Drogenkonsum hat tiefgreifende Auswirkungen auf das Gehirn, die von kurzfristigen Veränderungen bis hin zu langfristigen Schäden reichen können. Diese Auswirkungen sind auf komplexe Wechselwirkungen zwischen Drogen und den neuronalen Schaltkreisen des Gehirns zurückzuführen, insbesondere auf das Belohnungssystem. Sucht wird heute als eine chronische Krankheit betrachtet, die Strukturen und Funktionen im Gehirn verändert. Dieser Artikel beleuchtet die Mechanismen, durch die Drogen wirken, die Veränderungen, die sie im Gehirn verursachen, und die daraus resultierenden Konsequenzen für Verhalten und Gesundheit.
Das Belohnungssystem und Dopamin
Unser Belohnungssystem ist ein komplexes Netzwerk im Gehirn, das durch Botenstoffe wie Dopamin aktiviert wird. Es ist essenziell für Motivation, Lernen und Gedächtnis. Natürliche Belohnungen wie Essen, Trinken oder soziale Interaktion stimulieren dieses System und erzeugen positive Gefühle. Drogen nutzen jedoch dieses System aus, indem sie die Dopaminfreisetzung künstlich und in viel stärkerem Maße erhöhen als natürliche Reize.
Drogen wirken durch unterschiedliche Mechanismen und auf verschiedene Rezeptoren im Gehirn. Gemein ist aber allen, dass sie das Belohnungssystem mithilfe des Botenstoffs Dopamin aktivieren. Und das deutlich stärker, als alle natürlichen Belohnungen, die wir kennen. Amphetamine beispielsweise setzen bei Versuchstieren zehnmal mehr Dopamin frei als Nahrungsaufnahme oder Sex.
Die Rolle von Dopamin
Dopamin ist ein Neurotransmitter, der eine Schlüsselrolle im Belohnungssystem spielt. Es wird bei positiven Erlebnissen ausgeschüttet und erzeugt Gefühle von Freude und Glück. Drogen können die Dopaminfreisetzung im Gehirn massiv erhöhen, was zu einem intensiven Gefühl der Euphorie führt. Dieser künstlich erzeugte "Kick" ist jedoch trügerisch, da er das Gehirn dazu bringt, sich an die erhöhte Dopaminmenge zu gewöhnen.
Neuronale Veränderungen durch Drogenkonsum
Regelmäßiger Drogenkonsum führt zu einer Reihe von neuronalen Anpassungen im Gehirn. Diese Anpassungen können das Belohnungssystem desensibilisieren, die Toleranz erhöhen und zu Suchtverhalten führen.
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Das Gehirn merkt sich, welche Stoffe zu einer besonderen Belohnung geführt haben. Das Verlangen nach den belohnenden Substanzen wird dadurch stärker, komplexe neuronale Anpassungsprozesse setzen ein und diese Adaptation verändert das Gehirn nachhaltig. Die enge Interaktion von Reizverarbeitung, Kognition, Gedächtnis und Emotion bedingen so ein Suchtverhalten, das nach und nach erlernt wird und schließlich in ein nahezu automatisiertes Handlungsmuster mündet.
Habituation und Sensitivierung
Auf dem Weg zur Sucht sind mehrere Schritte besonders bedeutsam. Zunächst kommt es zu einer Gewöhnung an das durch die Substanzen ausgelöste Gefühl der Leichtigkeit und Euphorie. Diese Gewöhnung wird im Fachjargon als Habituation bezeichnet. Gleichzeitig wird der Suchtkranke immer sensibler für Reize, die mit der Aufnahme des Suchtstoffes in Verbindung stehen, zum Beispiel der Anblick eines Bierglases. Immer wird er an das schöne Gefühl bei Konsum der Droge erinnert und möchte dem Verlangen nach der Substanz nachgeben, was als Sensitivierung (Habit-Bildung) bezeichnet wird.
Toleranzentwicklung
Da gleichzeitig eine Toleranzentwicklung einsetzt, reicht dem Suchtkranken die letztmalige Dosis nicht mehr aus, um das gleiche Gefühl zu entwickeln - und er muss immer mehr konsumieren.
Veränderungen im präfrontalen Cortex
Neurowissenschaftlerin Sabine Vollstädt-Klein forscht am ZI an den Veränderungen im Gehirn, die bei diesem Prozess auftreten: Entscheidend für die Ausbildung einer Suchterkrankung ist das Zusammenspiel von Netzwerken des präfrontalen Cortex mit denen des dopaminergen mesolimbischen Systems.
