Das Unterbewusstsein ist ein faszinierendes und komplexes Thema, das seit langem das Interesse von Psychologen, Neurowissenschaftlern und Philosophen weckt. Während Sigmund Freud das Unbewusste als eine eher negative Kraft beleuchtete, wird es heute als hilfreiche Unterstützung angesehen, die unsere Entscheidungen, unser Verhalten und unsere Wahrnehmung maßgeblich beeinflusst.
Die Macht des Unterbewusstseins
Das Unterbewusstsein gleicht einem Schwamm, der ständig Sinneseindrücke und Informationen in sich aufsaugt. Es steuert unser Verhalten und ist dem Bewusstsein im Arbeitsspeicher haushoch überlegen. Studien zeigen, dass wir täglich bis zu 100.000 Entscheidungen treffen, von denen die meisten schnell und unbewusst fallen.
Intuition als Entscheidungshilfe
Der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung belegt anhand zahlreicher Beispiele, dass es sich lohnen kann, auf die Intuition zu vertrauen, insbesondere wenn man über Dinge nachdenkt, über die man wenig weiß oder die schwer vorherzusagen sind. Er argumentiert, dass die Intelligenz des Unbewussten darin besteht, in jeder Situation auf die passende Faustregel zurückzugreifen nach dem Motto: "Take the best, ignore the rest". Allerdings verarbeiten Menschen bei intuitivem Handeln meist eine Vielzahl von Informationen parallel und integrieren sie zu einem Gesamturteil, wie Andreas Glöckner vom Max-Planck-Institut in Bonn herausgefunden hat.
Unbewusste Lernleistungen
Henning Plessner, Sozialpsychologe an der Universität Leipzig, hat das enorme Potenzial der unbewussten Lernleistung nachgewiesen. In seinen Experimenten konnten Probanden Aktien gefühlsmäßig einwandfrei beurteilen, obwohl sie sich der Kursentwicklungen nicht bewusst waren. Offenbar ist der Verstand fehleranfällig und benötigt einen unbewussten Berater, der schnell, kompetent und immer greifbar ist und das große Ganze sieht.
Subtile Signale der Mimik
Besonders gut funktionieren die geheimen Antennen des Unbewussten, wenn es um subtile Signale der Mimik geht. Im Gehirn befindet sich ein eigenes Areal, das damit beschäftigt ist, bekannte Züge in Gesichtern aufzuspüren. Während der Verstand mit den Worten beschäftigt ist, befasst sich das Unterbewusstsein lieber mit den winzigen Aussagen der Bewegungen von Stirn, Mund- und Augenwinkeln, die so viel mehr sagen als Worte.
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Die Suche nach dem Sitz des Unterbewusstseins im Gehirn
Mit raffinierten Tests und Hirnscans dringen Forscher in das mystische Schattenreich des Unbewussten vor. Sie entdecken eine Welt ungeahnter Kräfte, die bei der Auswahl einer Marmeladensorte, eines Möbelstücks oder eines Partners eine Rolle spielen.
Beteiligte Gehirnregionen
Untersuchungen am Gehirn von Makaken zeigen, dass Nervenzellen in mindestens zwei Gehirnregionen für die bewusste Wahrnehmung verantwortlich sind: dem Schläfen- und dem Frontallappen. Die Großhirnrinde, der äußere Teil des Gehirns, ist maßgeblich an unserem Bewusstsein beteiligt. Wenn Makaken etwas bewusst wahrnehmen, sind Nervenzellen im Schläfenlappen der Großhirnrinde aktiv. Nervenzellen in einem Teil des Frontallappens der Großhirnrinde sind aktiv, wenn den Affen das Gesehene bewusst ist. Die Entscheidung, welche Sinneseindrücke unser Bewusstsein erreichen, wird also nicht in einer einzigen Gehirnregion getroffen, sondern erfordert die Zusammenarbeit von Nervenzellen aus verschiedenen Gehirnregionen.
Das episodische Gedächtnis
Forschende vom Institut für Psychologie der Universität Bern konnten nachweisen, dass nicht nur bewusste, sondern auch unbewusste alltägliche Erlebnisse von unserem Gedächtnis abgespeichert werden. Diese werden automatisch im episodischen Gedächtnis abgespeichert, einem Gedächtnissystem, das auf der zentralen Hirnstruktur Hippocampus beruht. Die Ergebnisse zeigen, dass auch unbewusst Erlebtes im episodischen Gedächtnis gespeichert und verhaltenswirksam wird.
