Nikotin und sein Einfluss auf das neuronale Ruhepotential

Das neuronale Ruhepotential ist ein grundlegender Aspekt der neuronalen Funktion. Es bildet die Grundlage für die Erzeugung und Weiterleitung von Aktionspotentialen, die für die Kommunikation zwischen Nervenzellen unerlässlich sind. Nikotin, ein Alkaloid, das in Tabakpflanzen vorkommt, hat vielfältige Auswirkungen auf das Nervensystem, einschließlich seiner Wirkung auf das Ruhepotential von Neuronen. Dieser Artikel beleuchtet die Mechanismen, durch die Nikotin das neuronale Ruhepotential beeinflusst, und die daraus resultierenden Konsequenzen für die neuronale Signalübertragung.

Grundlagen des neuronalen Ruhepotentials

Neuronen, die Nervenzellen des Gehirns, weisen im Ruhezustand eine elektrische Spannung über ihre Zellmembran auf, das sogenannte Ruhepotential. Dieses Potential liegt typischerweise bei etwa -65 mV, kann aber je nach Zelltyp zwischen -45 und -90 mV variieren. Das Ruhepotential ist entscheidend für die Erregbarkeit der Nervenzelle und ihre Fähigkeit, auf Reize zu reagieren.

Aufrechterhaltung des Ruhepotentials

Das Ruhepotential wird hauptsächlich durch die folgenden Faktoren aufrechterhalten:

  • Die Natrium-Kalium-Pumpe (Na+/K+-ATPase): Dieses Membranprotein transportiert aktiv Natriumionen (Na+) aus dem Zellinneren heraus und Kaliumionen (K+) in das Zellinnere. Dadurch entsteht ein Konzentrationsgradient, bei dem sich im Zellinneren weniger Natriumionen und mehr Kaliumionen befinden als außerhalb.
  • Selektive Permeabilität der Membran: Die Zellmembran ist im Ruhezustand selektiv permeabel für Kaliumionen, während sie weniger durchlässig für Natriumionen ist. Dies ermöglicht den Ausstrom von Kaliumionen entlang ihres Konzentrationsgradienten, was zu einer negativen Ladung im Zellinneren beiträgt.
  • Anionen im Zellinneren: Das Zellinnere enthält eine hohe Konzentration an negativ geladenen Anionen, wie Proteinen, die zur negativen Ladung beitragen.

Das extrazelluläre Natrium- und Kaliumionenniveau wird durch die Nieren und die Astrozyten aufrechterhalten. Astrozyten sind sternförmige Gliazellen, die die größten Gliazellen sind. Sie ernähren die Neuronen über Kontakte zu Blutgefäßen.

Aktionspotentiale: Grundlage der Signalübertragung

Das Aktionspotential ist ein grundlegender Mechanismus der Signalübertragung in Nervenzellen. Ein Aktionspotential (ein schneller Spannungsanstieg um +10 mV, z.B. von -65 auf -55 mV) macht die Zellmembran durchlässiger für Natriumionen als für Kaliumionen. Der dadurch gesteigerte Eintritt von Natriumionen erhöht die Zellwanddurchlässigkeit für Natriumionen weiter, sodass immer mehr Natriumionen eintreten. Dadurch verringert sich die negative Spannung schlagartig und verkehrt sich sogar kurzfristig (für rund 1 ms) ins Positive auf + 40 mV (“Overshoot”). Das Aktionspotential ist eine Alles-oder-Nichts-Entscheidung. Das Aktionspotential bleibt über die gesamte Strecke im Axon konstant. Dabei wird die Membranspannung zunächst noch negativer, als das ursprüngliche Ruhepotential war (Hyperpolarisation). Spannung steigt (langsam oder schnell) in Richtung Schwellenpotenzial.

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Das Nervengift Saxitoxin blockiert Natriumkanäle und verhindert so die Entstehung und Weiterleitung von Aktionspotentialen.

Nikotin: Eigenschaften, Aufnahme und Wirkmechanismen

Nikotin ist ein Alkaloid, das in der Natur in der Tabakpflanze und in geringer Konzentration in weiteren Nachtschattengewächsen vorkommt. Das Alkaloid gilt als Droge, da es sich um einen psychoaktiven Wirkstoff handelt, der an bestimmte Nervenzellrezeptoren andockt und entweder anregend oder entspannend wirkt. Nikotin kann im Tabak geraucht oder im Dampf inhaliert werden. In hohen Dosen ist Nikotin ein Nervengift, das in den Blättern der Pflanzen der Gattung Nicotiana zur Abwehr von Insektenfraß vorkommt.

