Atropin ist ein natürlich vorkommender Stoff, der in der Tollkirsche enthalten ist und seit langem in der Medizin vielfältig eingesetzt wird. Aufgrund seiner Wirkung auf das vegetative Nervensystem kann es in vielen Anwendungsbereichen eingesetzt werden, z. B. zur Erweiterung der Pupillen vor Augenuntersuchungen, bei Magen-Darm-Krämpfen, bestimmten Herzrhythmusstörungen und Vergiftungen.
Was ist Atropin?
Atropin ist ein Wirkstoff, der in vielen Nachtschattengewächsen vorkommt. Es hat die chemische Formel 3a[1aH,5aH]-tropanyl-[RS]-tropat;DL-Tropyltropat und ist ein Tropanalkaloid, das auch Atropium, Atropina, Atropinum, DL-Hyoscyamin, d,l-Hyoscyaminum oder Tropintropat genannt wird. Es ist ein Isomergemisch aus d-Hyoscyamin und l-Hyoscyamin und ähnelt damit Kokain, Hyoscyamin und Scopolamin.
Wie wirkt Atropin?
Atropin gehört zur Gruppe der Parasympatholytika (auch Anticholinergika oder Muskarinrezeptor-Antagonisten genannt). Seine parasympatholytischen Eigenschaften (Hemmung des Parasympathikus) sorgen unter anderem dafür, dass die glatte Muskulatur im Magen-Darm-Trakt, in den Gallenwegen und den ableitenden Harnwegen erschlafft.
Zudem hemmt Atropin die Sekretion von Speichel, Tränenflüssigkeit und Schweiß. Außerdem verringert es die Schleimbildung in der Lunge und erweitert die Pupillen des Auges. In höheren Dosierungen steigert Atropin den Herzschlag (positiv chronotrope Wirkung).
Atropin konkurriert mit Acetylcholin um muskarinerge Acetylcholin-Rezeptoren des Parasympathikus, dessen Wirkung es hemmt (Parasympathikolyse).
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Sympathikus und Parasympathikus
Das vegetative (unwillkürliche) Nervensystem besteht aus zwei Teilen, die sich wie Gegenspieler zueinander verhalten: das sympathische und das parasympathische Nervensystem.
Hat das parasympathische Nervensystem (Parasympathikus) die Oberhand, beruhigt sich der Herzschlag, die Verdauung wird angeregt, und die Muskeln entspannen sich. Man spricht hier auch von der "Feed-and-breed"- oder "Rest-and-digest"-Reaktion ("fressen und fortpflanzen" bzw. "ausruhen und verdauen").
Wird jedoch das sympathische Nervensystem (Sympathikus) aktiviert, ist der Körper auf Leistung ausgelegt - der Herzschlag wird schneller, die Pupillen weiten sich, und die Verdauungsleistung wird heruntergefahren. Diese Stressreaktion ist auch als "Fight-or-flight"-Reaktion ("kämpfen oder flüchten") bekannt.
Der Wirkstoff Atropin hemmt im Körper den Parasympathikus, wodurch es abhängig von der Dosis zu indirekten sympathischen Wirkungen kommen kann. Dazu zählen wie oben erwähnt zum Beispiel geweitete Pupillen, eine Hemmung der Darmtätigkeit und der Speichelproduktion.
Auch Vergiftungen mit Giften, welche die Wirkung des Parasympathikus stark anregen, können mit Atropin als Gegengift behandelt werden. Solche Gifte sind zum Beispiel die chemischen Kampfstoffe Sarin, Soman und Tabun (G-Kampfstoffe) sowie das Insektizid E 605 (Parathion).
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Aufnahme, Abbau und Ausscheidung
Nach der Aufnahme von Atropin in die Blutbahn wird ein kleiner Teil an Transportproteine im Blut gebunden. Die Hauptmenge aber liegt frei gelöst im Blutplasma vor.
Dieses freie Atropin wird schnell (in zwei bis drei Stunden) abgebaut und über die Nieren ausgeschieden. Der kleinere, gebundene Teil wird langsamer über einen Zeitraum von etwa zwölf bis 38 Stunden ausgeschieden.
