Die Parkinson-Krankheit, früher als „Schüttellähmung“ bekannt, ist bis heute unheilbar. Trotz intensiver Forschung leben allein in Deutschland etwa 400.000 Betroffene. Am 11. April wird der Welt-Parkinson-Tag begangen, um auf diese Erkrankung aufmerksam zu machen. Verlangsamte Bewegungen, Zittern, Gleichgewichtsstörungen und steife Muskeln sind die Hauptsymptome von Parkinson. Neben Medikamenten gibt es auch viele ergänzende Behandlungsmethoden. Eine davon ist Tischtennis.
Die Parkinson-Krankheit und ihre Symptome
Bereits 1817 beschrieb der Londoner Arzt James Parkinson typische Symptome der Krankheit, wie zitternde Hände und einen unsicheren Gang. Unkontrollierbares Zittern, steife Muskeln und langsame Bewegungen sind typische Anzeichen. Das Gefühl, der Krankheit unterlegen zu sein, führt nicht selten zum gesellschaftlichen Rückzug. Auch Michael J. Fox, bekannt aus dem Kino-Blockbuster „Zurück in die Zukunft“, gab nach seiner Erkrankung die Schauspielerei auf.
PingPongParkinson: Eine weltweite Bewegung
Der Vereinsamung und den zunehmenden körperlichen Beschwerden will der Verein „PingPongParkinson“ seit einigen Jahren entgegenwirken. Ziel ist es, Menschen zusammenzubringen, aber nicht gemütlich wie am Stammtisch, sondern sportlich an der Tischtennisplatte. Mittlerweile bestätigen wissenschaftliche Studien erste Erfolge. Die Idee dazu hatte der Musiker und gebürtige Kroate Nenad Bach. Er erkrankte 2010 an Parkinson und konnte bald nicht mehr auf einem Instrument spielen. Ein Freund nahm ihn zum Tischtennis mit, obwohl Bach noch nie einen Schläger in der Hand gehalten hatte. Er fing an, regelmäßig zu trainieren und stellte fest: Seine Symptome besserten sich. Er konnte sogar wieder etwas Musik machen. Also gründete er den Verein PingPongParkinson.
Sogar eine Parkinson-Tischtennis-Weltmeisterschaft fand mithilfe des siebenfachen Olympiateilnehmers Zoran Primorac 2019 statt. An der nahm Thorsten Boomhuis aus Niedersachsen teil und gewann eine Goldmedaille im Doppel. Kaum zurück, gründete er den ersten deutschen Ableger von PingPongParkinson in Nordhorn, der mittlerweile 315 Stützpunkte und etwa 3000 Mitglieder hat - Tendenz steigend. Das liegt auch an prominenten Unterstützern wie dem früheren Gesundheitsminister Karl Lauterbach, der ein Benefizspiel im Bundestag organisierte und mit Tischtennis-Legende Jörg Roßkopf im Doppel spielte.
PingPongParkinson - kurz PPP - ist ein weltweites Netzwerk, das der Musiker Nenad Bach 2017 in New York ins Leben gerufenen hat. Der deutsche Ableger der Bewegung wurde 2020 von zwei betroffenen Spielern gegründet. Die Parkinson-Symptome von Initiator Bach haben sich durch Tischtennis deutlich gelindert. Die Forschung bestätigt die Erfahrung des 71-Jährigen. Danach ist Pingpong eine spielerische Therapie, die Motorik, Gleichgewicht und kognitive Fähigkeiten stärkt, weil sie schnelle Reflexe, geschmeidige Koordination und strategisches Denken miteinander verbindet. Zudem kurbelt das dynamische Training auf leichte, aber wirkungsvolle Weise die Dopaminproduktion an - genau dort, wo Parkinson sie am dringendsten braucht. Allein in Deutschland zählt PPP mehr als 200 Trainingsgruppen, darunter 18 in Berlin.
