Das Fasten, ein bewusster Verzicht auf Nahrung oder bestimmte Annehmlichkeiten, ist eine Praxis, die tief in der menschlichen Geschichte verwurzelt ist. Von religiösen Traditionen bis hin zu modernen Gesundheitstrends hat das Fasten vielfältige Formen angenommen und wird aus unterschiedlichen Gründen praktiziert. Dieser Artikel beleuchtet die Auswirkungen des Fastens auf das Gehirn, die psychologischen Aspekte und die verschiedenen Fastenmethoden.
Die Psychologie des Fastens
Kontrolle und Selbstwirksamkeit
Professor Lahmann betont, dass Fasten oft damit zu tun hat, die Kontrolle über Gewohnheiten zurückzugewinnen. In einer Welt, in der uns viele Dinge ununterbrochen zur Verfügung stehen, ermöglicht das Fasten, unser Verlangen zu kontrollieren und ein Gefühl der Selbstwirksamkeit zu erleben. Gerade in Zeiten von äußerem Verzicht, wie während der Corona-Pandemie, kann freiwilliges Fasten ein Gefühl von Autonomie und Freiheit vermitteln.
Serotonin, Adrenalin und Arousal
Beim Nahrungsfasten wird die Wirkung des Hormons Serotonin verstärkt, das oft als Glückshormon bezeichnet wird. In den ersten Tagen wird zudem Adrenalin ausgeschüttet, was zu erhöhter Wachheit führt. Der Verzicht auf digitale Medien, wie das Handy, kann die unspezifische Aktivierung des Gehirns (Arousal) reduzieren, die durch ständiges Nachrichtenlesen und Schreiben entsteht.
Nachhaltigkeit nach der Fastenzeit
Nach der Fastenzeit ist es wichtig, sich der Erfahrung des Verzichts bewusst zu bleiben und die eigenen Gewohnheiten zu reflektieren. Der Mensch ist ein soziales Wesen, und sein Gehirn ist auf soziale Interaktion ausgelegt. Erfahrungen, die uns helfen, Angst und Stress zu kontrollieren, sind besonders tief in unserem Gehirn verankert.
Neurobiologische Aspekte des Fastens
Neuronale Netzwerke und Informationsverarbeitung
Die Informationsverarbeitung im zentralen Nervensystem (ZNS) erfolgt durch die Aktivierung multifokaler, eng miteinander verschalteter neuronaler Netzwerke. Veränderungen in einem Netzwerk werden auf andere übertragen. Dieser Prozess kann durch Verhaltensreaktionen, Medikamente oder die Stimulation eines global wirksamen Transmittersystems (z. B. durch Fasten) beeinflusst werden.
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Das Serotonerge System
Das serotonerge System spielt eine zentrale Rolle bei der Harmonisierung der Informationsprozesse im Gehirn. Es übt einen ständig präsenten, global wirksamen Harmonisierungseffekt auf die Aktivitäten der regionalen Netzwerke aus. Die Aktivität dieses Systems kann durch Psychopharmaka, Drogen und nutritive Manipulationen verstärkt werden.
Tryptophanverfügbarkeit und Serotonintransporter
Tierversuche haben gezeigt, dass kurzzeitige Nahrungskarenz die Tryptophanverfügbarkeit im Gehirn erhöht, was zu einer gesteigerten Serotoninsynthese und -freisetzung führt. Nach einigen Tagen der Nahrungsrestriktion vermindert sich zudem die Anzahl von Serotonintransportern in den Nervenendigungen serotonerger Neurone, was die Serotoninkonzentration im extrazellulären Raum erhöht und eine länger andauernde Interaktion mit den Rezeptoren ermöglicht.
Psychische Effekte und Suchtpotential
Die psychischen Effekte des Fastens sind vielfältig und können transzendentale Bewusstseinszustände hervorrufen. Religiöse Gebräuche wie die vorösterliche Fastenperiode oder der islamische Ramadan scheinen auf diesen biologischen Effekten zu beruhen. Allerdings birgt die Entdeckung der Null-Diät als Angstbewältigungsstrategie auch ein Suchtpotential, insbesondere bei vulnerablen Personen.