Der präfrontale Cortex, der für Entscheidungsfindung, Impulskontrolle und kognitive Funktionen zuständig ist, wird durch Drogenkonsum ebenfalls beeinträchtigt. Bei Personen, die zu Abhängigkeit neigen, kann der präfrontale Cortex von vornherein eine Dysfunktion aufweisen. Durch den anhaltenden Substanzkonsum wird dies noch verstärkt. Die kognitive Kontrolle nimmt dann ab! Diese kognitive Kontrolle über impulsives Verhalten und Automatismen wird auch als Top-Down-Hemmung bezeichnet. Umgekehrt sprechen die Wissenschaftler von Bottom-Up-Prozessen, wenn Reize wahrgenommen werden, in tieferen Hirnregionen verarbeitet und dann an höhere Hirnregionen wie den präfrontalen Cortex weitergeleitet werden. „Bei Suchtpatienten kann das mesolimbische System durch diese Bottom-Up-Prozesse den präfrontalen Cortex sozusagen ‚kidnappen‘“, sagt Sabine Vollstädt-Klein.
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Das Striatum und die Verlagerung der Aktivierung
Ein besonders bedeutendes Kerngebiet im mesolimbischen System ist dabei das so genannte Striatum. Es wird in einen ventralen (nach vorne gerichteten) Teil und einen dorsalen (zum Rücken gerichteten) Teil unterschieden. Im ventralen Striatum ist auch der Nucleus accumbens lokalisiert, der als das „Lustzentrum“ im Gehirn gilt. „In bildgebenden Studien lässt sich beobachten, dass bei zunehmender Abhängigkeit die Aktivierung vom ventralen Striatum in das dorsale Striatum wandert“, erklärt Sabine Vollstädt-Klein. Dieser Shift von ventral nach dorsal könnte damit im Zusammenhang stehen, dass sich auch das Verhalten von Suchtkranken in Bezug auf Drogen im Verlauf ändert. Während die Abhängigen anfangs noch freiwillig und zum Vergnügen konsumieren, verlieren sie zunehmend die Kontrolle über ihr Verhalten und sehen sich immer stärker gezwungen, Drogen zu nehmen.
Spezifische Auswirkungen verschiedener Drogen
Die Auswirkungen von Drogen auf das Gehirn variieren je nach Art der Substanz. Einige Drogen, wie Kokain, können zu schnellen Veränderungen in der Hirnstruktur führen, während andere, wie Alkohol, langfristige Schäden verursachen können.
Kokain
Berkeley - Schon nach einmaliger Gabe von Kokain kommt es im Entscheidungszentrum des Frontalhirns zur Bildung neuer Dornfortsätze auf den Dendriten der Neurone. Die an Mäusen vorgenommenen Experimente in Nature Neuroscience (2013; doi: 10.1038/nn.3498) veranschaulichen die schnelle Lern- sprich Suchtentwicklung der Droge.
Frühere Studien hatten gezeigt, dass Kokain den dorsomedialen präfrontalen Cortex verändert. Die Region des Stirnhirns gehört zu den Entscheidungszentren des Gehirns und steht in enger Verbindung zu den Basalganglien und anderen „tieferen“ Hirnregionen, die das Verhalten steuern. Frühere Studien hatten gezeigt, dass der Kokainkonsum hier zu Veränderungen führt. Dazu gehört die Bildung neuer Dornfortsätze im Layer 5, einer oberen Schicht der Pyramidenzellen im besagten dorsomedialen präfrontalen Cortex. Dornfortsätze sind knopf- oder pilzförmige Ausstülpungen, an deren Spitze sich in der Regel Synapsen ausbilden. Neue Dornfortsätze sind deshalb ein Hinweis auf eine funktionelle Veränderung in der Hardware des Gehirns.
Die Experimente zeigen, dass Kokain ein rasche „Lernwirkung“ in einer für das Verhalten zentralen Hirnregion erzielt.
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Kokain begünstigt Schlaganfälle - und lässt das Gehirn schneller altern. Denn dort stößt die Droge Abbauprozesse an, die sonst bei Krankheiten wie Alzheimer und Parkinson gesehen werden. Vor zwei Jahren zeigte eine internationale Metaanalyse von 36 Studien, dass der Konsum von Kokain das Risiko für Hirnblutungen und Schlaganfällen verfünffacht [1].
Darüber hinaus richten Drogen wie Kokain viele andere Schäden im Gehirn an. Halluzinationen, Hyperaktivität, Realitätsverlust und Paranoia sind bekannte Begleit- und Folgeerscheinungen.
Alkohol
Alkohol ist eine Droge. Doch was machen alle diese Stoffe im Gehirn? Die einfache Antwort: sie zerstören es.Drogen stören die Balance der Neurotransmitter. Heißt, sie wirken auf die Informationsübertragung im Gehirn. Alkohol beispielsweise hemmt bestimmte Glutamatrezeptoren (zuständig für Kommunikation der Nervenzellen, das Erinnerungsvermögen und Lernen), Substanzen wie Kokain blockieren sie. Allen gemeinsam ist, sie verändern Gehirnmasse, das Gehirnvolumen wird kleiner.
Klar widerlegt sei übrigens inzwischen die Behauptung, maßvoller Alkoholkonsum (das Glas Rotwein am Abend) verlängere das Leben. „Alkohol ist ein Nervengift“, macht Oberarzt Salinger deutlich.
