanke daran lässt bei vielen Betroffenen das Herz schneller schlagen und die Hände schweißnass werden.
Generalisierte Angststörungen und Migräne können sich gegenseitig bedingen - Migräne-Patienten haben ein vierfach erhöhtes Risiko für eine generalisierte Angst. Vor allem wenn Menschen unter chronischer Migräne leiden, besteht die Gefahr, dass sie Ängste vor der nächsten Attacke entwickeln. Diese können so ausgeprägt sein, dass sich allein aufgrund derer die Kopfschmerzen entwickeln.
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Bestehen starke Emotionen wie Angst, triggern sie häufig Migräne. Die Internationale Kopfschmerzgesellschaft beschreibt Kopfschmerzen, die aufgrund einer Angststörung entstehen, gar als eigene Erkrankung. Diese treten per Definition immer während Angstphasen auf.
Stress als Auslöser
Stress wird von Patienten mit Abstand am häufigsten als Auslöser (Triggerfaktor) von Migräne genannt. Vor allem Belastungen im Beruf, aber auch Druck in der Freizeit sind Gründe, weshalb sich Befragte der Studie oft gestresst fühlen. Dabei fällt auf, dass eine Migräneattacke bei vielen Patienten meist nicht während der akut stressigen Situation auftritt, sondern erst in der nachfolgenden Entspannungsphase. Da die Erholung oft mit dem lang ersehnten Wochenende zusammenfällt, bezeichnen Mediziner diese Art von Migräne auch als „Wochenendmigräne“.
Die Angst vor der Migräne
Die ständige Angst vor der Migräne begleitet viele Patienten und belastet die Psyche. Denn die heftigen Kopfschmerzen, gepaart mit Übelkeit oder visuellen Störungen, werden oftmals zur Qual. Das kann soweit führen, dass die Betroffenen direkt nach einer überstandenen Migräne-Attacke Ängste entwickeln, dass bald eine neue ins Haus steht. In einer Untersuchung kam heraus, dass die Ängste umso größer sind, je häufiger Migräne-Attacken auftreten. Daher kann Angst durchaus als Triggerfaktor für Migräne fungieren. Durch die Empfindung gerät der Körper in eine Stresssituation, was wiederrum zu den Kopfschmerzen führt.
Tipps gegen Migräne-Angst
- Mehr Gelassenheit: Das Leben nicht komplett nach den Ängsten gestalten.
- Sport: Regelmäßiger Sport kann den Teufelskreis durchbrechen.
- Entspannungsübungen: Autogenes Training, Yoga oder Meditationen können helfen, die Angst zu bewältigen.
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