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Tischtennis als Therapie: „Tanzen fürs Gehirn“
Parkinson-Patienten haben eine spezielle Form der Therapie entdeckt: Sie spielen Tischtennis.
Mittwochabend in Berlin-Reinickendorf. Der „Fuchsbau“, eine gerade erst fertiggestellte Dreifeldsporthalle, wirkt von außen klar und funktional. Drinnen beginnt das Leben. Die ersten Spielerinnen und Spieler treffen ein, schleppen Sporttaschen, klappen Tischtennisplatten auf. Begrüßungen, ein kurzes Lächeln. Manchmal kommt es zögerlich. Manchmal strahlt es wie bei einem Wiedersehen mit alten Freunden. Es ist Pingpong-Zeit - wir alle wissen: Jetzt zählt nur das Spiel.
Wir - das sind 20 Frauen und Männer, alle mit derselben Diagnose: Parkinson. Eine Krankheit, die man eher mit zitternden Händen alter Männer in Verbindung bringt als mit sportlichen 40- bis 60-jährigen, die ihre Schläger auspacken und Bälle zurechtlegen. Von Krankheit ist die Stimmung nicht geprägt, nicht von Resignation oder Selbstmitleid. Im Gegenteil: Hier herrscht eine stille Entschlossenheit, eine Energie, die aus der Gemeinschaft kommt. Bewegung, Konzentration, Lachen.
In einem großen Kreis wird mit dem Aufwärmen begonnen. Trainerin Nora Pastor steht in der Mitte und animiert. Schulterkreisen, Knieheben, Armrotation, Gleichgewicht halten auf einem Bein. Jeder darf eine Übung vormachen, die von der Gruppe übernommen wird. Dabei wird sichtbar, wie unterschiedlich die Körper auf diese Impulse reagieren - manche kraftvoll, andere nur mit Mühe. Ein Mosaik der Degeneration: 20 Menschen, 20 Stadien einer Krankheit, und doch bewegen sich alle gemeinsam.
Nach dem Aufwärmritual wird gesungen. Michael Busch feiert seinen 48. Geburtstag. Es klingt nicht ganz einstimmig, aber herzlich. Das Geburtstagskind lächelt, seine Mimik ist leicht verzögert. Man versteht ihn nicht immer gut, bei ihm beginnt bereits das charakteristische Nuscheln der „Parkis”. Als es an die Verteilung der Tische geht, läuft er mit Marcus Heithecker schnurstracks zum ersten Tisch. Sie brettern los, was das Zeug hält. Die beiden scheinen eingespielt zu sein. Doch plötzlich bleibt Busch stehen. Die sogenannte Off-Phase tritt ein - sein Körper macht dicht. Ruhig setzt er sich auf den Hallenboden, wartet, bis die Medikamente wieder wirken. Niemand kommentiert das. Viele kennen diesen Moment. Er geht in die Hocke und beugt sich langsam vornüber. Er balanciert seine Ellbogen auf den Knien und schafft es in eine saubere Yogahaltung, die Krähe. „Ich mache das manchmal, wenn ich gut drauf bin und aus der Off-Phase rauskomme“, sagt er. Seine Bewegungen sind langsam und konzentriert. Und dann erzählt er. „Weißt du“, sagt er, „ich habe durch das Parkinson nicht nur verloren. Ich habe auch etwas gewonnen.“ Er habe eine gewisse Gelassenheit entwickelt. Er lebe bewusster - und irgendwie auch zufriedener. Große Worte von jemandem, der durch seine Krankheit gerade mal wieder an seine Grenzen gestoßen ist. Wer Michael Busch zuhört, spürt, dass es keine Floskeln sind. „Ich verschwende keine Energie mehr auf Dinge, die mich nicht glücklich machen“, sagt er. „Ich weiß jetzt, was wirklich zählt.“
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Bernd Seyerlein, der die Gruppe mit aufgebaut hat, spielt heute mit Nadja Wiesner. Sie ist zum ersten Mal da. Eine drahtige Erscheinung mit lang geflochtenem Zopf. Sie arbeitet als Physiotherapeutin, gibt Aerobic-Kurse, kennt den Körper wie ihr Handwerk. Doch ihre Haltung wirkt steif, ihr Blick zurückhaltend, geradezu resigniert. Seit ihrer Diagnose im Oktober 2024 hat sie sich zurückgezogen. Sie sei, wie sie sagt, in ein Loch gefallen. Aber Seyerlein habe nicht lockergelassen und ihr immer wieder geschrieben, dass sie doch teilnehmen sollte. Heute ist sie da. Ihre Freundin begleitet sie, spielt mit, ist ganz bei ihr.