Allgemeine Auswirkungen
Drogen „manipulieren“ das Gehirn. Sie setzen Botenstoffe frei, die zunächst Wohlbefinden auslösen und so zur Sucht führen. Verschiedene Mechanismen im Gehirn sorgen dafür, dass das Verlangen immer größer wird, gleichzeitig die Bedeutung anderer Dinge wie Partnerschaft, Freundschaften, Hobbies oder Beruf abnimmt. „Drogen machen uns zu Zombies, wir werden fremdgesteuert und verlieren uns als Mensch, das eigene Sein wird der Droge untergeordnet“, so der Neurologe und Psychologe Prof. Dr.
Das Suchtgedächtnis und Rückfälle
Unser Gehirn speichert nicht nur schöne Urlaubserinnerungen oder den Geschmack von Lieblingsgerichten. Leider merkt sich das Gehirn auch, welche Stoffe oder Verhaltensweisen zu einer besonderen Belohnung geführt haben. Das Verlangen danach wird stärker, besonders das Vorderhirn wird dabei durch neuronale Anpassungsprozesse nachhaltig verändert. Das enge Zusammenspiel von Reizverarbeitung, Kognition, Gedächtnis und Emotion führen - etwa bei einer Drogenabhängigkeit - zu einem Suchtverhalten, das nach und nach erlernt wird. Schließlich kann es in ein nahezu automatisiertes Handlungsmuster münden.
Die Drogenwirkung ist im Gehirn verankert (gelernt). Ebenso sind verschiedene andere Reize gespeichert, die im Zusammenhang mit der Droge stehen (z.B. Lokalitäten, bestimmte Leute, Freunde, Gerüche, Tageszeiten). Diese Reize sind emotional so eng mit der Drogenwirkung verknüpft (gelernt), dass sie einen hohen Anziehungswert (Suchtgedächtnis) erhalten.
Umkehren lassen sich diese Mechanismen kaum. „Das Gehirn hat keine Löschfunktion“, gibt Falk Kiefer zu Bedenken. „Aber man kann neue Dinge lernen, die im Alltag nach und nach mehr Platz einnehmen und das vorher Gelernte in den Hintergrund rücken lassen.“
Behandlungsmöglichkeiten und Prävention
Trotz der tiefgreifenden Veränderungen, die Drogen im Gehirn verursachen können, gibt es Hoffnung auf Genesung. Verschiedene Therapieansätze, einschließlich psychotherapeutischer und medikamentöser Behandlungen, können helfen, das Suchtverhalten zu kontrollieren und ein abstinentes Leben zu führen.
Die Therapie einer Suchterkrankung ist abhängig von der Art der Sucht und der Ausprägung bei jedem oder jeder Einzelnen. Entsprechend unterscheiden sich auch die Vorgehensweisen bei einer stoffgebundenen und bei einer Verhaltenssucht. In diesem Fall wird bei Sucht durch Substanzen in der Regel anfangs eine körperliche Entgiftung unter medizinischer Aufsicht durchgeführt, um möglichen Komplikationen vorzubeugen. Fällt das Ziel einer Abstinenz dem oder der Betroffenen dennoch zu schwer, wird zumindest versucht, den Konsum im Sinne einer Schadensminimierung zu verringern, beziehungsweise zu begrenzen. Bei der medizinischen Behandlung einer Drogenabhängigkeit kommen unter Umständen für einige Substanzen Ersatzstoffe, wie etwa Methadon für Heroin in Frage, was den Beginn einer Therapie erleichtern kann. Das detaillierte, gestufte Vorgehen bei Verhaltenssüchten ist derzeit Gegenstand wissenschaftlicher Forschung.
Ein wichtiges Ziel der Behandlung ist, neuen Lebensmut zu bekommen und dank neuer Strategien und Verhaltensmustern abstinent zu bleiben. Mögliche Therapien, die in der Regel kombiniert angewendet werden, sind:
- Beratung: Das können motivierende Gespräche sein, mit dem Ziel, für das Thema Sucht zu sensibilisieren, zur Änderung des Verhaltens anzuregen und Zugang zu einem Behandlungsangebot zu verschaffen.
- Entgiftung: Meistens spricht man in diesem Zusammenhang von einem Entzug.
- Entwöhnung: medizinische Reha-Behandlung durch ein multiprofessionelles Team.
- Psychotherapie: zum Beispiel kognitive Verhaltenstherapie.
- Selbsthilfegruppen und Gruppenangebote
- Medikamente: Das starke Verlangen („Craving“) lässt sich in manchen Fällen medikamentös lindern.
- Behandlung einer eventuell zusätzlich bestehenden psychischen Erkrankung: zum Beispiel Therapie einer Depression, Angststörung oder Schizophrenie
Prävention
Prävention spielt eine entscheidende Rolle bei der Verhinderung von Drogenmissbrauch und Sucht. Frühzeitige Aufklärung über die Risiken von Drogenkonsum, Förderung eines gesunden Lebensstils und Stärkung der Resilienz können dazu beitragen, das Risiko einer Suchtentwicklung zu verringern.