Fasten und Multiple Sklerose: Neue Studien und Erkenntnisse

Dass sich das Fasten positiv auf die Gesundheit und die Lebenserwartung auswirkt, ist längst keine Binsenweisheit mehr. Aktuelle Studien belegen dies. Viele Menschen nehmen sich gerade zu Jahresanfang vor, dass sie nun aber wirklich ganz gesund leben wollen. Wie wäre es beispielsweise mit dem Fasten? Denn es ist tatsächlich belegt: Egal, ob Intervallfasten oder tagelange Fastenkuren, zahlreiche Krankheitssymptome werden trotz ausbleibender Nahrungszufuhr gemildert. Und der Fastende fühlt sich im Anschluss zudem fitter und frischer. Wie und warum dieser vermeintliche Widerspruch funktioniert, zeigt Liz Wieskerstrauch in ihrer 3sat-Dokumentation "Gesund durch Fasten".

Wer zeitweilig auf feste Nahrung verzichtet und nur mit zuckerfreien Getränken auskommt, hat enorme gesundheitliche Vorteile und lebt länger, sagen viele Experten. Die Autorin geht dieser These auf den Grund und greift einige erstaunliche neuere Untersuchungsergebnisse auf. Studien an der Berliner Charité etwa belegen, dass Krebspatienten eine Chemotherapie besser vertragen, wenn sie drei Tage vorher fasten. Außerdem hat der vorübergehende Nahrungsverzicht einen positiven Einfluss auf chronische Erkrankungen wie Rheuma oder Multiple Sklerose. Professor Dr. Frank Madeo von der Universität Graz beispielsweise entdeckte, dass durch Fasten ein Protein in der Leber aktiviert wird, das selbst die Krebsentstehung unterdrücken kann.

Im Anschluss an die Wissenschaftdokumentation am Donnerstagabend bei 3sat diskutiert Gert Scobel ein vergleichbares Thema. Mit seinen Gästen befasst auch er sich ab 21 Uhr mit der medizinischen Kraft des Fastens.

Fasten als Therapieansatz: Ein Überblick

Fasten wirkt sich positiv auf die Gesundheit und die Lebenserwartung aus. Forscher weltweit sind überzeugt, dass vorübergehender Verzicht auf Nahrung vielen Krankheiten vorbeugen kann. Die Naturheilkunde schwört schon lange auf die Selbstheilungskräfte, die durch das Fasten in jeder einzelnen Zelle mobilisiert werden. Der Stoffwechsel des Körpers stellt sich um: Blutdruck und Insulinspiegel sinken, Entzündungswerte verbessern sich. Egal, ob Intervallfasten oder tagelange Fastenkuren - es geht nicht in erster Linie um Gewichtsabnahme. Forscher untersuchen weltweit, wie das Fasten auf die einzelnen Organe wirkt und dabei Herz, Leber, Darm, Gehirn, Fettgewebe positiv beeinflusst. So schaffen es zum Beispiel Diabetes-Typ-2-Patienten, durch das Fasten den Teufelskreis der Insulinresistenz zu durchbrechen. Erste Studien an der Charité Berlin zeigen, dass Krebspatienten eine Chemotherapie besser vertragen, wenn sie drei Tage vorher fasten. Außerdem hat Fasten einen positiven Einfluss auf chronische Erkrankungen wie Rheuma oder Multiple Sklerose. Sogar als Anti-Aging ist Fasten ein probates Mittel, denn es fördert die Autophagie, die Beseitigung von Zellabfall. Wissenschaftler erforschen mit Hochdruck, welche Prozesse in den Zellen ablaufen und ob man Fasten auch medikamentös oder mit besonderen Nahrungsmitteln imitieren kann. Viele Fragen sind wissenschaftlich noch offen: Welches ist die optimale Form und Länge des Fastens, und benötigt jeder Mensch einen individuell auf ihn abgestimmten Fastenplan? Generell bestätigen die Studien die jahrhundertealten positiven Erfahrungen der Fastenärzte und Forscher.

So wie die die Ernährung kann sich auch das Fasten auf die Multiple Sklerose und andere Autoimmunerkrankungen auswirken. Manchmal ist der Verzicht auf Essen weitaus die bessere Wahl, als ständig etwas (Gesundes) zu essen, aber dadurch den Magen regelmäßig zu überfüllen. Wer sich häufig überisst, hat ein erhöhtes Risiko an einer Magen-Darm-Erkrankung, an Diabetes, an einer Herzerkrankung, an Bluthochdruck oder an einer psychischen Störung (z.B. Angststörung, Depression) zu erkranken. Außerdem wird durch das dauerhafte Überessen der Magen gedehnt und es braucht immer mehr, damit sich ein Sättigungsgefühl einstellt.

