Einführung
Die Musiktherapie bietet Parkinson-Patienten eine Vielzahl von Möglichkeiten, ihre Symptome zu lindern und ihre Lebensqualität zu verbessern. Workshops und spezielle Programme nutzen die Kraft der Musik, um Bewegung, Stimme, Stimmung und soziale Interaktion zu fördern. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte der Musiktherapie bei Parkinson, von den wissenschaftlichen Grundlagen bis hin zu praktischen Anwendungen und Beispielen.
Die wissenschaftlichen Grundlagen der Musiktherapie bei Parkinson
Audio-motorische Synchronisation
Das Phänomen der audio-motorischen Synchronisation beschreibt die enge Verbindung zwischen akustischem Rhythmus und dem motorischen Nervensystem. Musik kann Bewegungen spontan und direkt beeinflussen, ähnlich wie ein Magnet auf einen metallischen Gegenstand wirkt. Diese Besonderheit wird in der Therapie von Parkinson-Patienten genutzt, um die motorische Kontrolle zu verbessern.
Dopaminausschüttung
Musik kann im Gehirn die Ausschüttung von Dopamin fördern, einem wichtigen Botenstoff, der bei Parkinson-Patienten oft vermindert ist. Studien haben gezeigt, dass das Hören von Musik die Dopaminproduktion anregen kann, was sich positiv auf die Beweglichkeit und Stimmung auswirkt. Eine Studie aus Montreal belegte, dass eine persönliche Musikauswahl des Teilnehmers mind. 9 % - bis zu 30 % Dopamin im neuronalen Stoffwechsel erzeugt.
Neurologische Musiktherapie (NMT)
Die Neurologische Musiktherapie (NMT) ist eine evidenzbasierte Behandlungsmethode, die Musik und Rhythmus nutzt, um kognitive, sensomotorische und sprachsystematische Funktionen bei neurologischen Patienten zu trainieren. Sie basiert auf wissenschaftlichen Erkenntnissen über Musikwahrnehmung und -produktion sowie deren Auswirkungen auf nichtmusikalische Gehirn- und Verhaltensfunktionen. Musik, insbesondere ihr rhythmischer Anteil, regt das gesamte Gehirn an und versetzt den Körper in die Bereitschaft zu erhöhter Aktivität.
Anwendungsbereiche der Musiktherapie bei Parkinson
Gangtraining mit Musik (RAS - Rhythmisch-Akustische Stimulation)
Das rehabilitative Gangtraining, beispielsweise nach einem Schlaganfall, bei Parkinson, Schädelhirntrauma oder einer Hüft-OP, kann durch Musik effizienter gestaltet werden. Hierbei wird Musik, oft in Form eines Metronoms oder über Kopfhörer, präsentiert. Das musikgestützte Gangtraining RAS (Rhythmisch-Akustische Stimulation) dient der Verbesserung des Gehens, der Schrittlänge und des Armschwungs. Ausgesuchte Musik wird so an das individuelle Gangbild angepasst, dass sich das Gangbild gezielt verbessert. Je nach Zielvorgabe kann man an einer größeren Schrittlänge, einem stärkeren Armschwung oder einem sichereren Gangbild arbeiten. Entscheidend für den Therapieerfolg ist die richtige Trainingsmusik. Das Übungstempo wird individuell therapeutisch angepasst. Bei verlangsamtem Gehen wird eher beschleunigt. Demgegenüber sollten Sie bei Ganginstabilität langsamere Tempi von 95 bis maximal 105 bpm wählen.
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Wenn keine Musik verfügbar ist, kann es hilfreich sein, sich ein Lied zum Gehen vorzustellen. Eine Studie an japanischen Patienten hat gezeigt, dass dies ebenfalls positive Auswirkungen haben kann.
Feinmotoriktraining am Klavier
Durch das Spielen von Musikinstrumenten können Parkinson-Patienten Bewegungen von Armen, Rumpf, Händen und Fingern effektiv trainieren, selbst wenn sie zuvor keine musikalische Erfahrung hatten. Verschiedene Instrumente wie Trommeln, Stabspiele, Klavier oder Melodica dienen dazu, Bewegungsübungen musikalisch zu optimieren. Das Feinmotoriktraining am Klavier ist eine hervorragende Möglichkeit, die Beweglichkeit der Finger und Hände zu erhalten und zu trainieren.
Ein solches repetitives Training stellt im Rahmen rehabilitativer Therapien einen sehr erfolgversprechenden Ansatz dar, besonders wenn zusätzliche Defizite (Neglect, Spastizität, Aufmerksamkeitsstörungen u.a.) den Trainingsfortschritt hemmen.
Kinematische Melodien
Bei diesem Training übt der Patient eine komplexe Bewegung oder Bewegungsabfolge (z.Bsp. vom Sitzen zum Stand, Hantieren mit einem Gegenstand etc.) mit der Unterstützung eines eigens komponierten Musikstückes. Dabei werden sämtliche Teilbewegungen in eine sogenannte kinematische Melodie eingebaut. Diese Spezialmusik ermöglicht eine bessere motorische Kontrolle. Zudem wird das Training akustisch-ästhetisch erfahrbar. Dies unterstützt den mentalen Lernprozess und steigert Ausdauer und Motivation.