Freiwilliges Fasten vs. Hunger
Es ist wichtig zu unterscheiden zwischen freiwilligem Fasten und Hunger. Hunger löst Unlust aus und aktiviert Stress-sensitive Systeme im Gehirn. Im Gegensatz dazu unterdrückt freiwilliges Fasten diese Kaskade und wird ohne Angst und Stress erlebt. Die individuelle Bewertung ist entscheidend für die neurobiologischen Effekte und deren Auswirkungen auf die Psyche und den Körper.
Fastenmethoden und ihre Auswirkungen
Vielfalt des Fastens
Fasten ist eine alte Praxis zur Reinigung und Heilung von Körper und Geist und hat sich zu einem beliebten Gesundheitstrend entwickelt. Es gibt verschiedene Fastenmethoden, die jeweils unterschiedliche Schwerpunkte und Wirkungen haben.
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Darmreinigung und Zellverjüngung
Studien haben gezeigt, dass Fasten den Darm reinigen und stärken kann. Es trägt zur Zellverjüngung bei und regt die Autophagie an, einen Prozess, bei dem der Körper eigene Zellen recycelt. Darüber hinaus kann Fasten helfen, das Körpergewicht zu reduzieren, das Herz-Kreislauf-System zu stärken, den Stoffwechsel zu verbessern und Entzündungen im Körper zu reduzieren. Auch bei chronischen Erkrankungen kann sich Fasten symptomlindernd auswirken.
Mögliche Nebenwirkungen
Je nach Art, Intensität und Dauer des Fastens können Nebenwirkungen wie Hungergefühle, Schwäche und Erschöpfung auftreten. Insbesondere Wasserfasten und Heilfasten können zu Veränderungen des Elektrolythaushalts und weiteren medizinischen Komplikationen führen.
Mayr-Kur
Die Mayr-Kur ist eine spezielle Fastenkur, die auf Franz Xaver Mayr zurückgeht. Ziel ist eine Darmsanierung und nachhaltige Gesundheitsförderung. Die Kur beginnt mit einer Teefastenphase, gefolgt von einer Schonkost. Ein wichtiger Aspekt ist das bewusste Training des langsamen, gründlichen Kauens.
Basenfasten
Das Basenfasten ist eine milde Form des Fastens, bei der man sich ausschließlich von basischen Lebensmitteln ernährt und viel Wasser trinkt. Kaffee und Alkohol werden vermieden.
Heilfasten nach Buchinger
Das Heilfasten nach Otto Buchinger wird primär zur Prävention bzw. Gesundheitsvorsorge empfohlen, zeigt aber auch bei bestehenden Erkrankungen positive Wirkung. Die Kur beginnt mit einer Darmreinigung, gefolgt von Fastentagen mit Gemüsebrühe, Kräutertees und frisch gepressten Säften. Der Kostaufbau nach dem Fasten sollte halb so lang dauern wie das Fasten selbst. Heilfasten sollte unter ärztlicher Aufsicht durchgeführt werden.
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Intervallfasten
Das Intervallfasten ist eine beliebte Methode, bei der sich Essens- und Fastenperioden abwechseln. Es gibt verschiedene Varianten, wie z.B. die 16/8-Methode oder das 5:2-Fasten.
Dopamin-Fasten
Das Dopamin-Fasten ist ein aktueller Trend aus dem Silicon Valley, bei dem auf alles verzichtet wird, was Spaß macht, um einer Überstimulation des Gehirns entgegenzuwirken. Ziel ist es, die eigene Erwartungshaltung zu drosseln und das Belohnungssystem auszubremsen.
Die Rolle des Gehirns bei der Autophagie
Neues Verständnis der Autophagie
Forschende des Max-Planck-Instituts für Stoffwechselforschung in Köln haben gezeigt, dass das Gehirn eine entscheidende Rolle bei der Autophagie spielt. Schon nach einer kurzen Fastenzeit löst das Gehirn die Ausschüttung des Hormons Corticosteron aus und leitet damit die Autophagie in der Leber ein.
