Einführung
Migräne ist eine weit verbreitete neurologische Erkrankung, von der in Deutschland etwa zehn Millionen Menschen betroffen sind. Die Behandlung von Migräne ist oft komplex und kann mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden sein. Akupunktur, eine traditionelle chinesische Behandlungsmethode, hat sich als vielversprechende Alternative oder Ergänzung zur konventionellen Therapie erwiesen. Dieser Artikel beleuchtet die Studienlage zur Akupunktur bei Migräne, insbesondere im Kontext der "German Acupuncture Trials" (GERAC), und diskutiert ihre Anwendung.
Grundlagen der Akupunktur
Die Akupunktur ist eine Behandlungsmethode der traditionellen chinesischen Medizin (TCM), die ihren Ursprung in der Shang-Dynastie vor etwa 3000 Jahren hat. Sie basiert auf der Vorstellung, dass das Qi - die Lebensenergie - entlang von Leitbahnen (Meridianen) durch den Körper fließt und alle Funktionen des Körpers beeinflusst. Durch das gezielte Setzen feiner Nadeln an spezifischen Punkten wird der Energiefluss harmonisiert, Blockaden werden gelöst und das natürliche Gleichgewicht des Körpers gefördert. Moderne wissenschaftliche Studien belegen die Wirksamkeit der Akupunktur, insbesondere bei der Behandlung von Schmerzen.
Akupunkturbehandlungen erfolgen in einer entspannten Haltung - entweder im Liegen oder Sitzen. Mithilfe hauchdünner Einwegnadeln werden gezielt die entsprechenden Akupunkturpunkte stimuliert.
Akupunktur bei Kopfschmerzen: Eine wirksame Alternative
Akupunktur ist keine Scheinbehandlung, sondern wirkt gegen Spannungskopfschmerzen ebenso gut wie Tabletten - nur ohne Nebenwirkungen. Das belegen große Vergleichs-Studien der renommierten Cochrane Collaboration. An den Nebenwirkungen gängiger Kopfschmerzmittel wie Magen-Darm-Blutungen sterben jährlich bis zu 4000 Menschen! Fast 40 Prozent der chronischen Kopfschmerzen sollen sogar durch die Einnahme von Schmerz- und Migränemitteln entstehen.
Cochrane Collaboration: Evidenz für Akupunktur bei Migräne
Die Cochrane Collaboration, ein weltweites Netz von Wissenschaftlern und Ärzten, wertete insgesamt 22 Studien bei 4400 Patienten zu Akupunktur bei Migräne aus. Ergebnis: Bei jedem zweiten mit Akupunktur behandelten Patienten halbierte sich die Häufigkeit der Anfälle. Auch die Zahl der Kopfschmerztage sowie die Schmerzintensität war nach mindestens acht Wochen Akupunktur deutlich niedriger. Weiteres Ergebnis: Elf Akupunktursitzungen wirken genauso gut wie Betablocker oder Antiepileptika, die der Patient über sechs Monate täglich einnehmen muss. In einer weiteren Analyse wurden elf Studien bei 2300 Patienten mit Spannungskopfschmerzen untersucht.
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Dabei zeigte sich, dass die Kombination Akupunktur plus Medikamente einer rein medikamentösen Therapie deutlich überlegen ist: Zu einer Reduktion der Kopfschmerztage um mindestens die Hälfte kam es bei 47 Prozent der Patienten mit Akupunktur, aber nur bei 16 Prozent mit alleiniger Schmerzmitteltherapie. „Damit ist die Akupunktur eine echte Alternative zur medikamentösen Prophylaxe und das bei deutlich geringeren Nebenwirkungen“.
Die GERAC-Studien: Akupunktur im Vergleich zur Standardtherapie
Die „German Acupuncture Trials“ (GERAC) überprüften die Wirksamkeit von Nadel-Körperakupunktur bei Patienten mit Migräne oder chronischen Spannungskopfschmerzen. Eine Vorgabe des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) war der direkte Vergleich mit leitlinienorientierter konventioneller Standardtherapie.
