Wechselstromtherapie bei Sehnervschäden: Ein Hoffnungsschimmer für die Sehkraft?

Die Therapie von Schäden am Sehnerv ist ein Gebiet, das in den letzten Jahren zunehmend in den Fokus der Forschung gerückt ist. Traditionell galten solche Schäden als irreversibel, doch neue Erkenntnisse über die Plastizität des Gehirns eröffnen vielversprechende Wege für innovative Behandlungsansätze. Eine dieser vielversprechenden Methoden ist die Wechselstromtherapie, auch bekannt als "alternating current stimulation" (ACS).

Was ist die Wechselstromtherapie?

Bei der Wechselstromtherapie werden Elektroden vorübergehend oberhalb der Augenbrauen und neben den Nasenflügeln auf die Haut aufgeklebt. Über diese Elektroden erhält der Patient abwechselnd schwache Wechselstromreize. Diese nicht-invasive Stimulation zielt darauf ab, die Aktivität des Sehnervs und die neuronalen Netzwerke im Gehirn zu beeinflussen, die für die Verarbeitung visueller Informationen zuständig sind.

Wie wirkt die Wechselstromtherapie?

Die genaue Wirkungsweise der Elektrostimulation ist noch nicht vollständig geklärt. Es gibt jedoch mehrere Erklärungsansätze:

  • Förderung von Überleben und Regeneration retinaler Zellen: Die elektrischen Impulse könnten biochemische Prozesse anregen, die das Überleben und die Regeneration von Nervenzellen in der Netzhaut fördern. Dazu gehört die Freisetzung neurotropher Faktoren, Botenstoffe, die für die Entwicklung und Regeneration von Nervenzellen wichtig sind.
  • Erhöhte Durchblutung: Die Stimulation könnte die Durchblutung der Ader- und Netzhaut verbessern, was die Versorgung der Nervenzellen mit Sauerstoff und Nährstoffen optimiert.
  • Neuroplastische Veränderungen: Die Wechselstromstimulation könnte neuroplastische Veränderungen im Gehirn anregen, insbesondere in den visuellen Arealen. Dies bedeutet, dass das Gehirn neue Verbindungen zwischen Nervenzellen knüpfen oder bestehende Verbindungen verstärken kann, um den Verlust von Nervenzellen im Sehnerv zu kompensieren.
  • Synchronisation neuronaler Netzwerke: Durch die Verabreichung von Stromimpulsen soll die Synchronisation des Gehirns verbessert werden, sodass die Nervenzellen im Gehirn wieder besser zusammenarbeiten und die Durchblutung optimiert wird.

Studienergebnisse zur Wirksamkeit

Mehrere Studien haben die Wirksamkeit der Wechselstromtherapie bei Sehnervschäden untersucht. Eine Studie des Magdeburger Universitätsklinikums und der Berliner Charité zeigte, dass eine nicht-invasive Stimulation mit Wechselstrom die Sehleistung und die sehbezogene Lebensqualität verbessern kann.

In dieser Studie wurden 42 Patienten mit Gesichtsfeldeinschränkungen nach chronischen Sehnervschädigungen entweder einer rtACS-Behandlungsgruppe oder einer Placebogruppe zugeordnet. Die ACS-Therapie führte durchschnittlich zu einer etwa 40-prozentigen Verbesserung des erblindeten Bereiches im Vergleich zum noch unbehandelten Erstbefund. Bei den Patienten aus der Placebogruppe war dagegen keine Verringerung des Gesichtsfeldausfalls zu erkennen.

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Eine weitere Studie, die VIRON-Studie an der Universitätsmedizin Göttingen, untersucht die Elektrostimulation bei Glaukompatienten. Ziel ist es, den Gesichtsfeldausfall ohne operativen Eingriff mittels Elektrostimulation des geschädigten Sehnervs zu verringern.

Auch andere Studien haben gezeigt, dass die Elektrostimulationsbehandlung im Vergleich zur Scheinbehandlung zu einer bis zu zwei Monate nach Stimulationsbehandlung anhaltenden signifikanten Gesichtsfeldverbesserung führte und die von den Patient*innen berichteten Beeinträchtigungen des täglichen Lebens reduzierte.

Eine prospektive, randomisierte, multizentrische, klinische Studie zeigte signifikante Verbesserungen des Sehvermögens bei teilweise erblindeten Patienten nach 10 Tagen Behandlung mit kleinsten Wechselstrom-Impulsen (alternating current stimulation, ACS). Die Behandlung führte zu einer Aktivierung von Restsehleistungen und Verbesserungen der Lebensqualität wie Sehschärfe, Lesen, Mobilität und Orientierung im Raum.