Als sie fertig sind, spreche ich Nadja Wiesner an, löchere sie mit Fragen, vielleicht sind es ein paar zu viele. Sie antwortet knapp, offen, ohne Pathos. Dann gibt es auf einmal einen Moment, in dem wir uns umarmen. Keine große Geste, einfach menschliche Nähe. Wir wischen ein paar Tränen weg und kommen wieder ins Reden - über die Diagnose und über die ersten Tage danach. Plötzlich bemerken wir überraschende Überschneidungen: dieselbe Ärztin, dieselben Worte, nur mit acht Jahren Verschiebung. Ich berichte, wie ich damals wahrnahm, dass der Blick der Ärztin nicht ganz zu der nüchternen Art passte, mit der sie sprach. Dass er besorgt war. Meine Gesprächspartnerin nickt. „Genau das“, sagt sie. Für einen Augenblick ist alles gleichzeitig fern und sehr nah. Wir lachen, weil es so absurd ist. Irgendwie auch tröstlich. Zwei Leben, die sich zufällig kreuzten und uns zu „Parki-Schwestern“ machen.
Caspar von Wedel kommt etwas zu spät, er hat das Aufwärmen verpasst. Der Blick seiner stahlblauen Augen wirkt ruhig, fast weise. Er trägt ausgelatschte Chucks ohne Socken. Irgendwann reiht er sich ein, spielt behäbiger und langsamer als die anderen, aber mit eleganter Souveränität. In einer Spielpause erzählt er, wie die Krankheit ihn verändert hat. Früher habe er sich oft getrieben gefühlt. „Jetzt bin ich angekommen“, sagt er. Wie Michael Busch hat auch er offenbar gelernt, sich auf das zu fokussieren, was ihm guttut. „Ich verschwende meine Energie nicht mehr an Nebenschauplätze, genieße, was da ist.“ Der Parkinson habe ihm gezeigt, wie viel er habe. Nicht, was ihm fehle.
Alexine Good schmettert den Ball mit einem wuchtigen Vorhandschlag quer durch die Halle. Ihr Spielpartner winkt ab. „Hier gibt’s keine Fehler“, sagt er, „nur Varianten.“ Und: „Tischtennis ist Tanzen fürs Gehirn.“ Es mache wach und helfe, für zwei Stunden nicht an die Diagnose zu denken. Alexine Good ist Künstlerin. Die gebürtige Engländerin, die schon seit 30 Jahren in Berlin lebt, trainiert fast täglich zu Hause - mit eigener Platte und Hometrainer. Jetzt ruht sie sich erst mal auf der Bank aus. Sie ist gerade zwei Runden durch die Halle gerannt. „Ich muss in Bewegung bleiben, sonst spüre ich mich nicht mehr“, sagt sie. Dann spricht sie über ihre Medikamente - genauer gesagt über Pramipexol, das starkes zwanghaftes Verhalten hervorrufen kann. „Du auch?“, fragt sie und hebt die Augenbrauen. Ich nicke. Wir lachen kurz, ein bitteres Lachen. Dann wird sie ernster „Ich kann kaum einschlafen.“ Sie spricht über die lange Liste der Nebenwirkungen, auch über die plötzliche Essgier, die wie ein fremdgesteuerter Impuls kommt. „Aber Tischtennis hilft“, sagt sie. „Ich merke, wie sich die Energie wandelt. Wie ich aus dem Kopf komme, raus aus dem Drang, rein in den Rhythmus.“ Dann steht sie auf, greift zum Schläger: „Ready?“ - und schon fliegt der Ball wieder über die Platte.
