Wesensveränderung nach Krampfanfall: Ursachen und Behandlungsansätze

Epileptische Anfälle können tiefgreifende Auswirkungen auf das Leben der Betroffenen haben. Neben den unmittelbaren körperlichen Symptomen können sie auch zu Wesensveränderungen führen. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen für diese Veränderungen und stellt verschiedene Behandlungsansätze vor.

Was ist ein epileptischer Anfall?

Ein epileptischer Anfall entsteht, wenn Nervenzellen im Gehirn überaktiv sind. Diese Überaktivität kann sich in verschiedenen Formen äußern, von kurzen Unaufmerksamkeiten bis hin zu Bewusstlosigkeit und Krampfanfällen. Die Ursachen für Epilepsie sind vielfältig und reichen von genetischen Veranlagungen über Hirnschäden bis hin zu Stoffwechselstörungen. Doch nicht immer lässt sich die Ursache genau klären.

Ursachen für Wesensveränderungen nach einem Krampfanfall

Wesensveränderungen nach einem Krampfanfall können verschiedene Ursachen haben:

  • Direkte Auswirkungen des Anfalls auf das Gehirn: Ein epileptischer Anfall ist eine massive Entladung von Nervenzellen, die das Gehirn vorübergehend aus dem Gleichgewicht bringen kann. Dies kann zu Veränderungen im Verhalten, der Stimmung und der Persönlichkeit führen.
  • Psychische Belastung durch die Epilepsie: Die Diagnose Epilepsie und die Angst vor weiteren Anfällen können eine erhebliche psychische Belastung darstellen. Dies kann zu Angstzuständen, Depressionen und sozialer Isolation führen, die sich wiederum auf das Wesen des Betroffenen auswirken.
  • Nebenwirkungen von Medikamenten: Antiepileptika können teils unangenehme Nebenwirkungen haben, werden in niedrigen Dosierungen aber oft gut vertragen. Zu den häufigsten Nebenwirkungen gehören Müdigkeit, Schwindel, verlangsamtes Denken und Übelkeit. Diese Nebenwirkungen können die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen und zu Wesensveränderungen führen.
  • Autoimmun-Enzephalitis: In einigen Fällen kann eine Autoimmun-Enzephalitis, eine Entzündung des Gehirns, die durch eine Fehlreaktion des Immunsystems verursacht wird, zu Wesensveränderungen führen.

Diagnose und Abgrenzung von anderen Erkrankungen

Die Diagnose von Wesensveränderungen nach einem Krampfanfall ist nicht immer einfach. Es ist wichtig, andere mögliche Ursachen auszuschließen, wie z.B. psychische Erkrankungen oder andere neurologische Störungen. Folgende diagnostische Maßnahmen können dabei helfen:

  • Anamnese: Eine ausführliche Befragung des Betroffenen und seiner Angehörigen ist wichtig, um die Art und den Verlauf der Wesensveränderungen zu erfassen.
  • Neurologische Untersuchung: Eine neurologische Untersuchung kann helfen, körperliche Ursachen für die Wesensveränderungen auszuschließen.
  • EEG (Elektroenzephalografie): Ein EEG kann helfen, epileptische Aktivität im Gehirn nachzuweisen.
  • MRT (Magnetresonanztomographie): Eine MRT kann helfen, strukturelle Veränderungen im Gehirn zu erkennen.
  • Psychologische Tests: Psychologische Tests können helfen, die Art und den Schweregrad der Wesensveränderungen zu beurteilen.

Es ist besonders wichtig, die Wesensveränderungen von psychogenen Anfällen abzugrenzen. Anders als ein epileptischer Anfall entsteht ein psychogener Anfall bzw. psychogener Krampfanfall nicht durch neuronale Störungen mit entsprechenden pathologischen elektrischen Aktivitäten des Gehirns. Stattdessen liegt diesem eine psychische Ursache zu Grunde. Psychogene Anfälle gehören zu den vielfältigen Erscheinungsbildern von dissoziativen Störungen. Tatsächlich weisen die psychogenen oder dissoziativen Anfälle eine große Ähnlichkeit mit epileptischen Anfällen auf und werden deshalb oft für hirnorganisch verursachte Anfälle gehalten. Eine Epilepsie hat ihre Ursache in Störungen der elektrischen Aktivität und Entladung von Nervenzellen im Gehirn, während dissoziative Anfälle und folglich auch psychogene Anfälle psychisch ausgelöst werden.

