Die menschliche Leistungsfähigkeit hängt stark von der effektiven Zusammenarbeit beider Gehirnhälften ab. Während die linke Gehirnhälfte oft mit Logik und Detailorientierung in Verbindung gebracht wird, ist die rechte Gehirnhälfte eher für Kreativität und ganzheitliche Wahrnehmung zuständig. Eine ausgewogene Nutzung und Integration beider Gehirnhälften ist entscheidend für optimale Lernprozesse, Konzentration und kreatives Denken.
Aufgaben der linken und rechten Gehirnhälfte
Die linke und die rechte Gehirnhälfte übernehmen unterschiedliche Aufgaben. Die linke Gehirnhälfte ist zuständig für Sprache, Lesen und Rechnen. Sie arbeitet nach Regeln und Gesetzen und konzentriert sich auf einen Punkt. Die linke Gehirnhälfte nimmt Details wahr und denkt in logischen Schritten. Sie verarbeitet verbale und mathematische Informationen und steuert die mündliche Darstellung sowie Grammatik und Wortstellung. Die rechte Gehirnhälfte ist zuständig für Körpersprache, Bildersprache und Intuition. Sie ist kreativ und spontan und interessiert sich für Neugier, Spielen und Risiko. Die rechte Gehirnhälfte besitzt den Überblick und verarbeitet Informationen ganzheitlich. Sie kontrolliert die Körpersprache, Mimik und Gestik und steuert Bewegungen und physische Aktivität sowie künstlerische Leistungen und Erlebnisse wie Musik, Zeichnen und Malen.
Die linke Gehirnhälfte
Die linke Gehirnhälfte ist vorwiegend für sprachliche und logische Funktionen zuständig. Sie verarbeitet Informationen sequenziell und analytisch und spielt eine zentrale Rolle bei:
- Sprache: Motorische Sprachsteuerung, Verarbeitung von abstrakten Begriffen
- Logik: Exaktes Rechnen, Wahrnehmung von Details und zeitlichen Details
- Motorik: Steuerung der rechten Körperhälfte
Die rechte Gehirnhälfte
Die rechte Gehirnhälfte hingegen ist für räumliche und kreative Funktionen zuständig. Sie verarbeitet Informationen ganzheitlich und intuitiv und ist wichtig für:
- Intuition: Körpersprache, Bildersprache
- Kreativität: Spontaneität, Neugier und Risikobereitschaft
- Motorik: Steuerung der linken Körperhälfte
Die Bedeutung der Vernetzung beider Gehirnhälften
Um exzellente und kreative Denkleistungen zu erbringen, müssen beide Gehirnhälften des Großhirns gut zusammenarbeiten und sich ergänzen. Einige Wissenschaftler vermuten, dass erfolgreiche und kreative Menschen besonders gut zwischen der linken und der rechten Gehirnhälfte kommunizieren können. Durch das Zusammenspiel beider Gehirnhälften können Informationen besser verarbeitet und abgerufen werden. Dies ist besonders wichtig für die kreative Problemlösung und das Lernen. Die Großhirnrinde ist verantwortlich für die Vernetzung der beiden Gehirnhälften. Die Erinnerung besteht hauptsächlich aus einer verstärkten Verknüpfung von Nervenzellen.
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Übungen zur Verbesserung der Vernetzung
Um die Zusammenarbeit und Synchronisation beider Gehirnhälften zu stärken, gibt es verschiedene Möglichkeiten.
- Multisensorische Aktivitäten: Durchführen von Tätigkeiten, die mehrere Sinne ansprechen und somit beide Gehirnhälften gleichzeitig aktivieren.
- Kinesiologische Übungen: Übungen, die die Koordination zwischen beiden Gehirnhälften verbessern sollen.
- Edu-kinestetische- Übungen und Brain Gym® Übungen: Diese Übungen sorgen dafür, dass bestimmte Areale im Gehirn aktiviert werden. Dabei werden Rechts/Links-, Oben/Unten- und Vorne/Hinten-Bereiche des Gehirns unterschieden. Durch die EK und Brain Gym Übungen werden neue Bewegungsmuster erfahren, die individuellen Fähigkeiten, die Aufmerksamkeit und das Körperbewusstsein gestärkt. Das Benutzen und die Integration beider Gehirnhälften macht Lernen einfacher und leichter.