Es ist kurz vor neun Uhr. Das Klackern wird leiser. Einige dehnen sich, andere plaudern, die ersten packen ihre Sachen zusammen. Am Ausgang treffe ich auf Marcus Heithecker, der wie so viele auch schon mit Ende 50 die Diagnose bekam. Er spricht von Demut „gegenüber dieser miesen Krankheit“. Er sagt, was für eine paradoxe Erfahrung er mit ihr mache. „Obwohl man in diesem Alter objektiv schon ganz schön alt ist oder sich zumindest so fühlt, wird man noch mal irgendwie jung.“ Er grinst. Wie er das meint? „Als ,junger‘ Parki muss ich dankbar sein, dass ich vielleicht noch ein paar selbstbestimmte, aktive Jahre vor mir habe“, sagt er.
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Sportliche Aktivität verlangsamt den Abbau
Wissenschaftliche Studien zeigen: Regelmäßiger Ausdauersport im Frühstadium kann das Tempo des körperlichen Abbaus deutlich verringern. Mit Sport lässt sich bei Parkinson erreichen, dass die Symptome deutlich langsamer zunehmen. Erkrankte in den USA finden sich seit 2017 im Verein „PingPongParkinson“ zum Tischtennisspielen zusammen. Mittlerweile gibt es Ableger weltweit. Im Februar 2020 wurde PingPongParkinson Deutschland gegründet. Das gemeinsame Spiel tut vielen gut. Gegen die Symptome der Krankheit, gegen ihre psychischen Folgen und gegen die Vereinsamung, die die schleichenden Bewegungseinschränkungen mit sich bringen können. „Der Zulauf ist riesig“, sagt Wolfgang Hoelscher-Obermaier von PingPongParkinson Berlin. Über 200 Teilnehmer:innen spielen an den derzeit 17 Standorten in und um Berlin, und es kommen immer neue dazu. Mitte Dezember 2022 fand in der Sporthalle des Bundestages sogar ein Benefizturnier mit Abgeordneten statt.
Die Reinickendorfer Gruppe entstand 2023 auf Initiative von Wolfgang Hoelscher-Obermaier in Kooperation mit dem Turn- und Sportverein Füchse, bekannt durch seine erfolgreiche Handballmannschaft. Einmal wöchentlich bietet die Tischtennisabteilung ein angeleitetes Training an.
Um Parkinson-Erkrankte in Schleswig-Holstein besser zu unterstützen wurde in Itzehoe (Kreis Steinburg) ein eigener Landesverband der Deutschen Parkinsonvereinigung gegründet. Der Ableger hat laut Landesverband für Erkrankte den Vorteil, dass sie einen regionalen Ansprechpartner haben.Und durch einen besseren Draht zu Kliniken im Land könne das Angebot für Betroffene passgenauer zugeschnitten werden. Der Vorsitzende Hans-Heinrich Rave verspricht, dass es auch mehr Seminarangebote für Angehörige geben wird.
Die German Open 2023 in Düsseldorf
Einige zappeln unkontrolliert, andere schlurfen mühsam voran. Und während bei manchen der Unterarm wie bei Tics ständig nach oben schlägt, können einige ihren Arm kaum hochheben. Um die etwas steife Hüfte zu bewegen, sind wiederum andere auf einen Rollator angewiesen. Die beschriebenen Personen befinden sich nicht etwa in einem Pflegeheim oder einem Krankenhaus, sondern in einer großen Sporthalle. Und sie werden nicht nur anderen beim Sport zuschauen, sondern auch selbst an dem internationalen Wettkampf teilnehmen, der hier ausgetragen wird: Es sind die PingPongParkinson German Open 2023 in Düsseldorf. Die Turnierteilnehmer haben alle eines gemeinsam: Sie sind an Parkinson erkrankt und leiden unter steifen Muskeln, ständigem Zittern, Konzentrations- und Gleichgewichtsstörungen. Manche schildern, dass sie sich fühlen, als seien ihre Beine am Boden festgeklebt. Hervorgerufen werden die Symptome durch den fortschreitenden Verlust bestimmter Nervenzellen, die normalerweise den Botenstoff Dopamin produzieren. Er reguliert vor allem unsere Bewegungen.
