Migräne und Steroide: Ein komplexer Zusammenhang von Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten

Migräne ist eine weit verbreitete neurologische Erkrankung, die durch wiederkehrende, pulsierende Kopfschmerzen gekennzeichnet ist. Die Erkrankung betrifft weltweit etwa 10 bis 15 Prozent der Erwachsenen, wobei Frauen häufiger und stärker betroffen sind als Männer. Migräne kann sich durch eine Aura ankündigen, die mit reversiblen, fokalen neurologischen Symptomen wie visuellen Phänomenen einhergeht.

Die genauen Ursachen für Migräne sind noch nicht vollständig geklärt. Experten sind sich jedoch einig, dass es nicht nur einen auslösenden Faktor gibt. Als relativ gesichert gilt eine genetische Komponente mit polygenetischer Disposition. Einige der betroffenen Gene spielen bei der Regulation neurologischer Schaltungen eine Rolle, andere beim oxidativen Stresslevel. Über welche biologischen Mechanismen die Mutationen eine Migräne im Detail begünstigen, ist bislang nicht geklärt.

Hormonelle Einflüsse auf Migräne

Frauen mit Migräne haben möglicherweise einen kleinen Vorteil gegenüber Männern: Die meisten können schwanger werden und werden zumindest währenddessen häufig kopfschmerzfrei sein. Dieser Zusammenhang wurde schon 1950 von Graham in der Fachzeitschrift Transactions of the Amerian clinical and climatological association berichtet. Dr. Graham untersuchte dabei nicht nur den statistischen Zusammenhang, sondern versuchte auch die Ursache dafür zu ermitteln.

Eine mögliche Erklärung schien auch anderen Forschern die hormonell veränderte Situation während der Schwangerschaft zu sein, vor allem die Menge des Stresshormons Cortison. Glücklicherweise leiden viele Frauen in der Schwangerschaft wesentlich seltener oder gar nicht an Migräne. Dieser schöne Umstand ist vermutlich auf die veränderte Hormonlage zurückzuführen.

Sexualhormone spielen eine weit größere Rolle für unsere neurologische Gesundheit als bisher angenommen. Sie beeinflussen nicht nur die Fortpflanzung, sondern haben auch Auswirkungen auf das Gehirn. Eine Studie, veröffentlicht in der genomicpress, weist darauf hin, dass Hormone wie Östrogen und Testosteron das Risiko für Krankheiten wie Migräne, Alzheimer oder Parkinson beeinflussen können. Professor Hyman M. Schipper von der McGill University betont, dass sich unser Wissen über die Verbindung zwischen Hormonen und neurologischen Erkrankungen in den letzten Jahren erheblich erweitert hat. Sexualhormone steuern nicht nur die Fortpflanzungsorgane, sondern beeinflussen auch, wie das Nervensystem funktioniert und auf Krankheiten reagiert.

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Bestimmte Erkrankungen treten bei Frauen häufiger oder in anderer Form auf. Migräne ist ein typisches Beispiel - hormonelle Schwankungen, insbesondere während der Menstruation, können Anfälle begünstigen. Auch Multiple Sklerose zeigt bei Frauen einen veränderten Verlauf, insbesondere in Phasen hormoneller Veränderungen wie Schwangerschaft oder Menopause.

Eine besondere Rolle spielt Östrogen. Vor den Wechseljahren hat es eine schützende Wirkung auf das Gehirn. Doch sobald die Produktion in der Menopause stark nachlässt, steigt das Risiko für neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer deutlich an. Hormone beeinflussen nicht nur neurologische Erkrankungen, sondern auch deren Behandlung. Manche Medikamente verändern den Hormonspiegel, was deren Wirksamkeit beeinflussen kann. So schwächen einige Antiepileptika hormonelle Verhütungsmittel ab. Auch natürliche Hormonveränderungen während Menstruation, Schwangerschaft oder Menopause können die Medikamentenwirkung verändern.

Migräne zeigt bei Frauen in verschiedenen Lebensphasen komplexe Zusammenhänge mit hormonellen Schwankungen, jedoch müssen diese differenziert betrachtet werden. Hormonelle Therapien, wie Östrogenpflaster oder -gele, haben sich als wenig wirksam erwiesen. Während der Wechseljahre bleibt die Migräne bei vielen Frauen unverändert oder verschlechtert sich sogar. Hormontherapien oder operative Eingriffe wie die Entfernung der Gebärmutter haben keinen nachweisbaren Einfluss auf den Migräneverlauf.

