Migräne: Ursachen, Symptome, Diagnose und Behandlung

Migräne ist mehr als nur ein starker Kopfschmerz. Es handelt sich um eine komplexe neurologische Erkrankung, die das Leben der Betroffenen erheblich beeinträchtigen kann. In Deutschland leiden mehr als zehn Millionen Menschen regelmäßig an Migräneattacken, wobei Frauen deutlich häufiger betroffen sind als Männer. Laut dem Gesundheitsministerium haben etwa 15 Prozent der Frauen regelmäßig Migräneanfälle, am häufigsten im Alter zwischen 35 und 45 Jahren. Trotz ihrer Häufigkeit wird Migräne oft unterschätzt und als bloße Befindlichkeitsstörung abgetan. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte der Migräne, von den Ursachen und Symptomen bis hin zu Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten.

Was ist Migräne?

Migräne ist ein anfallsartig auftretender, starker Kopfschmerz, der Stunden bis Tage andauern kann. Die Intensität der Schmerzen unterscheidet sich deutlich von „normalen“ Kopfschmerzen, die in der Medizin als Spannungskopfschmerzen bezeichnet werden. Migräne-Kopfschmerzen sind häufig pulsierend und pochend und treten meist nur in einer Kopfhälfte auf. Sie kehren in unregelmäßigen Abständen zurück. Spannungskopfschmerzen treten dagegen häufig am gesamten Kopf auf und haben meist keine spezielle Ursache.

Migräne vs. Spannungskopfschmerzen

MerkmalMigräneSpannungskopfschmerz
SchmerzcharakterPulsierend, pochendDrückend, ziehend
SchmerzlokalisationMeist einseitigHäufig beidseitig
BegleitsymptomeÜbelkeit, Lichtempfindlichkeit, etc.Selten Begleitsymptome
UrsacheNeurologische ErkrankungOft unklare Ursache

Phasen und Symptome einer Migräneattacke

Migräne verläuft typischerweise in verschiedenen Phasen ab. Nicht alle Betroffenen durchlaufen alle Phasen, und die Symptome können von Person zu Person variieren.

  1. Prodromalphase (Vorbotenphase): Diese Phase kündigt sich bereits einige Tage vor der eigentlichen Attacke an. Betroffene können Heißhunger, Stimmungsschwankungen, Müdigkeit oder andere unspezifische Symptome verspüren.

  2. Aura: Bei etwa 15 bis 20 Prozent der Migränepatienten tritt vor der Schmerzphase eine Aura auf. Dabei handelt es sich um neurologische Sehstörungen, bei denen Betroffene ein Flackern oder Flimmern sehen, häufig blitzartig. Manche sehen auch doppelt. Die Aura dauert in der Regel nicht länger als eine Stunde. Zu den möglichen Kennzeichen einer Aura gehören:

    Lesen Sie auch: Vergleichende Analyse: Migräne vs. Epilepsie

    • Schwindel und Schwächegefühl
    • Sehstörungen (z. B. Wahrnehmung von Doppelbildern, Lichtblitzen, Wellenlinien, blinden Flecken)
    • Hörprobleme bis hin zu vorübergehender Taubheit
    • Empfindungsstörungen (Parästhesien)
    • Sprechstörungen
  3. Schmerzphase: Die Schmerzphase ist durch starke, meist einseitige Kopfschmerzen gekennzeichnet, die als pulsierend, pochend oder stechend beschrieben werden. Die Schmerzen können sich auf Stirn, Schläfe und Augenbereich ausbreiten. Häufige Begleitsymptome sind:

    • Übelkeit und Erbrechen
    • Licht- und Lärmempfindlichkeit
    • Ein verstärktes Wahrnehmen von Gerüchen
    • Eine erschwerte Nasenatmung und Naselaufen
    • Leichtes Augentränen

    Stress und körperliche Aktivitäten verstärken den migränebedingten Kopfschmerz, sodass für viele Betroffene in der Schmerzphase kein oder nur ein sehr eingeschränktes „Funktionieren“ im Alltag möglich ist. Weil auch Licht und Geräusche den Schmerz verstärken können, ziehen sich Betroffene nach Möglichkeit in einen abgedunkelten Raum zurück. Die Schmerzphase hält in der Regel zwischen vier und 72 Stunden an.

