Demenzerkrankungen, insbesondere Alzheimer, stellen eine globale Herausforderung dar, deren Auswirkungen in Asien besonders deutlich werden. Die steigende Lebenserwartung und die alternde Bevölkerung führen zu einem Anstieg der Demenzfälle, was die Gesundheitssysteme und die Gesellschaften in Asien vor große Aufgaben stellt.
Grundlagen der Demenz und Alzheimer
Eine Demenzerkrankung führt durch den Untergang von Nervenzellen nach und nach zum Verlust der geistigen Funktionen, wie Erinnerungs- und Orientierungsvermögen. Die bekannteste und am weitesten verbreitete Form von Demenz ist Alzheimer. Am zweithäufigsten sind gefäßbedingte (vaskuläre) Demenzen in Folge von Durchblutungsstörungen des Gehirns. Seit der erstmaligen Beschreibung der Krankheit durch Alois Alzheimer im Jahr 1906 wurden zwar erhebliche Fortschritte bei der Erforschung der Wirkungszusammenhänge erzielt, eine dauerhafte Linderung oder gar Heilung von Demenz ist bislang jedoch nicht möglich.
Globale Verbreitung und Prognosen
Rund 36 Millionen Menschen leiden weltweit gegenwärtig an Demenz. Die meisten davon leben in Entwicklungs- oder Schwellenländern. Die Welt-Alzheimer-Gesellschaft geht davon aus, dass sich die Zahl der Demenzkranken bis zum Jahr 2050 auf weltweit 115,4 Millionen erhöhen, und damit mehr als verdreifachen wird. In Europa wird sich die Zahl bis Mitte des Jahrhunderts von heute rund 10 Millionen auf dann 18,7 Millionen nahezu verdoppeln. Davon dürften schätzungsweise 15 Millionen in der Europäischen Union leben.
Die Situation in Asien
In Asien dürften bis 2050 rund 60,9 Millionen Menschen von Demenz betroffen sein. In China werden mehr Menschen an Demenz leiden als in allen Industrieländern zusammen. Lange Zeit wurde vermutet, dass Demenz eine Krankheit der Industrieländer und der westlichen Welt ist. Jüngere Studien (Alzheimer's Society 2011) kommen jedoch zu dem Schluss, dass die Prävalenz in den Entwicklungs- und Schwellenländern bislang zu niedrig angesetzt wurde. Dies lag zum einen daran, dass in vielen dieser Länder die Lebenserwartung nach wie vor relativ niedrig ist und dort so die Zahl derjenigen, die älter als 60 Jahre alt wurden und damit zur Hauptrisikogruppe zählen, weitaus geringer war. Zum anderen fehlten dort bislang die Diagnosemöglichkeiten. Es ist auch eine Frage der Kultur, ob Demenz - insbesondere die mild verlaufenden Formen der Demenz - überhaupt als Krankheit definiert wird. So gilt es in vielen Schwellenländern als normal, dass ältere Menschen etwas "seltsam" werden. Dies bestätigen Umfragen in China und in Afrika. Unterschiede gibt es offenbar lediglich in der Form der Demenz. Wobei hier wiederum gilt, dass dies wohl durch die jeweiligen Lebensumstände bedingt ist. So diagnostiziert man bei japanischen Einwanderern in den USA ebenso wie bei der einheimischen Bevölkerung in den meisten Fällen Alzheimer, während in Japan selbst die Form der vaskulären Demenz dominiert.
Risikofaktoren und Prävention
Der Hauptrisikofaktor für Demenz ist das Alter. Je älter man wird, desto höher ist das Risiko an Demenz zu erkranken: das Risiko verdoppelt sich ab dem 60. Lebensjahr alle fünf Jahre. Laut EuroDem leiden im Alter zwischen 60 und 65 rund 1,6 % aller Männer und 0,5 % aller Frauen an einer Form der Demenz, bei den 70- bis 74-Jährigen sind es 4,6 % bzw. 3,9 %, bei den 80- bis 84-Jährigen bereits 12,1 % bzw. 13,5 % und bei den Über-90-Jährigen leidet mindestens jeder Dritte an Demenz. Weitere Risikofaktoren sind Rauchen, Übergewicht, Bluthochdruck, Diabetes und Depressionen. Auch geistige und gezielte sportliche Aktivität können präventiv wirken.
