Zu viel Liquor im Gehirn: Ursachen, Symptome und Therapie

Der Hydrocephalus, umgangssprachlich auch als Wasserkopf bezeichnet, ist eine neurologische Erkrankung, die durch eine übermäßige Ansammlung von Gehirnflüssigkeit (Liquor cerebrospinalis) in den Hirnventrikeln gekennzeichnet ist. Diese Flüssigkeit, auch Liquor genannt, umspült Gehirn und Rückenmark, dient als Schutzpolster, transportiert Nährstoffe und führt Abfallstoffe ab. Ein Ungleichgewicht zwischen Produktion und Abfluss des Liquors führt zu einem erhöhten Druck im Schädel, der unbehandelt zu schweren neurologischen Schäden führen kann.

Was ist ein Hydrocephalus?

Der Hydrocephalus (griechisch für „Wasserkopf“) bezeichnet in der Medizin eine Erweiterung der inneren Hirnkammern, die im Rahmen verschiedener Erkrankungen zustande kommen kann. Das Hirnwasser, auch Liquor genannt, wird im Gehirn produziert, fließt über die Hirnkammern abwärts entlang des Rückenmarks und umspült die Nervenwurzeln. Der erwachsene Mensch hat ca. 150 ml Liquor und tauscht dieses Volumen dreimal am Tag aus, sodass er ca. 450 ml Liquor pro Tag produziert. Die meisten Erkrankungen, bei denen es zum Hydrocephalus kommt, betreffen das Kindesalter, ca. 1 : 2.000 Feten sind betroffen. Eine Sonderrolle spielt der idiopathische Normaldruckhydrocephalus (Altershirndruck), welcher Erwachsene betrifft.

Ursachen des Hydrocephalus

Die Ursachen für einen Hydrocephalus sind vielfältig und können angeboren oder erworben sein. Prinzipiell ist bei einem Hydrocephalus das Gleichgewicht zwischen Produktion, Passage und Wiederaufnahme des Liquors in die Blutbahn gestört. Die genaue Ursache ist in den meisten Fällen unbekannt. Folgende Erkrankungen gelten als Risikofaktoren:

  • Hirnhautentzündungen (z.B. durch Meningokokken oder Mumpsviren)
  • Hirnblutungen
  • Intrauterine Infektionen (Infektionen innerhalb der Gebärmutter während der Schwangerschaft)
  • Tumore und Zysten im Bereich des Kopfes oder der Wirbelsäule
  • Embryonale Entwicklungsstörungen des Gehirns und/oder Rückenmarks
  • Schädelhirntraumata
  • operative Eingriffe am Zentralnervensystem

Während die Mehrzahl der Fälle von Hydrocephalus nicht direkt genetisch bedingt sind, können angeborene Formen vererbbar sein. Mehrere bekannte Genmutationen erhöhten das Risiko für einen angeborenen Hydrozephalus. Auch die Einnahme von bestimmten Medikamenten in der Schwangerschaft kann das Kind ebenfalls einen Hydrozephalus entwickeln: Isotretinoin (Medikament gegen Akne, Abkömmling von Vitamin A).

Angeborener Hydrocephalus

Der angeborene (kongenitale) Hydrozephalus entsteht bei Fehlbildungen (Malformationen) des Hirns, Rückenmarks oder des Übergangs dazwischen. Der Grund ist, dass die Fehlbildung den Fluss des Hirnwassers behindert oder die Aufnahme des Liquors stört. Angeborene Erkrankungen mit einem Hydrozephalus sind:

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  • Neuralrohrdefekte, z. B. Spina bifida
  • Arnold-Chiari-Malformation
  • Dandy-Walker-Malformation
  • Verschluss (Atresie) zwischen den Liquorräumen
  • mangelhafte Ausbildung der Hirnwindungen (Lissenzephalie)
  • mit Flüssigkeit gefüllte Zyste (Arachnoidalzyste)
  • mangelhafte Ausbildung der Arachnoidalzotten
  • genetische Veränderungen (z. B. mit der Produktion des Eiweißmoleküls L1CAM)
  • Knochenfehlbildungen