Anwendungsgebiete der Wechselstromtherapie

Die Wechselstromtherapie wird derzeit für verschiedene Erkrankungen des Sehnervs untersucht, darunter:

  • Glaukom (Grüner Star): Eine Erkrankung, die durch eine Schädigung des Sehnervs gekennzeichnet ist und zu Gesichtsfeldausfällen führen kann.
  • Optikusneuropathie: Eine Schädigung des Sehnervs, die durch verschiedene Ursachen wie Entzündungen, Durchblutungsstörungen oder Traumata verursacht werden kann.
  • Schlaganfallbedingte Sehstörungen: Sehstörungen, die als Folge eines Schlaganfalls auftreten können, der die visuellen Areale im Gehirn betrifft.
  • Retinitis pigmentosa: Eine erblich bedingte Netzhauterkrankung, die zu einem fortschreitenden Verlust der Sehkraft führt.
  • Makuladegeneration: Eine Erkrankung der Netzhaut, die vor allem im höheren Alter auftritt und zu einer Beeinträchtigung des zentralen Sehens führt.
  • Diabetische Retinopathie: Eine Folgeerkrankung von Diabetes, die die Blutgefäße in der Netzhaut schädigt und zu Sehstörungen führen kann.
  • Amblyopie (Schwachsichtigkeit): Eine Sehstörung, bei der ein Auge eine verminderte Sehschärfe aufweist, obwohl keine organischen Schäden vorliegen.

Ablauf einer Wechselstromtherapie

Eine typische Wechselstromtherapie umfasst in der Regel folgende Schritte:

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  1. Diagnostik: Vor Beginn der Therapie wird eine umfassende augenärztliche Untersuchung durchgeführt, um die Ursache und den Schweregrad der Sehnervschädigung zu bestimmen.
  2. Individuelle Anpassung: Die Therapie wird individuell an den Patienten angepasst, basierend auf den Ergebnissen der Diagnostik und den spezifischen Bedürfnissen.
  3. Behandlungssitzungen: Die Therapie besteht in der Regel aus mehreren Sitzungen, die über einen Zeitraum von mehreren Tagen oder Wochen durchgeführt werden. Jede Sitzung dauert etwa 30 bis 45 Minuten.
  4. Elektrodenplatzierung: Vor jeder Sitzung werden Elektroden auf der Haut in der Nähe der Augen platziert.
  5. Stimulation: Während der Sitzung erhält der Patient schwache Wechselstromreize über die Elektroden. Die Stromstärke wird so eingestellt, dass sie kaum oder gar nicht spürbar ist.
  6. EEG-Monitoring: In einigen Fällen wird während der Behandlung eine EEG-Kappe getragen, um die Hirnwellen abzuleiten und den Therapieverlauf zu überwachen.
  7. Nachsorge: Nach Abschluss der Therapie werden regelmäßige Kontrolluntersuchungen durchgeführt, um den Therapieerfolg zu beurteilen und gegebenenfalls weitere Maßnahmen einzuleiten.

Risiken und Nebenwirkungen

Die Wechselstromtherapie gilt als eine sichere und risikoarme Behandlungsmethode. In den meisten Studien wurden keine nennenswerten Nebenwirkungen beobachtet. Einige Patienten berichten möglicherweise über leichte vorübergehende Beschwerden wie Kribbeln, Jucken oder leichte Kopfschmerzen während der Stimulation.

Kosten und Verfügbarkeit

Die Kosten für eine Wechselstromtherapie können je nach Anbieter und Umfang der Behandlung variieren. In einigen Fällen übernehmen Krankenkassen die Kosten ganz oder teilweise, insbesondere im Rahmen einer Einzelfallentscheidung.

Die Verfügbarkeit der Wechselstromtherapie ist derzeit noch begrenzt, da es sich um eine relativ neue Behandlungsmethode handelt. Einige Augenkliniken und spezialisierte Zentren bieten die Therapie jedoch bereits an.

Fazit

Die Wechselstromtherapie ist ein vielversprechender neuer Ansatz zur Behandlung von Sehnervschäden. Studienergebnisse deuten darauf hin, dass die Therapie die Sehleistung und die sehbezogene Lebensqualität verbessern kann. Obwohl weitere Forschung erforderlich ist, um die genauen Wirkungsmechanismen und die langfristigen Auswirkungen der Therapie besser zu verstehen, bietet die Wechselstromtherapie einen Hoffnungsschimmer für Menschen mit Sehnervschäden, für die es bisher nur begrenzte Behandlungsmöglichkeiten gab.

Es ist wichtig zu beachten, dass die Wechselstromtherapie nicht für jeden Patienten geeignet ist. Eine sorgfältige augenärztliche Untersuchung und Beratung sind erforderlich, um festzustellen, ob die Therapie eine geeignete Option darstellt.

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