Aufnahme und Verteilung

Sobald Nikotin über Tabakrauch aufgenommen wird, passiert der Stoff zügig die Blut-Hirn-Schranke. Es dauert weniger als 20 Sekunden, bis Nikotin seine Wirkung im Gehirn entfaltet. Nur fettlösliche Substanzen mit einem Molekulargewicht unter 500 Da können durch die Blut-Hirn-Schranke diffundieren, wie z.B. Nikotin, Alkohol, Blutgase oder Narkotika wie Halothan, nicht aber Ionen oder polare Substanzen wie Glucose.

Wirkmechanismen im Nervensystem

Beim Nervensystem angelangt, bindet es sich an die Acetylcholin-Rezeptoren, die eigentlich vom Neurotransmitter Acetylcholin aktiviert werden. Bindet sich stattdessen Nikotin an die Rezeptoren, sorgt es für die Freisetzung von verschiedenen Neurotransmittern wie Adrenalin, Noradrenalin, Serotonin, Dopamin und Hormonen wie Cortisol. Nikotin aktiviert - indem es sich an sie bindet - die sogenannten nikotinergenen Acetylcholin-Rezeptoren. Diese Rezeptoren sind unter anderem Teil des vegetativen Nervensystems, das die unbewussten Vorgänge des Körpers kontrolliert. Genauer gesagt kommen sie unter anderem an den motorischen Endplatten vor: Synapsen zwischen einer Muskelzelle und Nervenzelle, die Signale an die Muskeln weiterleiten. Zu den Tätigkeiten, die vom vegetativen Nervensystem gesteuert werden, gehören etwa die Darmtätigkeit und der Herzschlag. Nikotin wirkt ähnlich wie der eigentliche Botenstoff und stört daher wichtige Funktionen der Rezeptoren.

Auswirkungen von Nikotin auf das neuronale Ruhepotential

Die Bindung von Nikotin an nikotinische Acetylcholinrezeptoren (nAChRs) hat direkte und indirekte Auswirkungen auf das Ruhepotential von Neuronen.

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Direkte Auswirkungen

Nikotinische Acetylcholinrezeptoren sind ligandengesteuerte Ionenkanäle. Das bedeutet: Die Ionenkanäle öffnen sich, sobald ein Transmitter (= Ligand) an den entsprechenden Rezeptor gebunden hat. Dieser Ein- und Ausstrom hat eine positive oder negative Veränderung der Spannung zur Folge (= postsynaptisches Potential).

Die Aktivierung von nAChRs führt zu einem Einstrom von Natriumionen (Na+) in die Zelle. Dieser Einstrom depolarisiert die Zellmembran, was das Ruhepotential vorübergehend verringert und die Zelle erregbarer macht. Nikotin aktiviert - indem es sich an sie bindet - die sogenannten nikotinergenen Acetylcholin-Rezeptoren.

Indirekte Auswirkungen

Die Aktivierung von nAChRs löst die Freisetzung verschiedener Neurotransmitter aus, darunter Dopamin, Noradrenalin, Serotonin und Glutamat. Diese Neurotransmitter können ihrerseits das Ruhepotential von Neuronen beeinflussen, indem sie an andere Rezeptoren binden und verschiedene intrazelluläre Signalwege aktivieren.

  • Dopamin: Dopamin kann das Ruhepotential von Neuronen depolarisieren oder hyperpolarisieren, abhängig vom Rezeptortyp und dem spezifischen Neuron.
  • Noradrenalin: Noradrenalin wirkt über Second-Messenger-Systeme länger und verstärkt Signale.
  • Serotonin: Serotonin hat eine Wirkung auf Schlaf, Schmerzempfinden, Ess-, Sexualverhalten und Emotionen. Es sorgt für eine gute Stimmung und Gelassenheit.
  • Glutamat: Der Neurotransmitter Glutamat (Salz der Glutaminsäure) ist eine Aminosäure. Es ist außerdem der Vorläufer des Transmitters γ-Aminobuttersäure (GABA). GABA ist der am häufigsten vorkommende hemmende Botenstoff im Zentralen Nervensystem.

