Stürze sind eine ernste Gefahr, insbesondere für ältere Menschen, aber auch Kinder können betroffen sein. Dieser Artikel beleuchtet die Sturzprophylaxe, ihre Bedeutung, Risikofaktoren und Maßnahmen zur Vorbeugung von Stürzen in verschiedenen Altersgruppen.
Einleitung
Stürze sind im Alter keine Seltenheit. Schätzungsweise stürzt etwa ein Drittel der Menschen über 65 Jahre jährlich mindestens einmal. Diese Ereignisse können schwerwiegende körperliche und psychische Folgen haben, von Knochenbrüchen und Prellungen bis hin zu Angstzuständen und sozialer Isolation. Daher ist die Sturzprophylaxe ein wichtiger Aspekt der Gesundheitsversorgung und Pflege. Ziel ist es, das Sturzrisiko zu minimieren und die Lebensqualität der Betroffenen zu erhalten.
Was ist Sturzprophylaxe?
Die Sturzprophylaxe umfasst alle Maßnahmen, die darauf abzielen, Stürze und deren Folgen zu verhindern. Dazu gehören:
- Risikoerkennung: Identifizierung von Faktoren, die das Sturzrisiko erhöhen.
- Beratung und Information: Aufklärung von Betroffenen und Angehörigen über Sturzrisiken und Präventionsmaßnahmen.
- Individuelle Maßnahmen: Anpassung des Lebensstils und der Umgebung zur Minimierung des Sturzrisikos.
- Umgebungsanpassung: Beseitigung von Stolperfallen und Schaffung einer sicheren Umgebung.
Risikofaktoren für Stürze
Es gibt eine Vielzahl von Faktoren, die das Sturzrisiko erhöhen können. Diese lassen sich in drei Kategorien einteilen: personenbezogene, medikamentenbezogene und umgebungsbezogene Faktoren.
Personenbezogene Risikofaktoren
- Alter: Mit zunehmendem Alter steigt das Sturzrisiko aufgrund von körperlichen Veränderungen wie Muskelabbau, Gleichgewichtsstörungen und reduzierter Sehfähigkeit.
- Krankheiten: Bestimmte Erkrankungen wie Parkinson, Multiple Sklerose, Demenz, Arthritis, Blutdruckstörungen und Sehbeeinträchtigungen können die Bewegungsfähigkeit einschränken und das Sturzrisiko erhöhen. Kognitiv beeinträchtigte Menschen sowie solche, die unter Demenz leiden, benötigen besonders intensive Aufmerksamkeit.
- Funktionelle Einschränkungen: Beeinträchtigungen der Gehfähigkeit, des Gleichgewichts oder der Sensomotorik erhöhen das Sturzrisiko.
- Sturzangst und frühere Stürze: Wer bereits gestürzt ist, hat ein höheres Risiko, erneut zu stürzen. Die Angst vor Stürzen kann zu Vermeidungsverhalten und weiterem Muskelabbau führen.
- Depressionen: Depressionen können die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit beeinträchtigen und das Sturzrisiko erhöhen.
- Inkontinenz: Harndrang kann zu Eile und damit zu Stürzen führen.
Medikamentenbezogene Risikofaktoren
- Psychotrope Medikamente: Medikamente, die in die Psyche eingreifen, wie Antidepressiva und Beruhigungsmittel, können das Sturzrisiko erhöhen.
- Antihypertensiva: Blutdrucksenkende Mittel können zu Schwindel und Benommenheit führen und das Sturzrisiko erhöhen.
- Nebenwirkungen: Viele Medikamente können Nebenwirkungen wie Schwindel, Muskelschwäche oder Muskelkrämpfe verursachen, die das Sturzrisiko erhöhen.
Umgebungsbezogene Risikofaktoren
- Stolperfallen: Teppichkanten, Türschwellen, Kabel, Möbel und andere Hindernisse können zu Stürzen führen.
- Schlechte Beleuchtung: Unzureichende Beleuchtung kann die Sicht beeinträchtigen und das Sturzrisiko erhöhen.
- Inadäquates Schuhwerk: Schuhe mit offenen Schnürsenkeln, kaputten Sohlen oder hohen Absätzen können zu Stürzen führen.
- Mangelnde Haltegriffe: Fehlende Haltegriffe in Bad und WC können das Sturzrisiko erhöhen.
- Rutschige Böden: Glatte Böden, insbesondere in Bad und Küche, können zu Stürzen führen.