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Verschiedene Fastenformen und ihre Anwendung

Fastenformen gibt es viele. Hier sind einige der gängigsten Methoden:

  • Intervallfasten: Hier gibt es verschiedene Rhythmen. Die gängigste ist die 16:8-Methode, bei der acht Stunden lang gegessen und 16 Stunden lang gefastet wird. Viele verzichten dabei auf das Frühstück, essen am frühen Abend das letzte Mal und dann wieder am Folgetag gegen Mittag (nach 16 Stunden Esspause). Eine Alternative dazu ist die 5:2-Methode, bei der an fünf Tagen die Woche normal und an zwei Tagen die Woche sehr wenig (abhängig vom Geschlecht 500-850 Kilokalorien) gegessen wird. Bei der 1:1-Methode wird im Wechsel an einem Tag normal und an einem Tag reduziert (25% der gewohnten Tagesration) gegessen. Das Gute am Intervallfasten ist, dass man dabei keine Muskelmasse verliert. Wie bei allen Fastenformen ist die Einnahme von viel Flüssigkeit währenddessen wichtig. Während der Fastenzeit dürfen jederzeit ungesüßte Getränke getrunken werden!
  • Saftfasten: Das Saftfasten ist eine Form des Heilfastens. Beim Saftfasten sind ausschließlich Wasser, ungesüßte Tees, (verdünnte) Obst- und Gemüsesäfte erlaubt (insgesamt zwei bis drei L /Tag). Die Dauer des Fastens kann individuell gewählt werden. Es sollte jedoch beachtet werden, dass es bei häufigen oder zu langen Saftkuren zu Mangelerscheinungen (z.B. Vitamin B12) kommen kann. Mithilfe von vorherigen Entlastungstagen wird der Körper auf die Flüssignahrung vorbereitet. Hierbei sollte auf gut verdauliche, unverarbeitete und ballaststoffreiche Lebensmittel (gedünstetes Gemüse, Gemüsesuppe, Porridge) sowie gesunde Öle und Fette zurückgegriffen werden. Ebenso ist im Anschluss an das Saftfasten das Fastenbrechen (eine Übergangskost; z.B. mit rohem oder gekochtem Apfel, abends Kartoffelsuppe) unabdingbar, um den Körper langsam wieder an feste Nahrung zu gewöhnen. Das Fastenbrechen sollte mindestens zwei Tage lang dauern, optimal wären ein Drittel der Gesamtlänge des Fastens.
  • Reisfasten: Eine Reiskur wird für zwei bis zwölf Tage und ein- bis zweimal (auch ein Reistag pro Woche ist möglich) im Jahr empfohlen. Bei der Reiskur ernährt man sich täglich von 150 Gramm Reis (vorzugsweise Vollkorn- oder Naturreis, falls dieser vertragen wird), weichem und reifen Obst (auch als Mus), gekochtem, gedünstetem oder im Backofen gebratenen Gemüse (so viel wie ihr möchtet), Blattsalaten, Kräutern und Gewürzen, zwei bis drei Esslöffeln Pflanzenöl (Oliven-, Lein-, Hanf- oder Rapsöl) und wenig Salz. Einmal täglich sind eiweißhaltige Lebensmittel wie Nüsse, Samen, Tofu oder Hülsenfrüchte erlaubt. Zwischen den Mahlzeiten wird eine Esspause von vier bis sechs Stunden eingehalten. Die letzte Mahlzeit am Abend sollte möglichst nicht später als 19 Uhr sein.
  • Heilfasten: Auch hier wird die Länge der Fastendauer individuell gewählt. Erlaubt sind während des Fastens Gemüsebrühe (1/4 L /Tag), verdünnte Saft- und Gemüsesäfte (1/4 L /Tag), 30 Gramm Honig, sowie Wasser und ungesüßte Kräutertees. Insgesamt sollten es mindestens 2,5 L Flüssigkeit pro Tag sein. Auf Genussmittel (Kaffee, Tee mit Teein, Nikotin, Alkohol, Zuckerhaltiges…) sollte möglichst während der gesamten Fastenzeit verzichtet werden. Bei den Fastenformen ohne feste Nahrung ist eine vorherige Darmreinigung ein wichtiger Bestandteil der Fastenkur. Mithilfe der Einnahme von Bitter- oder Glaubersalz (Glaubersalz nicht empfohlen bei Bluthochdruck, Herzschwäche, entzündlichen Magen-Darm-Erkrankungen oder bekannten Störungen des Wasser- und Elektrolythaushaltes) oder mithilfe von Einläufen kann der Darm vorab geleert werden, was den Körper zusätzlich entlastet und das Hungergefühl während des Fastens reduzieren kann. Dabei wird das Glaubersalz (30-40 gr. Auf ein Liter Wasser) innerhalb von 20 Minuten getrunken. Nach 30 Minuten werden zusätzliche 1-1,5 L Wasser oder Tee getrunken.