Konsequenzen der Nikotinwirkung auf neuronale Funktionen

Die Auswirkungen von Nikotin auf das neuronale Ruhepotential haben weitreichende Konsequenzen für verschiedene neuronale Funktionen.

Erhöhte Erregbarkeit und Signalübertragung

Durch die Depolarisation des Ruhepotentials erhöht Nikotin die Erregbarkeit von Neuronen. Dies bedeutet, dass die Zellen leichter ein Aktionspotential auslösen und somit Signale weiterleiten können. Dies kann zu einer gesteigerten neuronalen Aktivität und einer veränderten Informationsverarbeitung im Gehirn führen.

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Suchtverhalten

Nikotin löst unter anderem eine Ausschüttung von Dopamin aus. Die Ausschüttung von Dopamin bewirkt, dass der Mensch Glücksgefühle empfindet. Es wird also eine Art Belohnungssystem durch Nikotin geschaffen. Konsumenten möchten immer wieder das belohnende Gefühl empfinden, wenn sie Nikotin zu sich nehmen, weshalb neben der körperlichen Abhängigkeit auch eine psychische entsteht.

Neuroplastizität

Synaptische Plastizität bezeichnet die Fähigkeit des Gehirns, neue Verbindungen zwischen Nervenzellen zu erstellen, was im Ergebnis Wissen und Erfahrung repräsentiert, und diese wieder zu entfernen.

Andere Auswirkungen

Nikotin kann sich folgendermaßen auf den menschlichen Organismus auswirken:

  • beschleunigt den Herzschlag
  • erhöht den Blutdruck
  • Körpertemperatur sinkt ab
  • erhöht die Darmtätigkeit
  • Gefäße werden verengt
  • Hautwiderstand nimmt ab
  • Zuckerkonzentration wird im Blut erhöht
  • dadurch wird das Hungergefühl gedämpft
  • bewirkt eine Steigerung der psychomotorischen Leistungsfähigkeit sowie der Aufmerksamkeits- und Gedächtnisleistung

Diese Faktoren sind allerdings nur bei einer relativ geringen Dosis zu beobachten. Bei einer höheren Dosis wirkt das Neurotoxin dagegen beruhigend bis lähmend, da bestimmte nervöse Prozesse blockiert werden.

Nikotin in der Medizin

In der Raucherentwöhnungstherapie wird Nikotin über Nikotinpflaster, -sprays oder -kaugummis eingesetzt. Zweck solcher Therapieverfahren ist die Reduktion von Entzugssymptomen, während die Patienten auf das Rauchen verzichten. Deswegen ist es sinnvoll, eine Raucherentwöhnung mit Nikotinersatz zu beginnen. So werden außerdem die in den Zigaretten enthaltenen schädlichen Zusatzstoffe nicht mit aufgenommen.

Nikotinpflaster

Das Nikotinpflaster wirkt transdermal. Das heißt, dass das Nikotin bei dieser Methode über die Haut aufgenommen wird und von dort aus in die Blutbahn gelangt. Sobald das Pflaster auf der Haut aufgeklebt ist, gibt es kontinuierlich Nikotin ab. Dadurch wird ein Nikotin-Kick vermieden, der durch das Rauchen einer Zigarette bewirkt wird. Das Suchtpotenzial wird dadurch deutlich geringer.

Nikotinspray

Das Nikotinspray wird dann eingesetzt, wenn das Verlangen eine Zigarette zu rauchen einsetzt. Dabei wird eine kleine, kontrollierte Menge in den Mund gesprüht. Das Nikotinspray ist frei von den schädlichen Stoffen, die in einer Zigarette vorhanden sind und der Nikotinspiegel bleibt trotzdem durch das regelmäßige Sprühen im Blut aufrechterhalten.

Nikotinkaugummi

Auch Nikotinkaugummis können zur Raucherentwöhnung gekaut werden, um die Entzugserscheinungen von Nikotin abzumildern. Beim Kauen gelangt das Nikotin über die Mundschleimhaut in die Blutbahn. Nach einigen Minuten wird das Nikotin freigesetzt.

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