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Therapieansätze

Die Behandlung von Wesensveränderungen nach einem Krampfanfall richtet sich nach der Ursache. Folgende Therapieansätze können in Frage kommen:

  • Medikamentöse Therapie: Antiepileptika können helfen, die Anfallshäufigkeit zu reduzieren und somit auch die Auswirkungen der Anfälle auf das Gehirn zu verringern. Bei der Auswahl des Medikaments ist es wichtig, die möglichen Nebenwirkungen zu berücksichtigen und das Medikament individuell anzupassen. Zur Behandlung einer Epilepsie sind über 20 verschiedene Wirkstoffe zugelassen. Carbamazepin, Gabapentin, Lamotrigin, Levetiracetam, Pregabalin und Valproinsäure sind einige davon. Welche Mittel infrage kommen, hängt zunächst von der Epilepsieform ab. Auch die Wirksamkeit und mögliche Nebenwirkungen spielen eine Rolle. Manche Menschen vertragen bestimmte Mittel besser als andere. Nicht zuletzt beeinflussen die Lebensumstände und persönliche Bedürfnisse die Entscheidung für eine Behandlung.
  • Psychotherapie: Eine Psychotherapie kann helfen, die psychische Belastung durch die Epilepsie zu verarbeiten und Strategien zur Bewältigung von Angstzuständen und Depressionen zu entwickeln.
  • Neuropsychologische Therapie: Eine neuropsychologische Therapie kann helfen, kognitive Defizite, die durch die Anfälle entstanden sind, zu verbessern.
  • Ergotherapie: Eine Ergotherapie kann helfen, die Alltagskompetenzen zu verbessern und die Selbstständigkeit zu fördern.
  • Sozialberatung: Eine Sozialberatung kann helfen, die sozialen und finanziellen Probleme zu lösen, die durch die Epilepsie entstanden sind.
  • Immuntherapie: Bei einer Autoimmun-Enzephalitis kann eine Immuntherapie helfen, die Entzündung des Gehirns zu reduzieren.

In der BetaGenese Klinik für Psychosomatik und Psychiatrie sind sie auf die Behandlung von psychogenen Anfällen spezialisiert. Hierfür werden in einem gemeinsamen Anamnese-Gespräch die physischen und körperlichen Beschwerden und individuellen Lebensumstände besprochen. Zur Behandlung bei psychogenen Anfällen sind unterschiedliche Formen der Psychotherapie möglich. „Die Patienten lernen in der BetaGenese Klinik in Bonn, psychodynamische Zusammenhänge, Frühwarnzeichen und Auslöser eines psychogenen Anfalls zu identifizieren. In komplizierteren Fällen mit komplexerem Störungsniveau, weiteren psychischen Begleiterkrankungen und zum Beispiel traumatischer Vorgeschichte wird ein differenziertes Behandlungskonzept mit verursachungsspezifischen Therapietechniken entwickelt. Damit werden die zugrundeliegenden Traumata, aber auch Angstzustände, depressive Zustände und psychosomatische Symptomkomplexe behandelt.

Strategien zur Verbesserung der Lebensqualität

Neben den spezifischen Therapieansätzen gibt es auch einige allgemeine Strategien, die helfen können, die Lebensqualität von Menschen mit Epilepsie und Wesensveränderungen zu verbessern:

  • Regelmäßige Einnahme der Medikamente: Es ist wichtig, die Antiepileptika regelmäßig und in der verordneten Dosis einzunehmen, um Anfälle zu vermeiden. Es gibt aber einige Strategien, die dabei helfen können: Man kann die Medikamente zu festen Zeiten, an bestimmten Orten oder bei täglichen Routinen einnehmen - zum Beispiel immer vor dem Zähneputzen. Oder die Erinnerungsfunktion des Handys nutzen.
  • Ausreichend Schlaf: Schlafmangel kann Anfälle auslösen. Daher ist es wichtig, ausreichend zu schlafen.
  • Vermeidung von Stress: Stress kann ebenfalls Anfälle auslösen. Daher ist es wichtig, Stress zu vermeiden und Entspannungstechniken zu erlernen.
  • Gesunde Ernährung: Eine gesunde Ernährung kann helfen, den Körper und das Gehirn optimal zu versorgen.
  • Regelmäßige Bewegung: Regelmäßige Bewegung kann helfen, Stress abzubauen und die Stimmung zu verbessern.
  • Soziale Kontakte: Soziale Kontakte sind wichtig für das Wohlbefinden. Daher ist es wichtig, soziale Kontakte zu pflegen und sich nicht zu isolieren.
  • Selbsthilfegruppen: Der Austausch mit anderen Betroffenen in Selbsthilfegruppen kann sehr hilfreich sein.