Anwendungsgebiete von Atropin
Atropin wird bei einer Vielzahl von Anwendungsgebieten (Indikationen) eingesetzt. Dazu zählen:
- Krämpfe im Bereich von Magen und Darm, Gallen- und Harnwegen
- Hemmung der Sekretion der Magendrüsen und der Bauchspeicheldrüse
Intravenös wird Atropin verabreicht zur:
- Vorbereitung auf eine Narkose (Narkose-Prämedikation)
- Behandlung von bradykarden Herzrhythmusstörungen (Rhythmusstörung bei gleichzeitig verlangsamtem Herzschlag)
- Behandlung von Vergiftungen mit G-Kampfstoffen und Insektiziden
Atropin-haltige Augentropfen werden verwendet zur Pupillenerweiterung in folgenden Fällen:
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- Vor Untersuchungen des Augenhintergrundes
- Bei Augenentzündungen (z.B. Regenbogenhautentzündung)
Im Rahmen mancher Anwendungsgebiete werden hohe Dosen von Atropin verabreicht, aber nur kurzfristig, da der Wirkstoff viele Stoffwechselprozesse beeinflusst. Niedrige Dosierungen und/oder lokal anzuwendende Präparate (wie etwa Atropin-Augentropfen) werden mitunter auch langfristig gegeben.
Außerhalb der zugelassenen Anwendungsgebiete (Off-Label-Use) werden Atropin-Tropfen unter anderem auch zur Verminderung der Speichelproduktion, etwa bei krankhafter Speichelbildung (Hypersalivation) oder der Einnahme bestimmter Medikamente (z.B. Clozapin) verwendet.
In der Notfallmedizin dient Atropin zur Therapie bradykarder Herzrhythmusstörungen. Aufgrund von starken Nebenwirkungen sind seine Indikationen beschränkt: Atropin wird in der Anästhesie bei Bradykardien oder Laryngo-/Bronchospasmen verwendet. Es ist ein wichtiges Antidot bei Alylkylphosphatintoxikationen. Bei Intoxikation mit Atropin kommt es zum anticholinergen Syndrom.
Wie wird Atropin angewendet?
Der Wirkstoff wird nach Möglichkeit lokal angewendet, etwa in Form von Atropin-Augentropfen und Tropfen zur Anwendung im Mund. Zur Behandlung von inneren Organen oder Vergiftungen werden Injektionslösungen, Tabletten oder Zäpfchen eingesetzt.
Dosierung und Häufigkeit der Anwendung werden vom behandelnden Arzt individuell an den Patienten angepasst.
Nach der Anwendung Atropin-haltiger Augentropfen sollten Sie keine Fahrzeuge lenken oder Maschinen bedienen, da der Wirkstoff die Sehleistung und das Reaktionsvermögen beeinträchtigt.
Nebenwirkungen von Atropin
Atropin-Nebenwirkungen sind stark dosisabhängig.
Bei mehr als jedem zehnten Patienten treten Mundtrockenheit, gerötete, trockene Haut, ein beschleunigter Herzschlag und Sehstörungen (infolge der Pupillenerweiterung) auf. Je nach Grund der Anwendung können diese Wirkungen auch erwünscht sein.
Besonders in höheren Dosen kann Atropin auch zu Halluzinationen, Sprachstörungen, Krämpfen, Blutdruckerhöhung, Muskelschwäche, Harnverhalt, Verwirrtheits-, Unruhe- und Erregungszuständen führen.
In seiner Wirkung als Rauschmittel erzeugt Atropin u.a. Erregung, stark beschleunigte Herztätigkeit, Rededrang, Euphorie und (erwünschte oder unerwünschte) Halluzinationen, es kann aber auch zu Unruhe, Krämpfen und Herzrhythmusstörungen führen. Weiterhin treten auf: Mydriasis [Pupillenerweiterung], motorische Unruhe, gerötete und trockene Haut, Benommenheit bis hin zu ungewöhnlich starke Schläfrigkeit], Trockenheit der Schleimhäute, Lähmung der Augenmuskels, Beeinträchtigung der Magensaft-, Schweiß- und Speichel-Sekretion. Bewusstseinsstörungen, Krampfanfälle, Angstzustände, Harnverhalt sind im Besonderen bei Kindern zu beobachten.
In hohen Dosen besitzt Atropin eine erregende Wirkung auf das zentrale Nervensystem mit narkoseartiger Lähmung, die zum Koma und Atemstillstand führen kann.
Was ist bei der Einnahme von Atropin zu beachten?
Gegenanzeigen
Atropin darf nicht verwendet werden bei:
- Engwinkelglaukom (eine Form von Grünem Star)
- Krankhafter Verengung der koronaren Gefäße (Koronarstenose)
- Herzrhythmusstörungen mit beschleunigtem Herzschlag (tachykarde Herzrhythmusstörungen)
- Blasenentleerungsstörung mit Restharnbildung
- Gutartiger Prostatavergrößerung
- Myasthenia gravis (Autoimmunerkrankung der Nerven und Muskeln)
Wechselwirkungen
In Kombination mit Wirkstoffen, die ebenfalls hemmend auf den Parasympathikus wirken, kann sich die Wirkung von Atropin verstärken. Das begünstigt Nebenwirkungen.
