Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die eine Vielzahl von Beschwerden verursachen kann. Oftmals beginnt die MS mit unspezifischen Symptomen, die eine frühe Diagnose erschweren. Eine aktuelle Studie der Technischen Universität München (TUM) unter der Leitung von Prof. Bernhard Hemmer wirft ein neues Licht auf die frühen Phasen der MS und könnte die Therapie der Erkrankung optimieren.
Was ist Multiple Sklerose?
Multiple Sklerose ist eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem fälschlicherweise die Myelinscheiden angreift. Die Myelinscheiden umhüllen die Nervenfasern im Gehirn und Rückenmark und ermöglichen eine schnelle und effiziente Weiterleitung von Nervensignalen. Werden die Myelinscheiden beschädigt, kommt es zu Entzündungen und Narbenbildung (Sklerose) im zentralen Nervensystem. Dies führt zu einer Vielzahl von neurologischen Symptomen, deren Ausprägung und Verlauf individuell sehr unterschiedlich sein können. Daher wird die MS oft als die „Krankheit der 1000 Gesichter“ bezeichnet.
Symptome der Multiplen Sklerose
Die Symptome der Multiplen Sklerose sind vielfältig und hängen davon ab, welche Bereiche des zentralen Nervensystems betroffen sind. Zu den häufigsten Symptomen gehören:
- Sensibilitätsstörungen: Taubheitsgefühle, Kribbeln oder Brennen in Armen, Beinen oder im Gesicht.
- Sehstörungen: Verschwommenes Sehen, Doppelbilder oder eine Entzündung des Sehnervs (Optikusneuritis).
- Bewegungsstörungen: Muskelschwäche, Spastik (Muskelsteifheit), Koordinationsprobleme oder Gleichgewichtsstörungen.
- Fatigue: Chronische Müdigkeit und Erschöpfung, die sich durch Ruhe nicht bessert.
- Blasen- und Darmfunktionsstörungen: Häufiger Harndrang, Inkontinenz oder Verstopfung.
- Kognitive Störungen: Gedächtnisprobleme, Konzentrationsschwierigkeiten oder verlangsamtes Denken.
- Psychische Störungen: Depressionen oder Angstzustände.
Verlauf der Multiplen Sklerose
Der Verlauf der Multiplen Sklerose ist individuell sehr unterschiedlich. Es werden hauptsächlich drei Verlaufsformen unterschieden:
- Schubförmig-remittierende MS (RRMS): Die MS verläuft in Schüben, bei denen neue Symptome auftreten oder sich bestehende Symptome verschlimmern. Zwischen den Schüben bilden sich die Symptome ganz oder teilweise zurück (Remission). Dies ist die häufigste Verlaufsform zu Beginn der Erkrankung.
- Sekundär progrediente MS (SPMS): Nach einem schubförmigen Verlauf geht die MS in eine kontinuierliche Verschlechterung der Symptome über, unabhängig von Schüben.
- Primär progrediente MS (PPMS): Die MS verschlechtert sich von Beginn an kontinuierlich, ohne dass es zu Schüben kommt.
Frühe Schädigungen bei Multipler Sklerose
Die Rolle der Prodromalphase
Lange Zeit wurde angenommen, dass es bei der Multiplen Sklerose eine sogenannte Prodromalphase gibt. Dies ist eine Vorläuferphase, in der unspezifische Symptome auftreten, die aber noch nicht eindeutig auf eine MS hinweisen. Betroffene stellen sich in dieser Phase häufiger ärztlich vor, ohne dass eine klare Diagnose gestellt werden kann.
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Neue Erkenntnisse der TUM-Studie
Die aktuelle Studie der TUM stellt die Existenz einer Prodromalphase in Frage. Die Forscher um Prof. Hemmer haben herausgefunden, dass die Beschwerden, die in den Jahren vor der MS-Diagnose auftreten, wahrscheinlich bereits erste Schubereignisse der Erkrankung sind.
„Vielmehr vermuten wir hinter den Gründen zur ärztlichen Vorstellung bereits erste Schubereignisse“, sagt Prof. Hemmer. „Denn wir haben herausgefunden, dass bei den Arzt- und Klinikbesuchen vermehrt Beschwerden vorlagen, die auf erste Symptome der MS hinweisen. Wir glauben, dass viele Beschwerden, die bisher einer Prodromalphase zugeordnet wurden, durch die bereits bestehende Erkrankung selbst verursacht werden.“
Die Studie analysierte die ambulanten Versorgungsdaten von mehreren Tausend Personen in Bayern und zeigte, dass MS-Patienten bereits Jahre vor ihrer Diagnose deutlich häufiger wegen verschiedener Beschwerden ärztliche Hilfe suchten. Diese Beschwerden umfassten unter anderem Sensibilitätsstörungen, Sehstörungen und andere neurologische Symptome, die typisch für MS sind.
Interessanterweise stellten sich Personen mit MS in der Studie seltener wegen Infekten der oberen Atemwege ärztlich vor. „Dies war ein unerwartetes Ergebnis, zumal Schubereignisse bei MS in der Vergangenheit manchmal mit Infekten in Verbindung gebracht werden konnten“, sagt Co-Erstautor PD Dr. Alexander Hapfelmeier.
