Der Aderlass ist eine traditionelle Therapieform, die seit Jahrhunderten zur Entlastung des Körpers eingesetzt wird. Obwohl in der Schulmedizin hauptsächlich bei Eisenüberladung im Blut angewendet, findet der Aderlass auch in der Naturheilkunde Anwendung, um Füllezustände wie Bluthochdruck, Migräne, Kopfschmerzen und Tinnitus zu behandeln. Dieser Artikel beleuchtet die Wirkungsweise des Aderlasses, seine Anwendung bei Migräne und gibt einen Überblick über weitere Einsatzgebiete sowie mögliche Risiken.
Was ist ein Aderlass?
Bei einem Aderlass wird dem Körper Blut aus einer Vene entnommen. Die entnommene Blutmenge richtet sich nach dem Zustand des Patienten und der Indikation. Der Blutverlust regt die Blutbildung an, wodurch der Körper vermehrt neue Erythrozyten (rote Blutkörperchen) im Knochenmark bildet. Dies führt zu einer Verjüngung des Blutes und besseren Fließeigenschaften.
Durchführung eines Aderlasses
Vor der Durchführung eines Aderlasses findet ein Gespräch und eine Untersuchung statt, um die zu entnehmende Blutmenge festzulegen. Der Aderlass wird in entspannter Position im Liegen oder Sitzen durchgeführt. Je nach Indikation können wenige Tropfen (Mikroaderlass) bis zu 200 oder 300 ml Blut über ein steriles Einmalsystem abgelassen werden. Ein Aderlass kann mehrmals pro Jahr durchgeführt werden, wobei die präventive Anwendung in der Regel nicht von den Krankenkassen übernommen wird. Wichtig ist, dass die Patienten bis zur Blutentziehung nüchtern bleiben.
Aderlass bei Migräne und Kopfschmerzen
In der Naturheilkunde wird der Aderlass bei Migräne und Kopfschmerzen eingesetzt, um eine entstauende und reinigende Wirkung zu erzielen. Durch die Blutentnahme soll die Blutzirkulation verbessert und der Körper von belastenden Substanzen entlastet werden. Es wird angenommen, dass der Aderlass beruhigend, schmerzlindernd und krampflösend wirkt, was bei Migräne-Patienten von Vorteil sein kann.
Weitere Anwendungsgebiete des Aderlasses
Neben Migräne und Kopfschmerzen wird der Aderlass auch bei anderen Erkrankungen und Beschwerden eingesetzt:
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- Eisenüberladung (Hämochromatose): Der Aderlass ist eine wichtige regulierende Maßnahme, um den Eisenwert im Serum zu senken und die Organe zu entlasten.
- Polyglobulie: Bei einer erhöhten Anzahl roter Blutkörperchen kann der Aderlass helfen, die Blutviskosität zu verringern und das Risiko von Thrombosen zu senken.
- Stoffwechselerkrankungen: Adipositas, Gicht und Fettstoffwechselstörungen können durch den Aderlass positiv beeinflusst werden, da er den Stoffwechsel anregt und die Entgiftung fördert.
- Bluthochdruck: Eine Studie der Charité in Berlin zeigte, dass ein Aderlass den systolischen Wert bei Bluthochdruckpatienten durchschnittlich senken kann.
- Allgemeine Stoffwechselregulation und Entgiftung: Der Aderlass soll den Körper von überschüssigen Stoffen wie Harnsäure oder Entzündungsmediatoren entlasten.
Wirkung des Aderlasses auf den Körper
Der Aderlass beeinflusst das gesamte Stoffwechselsystem positiv:
- Förderung der Mikrozirkulation und Durchblutung
- Unterstützung der Leber- und Nierenfunktion
- Aktivierung der körpereigenen Entgiftung
- Stärkung der Selbstregulation und Regeneration
Je nach Befund kann der Aderlass durch begleitende Infusionen mit Antioxidantien, Mineralstoffen oder Mikronährstoffen ergänzt werden, um die Regeneration gezielt zu unterstützen.
Mögliche Nebenwirkungen und Kontraindikationen
Wie bei jedem medizinischen Eingriff birgt auch der Aderlass mögliche Nebenwirkungen und Risiken:
- Kreislaufkollaps: Durch den Blutverlust kann es zu einem Kreislaufkollaps kommen.
- Blutung, Entzündung oder Verletzung: Bei der Blutentnahme können Blutungen, Entzündungen oder Verletzungen auftreten.
- Niedriger Blutdruck, Blässe und Neigung zum Frösteln/Frieren: Bei Patienten mit diesen Symptomen sollte im Allgemeinen von einem Aderlass abgesehen werden.
- Krankhafte Hautveränderungen bzw. -verletzungen oder Blutgerinnungsstörungen: Bei diesen Vorerkrankungen sollten ausleitende Verfahren nicht angewendet werden.
Der Aderlass im Wandel der Zeit
Die Geschichte des Aderlasses reicht bis Hippokrates zurück und wurde im Mittelalter als Universaltherapie eingesetzt. Im Laufe der Zeit geriet er jedoch in Vergessenheit, bevor er Anfang des 20. Jahrhunderts durch Bernhard Aschner neu entdeckt wurde. Heute wird der Aderlass in der Naturheilkunde und bei bestimmten schulmedizinischen Indikationen angewendet, wobei die entnommenen Blutmengen geringer sind als früher.
Weitere Ausleitungsverfahren
Neben dem Aderlass gibt es weitere Ausleitungsverfahren, die in der Naturheilkunde eingesetzt werden:
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- Schröpfen: Durch Unterdruck wird Blut über eine vorher geritzte Stelle abgeleitet (blutiges Schröpfen) oder es wird lediglich auf das geschröpfte Hautgebiet eingewirkt (unblutiges Schröpfen).
- Blutegeltherapie: Blutegel saugen sich mit Blut voll und geben dabei Stoffe ab, die die Blutgerinnung herabsetzen und entzündungshemmend wirken.
- Cantharidenpflaster: Durch Hautreizung mit einem Pflaster, das den Extrakt einer Laufkäferart enthält, wird eine Verbrennung 2. Grades erzeugt, deren Brandblase aufgestochen wird.
Diese Verfahren sind keineswegs sanft und sollten daher nur von Ärzten mit entsprechender Sachkenntnis durchgeführt werden.
Aderlass nach Hildegard von Bingen
Ein spezieller Ansatz ist der Aderlass nach Hildegard von Bingen, der nur in den ersten sechs Tagen nach Vollmond und nur nüchtern empfohlen wird. Dabei wird relativ wenig Blut entnommen, höchstens etwa 180 Milliliter, und die Behandlung wird sofort beendet, wenn der „Farbumschlag“ eintritt.
Wissenschaftliche Erkenntnisse zum Aderlass
Obwohl es kaum Studien zur Wirksamkeit des Aderlasses gibt, zeigen einige Forschungsergebnisse positive Effekte bei bestimmten Erkrankungen:
- Polyzythämie vera: Die Phlebotomie (Aderlass) ist die primäre Therapie, um die Hämatokrit-Werte zu kontrollieren und thrombotischen Komplikationen vorzubeugen. Eine Studie von Marchioli et al. (2011) zeigt, dass eine Hämatokrit-Reduktion unter 45 % das Risiko von kardiovaskulären Ereignissen deutlich senkt.
- Bluthochdruck: Eine Studie der Charité in Berlin zeigte, dass ein Aderlass den systolischen Wert bei Bluthochdruckpatienten durchschnittlich senken kann.
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