  4. Rückbildungsphase (Erholungsphase): In dieser Phase klingen die Schmerzen allmählich ab. Betroffene haben oft ein erhöhtes Schlafbedürfnis, bis die Migräneattacke vollends beendet ist. Die Betroffenen fühlen sich angeschlagen und benötigen Zeit, um sich vollständig von ihrer Migräne mit Aura zu erholen.

Seltenere Formen der Migräne

Neben der Migräne mit und ohne Aura gibt es noch weitere, seltenere Formen:

  • Hemiplegische Migräne: Die Migräne wird von einer motorischen Aura begleitet, beispielsweise einer halbseitigen Lähmung.
  • Vestibuläre Migräne: Die Migräne betrifft auch das Gleichgewichtsorgan im Innenohr und führt zu Schwindelattacken mit Übelkeit und Erbrechen.
  • Basilaris-Migräne: Wird auch Migräne mit Hirnstammaura genannt.

Ursachen und Auslöser von Migräne

Die genauen Ursachen der Migräne sind noch nicht restlos geklärt. Die Forschung geht jedoch davon aus, dass eine genetische Veranlagung eine wichtige Rolle spielt. Bei Betroffenen reagieren Gehirn und Nervensystem besonders empfindlich auf äußere und innere Einflüsse, sogenannte Trigger.

Lesen Sie auch: Neurologische Expertise bei Migräne

Genetische Veranlagung

Die Tatsache, dass Migräne in Familien gehäuft auftritt, deutet auf eine genetische Komponente hin. Es wird vermutet, dass ein oder mehrere Gen-Defekte die Reizverarbeitung im Gehirn beeinflussen und die Anfälligkeit für Migräne erhöhen.

Trigger

Trigger sind spezifische Faktoren, die eine Migräneattacke auslösen können. Die Liste der möglichen Trigger ist vielfältig und individuell. Einige häufige Trigger sind:

  • Stress und starke Emotionen: Stress, Angst oder überschwängliche Freude können Migräneattacken auslösen. Oft tritt die Attacke erst nach dem Abklingen der Belastung auf.
  • Hormonelle Veränderungen: Hormonschwankungen, insbesondere bei Frauen während des Menstruationszyklus oder durch hormonelle Verhütungsmethoden, können Migräne begünstigen.
  • Unregelmäßiges Essen: Auslassen von Mahlzeiten oder intermittierendes Fasten kann zu Migräneattacken führen.
  • Bestimmte Lebensmittel: Käse, Rotwein oder andere Lebensmittel können bei manchen Menschen Migräne auslösen.
  • Wetterveränderungen: Föhn, plötzliche Temperaturschwankungen oder andere Wetterbedingungen können Migräneattacken triggern.
  • Unregelmäßiger Schlaf: Zu viel oder zu wenig Schlaf kann Migräne begünstigen.
  • Äußere Reize: Helles Licht, Straßenlärm, Gerüche oder Rauch können Migräneattacken auslösen.
  • Bestimmte Medikamente: Einige Medikamente können als Trigger wirken.

Ein Migränetagebuch kann helfen, die persönlichen Trigger zu identifizieren.

Diagnose von Migräne

Die Diagnose von Migräne wird in der Regel von einem Neurologen oder einem erfahrenen Arzt gestellt. Wichtigstes diagnostisches Instrument ist das Arzt-Patienten-Gespräch (Anamnese), in dem die Krankheitsgeschichte und die Symptome genau erfasst werden. Entscheidend sind Angaben, wo genau der Schmerz sitzt und wie lange er anhält. Ebenfalls wichtig ist der Abstand zwischen den Attacken und eventuelle Begleitsymptome. Ein Kopfschmerz-Fragebogen und -Tagebuch (in Papierform oder als App) erleichtern die Diagnose.

Ergänzend kann eine neurologische Untersuchung durchgeführt werden, um andere Ursachen für die Kopfschmerzen auszuschließen. In einigen Fällen können auch bildgebende Verfahren wie eine Magnetresonanztomografie (MRT) des Gehirns notwendig sein, um andere Erkrankungen auszuschließen.