Konkrete Übungen für den Alltag
- Überkreuzbewegungen: Bei dieser Übung bewegen wir den rechten Arm und das linke Bein, den linken Arm mit dem rechten Bein gleichzeitig, d.h. die rechte Hand berührt das linke Knie, dann berührt die linke Hand das rechte Knie. Dabei geht der jeweils freie Arm so weit wie möglich nach hinten. Die Bewegungen sollten locker und ruhig durchgeführt werden. Es kommt darauf an, immer wieder die Mittellinie zu überqueren. Du kannst bei der Übung stehen, gehen oder hüpfen.
- Liegende Acht: Beide Arme vor die Brust nach vorne bringen und die Hände falten. Dabei zeigen die Daumen nach oben. Kopf gerade halten. Von der Mitte aus bewegen wir unsere Arme nach links oben und formen eine liegende Acht. Die Augen folgen den Daumen, der Kopf bleibt ruhig. Ungefähr 8 x wiederholen. Jetzt einen Richtungswechsel vornehmen und rechts unten beginnen. Nach ungefähr 8 liegenden Achten nochmal nach links oben wechseln und weitere 4 liegende Achten fahren.
- Hand vor den Hals legen: Hand vor den Hals legen und mit dem Daumen rechts und dem Zeige-und Mittelfinger links am Hals entlang nach unten fahren bis unterhalb des Schlüsselbeines. Da spürt man dann auf jeder Seite eine kleine Vertiefung. Die Finger massieren sanft die Vertiefungen. Die andere Hand liegt über dem Bauchnabel. Wer will, kann auch diesen mit der ganzen Hand massieren.
- Feinmotorische Übungen: Gezielte feinmotorische Bewegungen, vor allem mit Fingern, Händen, Zehen und Füßen wirken sich besonders gut auf die Denkleistung aus. Auch Bewegungen des Mundes und der Augenmuskeln wirken stimulierend auf die Hirnrinde.
Neuroathletik Übungen
Neuroathletik ist eine Verbindung von Neurowissenschaft und Athletik, bei der es darum geht, zusätzlich zum trainierten Körper auch die neurologischen Fähigkeiten zu schärfen. Denn Bewegung und Schmerzwahrnehmung werden vom Gehirn koordiniert. Durch Neuroathletik-Übungen wird der Fokus von Bändern, Sehnen und Muskeln auf das Gehirn verlagert, um die Kommunikation zwischen dem Gehirn und verschiedenen Körperbereichen zu verbessern und die Koordination zu schärfen.
- Hase und Jäger: Hebe Zeige- und Mittelfinger der linken Hand und forme somit einen „Hasen“. Die Handfläche zeigt nach vorn. Forme mit der rechten Hand eine Pistole: Strecke Daumen und Zeigefinger in Richtung der linken Hand aus. Wechsle beide Seiten gleichzeitig: Die linke Hand formt die Pistole, die rechte den Hasen. Durch diese Übung werden beide Gehirnhälften stimuliert.
- Kreise mit der Zunge: Nimm die Zungenspitze vor die Schneidezähne und halte die Lippen geschlossen. Lass die Zungenspitze einige Male im Uhrzeigersinn kreisen. Wechsle die Seite und lass die Zungenspitze entgegen dem Uhrzeigersinn kreisen. Diese Übung hilft dir dabei, beide Hirnhälften zu stimulieren und reduziert Stress.
- Folge dem Buchstaben: Stelle dich gerade hin und nimm einen länglichen Gegenstand, zum Beispiel einen Stift, in eine Hand, halte den Gegenstand senkrecht. Male mit dem Stift in der Hand den Buchstaben H in die Luft. Führe diese Bewegung mehrmals aus und folge dem Stift nur mit deinen Augen, der Kopf wird nicht gedreht. Mithilfe dieser Übung trainierst du gezielt die Muskelstränge in den Augen.
- Perspektivenwechsel: Nimm einen Stift und setze dir darauf eine Markierung, zum Beispiel durch einen Sticker. Halte den Stift eine Armlänge vor dich hin. Fixiere die Markierung mit den Augen und danach einen anderen Punkt im Raum. Wechsle mit den Augen zwischen der Markierung auf dem Stift und dem entfernten Fixpunkt hin und her. Diese Übung ist besonders gut für Personen geeignet, die viel am Bildschirm arbeiten.
