Wann sterben Gehirnzellen ab? Ursachen und Mechanismen des neuronalen Zelltods

Das Absterben von Gehirnzellen, auch neuronaler Zelltod genannt, ist ein komplexer Prozess, der durch eine Vielzahl von Faktoren ausgelöst werden kann. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen und Mechanismen des neuronalen Zelltods und geht dabei auf verschiedene Erkrankungen und Schädigungen des Gehirns ein.

Die Empfindlichkeit des Gehirns gegenüber Sauerstoffmangel

Das menschliche Gehirn ist äußerst empfindlich gegenüber Sauerstoffmangel. Bereits nach wenigen Minuten ohne Sauerstoffzufuhr können irreparable Schäden entstehen. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass bei einem Herzstillstand und dem damit verbundenen Aussetzen des Blutkreislaufs innerhalb von etwa zehn Minuten umfangreiche, irreversible Schäden im Gehirn auftreten können.

Die Kaskade der Ereignisse bei Sauerstoffmangel

Wenn das Gehirn nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt wird, kommt es zu einer Reihe von Ereignissen, die letztendlich zum Absterben von Nervenzellen führen. Innerhalb von 20 bis 40 Sekunden stellt das Gehirn seine elektrische Aktivität ein und wechselt in eine Art Energiesparmodus. Die Kommunikation zwischen den Nervenzellen wird vollständig unterbrochen.

Minuten später, wenn die Energiereserven des Gehirns aufgebraucht sind, bricht das energiebedürftige Ionen- und Spannungsgefälle zwischen dem Inneren der Nervenzellen und ihrer Umgebung zusammen. Dies geschieht in Form einer massiven elektrochemischen Entladungswelle, die als Spreading Depolarization bezeichnet wird. Diese Welle breitet sich durch die Hirnrinde und andere Hirnstrukturen aus und setzt dabei Schadenskaskaden in Gang, die die Nervenzellen allmählich vergiften.

Es ist wichtig zu beachten, dass diese Welle bis zu einem bestimmten Zeitpunkt reversibel ist. Das bedeutet, dass sich die Nervenzellen vollständig erholen können, wenn die Durchblutung rechtzeitig wiederhergestellt wird. Wenn die Durchblutungsstörung jedoch diesen Zeitpunkt überschreitet, sterben die Zellen ab.

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Terminale Spreading Depolarization beim Menschen

Forschungen haben gezeigt, dass es innerhalb von Minuten nach einem Kreislaufstillstand auch beim Menschen zur sogenannten terminalen Spreading Depolarization kommt. Dieser Prozess ist vergleichbar mit dem, was bei Tieren beobachtet wurde. Das Verständnis der Spreading Depolarization ist eine grundlegende Voraussetzung für die Entwicklung von Behandlungsstrategien, die darauf abzielen, die Überlebenszeit von Nervenzellen während Durchblutungsstörungen des Gehirns zu verlängern.

Vaskuläre Demenz: Wenn Durchblutungsstörungen Gehirnzellen zerstören

Die vaskuläre Demenz ist die zweithäufigste Form der Demenz und wird durch Durchblutungsstörungen im Gehirn verursacht. Diese Störungen führen zu Schädigungen oder Zerstörungen von Hirnzellen. Ursachen können Blutgerinnsel, Verdickungen der Gefäßwände oder Ablagerungen in den Gefäßen sein. Schlaganfälle oder Hirninfarkte können ebenfalls zu einer vaskulären Demenz führen.

Risikofaktoren und Symptome der vaskulären Demenz

Zu den Hauptrisiken für eine vaskuläre Demenz gehören kardiovaskuläre und metabolische Vorerkrankungen wie Bluthochdruck, starkes Übergewicht, Zuckerkrankheit, veränderter Fettstoffwechsel und bestimmte Herzkrankheiten. Auch Bewegungsmangel, Rauchen und ungesunde Ernährung können zur Entwicklung einer vaskulären Demenz beitragen.

Die Symptome der vaskulären Demenz ähneln denen anderer Demenzerkrankungen, können aber auch Besonderheiten aufweisen. Gedächtnisstörungen müssen nicht zwangsläufig auftreten, dafür können andere geistige Fähigkeiten stärker beeinträchtigt sein. Mögliche Symptome sind Sprachstörungen, Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen, eingeschränkte Handlungsfähigkeit, Verlangsamung, Antriebsstörungen, Veränderungen der Stimmung und des Wesens, Vergesslichkeit sowie rasche geistige und körperliche Erschöpfbarkeit. Körperliche Begleitsymptome können Gehstörungen, verstärkter Harndrang oder Inkontinenz, Kau- und Schluckbeschwerden sowie Schwindelgefühl sein.