- Unebene Wege: Unebene Gehwege, Schlaglöcher und Baumwurzeln können im Freien zu Stürzen führen.
- Wetterbedingungen: Nässe, Laub, Schnee und Eis können den Untergrund rutschig machen und das Sturzrisiko erhöhen.
Maßnahmen zur Sturzprophylaxe
Die Sturzprophylaxe umfasst eine Vielzahl von Maßnahmen, die auf die individuellen Bedürfnisse und Risikofaktoren der Betroffenen zugeschnitten sind.
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Individuelle Maßnahmen
- Bewegung und Sport: Regelmäßige körperliche Aktivität, insbesondere Gleichgewichts- und Krafttraining, kann die Muskelkraft, die Koordination und das Gleichgewicht verbessern und das Sturzrisiko reduzieren. Physiotherapie kann zum Beispiel schulen, wie man richtig reagiert, wenn man aus dem Gleichgewicht gerät, oder durch Gleichgewichts- und Koordinationstraining die Beweglichkeit deutlich verbessern. Auch die Arm- und Beinmuskulatur kann hier gezielt gestärkt werden. Wassergymnastik ist gelenkschonend und insbesondere bei Sturzangst geeignet.
- Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit ausreichend Kalzium und Vitamin D kann die Knochen stärken und das Risiko von Knochenbrüchen bei Stürzen reduzieren.
- Sehhilfen: Regelmäßige Augenuntersuchungen und die Korrektur von Sehfehlern können die Sehfähigkeit verbessern und das Sturzrisiko reduzieren.
- Medikamentenüberprüfung: Die Überprüfung der Medikamente durch einen Arzt oder Apotheker kann dazu beitragen, Medikamente zu identifizieren, die das Sturzrisiko erhöhen, und gegebenenfalls Alternativen zu finden.
- Psychologische Unterstützung: Bei Sturzangst oder Depressionen kann eine psychologische Behandlung helfen, Ängste abzubauen und die Lebensqualität zu verbessern.
- Schulung und Beratung: Informationen und Schulungen über Sturzrisiken und Präventionsmaßnahmen können Betroffenen und Angehörigen helfen, das Sturzrisiko zu erkennen und zu reduzieren.
Umgebungsanpassung
- Beseitigung von Stolperfallen: Teppichkanten entfernen oder fixieren, Kabel verlegen, Möbel sicher platzieren und Türschwellen entfernen oder mit Rampen versehen.
- Verbesserung der Beleuchtung: Ausreichende Beleuchtung in allen Räumen, insbesondere in Fluren, Treppenhäusern und Badezimmern. Ein Nachtlicht und eine gute Beleuchtung sind ein gutes Mittel der Sturzprävention.
- Installation von Haltegriffen: Haltegriffe in Badewanne, Dusche und WC können die Sicherheit erhöhen.
- Rutschfeste Böden: Rutschhemmende Materialien auf Fliesen, Duschtassen und Badewannen.
- Anpassung der Möbelhöhe: Anpassung der Höhe von Stühlen, Betten und Arbeitsflächen, um das Aufstehen und Hinsetzen zu erleichtern.
- Technische Hilfsmittel: Einsatz von technischen Hilfsmitteln wie Treppenliften, Sitzbadewannen mit Tür, Notrufsystemen und Sturzdetektoren.
- Geeignetes Schuhwerk: Schuhe mit rutschfesten Sohlen und guter Passform tragen. Ihre Schuhe sollten Ihnen einen festen Halt geben: Ideal sind Schuhe, die hinten geschlossen sind und eine rutschfeste Sohle haben.
- Gehhilfen: Bei Bedarf Verwendung von Gehhilfen wie Gehstöcken oder Rollatoren. Hierbei ist zu beachten, dass die Gehhilfen individuell richtig eingestellt und regelmäßig gewartet werden sollten.
Maßnahmen im Freien
- Aufmerksames Gehen: Achten Sie auf Unebenheiten, Risse und andere Hindernisse auf Gehwegen und Straßen.
- Passendes Schuhwerk: Tragen Sie festes, stabiles Schuhwerk mit rutschfesten Sohlen.
- Vermeidung von Risikosituationen: Meiden Sie bei Glatteis oder Schnee unnötige Wege im Freien.
- Nutzung von Gehhilfen: Verwenden Sie bei Bedarf einen Gehstock oder Rollator, um das Gleichgewicht zu halten.
- Sichtbarkeit: Tragen Sie bei Dunkelheit oder schlechter Sicht helle Kleidung und reflektierende Materialien.