Zu diesen parasympatholytischen Wirkstoffen gehören Mittel gegen Allergien (insbesondere ältere Antiallergika) und Psychosen (Antipsychotika), einige Antidepressiva (v.a. trizyklische Antidepressiva wie Amitriptylin), Methylphenidat (bei ADHS und der Schlafkrankheit Narkolepsie), Antiparkinsonmittel (z.B. Amantadin) und Mittel gegen Herzrhythmusstörungen (wie Chinidin).
Atropin + Morphine/Opiate: Folge ist eine starke Verlangsamung der Herzfrequenz, die lebensgefährlich sein kann! Erbrechen kann bei Bewusstlosigkeit zu Erstickung [am eigenen Erbrochenen] führen.
Atropin + einige Medikamente: wie oben. Teilweise dramatische Wirkungsverstärkung, die zum Tode führen kann.
Altersbeschränkung
Atropin-Tabletten können in entsprechender Dosierung bereits Kleinkindern ab zwei Jahren gegeben werden. Atropin-Augentropfen sind für Säuglinge ab dem dritten Monat zugelassen. Intravenöse Atropin-Medikamente werden bei akuter Lebensgefahr (z.B. schwere Vergiftung) ab der Geburt eingesetzt.
Schwangerschaft und Stillzeit
Atropin überwindet die Plazenta und kann so in den Körper des Ungeborenen gelangen. Es sollte in der Schwangerschaft deshalb nur nach strenger Nutzen-Risiko-Abwägung zum Einsatz kommen, auch wenn bisherige Daten keine Hinweise auf ein erhöhtes Fehlbildungsrisiko ergeben.
Atropin tritt in geringen Mengen in die Muttermilch über. Bisher gibt es keine Berichte über über negative Auswirkungen beim gestillten Kind. Die kurzzeitige Anwendung in der Stillzeit scheint daher - bei sorgfältiger Beobachtung des Kindes - akzeptabel zu sein.
Beobachten Sie Ihr Kind genau, wenn Sie Atropin-haltige Präparate während der Stillzeit anwenden.
Rezeptpflicht
Atropin ist durch das BtMG [Betäubungsmittelgesetz] nicht erfasst und als Bestandteil von Medikamenten verschreibungspflichtig.
Meist wird Atropin direkt vom Arzt angewendet. Für alle anderen Zwecke erhält man in Deutschland, Österreich und der Schweiz die entsprechenden Präparate rezeptpflichtig in der Apotheke.
Ausgenommen von der Rezeptpflicht sind lediglich homöopathische Zubereitungen.
Geschichte des Atropins
Bereits im vierten Jahrhundert vor Christus beschrieb Theophrastos von Eresos die Wirksamkeit der Alraune, einer Atropin-haltigen Pflanze, zur Behandlung von Wunden, Gicht und Schlaflosigkeit. Die Verwendung von Atropin-haltigen Pflanzen wurde über die Jahrhunderte immer wieder dokumentiert. Besonders bekannt ist die Verwendung zur Pupillenerweiterung zu kosmetischen Zwecken, beispielsweise durch Cleopatra.
1831 hat der deutsche Apotheker Heinrich Mein Atropin erstmals isolieren können. Im Jahre 1901 wurde der Wirkstoff das erste Mal von Richard Willstätter künstlich hergestellt.
Den Namen Atropin gab ihm der deutsche Apotheker Philipp Lorenz Geiger (1785-1836): Geiger hatte das Alkaloid im Jahr 1824 aus Atropa belladonna, der Schwarzen Tollkirsche, isoliert. Das Tropan-Alkaloid bildet sich durch Racemisierung aus S-Hyoscyamin im Prozess der Isolierung und ist vor allem in den Blättern der Tollkirsche (bis zu 1,5 Prozent) enthalten.
Die Bezeichnung »Belladonna« bringen etliche Autoren damit in Verbindung, dass sich die Italienerinnen im Mittelalter vor dem Treffen mit dem »Auserwählten« den Saft aus Tollkirschen in die Augen träufelten, um ihre Pupillen zu erweitern.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat den Wirkstoff Atropin auf die Liste der unentbehrlichen Arzneimittel gesetzt. Diese Liste umfasst Wirkstoffe, welche die Grundversorgung der Bevölkerung sicherstellen sollen.
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