Insgesamt gehen an den vier Wettkampftagen rund 200 Spieler, 140 Männer und 60 Frauen, aus 19 Nationen an den Start. Sie sind zwischen 32 und 82 Jahre alt. Das Durchschnittsalter liegt bei rund 60 Jahren. Mit dabei sind auch zwei bekannte Gesichter: der Komiker und Schauspieler Markus Maria Profitlich und der ehemalige TV-Moderator Frank Elstner, die ihre Parkinsonerkrankung 2018 und 2019 öffentlich machten. »Das Wichtigste beim Tischtennisspielen ist, dass man sich bewegt, aber gleichzeitig das mentale Training«, sagt der Wetten-dass-Erfinder Elstner in einem Interview mit dem Radiosender WDR 5. »Man will ja den Gegner ausknocken und überlegt sich, spiele ich lang, spiele ich kurz, spiele ich hart.« Es sei diese Beschäftigung mit dem Geist während des Sports, die so wichtig sei für Menschen, die an Parkinson erkrankt seien, ist Elstner überzeugt.
Auch in der Sporthalle in Düsseldorf ist das zu erkennen: Sobald die Spielerinnen und Spieler an der Tischtennisplatte stehen, wird die Schlaghand ruhiger, die Schlagbewegung wirkt präzise und überlegt. Sie sind mit vollem Einsatz dabei, auch wenn sich der eine oder die andere kurz nach dem Schlag auf der Platte abstützen muss.
Einer der Turnierteilnehmer ist Theo König. Der ehemalige Bundeswehrsoldat trainiert mit anderen Erkrankten im PingPingParkinson-Stützpunkt in Dülmen im Münsterland. König hat seine Diagnose seit sieben Jahren. Bei ihm äußert sich die Erkrankung mit einem Tremor im rechten Arm und Bein und darin, dass sein Gedächtnis zusehends schlechter wird. Früher ist er Marathon gelaufen, jetzt bewältigt er nur noch kleinere Strecken. Doch seit fast zwei Jahren spielt er Tischtennis. »Ich bin so richtig glücklich, wenn ich erschöpft aus der Halle komme«, sagt König. Während er bei sich selbst keinen körperlichen Effekt feststellt, ist dies bei seinen schon länger erkrankten Mitspielern nach jeder Trainingseinheit deutlich zu sehen. Sein Vereinskollege Bernd B. etwa ist seit 37 Jahren erkrankt und bewegt sich schwerfällig auf einem Rollator sitzend mit Hilfe von anderen durch die Sporthalle. An der Tischtennisplatte angekommen, muss er sich mit einer Hand abstützen, damit er nicht stürzt. Doch wenn er die Tischtennisbälle zum Gegenspieler hinüberschlägt, steht er frei. Verlässt er nach der zweistündigen Sporteinheit die Halle, gelingt ihm das wesentlich selbstständiger. Beim Tischtennis könne er die Erkrankung vergessen, sagt Theo König. Nur verletzte er sich zu Beginn häufiger an den Sprunggelenken. Jetzt habe er damit keine Probleme mehr.