- Laufe eine Acht: Stelle dich gerade hin mit ausreichend Platz, suche einen Punkt im Raum, zum Beispiel ein Bild an der Wand, und richte deinen Blick auf diesen Punkt. Laufe jetzt die Schlingenfigur der Zahl Acht ab. Achte darauf, mit deinem Oberkörper immer in Richtung des Fixpunkts zu bleiben und ihn fest im Blick zu behalten. Mit dieser Übung trainierst du deine Koordinationsfähigkeiten in Kombination mit den Augenmuskeln.
Koordination und Bewegung
Die körperliche Koordination ist die Fähigkeit, Bewegungen zu planen, schnell zu reagieren und Rhythmen umzusetzen. Das Gehirn vollbringt Leistungen in Höchstgeschwindigkeit, wenn es die koordinativen Fähigkeiten des Körpers steuert: In Sekundenbruchteilen finden Bewegungsplanung, -ausführung und -abgleich statt. Koordinative Fähigkeiten sind ein Zusammenspiel von Sinnesorganen, Nervenbahnen, Muskeln und Gehirn. Das Gehirn verarbeitet von den Sinnesorganen registrierte Reize, plant und steuert die gesamte Motorik einschließlich der Koordination.
Bedeutung von Bewegung für die Gehirnfunktion
Bewegung hilft bei Erkrankungen, die die koordinativen Fähigkeiten beeinträchtigen. Sie fördert die Durchblutung des Gehirns, die Ausschüttung von Botenstoffen und die Vernetzung der Gehirnhälften. Regelmäßige Bewegung kann somit die kognitiven Fähigkeiten verbessern, die Stimmung aufhellen und die Motivation steigern.
- Sauerstoffversorgung: Bewegung erhöht die Durchblutung des Gehirns und verbessert die Sauerstoffversorgung.
- Botenstoffe: Durch Bewegung wird die Ausschüttung von Botenstoffen wie Dopamin, Serotonin und Endorphin angeregt, die für eine bessere Stimmung und höhere Leistungsfähigkeit sorgen.
- Vernetzung: Bewegungen, die beide Körperhälften beanspruchen, fördern die Zusammenarbeit zwischen linker und rechter Gehirnhälfte.
Koordinative Fähigkeiten im Alltag
Wir benutzen die koordinativen Fähigkeiten im Alltag bei allem was wir tun. Jede Bewegung der Arme, Beine, Hände, Füße oder des ganzen Körpers erfordert koordinative Fähigkeiten.
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- Gleichgewicht: Aufrecht stehen und gehen. Kinder erlernen diese Fähigkeit erst beim Heranwachsen. Aber auch für ältere Menschen ist ein intakter Gleichgewichtssinn oftmals nicht selbstverständlich und kann zu einer Herausforderung werden.
- Rhythmik: Bewegungen rhythmisch ausführen oder zeitlich an die äußeren Gegebenheiten anpassen. Wir benötigen diese koordinative Fähigkeit bei allen Handlungen, die einem gewissen Takt folgen. Beispiele sind das Fahrradfahren oder Tanzen.
- Kopplung verschiedener Bewegungen: Komplexe Bewegungsabläufe erfordern das Zusammenspiel vieler kleinerer Bewegungen. Sie werden dabei miteinander gekoppelt. Beim Schwimmen oder Skifahren zum Beispiel bewegen sich die Hüfte, die Arme und die Beine gleichzeitig, jedoch in verschiedene Richtungen.
- Differenzieren: Bei jeder Bewegung benötigen wir eine andere Menge an Kraft. Das heißt, dass wir zum Beispiel fester zupacken, wenn wir einen schweren, glatten Gegenstand anheben wollen, als bei einer Feder.
- Reaktion: Die Reaktionsfähigkeit ermöglicht, die aktuelle Bewegung zu unterbrechen und Bewegungen möglichst schnell in eine andere Richtung auszuführen. Im Straßenverkehr ist ein gutes Reaktionsvermögen unerlässlich.
- Orientierung: Orientierungsfähigkeit bedeutet, sich im Raum gut zurecht zu finden: Man weiß auch in einem unbekannten Gebiet, an welcher Stelle einer Straße oder eines Waldweges man sich befindet.
Sportarten zur Förderung der Koordination
Viele Sportarten fördern die koordinativen Fähigkeiten und tragen somit zur Vernetzung beider Gehirnhälften bei. Besonders geeignet sind Sportarten, die komplexe Bewegungsabläufe erfordern und die Zusammenarbeit verschiedener Muskelgruppen koordinieren.
- Tanzen: Fördert Rhythmik, Gleichgewicht und die Kopplung verschiedener Bewegungen.