Erworbener Hydrocephalus

Ursachen für einen erworbenen (extrinsischen) Hydrozephalus sind Hindernisse, die den Fluss oder die Aufnahme des Hirnwassers stören, aber noch nicht bei der Geburt vorliegen. Nur selten ist die Ursache eine erhöhte Liquorproduktion (Hydrocephalus hypersecretorius). Mögliche Auslöser sind:

  • Blutungen
    • Blutung zwischen Hirnhäuten und Gehirn (Subarachnoidalblutung, SAB)
    • Blutung im Gehirn oder den Ventrikeln (intrazerebrale Blutung, intraventrikuläre Blutung)
    • Blutung nach Schädelverletzung mit Hirnbeteiligung (Kontusionsblutung nach Schädel-Hirn-Trauma)
    • Riss eines fehlgebildeten Blutgefäßes
  • Gewebewachstum
    • Hirntumoren bei Erwachsenen
    • Hirntumoren bei Kindern (z.B. Medulloblastom, Kraniopharyngeom)
    • krankhafte mit Flüssigkeit gefüllte Zysten (z.B. Arachnoidalzyste, Kolloidzyste)
    • erhöhter Eiweißgehalt im Liquor (z. B. durch Tumoren im Rückenmark)
  • Infektionen
    • Eiteransammlung im Gehirn durch Bakterien (Hirnabszess)
    • Hirnhautentzündung durch Bakterien oder Viren (infektiöse Meningitis)
    • Komplikation einer Infektion im Mutterleib (z. B. Toxoplasmose)

Risikofaktoren

  • Nachweis des Eiweißmoleküls L1CAM (häufigste Ursache für angeborenen Hydrozephalus)
  • Mehrere bekannte Genmutationen erhöhten das Risiko für einen angeborenen Hydrozephalus.
  • Immunschwäche
  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen (z. B. Schlaganfall)

Hydrocephalus bei Kindern

Ein Hydrocephalus kann angeboren sein und auch schon in der Gebärmutter bestehen. Es ist aber auch im Kindesalter ebenso möglich, einen erworbenen Hydrocephalus zu entwickeln. Das Besondere beim kindlichen Hydrocephalus ist, dass sich der Kopf durch die Druckzunahme vergrößert, wenn die Schädelknochen noch nicht fest miteinander verwachsen sind. Daher kann man einen Hydrocephalus im Säuglingsalter bereits mit bloßem Auge erkennen. Häufig vergrößert sich der Kopf schon bevor das Kind andere Symptome wie eine Entwicklungsverzögerung, Übelkeit oder Erbrechen zeigt. Bei Säuglingen und Kindern unter 2 Jahren wächst der Kopf häufig übermäßig schnell (Makrozephalie). Dies fällt meist schon bei der Geburt auf. Die Fontanelle, die bindegewebige Lücke zwischen den Schädelknochen, wölbt sich vor, und die Venen an der Stirn und den Schläfen zeichnen sich deutlich ab. Das Kind kann unruhig, appetitlos und leicht reizbar sein. Es wird geräuschempfindlich und erbricht immer wieder. Einige Kinder leiden unter epileptischen Anfällen. Häufig kommt es auch zu Entwicklungsverzögerungen. In manchen Fällen sind Iris und Pupille teilweise durch das Unterlid verdeckt (Sonnenuntergangsphänomen). Die Symptome bei Kindern unter 2 Jahren können leicht oder schwer sein.