Negin Schaller war auch schon während des Spiels im Off-Zustand, sagt sie. Sie habe es gerade noch so geschafft, zu Ende zu spielen. Jetzt geht sie fast auf Zehenspitzen und zieht schlurfend beide Beine nach vorne. Hin und wieder gerät sie aus dem Gleichgewicht und wankt. Negin Schaller wurde in Teheran geboren, mit 19 zog sie nach Wien und studierte dort Humanmedizin. Die ersten Symptome spürte sie vor 18 Jahren in der Schwangerschaft - da war sie gerade einmal 39 Jahre alt. Bei ihr sind es Zittern, verlangsamte Bewegungen und Gleichgewichtsstörungen, die den Alltag erschweren. Die Symptome zeigen sich bei ihr eher abwärts der Hüfte, immer mit der Gefahr zu stürzen. Seit 2017 arbeitet sie nicht mehr als Ärztin, hat aber seitdem angefangen, zweimal die Woche Tischtennis statt wie zuvor Tennis zu spielen. »Da ist der Platz kleiner und ich kann mein Gleichgewicht halten«, erklärt sie.
Das ist für Jens Burfeind weitaus schwieriger. Wenn der frühere Toningenieur an der Tischtennisplatte steht und auf den gegnerischen Ball wartet, können sich Teile seines Körpers unkontrolliert bewegen. Immer mal wieder schlackern Arme, Beine, Schultern oder Hals wie bei einer durchgeschüttelten Gliederpuppe. Dann aber - kurz bevor der kleine weiße Ball in seine Richtung fliegt - wird die Bewegung seiner Schlaghand ganz kurz ruhig und er trifft den Ball präzise. Burfeinds Symptome sind eigentlich Konzentrationsschwierigkeiten und stark verlangsamte Bewegungen. Dass er sich so überbeweglich zeigt, liegt an den Tabletten, die er täglich mehrmals einnimmt, sagt er. Ohne Medikamente scheint bei den German Open 2023 kaum ein Teilnehmer zu spielen, immer wieder drückt einer aus einem silbernen Blister eine Tablette raus. Nebenwirkungen der Mittel spüren alle, allerdings selten so extrem wie Jens Burfeind. Im normalen Alltag muss er alle zwei Stunden das Ersatzmedikament L-Dopa einnehmen. Doch wenn er Tischtennis gespielt hat, braucht er weniger davon und kann ohne Auffälligkeiten auch mal eine halbe oder ganze Stunde damit warten. Jetzt, am Ende des ersten Wettkampftags, durchflute ihn auch eine Stunde später noch das eigene, selbst produzierte Glückshormon, erzählt er.
Wissenschaftliche Erkenntnisse
Tischtennis hat im Gegensatz zu manch anderen Sportarten ein relativ geringes Verletzungsrisiko. Doch wie verhält sich das bei Parkinsonerkrankten? Kann der Sport überhaupt ausgeübt werden, ohne ständig zu stürzen, wenn die Kontrolle über die Bewegung der Arme und Beine plötzlich entgleiten kann? Und wirkt sich der Sport auch messbar positiv auf die Krankheitssymptome aus? Es gibt nur wenige Studien, die sich mit diesen Fragen befassen, und sie alle haben meist nur eine geringe Teilnehmendenzahl.