Neurosteroide und ihre Rolle bei Migräne

Eine neue Studie fand, dass sich der Blutgehalt von Neurosteroiden, die wesentliche Signalhormone im Nervensystem, bei Patienten mit Migräne und Clusterkopfschmerz im Vergleich zueinander und im Vergleich zu Kontrollpersonen unterscheidet. Auch die Häufigkeit der Migräne zeigte sich in der Hormonmenge.

Zu einer Migräne trägt unter anderem auch eine Veränderung der Empfindlichkeit von Nervenzellen bei. Die Reizbarkeit der Nervenzellen kann indirekt durch Neurosteroide moduliert werden, die damit auch eine Rolle in der Entstehung von Migräneattacken spielen könnten. Zu den Neurosteroiden zählen Hormone wie Pregnenolon oder Dehydroepiandrosteron (kurz DHEA), die auf verschiedene Prozesse im Nervensystem einwirken. Diese Stellschrauben sind bei jedem Menschen unterschiedlich - beispielsweise unterscheiden sich Männer und Frauen in den jeweiligen Mengen solcher Substanzen.

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Die Neurosteroide werden aber auch durch äußere Faktoren beeinflusst. So kann Stress eine Nervensystem-Kaskade in Gang setzen, in deren Verlauf auch Stresshormone auf die Nebenniere, eine wichtige Hormondrüse, einwirken - die wiederum unter anderem ihre Produktion von Neurosteroiden anpasst. Stress ist auch ein bekannter Auslöser für Kopfschmerzen, sowohl bei Migräne als auch bei Clusterkopfschmerz. Grundlegend können Betroffene aber auch ein nutzbares Fazit aus der Studie ziehen: Stress ist einer der Faktoren, die die Neurosteroide beeinflussen.

Forscher ermittelten nun anhand des Blutgehalts von vier verschiedenen Neurosteroiden bei Patienten mit den Kopfschmerzerkrankungen Migräne oder Clusterkopfschmerz, ob ein solcher Zusammenhang besteht, und verglichen diese mit gesunden Kontrollpersonen. Insgesamt nahmen 88 Kopfschmerzpatienten teil. 19 Frauen litten unter episodischer Migräne, 51 Frauen unter chronischer Migräne (darunter auch solche mit Medikamentenübergebrauchs-Kopfschmerz MÜK) und 18 Männer unter Clusterkopfschmerz. Aufgrund der typischerweise unterschiedlichen Geschlechtsverteilung bei diesen Kopfschmerzarten wurden die Gruppen jeweils einheitlich zusammengestellt.

Die Kopfschmerzerkrankungen zeigten sich tatsächlich mit veränderten Mengen an Neurosteroiden. Die Menge an Allopregnanolon war bei Migränepatienten im Vergleich zu den Kontrollen signifikant erhöht. Die Patienten mit Clusterkopfschmerz zeigten dagegen reduzierte Mengen von diesem Steroid. DHEA und DHEAS waren jeweils bei Patienten mit chronischer Migräne reduziert im Vergleich zur Kontrollgruppe. Interessanterweise unterschieden sich die Steroidmengen bei Patienten mit episodischer und chronischer Migräne. Die gemessenen Effekte waren demnach der Migräne zuzuschreiben, statt beispielsweise dem Fakt, dass nur Frauen in der Migränegruppe und Männer in der Clusterkopfschmerzgruppe untersucht wurden. Bei Patienten mit chronischer Migräne konnten auch Patientinnen vor und nach der Menopause verglichen werden, also Patienten mit sehr unterschiedlichem hormonellen Zustand.