Lesen Sie auch: Migräne als Risikofaktor für Demenz?

Behandlung von Migräne

Da die Migräne eine chronische Erkrankung ist, deren Ursachen noch nicht genau bekannt sind, ist bislang keine Heilung möglich. Jedoch stehen heute Arzneimittel zur Verfügung, die die Symptome rund um die Migräne-Attacke effektiv lindern und so im Vergleich zu früheren Therapiemöglichkeiten die Lebensqualität von Betroffenen deutlich verbessern können. Die Behandlung von Migräne umfasst in der Regel zwei Ansätze:

  1. Akuttherapie: Behandlung der akuten Migräneattacke, um die Schmerzen und Begleitsymptome zu lindern.
  2. Prophylaxe: Vorbeugende Maßnahmen, um die Häufigkeit, Dauer und Intensität von Migräneattacken zu reduzieren.

Akuttherapie

Bei leichten bis mittelschweren Migräneattacken können rezeptfreie Schmerzmittel wie Paracetamol, Acetylsalicylsäure (ASS) oder Ibuprofen helfen. Bei stärkeren Attacken kommen spezielle Migränemedikamente, sogenannte Triptane, zum Einsatz.

Triptane

Triptane imitieren den körpereigenen Botenstoff Serotonin und wirken damit auf die geweiteten Blutgefäße im Gehirn ein. Nach der Einnahme verengen sich diese wieder, wodurch der Druck gelöst wird. Darüber hemmen die Triptane Entzündungsvorgänge und verhindern die Weiterleitung von Schmerzen. Einige Triptane sind ebenfalls ohne Rezept in Apotheken erhältlich, sollten aber nur unter ärztlicher Anweisung verwendet werden. Triptane sollten nicht mehr als zehn Tage pro Monat eingenommen werden, da sie bei längerer Einnahme zu arzneimittelbedingten Kopfschmerzen führen können.

Weitere Medikamente

  • Antiemetika: Medikamente gegen Übelkeit und Erbrechen, die häufig Begleitsymptome von Migräne sind.
  • Dihydroergotamin: Ein weiteres Medikament zur Behandlung akuter Migräneattacken.

Prophylaxe

Die Migräneprophylaxe zielt darauf ab, die Häufigkeit, Dauer und Intensität von Migräneattacken zu reduzieren. Sie kommt infrage, wenn Betroffene unter häufigen oder sehr belastenden Migräneattacken leiden oder wenn die Akuttherapie nicht ausreichend wirksam ist.

Medikamentöse Prophylaxe

Zur medikamentösen Migräneprophylaxe stehen verschiedene Substanzen zur Verfügung, die ursprünglich für andere Therapiezwecke entwickelt wurden, aber auch in der Migräne-Vorbeugung wirksam sein können. Dazu gehören:

  • Betablocker: Ursprünglich zur Behandlung von Bluthochdruck eingesetzt.
  • Antidepressiva: Bestimmte Antidepressiva können ebenfalls migräneprophylaktisch wirken.
  • Antiepileptika: Medikamente zur Behandlung von Epilepsie, die auch bei Migräne eingesetzt werden können.
  • CGRP-Antikörper: Eine neuere Klasse von Medikamenten, die sich gegen den Botenstoff CGRP (Calcitonin Gene-Related Peptide) richten, der bei der Entstehung von Migräneattacken eine Rolle spielt.

Nicht-medikamentöse Prophylaxe

Neben der medikamentösen Prophylaxe gibt es auch eine Reihe von nicht-medikamentösen Maßnahmen, die zur Vorbeugung von Migräne beitragen können:

  • Regelmäßiger Lebensstil: Regelmäßige Schlaf- und Essenszeiten, ausreichend Bewegung und Stressreduktion können helfen, Migräneattacken vorzubeugen.
  • Entspannungsverfahren: Entspannungstechniken wie Progressive Muskelentspannung, Autogenes Training, Yoga oder Meditation können Stress reduzieren und die Entspannungsfähigkeit verbessern.
  • Ausdauersport: Regelmäßiger Ausdauersport wie Laufen, Schwimmen oder Radfahren kann ähnlich migräneprophylaktisch wirken wie Medikamente.
  • Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung und das Meiden von bekannten Triggern können helfen, Migräneattacken vorzubeugen.
  • Biofeedback: Mit dieser Methode kann der Migräniker erlernen, seine unbewusst ablaufenden Prozesse, wie Anspannung im Körper oder die Weite der Gefäße im Kopf zu beeinflussen.

