Elektrische Stimulation bei Migräne: Neue Wege zur Schmerzlinderung

Migräne ist eine neurologische Erkrankung, von der Millionen Menschen weltweit betroffen sind. Charakteristisch sind wiederkehrende, oft sehr starke Kopfschmerzen, die von Begleiterscheinungen wie Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Lärmempfindlichkeit begleitet sein können. Die Ursachen von Migräne sind komplex und noch nicht vollständig verstanden. Es wird angenommen, dass eine Kombination aus genetischer Veranlagung und Umweltfaktoren eine Rolle spielt. Eine wichtige Rolle spielen elektrische Erregungswellen, die sich über die Großhirnrinde ausbreiten und als sogenannte "Spreading Depolarization" (SD) bezeichnet werden. Diese SDs können Nervenzellen vorübergehend funktionsuntauglich machen und werden oft als Vorboten von Migräneattacken angesehen.

Die Rolle der "Spreading Depolarization" bei Migräne

Die "Spreading Depolarization" (SD), auch bekannt als sich ausbreitende Entladung, ist eine elektrische Erregungswelle, die sich auf der Großhirnrinde ausbreitet und Nervenzellen entlädt, wodurch diese vorübergehend funktionsuntauglich werden. Der Physiker Markus Dahlem von der Technischen Universität Berlin beschreibt sie als "Tsunami im Kopf". Jede Nervenzellregion, die von der SD betroffen ist, fällt für einige Minuten aus, was zu Wahrnehmungsstörungen und Beeinträchtigungen des Denkens führen kann.

Diese SDs sind nicht nur ein Phänomen, das im Zusammenhang mit Migräne auftritt. Sie wurden auch bei Schlaganfallpatienten und Patienten mit Schädel-Hirn-Trauma beobachtet. Jens Dreier, Rudolf Graf und Anthony Strong haben dazu beigetragen, die Rolle der SDs im Gehirn von Schlaganfallpatienten besser zu verstehen.

Historische Perspektiven auf die Erforschung von Migräne

Die Erforschung von Migräne und den damit verbundenen Phänomenen reicht bis in die 1940er-Jahre zurück, als Aristides Leão und Karl Lashley begannen, sich mit den elektrischen Vorgängen im Gehirn zu befassen. Lashley, der selbst unter Migräne mit Aura litt, zeichnete seine visuellen Wahrnehmungen während einer Attacke auf und prägte den Begriff "Fortifikationsspektren" für die zickzackförmigen Muster, die er sah. Leão hingegen experimentierte an Gehirnen von Kaninchen, um die Ausbreitung elektrischer Impulse zu untersuchen.

Moderne Ansätze zur Behandlung von Migräne

In den letzten Jahren haben sich verschiedene nicht-medikamentöse Verfahren zur Behandlung von Migräne etabliert, darunter auch die elektrische Stimulation. Diese Verfahren zielen darauf ab, die Aktivität der Nerven im Gehirn zu modulieren und so die Schmerzwahrnehmung zu beeinflussen.

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Transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS)

Die transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS) ist eine Methode, bei der schwache elektrische Ströme über die Haut an die Nerven geleitet werden. Es wird angenommen, dass die TENS-Therapie die Freisetzung von Endorphinen im Gehirn fördert, was zu einer Schmerzlinderung führen kann. Eine Studie von Jean Schoenen und seinem Team an der Universität Lüttich hat gezeigt, dass die TENS-Therapie die Häufigkeit von Migräneattacken reduzieren kann. Bei dieser Methode werden elektrische Impulse auf der Stirn an der Stelle abgegeben, unter der sich der Nervus frontalis in den Nervus supratrochlearis und den Nervus supraorbitalis aufspaltet.

Okzipitale Nervenstimulation (ONS)

Die okzipitale Nervenstimulation (ONS) ist ein invasiveres Verfahren, bei dem Elektroden unter die Haut am Nacken implantiert werden, um den Occipitalnerv zu stimulieren. Es wird angenommen, dass die ONS die Weiterleitung von Schmerzsignalen im Hirnstamm unterbindet und so die Schmerzwahrnehmung reduziert. Die ONS hat sich als wirksam bei der Behandlung von chronischer Migräne erwiesen, insbesondere bei Patienten, bei denen andere Therapieansätze nicht erfolgreich waren.

Transkranielle Gleichstromstimulation (tDCS)

Die transkranielle Gleichstromstimulation (tDCS) ist eine nicht-invasive Methode, bei der ein schwacher Gleichstrom über Elektroden auf der Kopfhaut an das Gehirn geleitet wird. Die tDCS kann die Erregbarkeit von Nervenzellen im Gehirn modulieren und so die Schmerzwahrnehmung beeinflussen. Studien haben gezeigt, dass die tDCS die Häufigkeit und Intensität von Migräneattacken reduzieren kann.

Die Rolle der Neuromodulation bei Migräne

Die Neuromodulation, bei der elektrische Impulse den für die Schmerzen hauptsächlich verantwortlichen Nerv stimulieren, ist ein vielversprechender Ansatz zur Behandlung von Migräne. Wissenschaftler gehen davon aus, dass durch die Neuromodulation eine Neuverschaltung der Nerven erfolgt, die eine hemmende Wirkung auf die Schmerzentstehung zeigt.

Die Bedeutung der interdisziplinären Zusammenarbeit

Die Behandlung von Migräne erfordert oft einen interdisziplinären Ansatz, bei dem Ärzte verschiedener Fachrichtungen zusammenarbeiten, um den Patienten bestmöglich zu versorgen. Dazu gehören Neurologen, Schmerztherapeuten, Psychologen und Physiotherapeuten. Eine spezialisierte Sprechstunde, wie sie beispielsweise im Kopfschmerzbehandlungsnetz angeboten wird, kann dazu beitragen, eine individuelle Diagnose zu erstellen und einenBehandlungsplan zu entwickeln. In besonders schweren Fällen kann eine stationäre Behandlung in einem Migräne- und Kopfschmerzzentrum erforderlich sein.

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Die Perspektive eines Betroffenen: Paul van Valkenburgh

Paul van Valkenburgh, ein pensionierter Ingenieur aus Kalifornien, leidet seit seinem 14. Lebensjahr unter Migräne. Er hat sich intensiv mit der Erforschung von Migräne auseinandergesetzt und ist zu einem Experten auf diesem Gebiet geworden. Durch seine Zusammenarbeit mit Forschern wie Nouchine Hadjikhani und Markus Dahlem hat er wertvolle Einblicke in die Entstehung und Behandlung von Migräne gewonnen. Seine Geschichte zeigt, wie wichtig es ist, dass Betroffene sich aktiv an der Erforschung ihrer Erkrankung beteiligen und ihre Erfahrungen mit anderen teilen.

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