- Ruhepausen: Legen Sie bei längeren Spaziergängen regelmäßige Ruhepausen ein, um Erschöpfung vorzubeugen.
Sturzprophylaxe für Kinder
Stürze gehören auch zu den häufigsten Unfallursachen im Kindesalter. Besonders Säuglinge und Kleinkinder sind gefährdet, da sie noch keine vollständige Körperkontrolle haben. Daher ist auch bei Kindern eine altersgerechte Sturzprophylaxe wichtig.
Maßnahmen für Säuglinge und Kleinkinder
- Sichere Umgebung: Vermeiden Sie es, Säuglinge unbeaufsichtigt auf Wickeltischen, Sofas oder anderen erhöhten Flächen liegen zu lassen.
- Treppenschutzgitter: Installieren Sie Treppenschutzgitter, um zu verhindern, dass Kleinkinder Treppen hinauf- oder hinunterfallen.
- Sicheres Spielzeug: Achten Sie darauf, dass Spielzeug keine verschluckbaren Kleinteile enthält und keine Stolperfallen darstellt.
- Aufmerksame Aufsicht: Beaufsichtigen Sie Kleinkinder beim Spielen und Klettern, um Stürze zu verhindern.
Maßnahmen für ältere Kinder
- Sicheres Spielen: Achten Sie darauf, dass Kinder beim Spielen im Freien geeignete Schutzkleidung tragen, wie z.B. Helme beim Fahrradfahren oder Inlineskaten.
- Bewegung fördern: Fördern Sie regelmäßige körperliche Aktivität, um die Muskelkraft, die Koordination und das Gleichgewicht zu verbessern.
- Aufklärung: Klären Sie Kinder über Sturzrisiken und sicheres Verhalten auf, z.B. beim Klettern auf Bäume oder beim Spielen auf Spielplätzen.
Expertenstandard Sturzprophylaxe in der Pflege
Der Expertenstandard Sturzprophylaxe in der Pflege des Deutschen Netzwerks für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) bietet Pflegefachkräften eine wissenschaftlich fundierte Grundlage für die Durchführung einer effektiven Sturzprophylaxe. Der Expertenstandard umfasst sechs Ebenen:
- Fachwissen: Pflegefachkräfte müssen über umfassendes Wissen über Sturzrisiken, Ursachen und Präventionsmaßnahmen verfügen.
- Risikoeinschätzung: Durchführung einer systematischen Risikoeinschätzung, um individuelle Sturzrisiken zu identifizieren.
- Beratung: Beratung von Betroffenen und Angehörigen über Sturzrisiken und Präventionsmaßnahmen.
- Maßnahmenplanung: Entwicklung eines individuellen Maßnahmenplans zur Sturzprophylaxe.
- Umgebungsgestaltung: Anpassung der Umgebung, um Stolperfallen zu beseitigen und die Sicherheit zu erhöhen.
- Evaluation: Regelmäßige Überprüfung der Wirksamkeit der Maßnahmen und Anpassung bei Bedarf.
Die Rolle der Angehörigen
Angehörige spielen eine wichtige Rolle bei der Sturzprophylaxe. Sie können:
- Unterstützung bieten: Betroffene bei der Umsetzung von Präventionsmaßnahmen unterstützen, z.B. bei der Teilnahme an Bewegungsprogrammen oder bei der Anpassung der Wohnung.
- Beobachtung: Auf Veränderungen im Verhalten, der Mobilität oder der Gesundheit achten und diese dem Arzt oder der Pflegefachkraft mitteilen.
- Kommunikation: Offen mit den Betroffenen über Sturzrisiken und Ängste sprechen.
- Sicherheit gewährleisten: Für eine sichere Umgebung sorgen, Stolperfallen beseitigen und für ausreichende Beleuchtung sorgen.
- Motivation: Betroffene ermutigen, aktiv zu bleiben und am sozialen Leben teilzunehmen.
Finanzielle Unterstützung
Für Maßnahmen zur Wohnungsanpassung und zur Beschaffung von Hilfsmitteln können Pflegebedürftige finanzielle Unterstützung von der Pflegekasse beantragen. Im Rahmen der wohnumfeldverbessernden Maßnahmen können bis zu 4.000 Euro pro Maßnahme gewährt werden. Die KfW-Gruppe legt regelmäßig Programme zum altersgerechten Umbau auf, die zinsgünstige Kredite anbieten.
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