Bedeutung für Diagnose und Therapie
Die Erkenntnisse der TUM-Studie haben wichtige Implikationen für die Diagnose und Therapie der Multiplen Sklerose. Wenn die frühen Beschwerden tatsächlich bereits erste Schubereignisse sind, bedeutet dies, dass die Erkrankung möglicherweise schon früher beginnt als bisher angenommen.
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„Je früher eine MS erkannt wird, desto besser können wir die Erkrankung behandeln“, sagt Erstautorin Dr. Christiane Gasperi. „Wir müssen nun genauer untersuchen, welche frühen Symptome der MS unter Umständen übersehen werden.“
Eine frühere Diagnose ermöglicht einen früheren Therapiebeginn, was potenziell den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen und langfristige Schäden reduzieren kann. Es ist daher wichtig, dass Ärzte und Betroffene aufmerksam auf unspezifische Symptome achten, die auf eine beginnende MS hindeuten könnten.
Diagnose der Multiplen Sklerose
Die Diagnose der Multiplen Sklerose basiert auf verschiedenen Untersuchungen und Kriterien. Es gibt keinen einzelnen Test, der die Diagnose sicherstellen kann. Zu den wichtigsten Diagnoseinstrumenten gehören:
- Neurologische Untersuchung: Der Arzt untersucht die neurologischen Funktionen des Patienten, wie z.B.Sensibilität,Motorik, Koordination und Reflexe.
- Magnetresonanztomographie (MRT): Das MRT ist ein bildgebendes Verfahren, mit dem Entzündungsherde (Läsionen) im Gehirn und Rückenmark sichtbar gemacht werden können.
- Liquoruntersuchung: Bei der Liquoruntersuchung wird Nervenwasser aus dem Rückenmarkkanal entnommen und auf bestimmte Entzündungsmarker untersucht.
- Evozierte Potentiale (VEP, SEP): Diese Messungen überprüfen die Funktion der Nervenbahnen, indem sie die elektrische Aktivität des Gehirns als Reaktion auf bestimmte Reize messen.
Um die Diagnose MS zu stellen, müssen bestimmte Kriterien erfüllt sein. Dazu gehört der Nachweis von Entzündungsherden an mehreren Stellen im zentralen Nervensystem (räumliche Dissemination) und zu verschiedenen Zeitpunkten (zeitliche Dissemination).
Therapie der Multiplen Sklerose
Die Multiple Sklerose ist derzeit nicht heilbar, aber es gibt verschiedene Therapieansätze, die den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen und die Symptome lindern können. Die Therapie der MS umfasst:
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- Schubtherapie: Bei einem akuten Schub werden Kortikosteroide eingesetzt, um die Entzündung zu reduzieren und die Symptome zu lindern. In schweren Fällen kann auch eine Plasmapherese (Blutwäsche) erforderlich sein.
- Immuntherapie: Die Immuntherapie zielt darauf ab, das Immunsystem zu modulieren und die Entzündungsaktivität im zentralen Nervensystem zu reduzieren. Es gibt verschiedene Immuntherapeutika, die je nach Krankheitsverlauf und individuellen Faktoren eingesetzt werden können.
- Symptomatische Therapie: Die symptomatische Therapie dient dazu, die verschiedenen Symptome der MS zu lindern, wie z.B.Spastik,Schmerzen, Fatigue,Blasenfunktionsstörungen oder Depressionen. Hier kommen verschiedene Medikamente,Physiotherapie, Ergotherapie und andere Behandlungsansätze zum Einsatz.
- Rehabilitation: Eine Rehabilitation kann Betroffenen helfen, ihre körperlichen, kognitiven und psychischen Fähigkeiten zu verbessern und ihren Alltag besser zu bewältigen.
Lebenserwartung bei Multipler Sklerose
Die Prognose von Menschen mit Multipler Sklerose hat sich in den letzten Jahrzehnten verbessert. Die Lebenserwartung ist durch die Erkrankung oft nicht wesentlich verkürzt. Viele Betroffene leben jahrzehntelang mit der Erkrankung. Ein schwerer Verlauf kann allerdings manchmal nach wenigen Monaten tödlich enden, was aber selten vorkommt.
Häufiger sterben Menschen mit MS an Komplikationen wie Lungenentzündung oder Uro-Sepsis. Auch Suizide kommen bei ihnen häufiger vor als in der Normalbevölkerung. Es gibt viele Faktoren, die einen Einfluss auf die Gesundheit und die Lebenserwartung haben - bei Menschen mit Multipler Sklerose ebenso wie bei Gesunden. Dazu gehören zum Beispiel starker Tabak- und Alkoholkonsum, geringer Bildungsstand oder soziale und psychische Belastungen sowie Stress, zum Beispiel durch Arbeitslosigkeit oder Scheidung.
Der individuelle Verlauf und die Prognose der Erkrankung hängen also von vielen Faktoren ab und sind daher individuell sehr unterschiedlich. Auch ein Experte oder eine Expertin ist deshalb nicht in der Lage, eine genaue Vorhersage zum Multiple-Sklerose-Verlauf und zur Lebenserwartung bei einzelnen Betroffenen zu machen.
Leben mit Multipler Sklerose
Das Leben mit Multipler Sklerose kann eine Herausforderung sein, aber mit der richtigen Therapie und Unterstützung können Betroffene ein erfülltes Leben führen. Wichtig ist, die Erkrankung frühzeitig zu erkennen und eine individuelle Therapie zu beginnen. Zudem ist es wichtig, sich über die Erkrankung zu informieren, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen und professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.