Epilepsie bei Frauen

Besondere Aufmerksamkeit erfordert die Behandlung von Epilepsie bei Frauen, insbesondere bei Kinderwunsch oder während der Schwangerschaft. Bestimmte Antiepileptika können die Wirksamkeit der Antibabypille herabsetzen. Umgekehrt kann die Pille die Wirksamkeit bestimmter Antiepileptika beeinflussen. Deshalb ist es für junge Frauen mit Epilepsie wichtig, frühzeitig mit ihrer Ärztin oder ihrem Arzt über das Thema Verhütung zu sprechen und zu überlegen, welche anderen Verhütungsmethoden infrage kommen.

Frauen mit Kinderwunsch fragen sich häufig, ob eine Schwangerschaft trotz Epilepsie möglich ist. Sie sorgen sich, dass Anfälle und Medikamente einem ungeborenen Kind schaden könnten. Die meisten Frauen mit Epilepsie bringen aber gesunde Kinder zur Welt. Wichtig ist, sich rechtzeitig ärztlich beraten zu lassen und sich auf eine Schwangerschaft vorzubereiten. Dies kann das Risiko für Komplikationen senken.

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Es kann sein, dass die Behandlung der Epilepsie während einer Schwangerschaft angepasst werden muss. Je höher Antiepileptika dosiert sind, desto eher können sie zu Fehlbildungen des Kindes führen oder die Entwicklung seines Nervensystems verzögern. Dieses Risiko ist besonders im ersten Drittel der Schwangerschaft erhöht, also bis zur zwölften Woche. Deshalb wird versucht, die Dosis der Medikamente während der Schwangerschaft möglichst niedrig zu halten und Mittel zu vermeiden, bei denen ein erhöhtes Risiko für Fehlbildungen besteht. Ein einzelnes Medikament in niedriger Dosierung erhöht das Risiko für Fehlbildungen sehr wahrscheinlich nicht wesentlich.

Wie bei jeder Schwangerschaft wird auch Schwangeren mit Epilepsie empfohlen, Folsäurepräparate einzunehmen, um das Risiko für Missbildungen zu senken. Einige Epilepsie-Medikamente können den Folsäurespiegel im Körper senken; dann wird die Einnahme höherer Dosen Folsäure empfohlen.

Epilepsie im höheren Alter

Ein Drittel der Menschen mit Epilepsie erkrankt erst nach dem 60. Lebensjahr. Ältere Menschen sind oft anfälliger für Nebenwirkungen von Medikamenten. Dies gilt auch für Antiepileptika. Wenn man aufgrund anderer Erkrankungen weitere Medikamente einnimmt, können Wechselwirkungen zwischen Medikamenten auftreten.

Als älterer Mensch ist es daher besonders wichtig, am besten nur ein Epilepsie-Medikament in möglichst niedriger Dosis einzunehmen.

Was tun bei Therapieresistenz?

Etwa 3 von 10 Menschen haben trotz mehrerer Behandlungsversuche mit verschiedenen Medikamenten weiter Anfälle - manche regelmäßig, andere können dazwischen einige Jahre anfallsfrei sein. Warum die Medikamente nicht bei allen Menschen ansprechen, ist nicht bekannt.

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Spätestens wenn zwei verschiedene Medikamente keine ausreichende Wirkung gezeigt haben, wird empfohlen, die Diagnose in einem spezialisierten Zentrum überprüfen zu lassen. Manchmal stellt sich dann heraus, dass es sich nicht um eine Epilepsie, sondern eine andere Anfallserkrankung handelt.

Wirken Medikamente nicht, wird häufig ein Eingriff empfohlen. Operation: Wenn sich bei fokalen Epilepsien feststellen lässt, welcher Bereich des Gehirns Anfälle auslöst, kann dieser Teil unter Umständen entfernt werden. Das ist aber nicht immer möglich.

Vagusnerv-Stimulation: Dabei wird ein Schrittmacher an der Brust unter die Haut implantiert, der elektrische Impulse abgibt. Er ist über Kontakte am Halsbereich mit dem Vagusnerv verbunden. Der Nerv leitet die Impulse ins Gehirn und soll so die Überaktivität hemmen. Der Vagusnerv ist ein wichtiger Nerv des vegetativen Nervensystems und an der Regulierung der inneren Organe beteiligt.

Der Status epilepticus

Von einem „Status epilepticus“ spricht man, wenn ein generalisierter epileptischer Anfall länger als fünf Minuten dauert oder mehrere Anfälle rasch hintereinander auftreten. Dann handelt es sich um einen Notfall, der schnell medikamentös behandelt werden muss. Deshalb muss sofort der Rettungsdienst unter der 112 gerufen werden.

Meist gibt die Notärztin oder der Notarzt zuerst ein Beruhigungsmittel (Benzodiazepin). Es wird in die Vene gespritzt, in die Wangentasche gegeben oder als Creme über eine kleine Tube in den After eingeführt. Danach ist eine Weiterbehandlung im Krankenhaus erforderlich.

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