Verlauf und Vorbeugung der vaskulären Demenz

Der Verlauf einer vaskulären Demenz ist sehr unterschiedlich und hängt vom Ausmaß der Durchblutungsstörung und dem betroffenen Bereich des Gehirns ab. Manchmal bleibt ein Zustand stabil oder verbessert sich sogar wieder, in anderen Fällen verschlechtert er sich langsam und kontinuierlich oder in Schüben.

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Die frühzeitige Behandlung von Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Diabetes mellitus oder Adipositas ist ein entscheidender Beitrag zur Demenzvorsorge. Darüber hinaus ist es wichtig, mit einem gesunden Lebensstil zur Gesundheit des Herz-Kreislauf-Systems beizutragen. Eine ausgewogene Ernährung, körperliche Bewegung, der Verzicht auf Rauchen sowie ein geistig und sozial aktives Leben werden zur Vorbeugung empfohlen.

Neurodegenerative Erkrankungen: Wenn Nervenzellen im Alter absterben

Neurodegenerative Erkrankungen sind durch den fortschreitenden Verlust von Nervenzellen und Zellfunktionen im Gehirn gekennzeichnet. Zu den häufigsten neurodegenerativen Erkrankungen zählen die Alzheimer-Krankheit, die Parkinson-Krankheit und die Amyotrophe Lateralsklerose (ALS).

Ursachen und Mechanismen neurodegenerativer Erkrankungen

Die Ursachen für neurodegenerative Erkrankungen sind vielfältig und oft nur teilweise bekannt. Bei einigen Formen der Parkinson-Erkrankung oder der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit kommt es beispielsweise zu einer Zusammenlagerung von Eiweißstoffen in den Nervenzellen des Gehirns. Diese Aggregate beeinträchtigen die Funktion der Zellen und führen schließlich zu ihrem Tod. Neuere wissenschaftliche Erkenntnisse deuten darauf hin, dass auch das Immunsystem eine Rolle bei der Entstehung und dem Verlauf neurodegenerativer Erkrankungen spielen kann.

Charakteristisch für neurodegenerative Erkrankungen ist, dass meist nicht das gesamte Gehirn betroffen ist, sondern unterschiedliche, oft sehr genau umschriebene Bereiche oder Zelltypen. Bei der Parkinson-Erkrankung sind beispielsweise ausschließlich Nervenzellen betroffen, die den Botenstoff Dopamin produzieren. Bei der ALS gehen selektiv sogenannte Motoneurone zugrunde, die das Gehirn mit der Muskulatur verbinden.

Proteinaggregate und ihre Auswirkungen auf Nervenzellen

In Hirnzellen von Patienten mit neurodegenerativen Erkrankungen können Proteinverklumpungen, sogenannte Aggregate, gefunden werden. Forschungen haben gezeigt, dass der Ort der Proteinaggregate innerhalb der Zelle ihr Überleben stark beeinflusst. Während Aggregate im Zellkern die Zellfunktion kaum beeinträchtigen, stören die Verklumpungen im Zellplasma wichtige Transportwege zwischen Zellplasma und Zellkern.

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Proteinverklumpungen im Zellplasma können den Transport von RNA und richtig gefalteten Proteinen zwischen Zellkern und Zellplasma verhindern. Da die Aggregate klebrige Eigenschaften haben, werden aus der Zelle lebensnotwendige Proteine weggefangen. Wenn die Bauanleitung der Proteine, die RNA, aus dem Zellkern nicht in das Zellplasma gelangen kann, können dort auch keine Proteine mehr hergestellt werden und die Zelle geht zugrunde.

Schlaganfall: Eine plötzliche Unterbrechung der Blutversorgung

Ein Schlaganfall tritt auf, wenn die Blutversorgung des Gehirns plötzlich unterbrochen wird. Dies führt zu einer Unterversorgung des Gewebes mit Sauerstoff und Nährstoffen und somit zu einem Verlust von Neuronen. Ursachen können ischämische Ereignisse (Verstopfung eines Blutgefäßes) oder Hirnblutungen sein.

Die Penumbra: Ein Bereich der Hoffnung

Nach einem Schlaganfall gibt es neben dem Kerngebiet, in dem die Zellen bereits abgestorben sind, eine Zone, die als Penumbra oder Halbschatten bezeichnet wird. In diesem Bereich sind die Zellen zwar stark gefährdet, aber noch nicht irreversibel geschädigt. Das Ziel der Schlaganfallbehandlung ist es, die Zellen in der Penumbra zu retten und ihre Funktion wiederherzustellen.

Therapie und Rehabilitation nach einem Schlaganfall

Die Therapie nach einem Schlaganfall zielt darauf ab, die Durchblutung des Gehirns so schnell wie möglich wiederherzustellen, um weitere Schädigungen von Neuronen zu verhindern. Dies kann durch eine Lyse-Therapie (Auflösung des Blutgerinnsels) oder einen operativen Eingriff erfolgen. Physiotherapie und Ergotherapie können dazu beitragen, dass andere Hirnareale die Funktionen der geschädigten Zellen zumindest teilweise übernehmen.

