Sexualität ist ein grundlegendes menschliches Bedürfnis und ein wichtiger Bestandteil der Lebensqualität. Menschen mit Spastik, einer Form von Muskelverkrampfung, können jedoch mit besonderen Herausforderungen in Bezug auf ihre sexuelle Gesundheit und ihr sexuelles Wohlbefinden konfrontiert sein. Dieser Artikel beleuchtet verschiedene Aspekte der Sexualität bei Spastik, von den körperlichen Auswirkungen bis hin zu psychologischen und sozialen Faktoren.
Einführung in Spastik und ihre Auswirkungen auf die Sexualität
Spastik ist eine neurologische Erkrankung, die durch erhöhten Muskeltonus, Muskelsteifheit und unwillkürliche Muskelkontraktionen gekennzeichnet ist. Sie kann durch verschiedene Ursachen wie Zerebralparese, Schlaganfall, Multiple Sklerose oder Rückenmarksverletzungen verursacht werden. Die Auswirkungen von Spastik auf die Sexualität können vielfältig sein und hängen von der Schwere der Erkrankung, den betroffenen Körperregionen und den individuellen Erfahrungen ab.
Körperliche Aspekte der Sexualität bei Spastik
Erektionsstörungen und Ejakulationsprobleme
Bei Männern mit Spastik können Erektionsstörungen und Ejakulationsprobleme auftreten. Diese können auf neurologische Schäden zurückzuführen sein, die die Nervenbahnen beeinträchtigen, die für die sexuelle Funktion verantwortlich sind. Psychogene Erektionen, die durch psychische Reize wie optische und akustische Stimulation, Gerüche, Phantasien, Erwartungen und Wünsche ausgelöst werden, können ebenfalls beeinträchtigt sein. Reflektorische Erektionen, die durch direkte Stimulation der Genitalien entstehen, können bei Querschnittgelähmten mit einer Läsionshöhe oberhalb Th11 möglich sein, wenn die sakralen Wurzeln und das sakrale Rückenmark intakt sind. Allerdings reicht diese Art der Erektion oft nicht für den Geschlechtsverkehr aus, da das Signal vom Gehirn fehlt und die Erektion nachlässt, sobald die Stimulation endet.
Ejakulationsstörungen können sich in Form von vermindertem oder fehlendem Ejakulat äußern, oder als retrograde Ejakulation, bei der das Ejakulat rückläufig in die Harnblase gelangt. Diese Störungen werden durch unzureichende neurogene Stimulationsmöglichkeiten oder Nebenwirkungen von Medikamenten verursacht.
Orgasmusfähigkeit und Empfindungen
Auch wenn die Sensibilität nach Eintritt einer Querschnittlähmung unterhalb der Läsionshöhe vermindert oder erloschen ist, können Para- und Tetraplegiker einen Orgasmus erleben. Die rhythmischen unwillkürlichen Muskelkontraktionen eines Orgasmus können jedoch länger andauern und eventuell als unangenehm empfunden werden. Manche Männer beschreiben ihren Höhepunkt als einen „psychischen Orgasmus, vergleichbar mit dem Gefühl ‚high‘ zu sein“, der eine Kombination aus Phantasie, Erinnerung an frühere Orgasmen und der stattfindenden sexuellen Situation ist.
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Bei Frauen kann je nach Läsionshöhe die Lubrikation, d. h. das Feuchtwerden der Scheide, ausbleiben. Trotz einer verminderten oder fehlenden Sensibilität können viele betroffene Frauen auf sexuelle Stimulation mit rhythmischen Kontraktionen der Scheide reagieren und einen Orgasmus haben. Diese Orgasmen können sich von den zuvor erlebten unterscheiden und eine neue, eigene Qualität aufweisen, sogenannte Para-Orgasmen, die eine Kombination aus körperlichen Empfindungen, emotionalen Reaktionen, Erinnerungen, Phantasien und visuellen und/oder auditiven Stimulationen sein können.
Spastik und Muskelkontrolle
Die Spastik selbst kann die sexuelle Aktivität beeinträchtigen, indem sie bestimmte Stellungen erschwert oder unmöglich macht. Unwillkürliche Muskelkontraktionen können zu Schmerzen oder Unbehagen führen und die sexuelle Erregung stören. Es ist wichtig, dass Betroffene und ihre Partner gemeinsam herausfinden, welche Stellungen und Praktiken am angenehmsten und praktikabelsten sind.
Weitere körperliche Herausforderungen
Weitere körperliche Herausforderungen, die die Sexualität bei Spastik beeinträchtigen können, sind:
- Eingeschränkte Beweglichkeit: Die eingeschränkte Beweglichkeit kann es schwierig machen, sexuelle Stellungen einzunehmen oder sich während des Geschlechtsverkehrs zu bewegen.
- Schmerzen: Spastik kann zu chronischen Schmerzen führen, die die sexuelle Lust und das sexuelle Verlangen beeinträchtigen können.
- Blasen- und Darmprobleme: Inkontinenz oder andere Blasen- und Darmprobleme können die sexuelle Aktivität beeinträchtigen und zu Scham oder Verlegenheit führen.
- Müdigkeit: Müdigkeit ist ein häufiges Symptom von Spastik und kann die sexuelle Energie und das sexuelle Interesse reduzieren.
Psychologische und soziale Aspekte der Sexualität bei Spastik
Körperbild und Selbstwertgefühl
Spastik kann das Körperbild und das Selbstwertgefühl beeinträchtigen. Betroffene können sich aufgrund ihrer körperlichen Einschränkungen oder ihres Aussehens unattraktiv oder unerwünscht fühlen. Es ist wichtig, dass Betroffene an ihrem Selbstwertgefühl arbeiten und sich auf ihre Stärken und positiven Eigenschaften konzentrieren.