Therapeutisches Singen
Neben der Bewegung nach Musik spielt das therapeutische Singen eine wichtige Rolle in der Parkinsontherapie. Auch hierbei geht es um die stimulierende Wirkung von Rhythmen und Melodien auf die Bewegungsverlangsamung im Stimm- und Atemtrakt. Das Singen sorgt für eine lautere und kräftigere Stimme und hebt auch die Stimmung. Durch therapeutisches Singen können Parkinsonpatienten intensiv die Stimme und die Atmung schulen. Es verbessert sich die Stimmqualität und Atem-Stimmkoordination. Dies hat auch positive Auswirkungen auf das Sprechen und somit auf die Kommunikation. Die Songs werden dabei der Stimmlage und der Stimmsymptomatik angepasst. Ein optimales Training ist dann auch bei parkinson-bedingter Hypophonie möglich und sinnvoll.
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Tänzerische Musiktherapie
In der tänzerischen Musiktherapie werden zu Kreis-, Block- oder Paartänzen spielerisch Bewegungen trainiert. Neben dem starken Therapieeffekt für die Beweglichkeit und die Koordination können Parkinsonkranke hierbei auch die Freude an Bewegung zurückgewinnen.
Rhythmische Sprechtraining
Beim Rhythmischen Sprechtraining lernen vorher schwer verständliche Patienten im Takt wieder deutlicher zu artikulieren.
Instrumentalimprovisation
In der Instrumentalimprovisation können auch musikalisch unerfahrene Parkinsonpatienten sich auf Musikinstrumenten ausprobieren. In Einzel- oder Gruppentherapie fördert diese Methode neben der Motorik auch die Krankheitsverarbeitung.
Multimodale Tiefenentspannung
Eine spezifische und individuelle Kombination aus anerkannten Verfahren, wie progressive Muskelentspannung nach Jacobsen, autogenem Training, Achtsamkeitstraining, Pacing und Tiefenentspannung mit Musik unterstützt. Diese gleicht Verspannungen, innere Unruhe und übermäßigen Leistungsdruck aus.
Beispiele für Musiktherapie-Programme und -Angebote
Parkinsonzentrum Beelitz-Heilstätten
Im Parkinsonzentrum Beelitz-Heilstätten wird seit 20 Jahren Musiktherapie in der täglichen Patientenarbeit eingesetzt. Dort wurde ein Gymnastikprogramm mit passgenauer Therapiemusik entwickelt - die Beelitzer Musikgymnastik. Zudem wurde die App CuraSwing entwickelt, die ein musikalisches Bewegungsfeedback für das Gangtraining erzeugt.
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IntoDance Berlin
Die Gruppe “IntoDance Berlin” bietet auf ihrem YouTube-Kanal Videos zum Mittanzen für zuhause an. Anleitungen sind speziell auf die Bedürfnisse von Menschen mit Bewegungseinschränkungen ausgerichtet.
KLANG-CENTRUM Parkinson Rehabilitations - Programm
Das KLANG-CENTRUM bietet ein Parkinson Rehabilitations - Programm an, das Maßnahmen zur Minimierung der körperlichen, psychischen und sozialen Folgen der Erkrankung umfasst. Das Training beinhaltet u.a. Atem-, Stimm- wie auch spezielle Gesangsübungen, Singen, aktives Musizieren, kombinierte Sprech- und Bewegungsrhythmik und Tanzen zu ausgesuchter Musik.
Musikschule
Einige Musikschulen bieten spezielle Musiktherapie-Programme für Parkinson-Patienten an.
Gospelchor
Ein Gospelchor kann ein besonderes Singerlebnis bieten und das Gemeinschaftsgefühl stärken.
Die Rolle der Musiktherapie in der Parkinson-Behandlung
Musiktherapie wird in den meisten Parkinson-Fachkliniken als Baustein einer sogenannten Komplexbehandlung in Kombination mit anderen aktivierenden Therapien wie Physio- und Ergotherapie eingesetzt. Künstlerische Therapien, so auch die Musiktherapie, sind wieder in die aktuelle Leitlinie "Parkinson-Krankheit" aufgenommen worden.
Trotz schwieriger Studienlage konnte vermittelt werden, dass der Einsatz künstlerischer Therapien bei u.a. folgenden Behandlungsziele sinnvoll sein kann:
- Verbesserung des Kommunikationsverhaltens und der Motivation
- Stärkung individueller Ressourcen und des emotional affektiven
- Abnahme von Angst- und Depressionssymptomatik
- Unterstützung von Bewegungsgeschwindigkeit
- Koordination des Ausdruckgeschehens
Praktische Tipps für die Anwendung von Musiktherapie im Alltag
- Erstellen einer persönlichen Playlist: Die vielfältigen Wirkungen der Musik auf Entspannung, zur Verbesserung von Stimmung und Antrieb und zur Stimulation der Beweglichkeit und des Gehens bei Parkinson lassen sich nutzen, indem man sich persönliche Playlist anlegt. Mit so einer Playlist kann man gezielt das Gangbild oder die aktuelle Stimmung beeinflussen.
- Nutzen von Apps: Apps wie CuraSwing können das Gangtraining unterstützen und ein musikalisches Bewegungsfeedback geben.
- Teilnahme an Gruppenangeboten: Musiktherapie in der Gruppe bietet die Möglichkeit zum Austausch mit anderen Betroffenen und zur Entwicklung sozialer Kompetenzen.
- Individuelle Musikauswahl: Eine persönliche Musikauswahl kann die Dopaminausschüttung im Gehirn fördern und die Motivation steigern.
Finanzierung der Musiktherapie
Dennoch ist Musiktherapie derzeit für Parkinsonpatienten noch nicht auf Rezept zu haben. In der Regel übernimmt die gesetzliche Krankenversicherung die Kosten für die Musiktherapie nicht. In begründeten Einzelfällen besteht die Möglichkeit bei Ihrem Krankenversicherungsträger (private Krankenkasse) Kostenerstattungen zu beantragen.
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