Multiple Sklerose: Eine Autoimmunerkrankung des Nervensystems

Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung, bei der das körpereigene Immunsystem die Myelinschicht der Nervenfasern im Gehirn und Rückenmark angreift. Die Zerstörung der Myelinschicht führt zu einer Störung der Signalweiterleitung und letztendlich zum Absterben von Axonen.

Entzündungsherde und Remyelinisierung

Bei der MS entstehen Entzündungsherde in der weißen Substanz von Gehirn und Rückenmark. Zu Beginn der Erkrankung kann es zu einer Remyelinisierung kommen, bei der die ungeschützten Axone von neuem Myelin umhüllt werden. Mit Fortschreiten der Erkrankung funktioniert dieser Reparaturmechanismus jedoch nicht mehr und die Axone sterben ab.

Vielfältige Symptome und Behandlungsmöglichkeiten

Die Symptome der MS sind vielfältig und hängen davon ab, welche Bereiche des Gehirns betroffen sind. Häufig treten Störungen des Sehnervs, motorische Störungen,Sensibilitätsstörungen und Koordinationsprobleme auf. Die Behandlung der MS zielt in erster Linie auf eine Modulation des Immunsystems ab, um weitere Schübe zu verhindern.

Hypoxischer Hirnschaden: Sauerstoffmangel als Ursache für Zellschäden

Ein hypoxischer Hirnschaden entsteht durch einen schweren Sauerstoffmangel im Gehirn. Häufig tritt er nach einem Kreislaufstillstand mit erfolgreichen Wiederbelebungsmaßnahmen auf. Der Sauerstoffmangel führt zum Absterben von Nervenzellen, insbesondere in den für höhere Funktionen des Bewusstseins zuständigen Bereichen des Gehirns.

Das Ausmaß des Schadens und die Diagnose

Das Ausmaß des hypoxischen Hirnschadens hängt davon ab, wie lange die Sauerstoffversorgung des Gehirns unterbrochen war. Eine längere Unterversorgung von mehr als fünf Minuten führt in der Regel zu einer tiefen Bewusstlosigkeit. Die Diagnose wird durch neurologische Untersuchungen und bildgebende Verfahren wie MRT oder CT gestellt.

Irreversible Schäden und Forschungsansätze

Geschädigte Nervenfasern im Gehirn oder Rückenmark können sich in der Regel nicht regenerieren, was zu irreversiblen Funktionsverlusten führt. Die Forschung konzentriert sich daher auf die Entwicklung von gentherapeutischen und pharmakologischen Ansätzen zur Förderung der axonalen Regeneration und somit der Wiederherstellung von verlorengegangenen Funktionen nach Schädigungen des Gehirns und Rückenmarks.

Schädigung des Sehnervs: Verlust der Sehfähigkeit

Der Sehnerv leitet die Sehinformation aus dem Auge in das Gehirn weiter. Schädigungen des Sehnervs können durch verschiedene Erkrankungen wie Glaukom (Grüner Star), diabetische Retinopathie, Sehnerventzündungen, Tumore oder Gefäßverschlüsse verursacht werden. Da der Sehnerv zum zentralen Nervensystem gehört, ist eine Regeneration der Nervenfasern nicht möglich.

Glaukom: Eine häufige Ursache für Sehnervschäden

Das Glaukom ist eine der häufigsten Ursachen für Sehnervschäden und kann zu Gesichtsfeldausfällen bis hin zur Erblindung führen. Ursächlich ist ein erhöhter Augeninnendruck oder ein ungünstiges Verhältnis zwischen Augeninnendruck und Durchblutung des Sehnervs. Die Behandlung erfolgt durch Absenken des Augeninnendrucks, um ein Fortschreiten der Erkrankung zu verhindern. Bereits aufgetretene Schäden sind jedoch irreversibel.

Schädel-Hirn-Trauma: Verletzungen des Gehirns durch äußere Einwirkung

Ein Schädel-Hirn-Trauma (SHT) entsteht durch eine traumatische Krafteinwirkung auf den Kopf. Die Schädigung des Gehirns erfolgt in zwei Phasen: Die erste Phase umfasst die direkte Schädigung durch den Unfall, die nicht therapierbar ist. In der zweiten Phase treten sekundäre Schädigungen auf, die zu einer weiteren Zerstörung von Neuronen führen können.

Behandlung und Therapie des SHT

Die Behandlung des SHT ist abhängig vom Schweregrad der Verletzung. Primäres Ziel ist es, die Blut- und Sauerstoffversorgung des Gehirns aufrechtzuerhalten, um möglichst viele Neurone vor sekundären Schäden zu retten.

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