Hydrocephalus bei Erwachsenen

Der Hydrocephalus bei Erwachsenen ist immer erworben. Insbesondere in der Altersgruppe ab 60 Jahren kommt auch der Sonderfall des Normaldruckhydrocephalus vor. Bei Erwachsenen gibt es keinen Spielraum mehr, da die Schädelknochen fest miteinander verwachsen sind und nicht mehr nachgeben. So führt eine Liquorstauung beim Erwachsenen zu einem erhöhten Druck in den Hirnkammern, welches früh Symptome auslöst. Typische Symptome sind:

  • Kopfschmerzen
  • Übelkeit
  • Erbrechen
  • Verschwommenes Sehen
  • Gangstörungen
  • kognitive Einschränkungen
  • Harninkontinenz
  • Bewusstseinsstörungen

Beim Normaldruckhydrocephalus zeigen sich in der Regel keine durch erhöhten Hirndruck verursachte Beschwerden. Dafür kommen hier drei ganz bestimmte Symptome zum Vorschein: Gangstörung, kognitive Einschränkung und Urininkontinenz. Je nachdem wie schnell sich der Hydrocephalus entwickelt, können die Beschwerden langsam einschleichen oder auch ganz plötzlich auftreten und sogar lebensbedrohlich werden. Ältere Kinder und Erwachsene erkranken an Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Sehstörungen und einem beeinträchtigten Bewusstsein. Die Denkleistung sinkt, beispielsweise kann sich das Gedächtnis verschlechtern. Morgendliche Übelkeit und schwallartiges Erbrechen trotz Nüchternheit sind möglich. Zusätzlich kann sich eine Epilepsie entwickeln. Manche Betroffenen können die Augen nicht mehr zu Seite bewegen (Abduzensparese). Die Beschwerden nehmen immer weiter zu. Besonders Erwachsene erleiden bei akutem Hydrozephalus schnell neurologische Folgeschäden. In einigen Fällen - besonders im höheren Alter - geht der Hydrozephalus nicht mit einer Druckerhöhung einher (Normaldruckhydrozephalus). Die Betroffenen leiden unter deutlich anderen Symptomen. Es kommt zu Beschwerden beim Wasserlassen und Gangstörungen, zusätzlich entwickelt sich eine Demenz. HAKIM-Trias: (typisch bei Normaldruckhydrocephalus)Gangunsicherheiten (kleinschrittig, breitbasig, ?wie auf Watte?) Demenz und Wesensveränderungen (Vergesslichkeit, Verlangsamung, verstärkter Reizbarkeit) Blasen- und Stuhlinkontinenz Andere Symptome:Parkinsonsymptomatik Augenmotilitätsstörungen (Schielen, ?Sonnenuntergangsphänomen?, Gesichtsfeldausfälle), Sehschärfenminderung bis zur Erblindung Probleme der Auge-Hand-Koordination mit Feinmotorikstörungen Schwindel, Leistungsknick, Konzentrationsstörungen Entwicklung von Lernschwäche bei Kindern Änderungen der Persönlichkeit, Verhaltensauffälligkeiten (Unruhe, Unlust, Ungeduld), Lärmüberempfindlichkeit Atmungs-, Sprach- und Schluckbeschwerden endokrinologische (Stoffwechsel-) Störungen, frühzeitige Pubertät vor dem 8.

Arten des Hydrocephalus

Es gibt verschiedene Arten von Hydrocephalus, die sich in ihren Ursachen und Auswirkungen unterscheiden:

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  • Kommunizierender Hydrocephalus (Hydrocephalus communicans): Der Liquorfluss zwischen den Hirnkammern und dem Subarachnoidalraum ist nicht blockiert. Das Problem liegt meist in der unzureichenden Aufnahme des Liquors. Auslöser können etwa Entzündungen, Blutungen oder Infektionen sein.
  • Normaldruckhydrocephalus (NPH, Normal Pressure Hydrocephalus; Sonderform des kommunizierenden Hydrocephalus): Wie der Name schon sagt, ist bei dieser Art der Druck im Schädelinneren normal. Die genaue Ursache des NPH ist oft unbekannt. Hauptsymptome sind Gangunsicherheit, Gedächtnisstörungen oder Inkontinenz.
  • Nichtkommunizierender Hydrocephalus (Hydrocephalus occlusus oder obstruktiver Hydrocephalus): Der Liquorfluss ist zwischen den Hirnkammern durch eine Blockade oder Verengung gestört. Dies kann beispielsweise durch einen Tumor, eine Fehlbildung oder durch Entzündungsgewebe verursacht werden.
  • Hydrocephalus e vacuo: Hierbei handelt es sich nicht um einen Hydrocephalus im eigentlichen Sinne, sondern um die Folgen einer Hirnatrophie, also der Abnahme des Hirnvolumens.
  • Hydrozephalus occlusus (Verschlusshydrozephalus): Dieser Typ macht etwa 60 Prozent der Fälle aus. Er entsteht durch eine Blockade, die den Abfluss von Hirnwasser behindert. Man kann sich das etwa wie bei einem Wasserschlauch vorstellen, der durch einen Gegenstand abgeklemmt wird.
  • Hydrozephalus nonresorptivus (Resorptionsstörung): Etwa 30 Prozent der Betroffenen leiden an dieser Form, bei der das Gehirnwasser nicht ausreichend vom Blutkreislauf aufgenommen wird.

Weitere Formen sind:

  • H. hypersecretoriusÜberproduktion von Hirnwasser
  • H. malresorptivusResorptionsstörungen des Hirnwassers
  • H. occlusus = VerschlusshydrozephalusVerschluss der Liquorwege
  • H. communicanskeine Verlegung der Liquorwege, Resorptionsstörungen
  • H. internusErweiterung der inneren Liquorräume
  • H. externusErweiterung der äußeren Liquorräume

Diagnose des Hydrocephalus

Zum Erkennen eines Hydrocephalus (Gehirnwassersucht) sind eine sorgfältige medizinische Untersuchung und spezifische bildgebende Verfahren erforderlich. Die Diagnose basiert auf den Anzeichen der Betroffenen, der Anamnese und den Ergebnissen der bildgebenden Diagnostik. Ein Arzt/eine Ärztin wird zunächst die klinischen Symptome und die medizinische Vorgeschichte der Betroffenen bewerten.

  • Magnetresonanztomografie (MRT): Eine MRT bietet noch detailliertere Bilder.
  • Lumbalpunktion (LP): Bei dieser Prozedur wird eine kleine Menge Gehirn-Rückenmarksflüssigkeit aus dem Wirbelsäulenkanal entnommen, um den Liquordruck zu messen und den Liquor auf Anomalien zu untersuchen. In einigen Fällen können zusätzliche Tests durchgeführt werden, um den Liquorfluss zu beurteilen oder die Reaktion des Gehirns auf temporäre Veränderungen im Liquordruck zu bewerten.

Die Untersuchung der Wahl zur Darstellung des Kammersystems ist in erster Linie eine Form der Schnittbildgebung. Hier wird die Computertomographie (CT) bevorzugt. Für spezifische Darstellung von Weichteilgewebe im Kopf, wie z.B. Fehlbildungen, Zysten oder Tumoren, wird eine Magnetresonanztomographie (MRT) durchgeführt. Über eine Lumbalpunktion an der unteren Wirbelsäule kann der Druck im Liquorsystem gemessen werden. Außerdem kann gleichzeitig eine Liquorentnahme zur Druckreduzierung und damit zur Symptomlinderung erfolgen. Beim Verschluss-Hydrocephalus ist eine Lumbalpunktion allerdings kontraindiziert.