- Schwimmen: Beansprucht viele Muskelgruppen gleichzeitig und erfordert eine gute Koordination.
- Yoga: Verbessert die Körperwahrnehmung, Balance und Flexibilität.
- Ballsportarten: Fördern die Reaktionsfähigkeit, Hand-Augen-Koordination und räumliche Orientierung.
- Golf: Golftraining beginnt mit dem Erlernen der Technik, allerdings ist die Kombination mit einem gezielten myofascialen Training notwendig. In einem perönlich zugeschnittenen sportkinesiologischen Trainingsprogramm für den Golfschwung, aber auch die Schlagvorbereitung („Pre-Shot-Routine“), lernt der Golfer nicht nur die für ihn passende Technik des Schlages, sondern auch die Körperbalance, die ein Profisportler bereits mitbringt.
Lateralität und ihre Bedeutung
Lateralität bezeichnet die Dominanz einer Körperseite über die andere. Diese Dominanz entsteht durch unterschiedliche Aktivierung der Gehirnhälften. Die zentrale Steuerung der Gliedmaßen wird von der jeweiligen Gehirnhälfte übernommen, und zwar überkreuzt. Beim Darts spielen drei Lateralitäten zusammen: Händigkeit, Füßigkeit und Augendominanz. Die Händigkeit ist die sichtbarste Form der Lateralität.
Testen der Lateralität
Es gibt verschiedene Tests, um die Lateralität zu bestimmen:
- Dominante Hand: Versuche, eine Männchen Figur zielgenau zu punktieren. Zähle die richtigen Stiche pro Zeiteinheit. Wiederhole mit der anderen Hand. Oder einfacher: Werfe 20 Darts mit deiner bevorzugten Hand. Dann 20 mit der anderen. Die Hand, die präziser trifft, ist deine dominante Hand.
- Dominanter Fuß: Stell dich neutral hin. Lass dich von hinten leicht anschieben. Der Fuß, mit dem du automatisch den Fall abfängst, ist dein dominanter Fuß. Oder: Tritt einen Ball. Für den Dartstand gilt: Welcher Fuß fühlt sich natürlicher vorne an? Probiere beide Varianten über mehrere Trainingseinheiten.
- Dominantes Auge: Bilde mit beiden Händen einen kleinen Kreis. Strecke die Arme aus und fokussiere durch den Kreis ein Objekt. Schließe abwechselnd ein Auge. Bei welchem Auge bleibt dein Finger auf dem Objekt? Oder: Zeige mit ausgestrecktem Arm auf ein Objekt. Schließe abwechselnd ein Auge. Bei welchem Auge bleibt dein Finger auf dem Objekt?
Kreuzdominanz
Kreuzdominanz liegt vor, wenn die dominante Hand, der dominante Fuß und das dominante Auge nicht auf derselben Körperseite liegen. Spieler mit verschiedenen Kombinationen von gekreuzten Dominanzen haben die komplexeste Ausgangslage und benötigen ein individuell angepasstes Training.
Umschulung der Händigkeit
Lange Zeit wurden linkshändige Kinder beim Schreibenlernen in der Schule auf die rechte Hand umgeschult. Bei Rechtshändern ist die linke Hirnhälfte für das Schreiben verantwortlich, bei Linkshändern ist die rechte Hirnhälfte dominant. Die Umschulung der Händigkeit führt zum Teil auch zur Umschulung der Gehirns: Die Bewegungssteuerung wird von der rechten in die linke Hirnhälfte verlagert. Die Planung und Koordination hingegen erfolgt bei den umgeschulten Linkshändern nach wie vor in der rechten Hirnhälfte - so wie bei normalen Linkshändern.
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Auswirkungen der Umschulung
Studien haben gezeigt, dass bei umgeschulten Linkshändern die Gehirnareale, die für die Bewegungssteuerung zuständig sind, in der linken Hirnhälfte dominant sind - so wie bei den gewöhnlichen Rechtshändern und anders als bei den normalen Linkshändern. Die Planung und Kontrolle der Bewegungen fand nämlich nach wie vor in der rechten Hirnhälfte statt.
Heutige Praxis
Heute werden in Deutschland Linkshänder-Kinder kaum noch umgeschult. Im Gegenteil. Eltern und Lehrer werden dazu angehalten, Löffel, Stift und Co. mittig vor das Kind zu legen, damit es selbst entscheiden kann, mit welcher Hand es zugreifen möchte.
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