Migräne und Psyche

Psychologische Faktoren spielen eine wichtige Rolle bei der Entstehung und dem Verlauf von Migräne. Stress, Angst, Depressionen und andere psychische Belastungen können Migräneattacken auslösen oder verstärken. Umgekehrt kann Migräne auch zu psychischen Problemen führen, insbesondere wenn die Attacken häufig auftreten und das Leben der Betroffenen stark beeinträchtigen.

Der Einbezug psychologischer Behandlungsansätze in die Kopfschmertherapie ergibt sich aus dem bio-psycho-sozialen Krankheitsverständnis. Dies berücksichtigt das enge Zusammenspiel zwischen körperlichen, psychischen und sozialen Faktoren bei der Entstehung und dem Verlauf einer Kopfschmerzerkrankung. So kann die Krankheitsschwere und das Ausmaß der einhergehenden Beeinträchtigungen über den Aufbau günstiger Lebensstilfaktoren und eine Stärkung der Krankheits- und Stressbewältigungsfähigkeit oftmals deutlich gelindert werden. Vielfach belegt ist die Bedeutung von Stress für die Auslösung und Aufrechterhaltung der häufigsten Kopfschmerzformen Migräne und Kopfschmerz vom Spannungstyp. Dabei scheinen vor allem ungünstige Formen der Stressverarbeitung entscheidend zu sein wie z.B. übermäßiges Grübeln über Belastungen, Rückzugs- und Vermeidungsstrategien sowie eine reduzierte Entspannungsfähigkeit. Auch der Umgang mit der Kopfschmerzerkrankung selbst kann den Krankheitsverlauf entscheidend beeinflussen. Versuchen Betroffene etwa, trotz Beschwerden stets weiter zu „funktionieren“, können die fortschreitende Überlastung und Erschöpfung die Kopfschmerzen verschlimmern (sogenannte „Durchhalter“) und das Risiko eines Medikamentenübergebrauchs erhöhen. Aber auch der Versuch, mögliche Auslöser von Kopfschmerzen stets zu vermeiden, kann selbst zum Stressfaktor werden.

Migräne bei Kindern und Jugendlichen

Migräne kann auch bei Kindern und Jugendlichen auftreten. Die Symptome können sich von denen bei Erwachsenen unterscheiden. Bei Kindern treten die Kopfschmerzen oft im ganzen Kopf auf, zusammen mit den genannten Begleitsymptomen. Spezielle Medikamente für Kinder mit Migräne gibt es nicht. Gleichzeitig sagen Studien aber: Migräne bei Kindern und Jugendlichen wird immer häufiger. Stress in der Schule, mit Freunden oder in der Familie und auch der Umgang mit Smartphone etc. führen seiner Meinung nach zu steigenden Fallzahlen.

Eine Frühtherapie bei Kindern mit Migräne baut deshalb nicht auf Medikamente, sondern auf verschiedene interdisziplinäre Therapien. Physiotherapie steht dabei ganz oben, um die Muskeln wieder weich zu machen. Und sind die Muskeln weicher, wirkt das auch auf die Psyche zurück: Viele Migräniker wollen es allen Bezugspersonen recht machen. Auch unlösbare Aufgaben versuchen sie zu lösen. Die eigenen Bedürfnisse und Gefühle wahrzunehmen, fällt dagegen schwer. Verhaltenstherapie kann diese Kanäle öffnen. Daneben können auch Entspannungsverfahren helfen. Stress abbauen, den Umgang mit Schmerzen trainieren - so verschwindet die Furcht vor der nächsten Attacke.

tags: #vitos #migrane #stunden #tag