Weitere diagnostische Verfahren:

  • Computertomografie(plumpes erweitertes Hirnkammersystem, frontal (vorn) betonte Dichteminderung in Ventrikelnähe = ?Druckkappen?, verstrichene Hirnfurchen);
  • Hirndruckmessung (Messung des Drucks im Hirn durch Sonden);
  • Ultraschall (bei Kindern durch die Fontanellen oder dünnen Schädelknochen gut zu bewerkstelligen, günstig, da keine Belastung mit Röntgenstrahlen, Aussagen zur Ventrikelweite und Verlaufskontrollen sehr gut möglich, Ursachen des Hydrocephalus können dargestellt werden),
  • TAP-Test = Liquorablasstest (über eine Lumbalpunktion = Entnahme von 30-50 ml Nervenwasser aus dem Wirbelkanal, anschließend wird der Pat.

Bei Verdacht auf einen chronischen Hydrozephalus erhalten Sie eine Überweisung an die Neurologie. Bei akutem Hydrozephalus erfolgt eine Klinikeinweisung.

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Therapie des Hydrocephalus

Das Ziel der Hydrocephalusbehandlung ist die Wiederherstellung eines Gleichgewichts zwischen Liquorproduktion und Liquorabfluss. Dies kann erreicht werden, indem der Liquorabfluss wiederhergestellt wird oder ein neuer Abflussweg angelegt wird.

Ein akut eingetretener Hydrocephalus mit erhöhtem Hirndruck kann schnell durch die Einlage einer externen Ventrikeldrainage entlastet werden. Hierbei wird ein Loch in den Schädel gebohrt und durch dieses hindurch ein Katheter ins Kammersystem vorgeschoben. Das Hirnwasser kann über diesen Katheter nach außen abfließen, während gleichzeitig der Druck im Schädel kontinuierlich gemessen und überwacht wird. Beim Verschlusshydrocephalus gilt es, die Verlegung des Abflusses, verursacht durch eine Blutung, Zyste oder Tumor, operativ zu entfernen und so aufzuheben. Wenn dies nicht möglich ist, gibt es die Möglichkeit einen neuen Abflussweg operativ zu erstellen.

Chronische Formen des Hydrocephalus, wie der Normaldruckhydrocephalus, können durch einen Shunt behandelt werden. Dabei handelt es sich um ein Schlauchsystem, welches in Narkose implantiert wird und anschließend die Hirnventrikel mit der Bauchhöhle verbindet. Überschüssiger Liquor kann darüber ablaufen und wird aus der Bauchhöhle resorbiert. Das Shuntsystem enthält außerdem ein Reservoir, aus dem Liquorproben entnommen und der Hirndruck gemessen werden kann, ohne.

Prinzipiell gibt es zwei Möglichkeiten der operativen Therapie:

  • Endoskopische Ventrikulostomie (ETV): hier wird der Boden des III. Ventrikels mit Hilfe eines Endoskopes und eines Katheters eröffnet, um einen Umgehungskreislauf für den Liquor innerhalb des Ventrikelsystems zu schaffen.
  • Implantation eines Shunt-Systems: Ein Shunt besteht aus einem Katheter (Schlauch), der ins Hirnkammersystem eingeführt wird. Verbunden ist dieser Katheter mit einem Ventil, das den Liquorabfluss reguliert. Es folgt dann ein weiterer Katheter, der im Bauchraum unter dem Peritoneum (Bauchfell) oder im rechten Herzvorhof endet und das Hirnwasser ableitet.

Shunt-System

Seit Mitte des 19 Jahrhunderts gilt die Implantation eines Shunt-Systems als Standardbehandlung für verschiedene Formen des Hydrocephalus. Ein sogenannter Shunt besteht aus einem Schlauch-Ventil-System, das überschüssige Gehirnflüssigkeit (auch „Liquor“ oder „CSF“ für Cerebro Spinal Fluid genannt) in eine andere Körperhöhle ableitet, wo diese wieder aufgenommen und schliesslich abgebaut werden kann. Obwohl immer wieder Versuche unternommen wurden, alternative Behandlungsmethoden zu entwickeln - etwa durch Medikamente oder spezielle chirurgische Verfahren wie der endoskopischen Drittventrikulostomie (ETV) oder die teilweise bzw. vollständige Entfernung/Verödung der Plexus choroidei, in denen das Hirnwasser in den Ventrikeln produziert wird - konnten diese Ansätze die Shunt-Therapie bisher nicht ersetzen.