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Wirtschaftliche Auswirkungen
Die volkswirtschaftlichen Kosten von Demenz sind bereits heute gewaltig: Die Welt-Alzheimer Gesellschaft schätzt, dass sie sich 2010 auf umgerechnet 450 Mrd. EUR summiert haben. In die Berechnung flossen nicht nur die Kosten für formale Pflege, sondern auch die Opportunitätskosten im Fall von informeller Pflege durch Angehörige unter Annahme der in den einzelnen Ländern ausgewiesenen Durchschnittslöhne mit ein. Dabei entfallen weltweit gegenwärtig jeweils rund 42 % auf formale und informelle Pflege. Lediglich 16 % aller Kosten werden von rein medizinischen Leistungen verursacht. In westlichen Industrieländern können die Kosten für die Pflege eines Demenzkranken leicht ein jährliches Durchschnittseinkommen übersteigen. So hat die Alzheimer Gesellschaft in Großbritannien berechnet, dass sich die volkswirtschaftlichen Kosten für die Pflege eines Demenzkranken pro Jahr auf umgerechnet 32265 EUR belaufen; das Durchschnittseinkommen lag bei 28825 EUR. Für die Schweiz beziffert die Schweizerische Alzheimervereinigung die durchschnittlichen Kosten für die Pflege eines Demenzkranken auf 42500 EUR, wobei es zu berücksichtigen gilt, dass die Kosten im Einzelfall vom Schweregrad der Erkrankung abhängen. Im fortgeschrittenen Stadium können sie laut Schweizer Berechnungen auf bis zu 93000 EUR ansteigen, wenn die erkrankte Person zu Hause lebt.
Herausforderungen in der Pflege und Betreuung
Der Großteil aller Demenzkranken wird bislang zuhause von Angehörigen gepflegt. Das sind in der Regel der Ehepartner, die Töchter oder Schwiegertöchter. Der künftig zu erwartende Rückgang des Erwerbspersonenpotentials muss jedoch auch durch eine Erhöhung der Erwerbsbeteiligung von Frauen und älteren Arbeitnehmern abgefedert werden. Angesichts sinkender Rentenniveaus und höherer gesetzlicher Rentenalter ist die Entscheidung zur Pflege eines Angehörigen nicht leicht. Diese Entwicklung ist nicht nur in den europäischen Ländern zu beobachten, sondern auch in den asiatischen Schwellenländern. Die Forschung konzentriert sich inzwischen verstärkt auf die Frage, wie man die Betreuung und Pflege Demenzkranker verbessert. Dabei gilt es nicht nur, die Abläufe in der formalen Pflege den Bedürfnissen Demenzkranker anzupassen. Dadurch könnten (laut z.B. Belluck 2010) nicht zuletzt der Einsatz von und die Kosten für Psychopharmaka reduziert werden können. Im Vordergrund steht der möglichst lange Erhalt der Eigenständigkeit Demenzkranker. Dazu zählen nicht nur die Unterstützung pflegender Angehöriger durch eine bessere Vernetzung der medizinischen Versorgung sowie bereits bestehender Pflegeangebote.
Frühzeitige Diagnose und Behandlung
Ein weiterer Baustein zur Verbesserung der Situation rund um die Krankheit sind frühzeitige Diagnosemöglichkeiten. Dies mag angesichts der Tatsache, dass es bislang keine Heilungsmöglichkeiten gibt, sondern nur die Symptome behandelt werden können, widersinnig erscheinen. Doch eine frühzeitige Diagnose ermöglicht es den Betroffenen nicht nur, sich umfassend über Betreuungs- und Pflegemöglichkeiten zu informieren, notwendige rechtliche Schritte einzuleiten, wie die Verfügung von Vollmachten, oder bauliche Veränderungen zur behindertengerechten Ausstattung der Wohnung vorzunehmen. Bei einer frühzeitigen Diagnose ist es auch möglich, den Ausbruch bzw. die Verschlimmerung der Krankheit durch Antidementiva für einige - wenn bislang auch nur relativ kurze - Zeit hinauszuschieben.
Regionale Besonderheiten im Nahen Osten und Nordafrika (MENA)
Laut wissenschaftlichen Studien dürften in Nahost und Nordafrika künftig noch mehr Menschen mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben. In einem Anfang Februar in der britischen Fachzeitschrift "The Lancet" veröffentlichten Bericht entwarfen Forscher auf Grundlage demografischer und gesundheitspolitischer Daten ein Szenario zur künftigen Verbreitung von Demenz in der Region. Die Zahl betroffener Patienten in der Region und weltweit dürfte auch anderen Erhebungen zufolge steigen. Die Gründe für den Anstieg sind in erster Linie demografischer Natur. Aber es gibt auch andere, regionalspezifische Risikofaktoren. So ist es in den westlichen Staaten besser gelungen, die für die Entwicklung von Demenz bedeutsamen Zivilisationskrankheiten einzudämmen. Herzkrankheiten, Rauchen, Diabetes, Fettleibigkeit im mittleren Lebensalter, dazu wenig körperliche Betätigung, soziale Isolation und Luftverschmutzung: All dies lässt die Wahrscheinlichkeit für eine Demenzerkrankung im Alter steigen. Auch geringe Bildung und Analphabetismus spielen nach Einschätzung von Ärzten bei der Demenzerkrankung eine Rolle. Dies hat