AgRP-Neuronen und Corticosteron
Die Forschenden fanden heraus, dass das Gehirn während des Fastens nicht nur Signale sendet, die den Organismus zum Essen anregen, sondern auch Signale, die die Autophagie aktivieren. Wenn der Energielevel niedrig ist, lösen AgRP-Neuronen im Hypothalamus die Ausschüttung von Corticosteron aus, das die Autophagie in den Leberzellen anregt.
Bedeutung der Autophagie
Die Autophagie ist für das Überleben wichtig. Defekte oder beschädigte Moleküle werden vom zelleigenen Abfallentsorgungssystem geschreddert und abgebaut, und daraus wird neue Energie gewonnen. Diese Art der Entgiftung des Körpers hält den Körper fit und sehr wahrscheinlich auch jung.
Systematische Veränderungen im Körper während des Fastens
Internationale Studie
Eine internationale Studie des Berlin Institute of Health in der Charité (BIH) und anderer Institutionen zeigt, dass der menschliche Körper während längerer Fastenperioden weitreichende, systematische Veränderungen in mehreren Organen erfährt. Die Ergebnisse deuten auf Effekte von Fasten hin, die über die bloße Gewichtsreduktion weit hinausgehen, allerdings erst nach mehreren Tagen ohne Nahrung erreicht werden.
Veränderungen der Proteinzusammensetzung
Die Studie beobachtete zwölf gesunde Freiwillige, die an einem siebentägigen reinen Wasserfasten teilnahmen. Die Forschenden konnten feststellen, dass der Körper nach etwa drei Tagen Fasten deutliche Veränderungen in der Proteinzusammensetzung des Blutes durchmacht. Dies deutet darauf hin, dass der gesamte Körper mit Anpassungen in allen wichtigen Organen auf die strikte Kalorienbeschränkung reagiert.
Auswirkungen auf die Gesundheit
Die Veränderungen der Proteinzusammensetzung umfassen Anpassungen, die über den Gewichtsverlust hinausgehen, wie etwa Veränderungen bei Proteinen, die die Stützstruktur der Neuronen im Gehirn bilden. Diese Erkenntnisse tragen zum molekularen Verständnis von Behandlungsmethoden bei, die schon im alten Griechenland erfolgreich eingesetzt wurden.
Die Bedeutung des Fastens in der modernen Gesellschaft
Überfluss und Bewegungsmangel
In der modernen Gesellschaft sind wir von einem Überfluss an Nahrungsmitteln umgeben und bewegen uns gleichzeitig kaum. Dies hinterlässt Spuren in Form von Übergewicht, Diabetes, Bluthochdruck und anderen Zivilisationskrankheiten.
Rhythmus von Überfluss und Mangel
Ein Blick auf die Natur zeigt, dass das Leben sich im Rhythmus von Tag und Nacht, von Wärme und Kälte, von Überfluss und Mangel entwickelt hat. Es könnte uns guttun, zeitweise zu verzichten und auch einmal gegen die ewige Esserei anzugehen.
Fasten als Heilmittel
Schon Paracelsus wusste, dass Fasten das größte Heilmittel ist. Die moderne Wissenschaft liefert uns immer mehr Hinweise für diese These.
Die Verbindung zwischen Darm und Gehirn
Forscher entdecken immer wieder neue Puzzleteilchen, die irgendwann ein Gesamtbild ergeben könnten. So haben auch Darmhormone, die vor oder nach Mahlzeiten ausgeschüttet werden, mehr Aufgaben, als nur Hunger und Sättigung zu melden - sie dienen dem Gehirn als Botschafter. Systeme, die die Nahrungsaufnahme regulieren, und solche, in denen Gefühle und sogar Erinnerungen verarbeitet werden, kooperieren im Gehirn wie im restlichen Körper eng miteinander.
Stimmungsaufhellung und Immunfunktion
Beim Fasten schüttet der Körper Botenstoffe aus, die die Stimmung stimulieren: Endorphine, Dopamin, Serotonin. Auch die Neuverschaltung der Nervenzellen wird angeregt. Nicht zuletzt wirkt sich Zurückhaltung beim Essen aber auch auf das Immunsystem vorteilhaft aus.