Demnach zeigten sich deutliche Unterschiede in Neurosteroiden bei Patienten mit Migräne und Clusterkopfschmerz im Vergleich zueinander und im Vergleich zu Kontrollpersonen. Die Autoren schlossen daraus, dass eventuell eine ähnliche Grundproblematik wie die Empfindlichkeit des Nervensystems auf verschiedene Reize bei den beiden Erkrankungen Clusterkopfschmerz und Migräne vorliegt, aber im Grunde die beiden Krankheiten klar unterschieden werden können. Manche der Neurosteroide waren deutlicher verschieden von den Kontrollen bei chronischer als bei episodischer Migräne. Im Blutgehalt dieser Substanzen konnte also ein Schweregrad der Migräne erkannt werden. Die Autoren vermuten, dass diese Substanzen einen Anteil an der Entstehung von Migräneanfällen haben, indem sie die Reizbarkeit der Nervenzellen verändern.

Neurosteroide, Hormone, die direkt im Gehirn produziert werden, könnten in Zukunft eine neue Behandlungsoption für Alzheimer, Multiple Sklerose oder Depressionen bieten. Die Forschung steht noch am Anfang, doch erste Erkenntnisse sind vielversprechend.

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Steroide als Behandlungsoption bei Migräne?

Dieses Thema wurde nun wieder von zwei Ärzten im Sudan aufgegriffen, die in ihrer Klinik überprüften, wie viele Migränepatienten von einer Behandlung mit Prednisolon profitierten. Dazu wurden 1020 Patienten mit Migräne für 7 Tage mit 0,5 mg Prednisolon pro kg Körpergewicht behandelt. Anschließend an diese Behandlungswoche wurde das Mittel allmählich ‚ausgeschlichen‘, das heißt die einzunehmende Menge wurde jede Woche um 5 mg reduziert.

Es wurde berichtet, dass alle Patienten auf die Behandlung ansprachen und sämtliche ihrer Symptome verschwanden. Dies wäre natürlich ein erstaunlicher Erfolg für jede Behandlung. Da die Studie nicht kontrolliert und offen gestaltet war, erhielten jedoch alle Patienten das Medikament und wussten auch, dass sie behandelt wurden. Placeboeffekte und Beeinflussung durch die Ärzte sind also nicht auszuschließen und könnten leicht für einen Teil des Behandlungserfolgs verantwortlich sein.

Jedoch ist die Studie interessant - immerhin stehen Steroide immer wieder als Behandlung für Migräne im Raum. Auch die Idee, dass ein Steroidmangel bei der Migräne relevant sein könnte, ist offenbar nicht ganz neu. Prednisolon beispielsweise wird auch bei chronischen Migräneattacken eingesetzt, und zum Teil auch nach medikamenteninduziertem Kopfschmerz und entsprechendem Medikamentenentzug.

Cobb-Pitstick und Kollegen (2015 in der medizinischen Fachzeitschrift Headache erschienen) berichteten, dass zumindest bei 207 untersuchten Kindern mit Migräne Steroide keinen messbaren Einfluss auf die Rückkehr der Migräneattacken im Anschluss an die Behandlung hatten. Auch Dr. Graham im Jahr 1950 musste die Freude dämpfen: zwar sprachen die 5 untersuchten Patienten sehr gut auf die Behandlung an, jedoch hielt die Symptomfreiheit nicht längerfristig an.

Ob nun also eine längerfristige Therapie von Migräne mit Steroiden zielführend ist, kann auch nach der überraschend optimistischen Studie aus dem Sudan angezweifelt werden. Immerhin bleiben Steroidbehandlungen, zumal langfristige, auch nicht ohne Nebenwirkungen aus. Und auch eine Dauerschwangerschaft ist nicht unbedingt wünschenswert. Allerdings könnte diese Studie einmal mehr auf die mögliche Bedeutung des Immunsystems, das durch die Steroide unterdrückt wird, deuten und damit dem aktuellen Thema der Autoimmunreaktion folgen.

Mit dem Steroid Dexamethason zusätzlich zu einer Standardtherapie war die Rezidivrate im Verlauf von 72 Stunden um 26 Prozent geringer als mit Placebo. Für dieses Ergebnis haben Forscher um Dr. Ian Colman von der Universität Edmonton in Kanada sieben Studien mit insgesamt 738 Teilnehmern ausgewertet (British Medical Journal 336, 2008, 1359). Nach ihren Berechnungen müssen lediglich neun Patienten behandelt werden (number needed to treat), damit einer von der Medikation profitiert. Bei akuten schweren Migräne-Anfällen treten oft innerhalb von 24 bis 72 Stunden erneut Kopfschmerzen auf, wie die Wissenschaftler erläutern. Die Wirkung von Kortikoiden erklären sie damit, dass eine Ursache der Attacken Entzündungsprozesse sein könnten. Der Effekt der anti-inflammatorischen Wirkstoffe beruhe vermutlich darauf, dass sie diese Kaskade unterbrechen.