An einer solchen Pilotstudie von Forschenden des Karolinska-Instituts in Stockholm nahmen neun Parkinsonerkrankte teil, die ihre Diagnose im Schnitt 8,6 Jahre zuvor erhalten hatten. Die fünf Männer und vier Frauen mit einem Durchschnittsalter von 66 Jahren und einer beidseitigen Parkinsonsymptomatik mit leichter Behinderung spielten über einen Zeitraum von zehn Wochen zweimal die Woche für jeweils zwei Stunden Tischtennis. Dabei kam es bei keinem der Teilnehmenden zu Schmerzen oder Verletzungen, nur einer musste aus logistischen Gründen das Training vorzeitig abbrechen. Um mögliche Effekte des Trainings zu ermitteln, führten die Spieler und Spielerinnen vorher und nachher verschiedene körperliche Tests durch. Darüber hinaus füllten sie Fragebogen zur Lebensqualität und möglichen depressiven Symptomen aus. Während sehr viele der Studienteilnehmer im Gespräch äußerten, dass das Tischtennisspielen ihr Wohlbefinden und ihre körperliche Aktivität deutlich steigert, und sich das in den Fragebogen bestätigte, waren die Ergebnisse bei den physischen Untersuchungen nicht so eindeutig. Zwar besserte sich bei den meisten die Körperbalance und sie konnten auch den Zehn-Meter-Gehtest nach dem Training schneller als zuvor absolvieren, doch war die Verbesserung in beiden Fällen statistisch nicht signifikant genug. Die Forschenden kommen dennoch zu einem positiven Fazit: Tischtennisspielen könne von Parkinsonerkrankten nicht nur sicher absolviert werden; vielmehr habe sich zudem gezeigt, dass sich das psychische Wohlbefinden und das körperliche Aktivitätslevel messbar verbesserten. Auch die Trends bei den Geh- und Balancetests seien positiv für die relativ kurze Beobachtungszeit und vergleichbar zu Studien mit anderen Interventionen.
Zwei Jahre nach der Studie der schwedischen Forschenden untersucht auch Kenichi Inoue mit seinem Team von der Fukuoka-Universität in Japan, wie sich gezieltes Pingpong-Training bei Parkinsonerkrankten auswirkt. In der ebenfalls kleinen Studie spielten neun Probanden über einen längeren Zeitraum von sechs Monaten Tischtennis. Einmal in der Woche trainierten die im Schnitt 72-Jährigen für jeweils sechs Stunden. Tischtennis sei »eine Form der Bewegung, die bei der Allgemeinbevölkerung nachweislich die Hand-Augen-Koordination verbessert, die Reflexe schärft und das Gehirn stimuliert«, so Studienautor Kenichi Inoue. Das traf in Teilen auch für die Studienteilnehmenden zu, die im Schnitt 7,5 Jahre zuvor ihre Diagnose bekommen hatten. So zeigten Tests nach drei und sechs Monaten, dass sich die Motorik der Spieler im Vergleich zu vorher signifikant verbesserte. Außerdem konnten die Betroffenen Alltagsbewegungen wie das Verlassen des Betts oder das Aufstehen von einem tiefen Stuhl selbstständiger ausführen. Sogar auf ihre Sprache hatte das Training einen positiven Effekt. Die Forschenden weisen auch hier darauf hin, dass es sich nur um eine Pilotstudie handelt und größere Untersuchungen nötig sind.
Auch die Parkinson’s Foundation aus den USA schreibt: »Sport und insbesondere Tischtennis wirken positiv auf Parkinsonpatienten, weil sie so viele Teile des Körpers und des Gehirns trainieren und gleichzeitig das Timing, den Rhythmus und das Gleichgewicht stärken.«
Timo Klein-Soetebier von der Deutschen Sporthochschule Köln hat 2022 eine Umfrage durchgeführt. »Aus unserer Befragung ging hervor, dass vielen Spielern das konzentrierte, feinmotorische Agieren am Tisch hilft«, sagt Klein-Soetebier, der am Institut für Trainingswissenschaft und Sportinformatik in der Abteilung für Kognitions- und Sportspielforschung arbeitet, gegenüber der dpa. »Man sieht, dass bei vielen Spielern während der Ballwechsel das Zittern weniger wird und die Motorik insgesamt flüssiger wirkt.«
Der Neurologe Martin Südmeyer, der zu Parkinson forscht und die Klinik für Neurologie in Potsdam leitet, ist ebenfalls davon überzeugt, dass sich Tischtennis für Parkinsonpatienten gerade wegen der vielfältigen Herausforderungen für Körper und Geist besonders gut eignet. »Es entstehen neue Schaltkreise im Gehirn, das Belohnungssystem wird getriggert und der Sport fördert zudem die soziale Interaktion«, so der Mediziner.