Im Vergleich zu anderen neurochirurgischen Eingriffen gilt die Shunt-Implantation als relativ ungefährlich und technisch unkompliziert. Ein typisches Shunt-System besteht aus Silikonkathetern und einem Ventil. Diese Komponenten werden subkutan, also unter der Haut, implantiert. Die Katheter werden minimalinvasiv unter der Haut verlegt, während das Ventil durch einen kleinen Schnitt in einer Hauttasche fixiert wird. Nur die Spitzen der Katheter, die in die betroffenen Körperhöhlen führen, dringen invasiv in diese Bereiche ein. Es gibt verschiedene Optionen, in die das überschüssige Hirnwasser abgeleitet werden kann. Praktisch relevant sind jedoch nur drei Ableitungsarten, die seit den 1960er Jahren routinemäßig angewendet werden. Andere Verfahren (wie z.B. 1. Ventrikuloperitoneal (VP): Ableitung aus den Hirnventrikeln (Kopf) in das Peritoneum (Bauchhöhle).2. Ventrikuloatrial (VA): Ableitung aus den Hirnventrikeln (Kopf) in den rechten Vorhof des Herzens.3. Diese o.g. drei Methoden sind operativ gut erprobt. Die OP Zeit beträgt in der Regel zwischen 30 und 60 min. Die Ventile und andere optionale Komponenten werden meist retroaurikulär (hinter dem Ohr), am Rippenbogen- oder am Rücken-lumbal platziert.

Seit der Einführung der Hydrocephalus-Shunt-Therapie in den 1950er Jahren war die Ableitung von Hirnflüssigkeit aus den Hirnventrikeln in den Bauchraum (VP-Shunt/VPS) das am häufigsten verwendete Verfahren, mit einer Anwendungshäufigkeit von bis zu über 70%. Im Gegensatz dazu wurde die alternative Ableitung aus dem lumbalen Spinalkanal (LP-Shunt/LPS) lange Zeit als komplikationsanfälliger angesehen. In den letzten 20 Jahren hat sich der Einsatz von LP-Shunts jedoch insbesondere in Japan deutlich erhöht und sowohl die Sicherheit als auch die Effizienz konnten mit Studien belegt werden. Dank verschiedener Vorteile gegenüber dem VPS wird der LP-Shunt in einigen Bereichen mittlerweile sogar häufiger angewendet.

Ein wesentlicher Vorteil des LPS gegenüber dem VPS besteht darin, dass beim LP-Shunt kein Eingriff am Gehirn notwendig ist. Somit besteht kein Risiko für eine Verletzung des Gehirngewebes, eine ggf. assoziierte Blutung und das Auftreten von epileptischen Anfällen, wenn auch alle diese Komplikationen sehr selten sind. Weiterhin ist ein Eingriff am Kopf mit Manipulation am Gehirn in Deutschland mit einem Fahrverbot von 3 Monaten verbunden. In Großbritannien besteht hier sogar ein Fahrverbot für bis zu 6 Monaten. Unter bestimmten Voraussetzungen kann der LP-Shunt sogar unter Lokalanästhesie eingesetzt werden. Zu den häufigsten Komplikationen bei beiden Shunt-Arten gehören Infektionen, Okklusionen und Überdrainage. CSF-Leckagen, Herniationen und bestimmte Formen von Rückenschmerzen können hingegen spezifisch eher beim LPS auftreten

Die verfügbaren Ventiltypen sind bei beiden Shunt-Systemen gleich, ebenso wie die Notwendigkeit, den hydrostatischen Siphoneffekt bzw. den hydrostatischen Druck auszugleichen. Beim LP-Shunt eignen sich jedoch nur bestimmte Anti-Siphon-Vorrichtungen oder Gravitationsventile. Zudem erfordert die höhere mechanische Belastung im Lumbalbereich - verursacht durch alltägliche Bewegungen wie Drehen, Beugen oder Stauchen - spezielle Anforderungen an die Stabilität des Shunts und seine subkutane Fixierung.