Fasten und Multiple Sklerose: Aktuelle Studien und Forschung

Forscher der University of Southern California gingen im Jahr 2016 der Frage nach, ob sich eine Fastenkur positiv auf die Symptome der Multiplen Sklerose auswirken könnte. Zu diesem Zweck setzten sie Mäuse mit einer Autoimmunerkrankung auf eine Radikaldiät. Jeweils drei Tage pro Woche hieß es für die Nager: „No cheese, please.“ - und auch sonst nichts. Und tatsächlich: Im Vergleich zur Kontrollgruppe, die ganz normal ernährt wurde, zeigten die fastenden Tiere nach bereits drei Zyklen eine deutliche Verbesserung der Symptome. Die Forscher stellten in den Körpern der Tiere zudem eine geringere Menge von Entzündungsbotenstoffen fest und konnten sogar nachweisen, dass eine Remyelinisierung stattfand. Gemeint ist damit eine Wiederherstellung der Myelinscheide um die Nervenfasern, die durch die Multiple Sklerose beschädigt wird.

Tierversuche lassen sich selbstverständlich nicht ohne weiteres auf den Menschen übertragen. Aus diesem Grund unternahm die Berliner Charité im selben Jahr eine Pilotstudie mit 60 MS Patienten, die über einen Zeitraum von 6 Monaten unterschiedliche Diäten einhielten. Aufgrund der positiven Ergebnisse der Berliner Studie findet derzeit eine Nachfolgestudie zum Fasten bei Multipler Sklerose statt. Studienleiter der so genannten NAMS-Studie (Nutritional Approaches in Multiple Sclerosis) ist Prof. Dr. Friedmann Paul des NeuroCure Clinical Research Centers der Charité. Die Studie umfasst 7 Besuche der Forscher bei den über 100 Teilnehmern innerhalb eines Studienzeitraums von 18 Monaten.

Die Studie untersucht verschiedene Ernährungsformen:

  • Entzündungshemmende Ernährung: Bei dieser Ernährungsform schränken die Probanden ihren Fleischkonsum ein, um die Qualität der Nahrungsfette zu erhöhen.
  • Adaptive katogene Ernährung: Bei dieser therapeutischen Fastenform verzichten die Probanden umfassend auf Kohlehydrate. Das Gehirn wird dabei dazu angeregt, Ketonkörper (Fettabkömmlinge) statt Glukose als Energiequelle zu verwenden.
  • Intermittierende kalorische Restriktion: Hierbei sollen die Versuchsteilnehmer im Verlauf der Studie dreimal eine Woche fasten, indem sie in diesen Zeiträumen vollständig auf feste Nahrungsmittel verzichten. Auf dem Speiseplan stehen also Gemüsesäfte oder Brühen.

Abschließend sollen die Auswirkungen auf die Symptome und die Lebensqualität der Probanden bewertet werden, um bessere Aussagen über den Wert der Diäten und des Fastens treffen zu können.

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Propionsäure und ihre Rolle

Propionsäure ist auch bekannt unter ihrem wissenschaftlichen Namen: Propansäure. Letzteres ist der chemisch korrekte Ausdruck, während Propionsäure der Trivialname der kurzkettigen Fettsäure ist. In der Natur ist Propionsäure Bestandteil einiger wertvoller ätherischer Öle. Vor allem aber wird sie von nützlichen Bakterien im menschlichen Darm gebildet, genauer gesagt im Dickdarm. Zur Wirkweise von Propionsäure sind derzeit keine zugelassenen gesundheitsbezogenen Aussagen verfügbar.

Kontraindikationen und Vorsichtsmaßnahmen

Fasten ist allerdings nicht für jede(n) geeignet. Schwangere, stillende und untergewichtige Personen sollten generell nicht fasten. Auch ein akuter Infekt ist eine Kontraindikation. Menschen mit Vorerkrankungen oder mit der Diagnose MS sollten sich in jedem Fall vorab die Empfehlung des Arztes/der Ärztin (Hausarzt/-ärztin und/oder Neurologe/-in) einholen. Besonders bei einer Fastenmethode bei der nur Flüssigkeiten auf dem Essensplan stehen, ist Vorsicht geboten, wenn das Fasten mit der Einnahme von Medikamenten einhergeht.

Vor allem die Einnahme des Medikamentes Tecfidera ist für vielen MS-Patienten an regelmäßige Mahlzeiten gebunden, da es auf nüchternen Magen Nebenwirkungen - wie Bauchkrämpfe oder Sodbrennen - erzeugen kann.

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