mit der Entwicklung kognitiver Fähigkeiten zu tun. So verstanden, ist Analphabetismus im Nahen Osten ein gesundheitlicher Risikofaktor. Während die durchschnittliche Alphabetisierungsrate weltweit bei rund 86 Prozent liegt, hinkt sie im Nahen Osten mit einer Rate von 79 Prozent (Daten aus dem Jahr 2019) hinterher. Allerdings verzeichnet auch die MENA-Region Fortschritte: 1973 lag die Alphabetisierungsrate dort noch bei 43 Prozent. Tatsächlich gibt es im Nahen Osten nur wenige Statistiken über Demenz und zudem nur wenige geriatrische Fachärzte oder Pflegeeinrichtungen, so das Ergebnis einer Studie des auf Altenpflege spezialisierten Arztes Abdulrazak Abyad aus dem Libanon. "In Ägypten, wo Statistiken verfügbar sind, treten altersbedingte Krankheiten wie Schlaganfall und Herzkrankheiten bis zu 10 Jahre früher auf als im Westen", so Abyad in einer Studie aus dem Jahr 2014. Hinzu kommen weitere Probleme. So mangelt es in der Region etwa an fachspezifischem Wissen, nicht zuletzt in vielen der ärmeren Länder dort. Fachleuten zufolge ist Demenz im Allgemeinen dort häufig wenig bekannt und wird von lokalen oder regionalen Gesundheitsbehörden oft als solche nicht erkannt. Auch kulturelle Umstände erschweren mitunter eine angemessene Versorgung in spezifischen Einrichtungen dafür. "Ältere Erwachsene genießen in der arabischen Kultur hohes Ansehen" heißt es in einer Studie saudische Mediziner aus dem Jahr 2019. Viele Menschen seien nicht hinreichend über Demenz informiert und könnten sich darum auch nicht angemessen um Erkrankte kümmern, so die jemenitische Medizinerin Amal Saif. Viele betrachteten die Erkrankung als natürlichen Teil des Alterungsprozesses. "Allerdings wissen manche nicht, wie sie mit den psychologischen Veränderungen umgehen sollen und sperren den Angehörigen einfach in ein Zimmer ein. Andere Familien betrachten die Erkrankung als Schande, die dem Ruf der Familie schade." Die Arbeitsmigration junger Menschen und das Bildungsgefälle zwischen den Familienmitgliedern sind mit für die Erosion des familiären Unterstützungssystems verantwortlich.
Aktuelle Forschung und Diagnostik
Die Alzheimer-Erkrankung ist die häufigste neurodegenerative Erkrankung weltweit. Im Fokus der aktuellen Forschung steht die Entwicklung verlässlicher Blut-Biomarker, die eine frühzeitige und spezifische Diagnose ermöglichen. Besonders vielversprechend ist das phosphorylierte Tau-Protein an Threonin 217 (p-Tau217), welches eine hohe Spezifität für die Alzheimer-Pathologie aufweist und neue Perspektiven für Diagnostik, Prognose und Therapie-Monitoring eröffnet. Viele neurologische Erkrankungen entwickeln sich über Jahre hinweg entweder langsam kontinuierlich, wie z. B. die Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) und alle Formen der Demenz, oder in Schüben, wie z. B. die meisten Formen der Multiplen Sklerose und bestimmte Polyneuropathien. Diese Krankheitsverläufe erschweren eine frühe Diagnose und können so eine empfohlene frühzeitige Behandlung deutlich verzögern. Das Protein Neurofilament light Chain (NfL) ist ein nervenzellspezifisches, vor allem axonal lokalisiertes Strukturprotein aus der Gruppe der Neurofilamente und wird bei Schädigung der Nervenzelle mit Beteiligung des Axons freigesetzt. NfL wurde als Biomarker, Prognosemarker und Verlaufsparameter unterschiedlicher neurologischer Erkrankungen intensiv untersucht.
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Genetische Aspekte
Multiple Sklerose, Alzheimer, Depressionen: Wie anfällig wir für bestimmte Krankheiten sind, bestimmen größtenteils unsere Gene. Unsere DNA, die von unseren Vorfahren vererbt wird, enthält Informationen darüber, wie hoch unser jeweiliges Erkrankungsrisiko ist. Ein internationales Forschungsteam hat darauf nun im Rahmen eines mehrjährigen Projekts Antworten gefunden. Die Ergebnisse ihrer vier Studien sind bahnbrechend für die Krankheitsforschung. Der erste Schritt des Projekts bestand im Aufbau einer einzigartigen Gen-Datenbank. Es ist die weltweit erste DNA-Datenbank prähistorischer Menschen. Darin enthalten: sequenziertes Erbgut aus fossilen Knochen und Zähnen von fast 5.000 Menschen aus Westeuropa und Asien. "Das Alter der Proben reicht vom Mesolithikum und Neolithikum über die Bronzezeit, die Eisenzeit und die Wikingerzeit bis ins Mittelalter", heißt es in einer Meldung der University of Cambridge. In einer weiteren Studie des Forschungsprojekts konnte das Team auch Krankheitsrisiken von Osteuropäerinnen und Südeuropäerinnen von der prähistorischen DNA ableiten. So sind Osteuropäer*innen beispielsweise anfälliger für Alzheimer und Diabetes Typ 2 als andere Bevölkerungsgruppen.
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