Kortikosteroide (umgangssprachlich: Kortison oder Cortison) werden bei einer länger als 72 Stunden anhaltenden Migräne-Attacke verabreicht: Bei einem solchen „Status migraenosus“ erhalten Betroffene eine einmalige Dosis Prednison oder Dexamethason. Studien zufolge können Kortikosteroide die Kopfschmerzen verringern und Wiederkehrkopfschmerzen reduzieren.

Weitere Therapieansätze bei Migräne

Zur Verfügung stehen bei der Behandlung der Migräne nicht nur Medikamente, sondern auch nicht-medikamentöse Verfahren. Mithilfe dieser Methoden lässt sich die Migräne zwar nicht heilen, aber zumindest gut in den Griff bekommen.

Medikamentöse Behandlung

  • Analgetika: Leichtere und mittelstarke Migräneattacken sollten zunächst mit Analgetika wie Acetylsalicylsäure und nicht steroidale Antirheumatika (NSAR) und der Kombination aus Acetylsalicylsäure, Paracetamol und Koffein behandelt werden.
  • Triptane: Triptane sind spezifische Migränetherapeutika und werden bei mittelschweren bis schweren Migräneattacken sowie bei leichteren Attacken mit unzureichendem Ansprechen auf einfache Analgetika eingesetzt. Die Triptane Almotriptan, Eletriptan, Frovatriptan, Naratriptan, Rizatriptan, Sumatriptan und Zolmitriptan sind die Substanzen mit der besten Wirksamkeit bei akuten Migräneattacken.
  • Ergotamin: Ergotamin ist in der Akuttherapie der Migräne wirksam.
  • Gepante: Gepante wirken, indem sie gezielt an den CGRP-Rezeptor binden und dessen Aktivierung blockieren.
  • Antiemetika: Antiemetika werden zur Behandlung von Übelkeit und Erbrechen während der Migräneattacke eingesetzt.

Nicht-medikamentöse Behandlung

  • Verhaltensmedizinische Therapie: Die Behandlung von Migräne erfordert eine Kombination aus medikamentösen und verhaltenstherapeutischen Ansätzen, da die Lebensführung die Häufigkeit und Stärke der Anfälle maßgeblich beeinflussen kann. Stressbewältigung, Entspannungstechniken und kognitive Verhaltenstherapie können helfen, die Lebensqualität zu verbessern.
  • Alternative Heilmethoden: Alternativ werden auch Akupunktur, Akupressur, Homöopathie und Schüssler-Salze gegen Migräne eingesetzt. Die Wirksamkeit einiger dieser Methoden sind wissenschaftlich allerdings nicht belegt.
  • Pflanzliche Präparate: Im Zusammenhang mit einer Migräne-Prophylaxe werden oft auch pflanzliche Präparate genannt, beispielsweise mit Pestwurz oder Mutterkraut.

Vorbeugung

  • Vermeidung von Triggern: Meiden Sie möglichst alle Faktoren, von denen Sie wissen, dass Sie Ihnen eine Migräne bescheren können. Diese sogenannten „Trigger“ können bestimmte Nahrungsmittel, ausgelassene Mahlzeiten, Saunabesuche und/oder Hektik und Stress im Alltag sein. Einen guten Überblick erhalten Sie, wenn Sie ein Migräne-Tagebuch führen.
  • Medikamentöse Prophylaxe: Eine medikamentöse Migräne-Prophylaxe kommt in Betracht, wenn die Betroffenen sehr unter der Migräne leiden, in ihrer Lebensqualität eingeschränkt sind und wenn die Gefahr eines übermäßigen Medikamentengebrauchs (ASS, Triptane etc.) besteht. Zur Vorbeugung stehen verschiedene Wirkstoffe zur Auswahl, wie Propranolol, Metoprolol, Bisoprolol, Flunarizin, Valproinsäure, Topiramat, Amitriptylin und Onabotulinumtoxin A.

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