Partnerschaft und Kommunikation
Eine offene und ehrliche Kommunikation mit dem Partner ist entscheidend für eine erfüllende Sexualität bei Spastik. Es ist wichtig, über Bedürfnisse, Wünsche und Ängste zu sprechen und gemeinsam Lösungen für Herausforderungen zu finden. Paare können auch von einer Sexualberatung oder -therapie profitieren, um ihre Kommunikation und Intimität zu verbessern.
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Soziale Isolation und Stigma
Menschen mit Spastik können aufgrund ihrer Behinderung soziale Isolation und Stigma erfahren. Dies kann es schwierig machen, Partner zu finden oder sexuelle Beziehungen einzugehen. Es ist wichtig, dass Betroffene sich nicht isolieren, sondern soziale Kontakte pflegen und sich in Selbsthilfegruppen oder Online-Foren austauschen.
Selbstbestimmung und sexuelle Rechte
Menschen mit Spastik haben das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung und ein erfülltes Sexualleben. Es ist wichtig, dass sie über ihre sexuellen Rechte informiert sind und sich gegen Diskriminierung und Ausgrenzung zur Wehr setzen.
Strategien für eine erfüllende Sexualität bei Spastik
Körperliche Strategien
- Experimentieren mit verschiedenen Stellungen: Es gibt viele verschiedene sexuelle Stellungen, die für Menschen mit Spastik geeignet sein können. Es ist wichtig, verschiedene Stellungen auszuprobieren, um herauszufinden, welche am bequemsten und lustvollsten sind. Hilfsmittel wie Kissen oder Gurte können verwendet werden, um den Körper zu stützen und die Beweglichkeit zu erleichtern.
- Verwendung von Hilfsmitteln: Es gibt eine Vielzahl von Hilfsmitteln, die die sexuelle Aktivität erleichtern können, wie z. B. Vibratoren, Gleitmittel oder spezielle Sexspielzeuge.
- Anpassung der Umgebung: Die Umgebung kann so angepasst werden, dass sie für Menschen mit Spastik zugänglicher und komfortabler ist. Dies kann bedeuten, dass das Bett erhöht wird, um das Ein- und Aussteigen zu erleichtern, oder dass der Raum abgedunkelt wird, um die Entspannung zu fördern.
- Behandlung von Schmerzen und Spastik: Schmerzen und Spastik können die sexuelle Aktivität beeinträchtigen. Es ist wichtig, diese Symptome mit Medikamenten, Physiotherapie oder anderen Therapien zu behandeln.
- Regelmäßige Blasen- und Darmentleerung: Ein regelmäßiges Schema zur Darm- und Blasenentleerung kann dazu beitragen, Unfälle während der sexuellen Aktivität zu vermeiden. Es kann auch hilfreich sein, die Trinkmenge vor einer sexuellen Begegnung einzuschränken.
Psychologische Strategien
- Akzeptanz des eigenen Körpers: Es ist wichtig, den eigenen Körper zu akzeptieren und sich auf die positiven Aspekte zu konzentrieren. Dies kann bedeuten, dass man sich auf die Bereiche des Körpers konzentriert, die empfindlich sind, oder dass man sich auf die Fähigkeiten konzentriert, die man hat.
- Entdeckung neuer erogener Zonen: Wenn die Sensibilität in den Genitalien eingeschränkt ist, können neue erogene Zonen entdeckt werden, wie z. B. die Brustwarzen, der Hals, der Nacken oder die Ohren.
- Stimulierung anderer Sinne: Die Libido kann durch die Stimulation anderer Sinne angeregt werden, wie z. B. durch erotische Musik, Klänge, Worte, Düfte oder Geschmäcker.
- Fantasien und Rollenspiele: Fantasien und Rollenspiele können die sexuelle Erregung steigern und neue sexuelle Erfahrungen ermöglichen.
- Selbstbefriedigung: Selbstbefriedigung ist eine gesunde und natürliche Möglichkeit, die eigene Sexualität zu erkunden und sexuelle Befriedigung zu erlangen.
- Positive Selbstgespräche: Positive Selbstgespräche können helfen, negative Gedanken und Gefühle über den eigenen Körper und die eigene Sexualität zu überwinden.
Kommunikationsstrategien
- Offene und ehrliche Kommunikation mit dem Partner: Eine offene und ehrliche Kommunikation mit dem Partner ist entscheidend für eine erfüllende Sexualität. Es ist wichtig, über Bedürfnisse, Wünsche und Ängste zu sprechen und gemeinsam Lösungen für Herausforderungen zu finden.
- Klare Anweisungen geben: Es ist wichtig, dem Partner klare Anweisungen zu geben, wie er oder sie den Körper berühren oder stimulieren soll.
- Feedback geben: Es ist wichtig, dem Partner Feedback zu geben, was sich gut anfühlt und was nicht.
- Geduld und Verständnis: Es ist wichtig, geduldig und verständnisvoll zu sein, da es Zeit und Mühe kosten kann, herauszufinden, was für beide Partner funktioniert.
Unterstützung suchen
- Sexualberatung oder -therapie: Eine Sexualberatung oder -therapie kann Paaren helfen, ihre Kommunikation und Intimität zu verbessern und sexuelle Probleme zu lösen.
- Selbsthilfegruppen: Selbsthilfegruppen bieten eine Möglichkeit, sich mit anderen Menschen mit Spastik auszutauschen und Unterstützung zu erhalten.
- Online-Foren: Online-Foren bieten eine Möglichkeit, sich mit anderen Menschen mit Spastik auszutauschen und Informationen und Ratschläge zu erhalten.
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