Somatische Marker und Körperbewusstsein
Die Theorie der somatischen Marker von Antonio Damasio besagt, dass Körpersignale, die uns bewusst werden, uns dabei helfen, Entscheidungen zu fällen, indem sie eine Tendenz in eine gewisse Richtung vorgeben. Das Körperbewusstsein ist nach Damasio im unteren Parietallappen verortet, insbesondere in der rechten Hemisphäre, wo Areale räumliche Informationen vom Körper verarbeiten. Ein ständiges Self-Monitoring findet in der Insel statt und ist eher emotionaler Natur.
Kritik und alternative Perspektiven
Der Neurowissenschaftler Nick Chater hält den menschlichen Geist für überbewertet und argumentiert, dass wir uns nicht finden können, weil dort kein Selbst ist, das wir finden könnten. Er glaubt, dass wir mental flach sind und unsere Innenwelt im Moment erfinden. Chater unterscheidet sich von Freud in zwei Aspekten: Erstens glaubt er nicht an eine scharfe Trennung zwischen bewussten und unbewussten Prozessen, und zweitens sieht er keine kämpfenden Instanzen wie Es, Ich und Über-Ich in uns.
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Die Illusion der Wahrnehmung
Chater argumentiert, dass unsere Wahrnehmung aus Mini-Eindrücken besteht und wir den Eindruck haben, die ganze Welt um uns herum in vollen, realistischen Details wahrzunehmen, obwohl wir das Meiste überhaupt nicht sehen und nur winzigste Ausschnitte erfassen. Er verweist auf die "Unmöglichen Figuren" des Zeichners Oscar Reutersvärd, die zeigen, dass das innere Bild, das wir uns von der Welt machen, lückenhaft und inkohärent ist.
Die Rolle des Bewusstseins
Eine Forschergruppe um den Ulmer Psychologen Markus Kiefer hat herausgefunden, dass unser Bewusstsein unbewusste Prozesse im Gehirn kontrolliert. Unbewusste Prozesse, die im Widerspruch zu unseren Absichten stehen, werden weitgehend von unserem Bewusstsein blockiert. Kiefer argumentiert, dass unser Wille freier ist als gedacht und dass bewusste Vorsätze die Arbeit unserer automatischen Systeme im Gehirn steuern.
Das Unterbewusstsein im Alltag
Das Unterbewusstsein beeinflusst unser Leben in vielfältiger Weise. Es hilft uns, Automatismen auszuführen, Entscheidungen zu treffen und soziale Signale zu interpretieren.
Automatismen
Grundlegendes wie Atmen und Schlucken funktioniert normalerweise unbewusst. Auch erlerntes Verhalten wird unterbewusst gespeichert und bei Abruf eine bestimmte Reaktion veranlasst. So lassen sich ohne aktiv nachzudenken Automatismen umsetzen wie beim Sprechen, Schreiben, beim Fahrrad- und Autofahren.
Intuition und Bauchgefühl
Viele Menschen kennen ein bestimmtes Bauchgefühl oder eine Art Intuition, wenn sie eine Entscheidung treffen müssen. Dies lässt sich aus dem Unterbewusstsein herleiten, das die gesammelten Informationen auswertet und diese Auswertung zurückkommuniziert.
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Beeinflussung durch unbewusste Reize
Studien zeigen, dass sich unser Verhalten durch unbewusste Reize messbar beeinflussen lässt. Die Werbeindustrie nutzt dies, um Kaufanreize in das Gehirn von Kunden zu schmuggeln, ohne dass diese es merken.
Die Bedeutung der Forschung zum Unterbewusstsein
Die Forschung zum Unterbewusstsein ist von großer Bedeutung für unser Verständnis des menschlichen Geistes und Verhaltens. Sie kann uns helfen, bessere Entscheidungen zu treffen, unsere Lernfähigkeiten zu verbessern und unsere sozialen Interaktionen zu optimieren.
Wachkoma und Demenz
Die Forschung zum Unterbewusstsein kann auch dazu beitragen, das Leben von Menschen mit neurologischen Erkrankungen wie Wachkoma und Demenz zu verbessern. Studien zeigen, dass Wachkomapatienten möglicherweise Reize innerlich verarbeiten und über eine Art Basis-Geist verfügen, der dem bewussten Geist zugrunde liegt. Auch demente Menschen können unbewusst noch episodisch lernen und sich erinnern.