Insgesamt zeigen umfassende klinische Daten, dass VPS und LPS hinsichtlich Leistung und Sicherheit als grundsätzlich gleichwertig betrachtet werden können.

Konservative Behandlung

Selten kann man auf eine Operation verzichten. Dies ist nur der Fall bei speziellen Tumoren oder einigen milden Krankheitsverläufen. Beispielsweise kann das Medikament Acetazolamid verwendet werden. Es senkt die Liquorproduktion um bis zu 50 %. Bei bestimmen Tumoren kann man Wirkstoffe einsetzen, die den Dopamin-2-Rezeptor anregen (z. B. Cabergolin). In einigen Fällen wird eine Strahlentherapie gemacht.

Komplikationen der Behandlung

Die Überlebensrate bei der Shuntoperation beträgt 99,5 %. Bei Shuntoperationen kommt es manchmal zu Komplikationen. In 90 % der Fälle kann der Shunt korrekt positioniert werden. Falls dies nicht gelingt, kommt es zu Blutungen, Infektionen und Bauchverletzungen bzw. Herzrhythmusstörungen (je nach Shunt). In etwa 40 % verstopft der Shunt innerhalb von 2 Jahren, was eine erneute Operation nötig macht. In mindestens 5 % kommt es zu Shunt-Infektionen, die meistens innerhalb weniger Monate auftreten.

Prognose und Lebenserwartung

Die Prognose und Lebenserwartung hängen stark von der Ursache und der frühzeitigen Behandlung ab. Sie sind ungünstiger, wenn weitere Hirnfehlbildungen vorliegen oder Hirngewebe zerstört ist. Auch eine generalisierte Infektion des Hirns verschlechtert die Prognose.

Bei einem angeborenen Hydrocephalus, der ohne Begleitfehlbildungen auftritt, ist in der Mehrzahl der Fälle mit einer geistigen und neurologischen Entwicklungsstörung zu rechnen. Bei rechtzeitiger Behandlung und Herstellung geregelter Druckverhältnisse, kann aber eine Entwicklung auch fast normal verlaufen.

Ein erworbener Hydrocephalus kann, zum Beispiel bei einer Hirnblutung akut auftreten und lebensbedrohlich sein. Auch hier kann es aber durch eine sofortige Behandlung zur vollständigen Genesung kommen.

Auch wenn der Hydrocephalus optimal behandelt ist, kann eine Ursache zugrunde liegen, die die Lebenserwartung einschränkt, wie zum Beispiel ein Tumor.

Spätfolgen sind möglich. 2 von 3 Säuglingen und Kleinkindern mit Hydrozephalus entwickeln sich nach einer frühzeitigen Behandlung altersgerecht. Bei begleitenden Fehlbildungen ist die Prognose schlechter. Akute Blutungen und Hirntumoren wirken sich ebenfalls ungünstig aus. Mögliche Folgen sind Einschränkungen von Intelligenz, Sprachfähigkeit und Gedächtnis. Auch körperliche Entwicklungsverzögerungen sind möglich. Fast die Hälfte der Erwachsenen mit Hydrozephalus erleidet nach der Shuntoperation eine Depression. Auch die Wahrscheinlichkeit für eine Arbeitslosigkeit und Pflegebedürftigkeit liegt bei mehr als 40 %.

Spezialisten bei Hydrocephalus

Fachärztinnen und Fachärzte der Neurologie und Neurochirurgie sind auf Diagnose und Behandlung des Hydrocephalus spezialisiert. Nach einer Operation ist meist ein stationärer Klinikaufenthalt erforderlich.

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