Methodik der GERAC-Studien
Verumakupunktur nach den Vorgaben der Traditionellen Chinesischen Medizin wurde mit Shamakupunktur (falsche Punkte, sehr geringe Stichtiefe, keine Nadelstimulation) und mit einer medikamentösen Anfallsprophylaxe (gemäß Leitlinien) verglichen. Hauptzielgröße war die Reduktion der Kopfschmerztage sechs Monate nach Randomisierung.
Ergebnisse der GERAC-Studien bei Migräne
Bei Migräne bewirkten zehn bis 15 Akupunktursitzungen (zwei Sitzungen pro Woche) eine mittlere Reduktion der Migränetage von 28 Prozent (Sham) beziehungsweise 38 Prozent (Verum) und die medikamentöse Anfallsprophylaxe (überwiegend b-Blocker) eine mittlere Reduktion von 33 Prozent. Alle drei Therapien waren ähnlich effektiv hinsichtlich der Verminderung der Anfallshäufigkeit (p = 0,095).
Ergebnisse der GERAC-Studien bei Spannungskopfschmerz
Wegen fehlender Patientenakzeptanz musste beim Spannungskopfschmerz die Anfallsprophylaxe mit dem trizyklischen Antidepressivum Amitriptylin verlassen werden.
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Diskussion der GERAC-Ergebnisse
Da schwerwiegende unerwünschte Ereignisse selten und nur wenige Kontraindikationen bekannt sind, kann Nadel-Körperakupunktur als Ergänzung zur klassischen, leitlinienorientierten Schmerztherapie gesehen werden.
Weitere Studien und Forschung
Unter Federführung der Abteilung Biometrie der RUB laufen die weltweit größten Akupunkturstudien gerac seit März 2001. Die Anbindung der Studie an Biometrische Institute der Universitäten Heidelberg, Marburg, Mainz und Bochum sichert höchste Studienqualität. Allein in die Kohortenstudie gingen 400.000 Einzelbehandlungsdaten ein. gerac sind nicht nur bundes- und europaweit, sondern weltweit die größten Forschungsvorhaben auf diesem Gebiet. Untersuchungen im amerikanischen Raum umfassen im Vergleich dazu im Höchstfall Datenmengen von unter 10.000 behandelten Patienten. Im Schnitt sind es eher 2.000.
Kohortenstudie
Ziel der Kohortenstudie ist, mit einem hohen Stichprobenumfang an Patienten quantitative Aussagen zu den unerwünschten Wirkungen einzelner Therapieformen zu machen. Die ersten Ergebnisse der Kohortenstudie (Teilstudie I) liegen vor. Bis Mitte Oktober 2001 behandelten 7.309 akkreditierte Prüfärztinnen und -ärzte insgesamt 40.123 Patienten. Bei 89,8 Prozent der Patienten stellten die Forscher eine Linderung der jeweiligen Beschwerden fest. In 50,7 Prozent der Hälfte der Fälle traten die Linderungen bereits nach weniger als zwei Wochen (in der Regel 4 Behandlungen) auf. Schwere unerwünschte Wirkungen traten nur sehr selten auf: Die Werte für lokale Infektionen oder Kollapsneigung betrugen weit unter einem Prozent.
Randomisierte Studien
Nun beginnen auch die randomisierten Studien (Teilstudie II). Sie sollen nach etwa drei Jahren schwarz auf weiß zeigen, ob Akupunktur bei bestimmten Formen des chronischen Schmerzes einsetzbar - und vor allem wie wirkungsvoll sie im Vergleich zu konventionellen westlichen Methoden ist. Das Ziel ist, die Akupunktur auf ihre anhaltende schmerzlindernde Wirkung zu überprüfen. Die Wissenschaftler wollen für Schmerzpatienten die bestmögliche Therapieform finden. gerac vergleicht dazu die von führenden Experten empfohlene und bewährte Standardtherapie zur jeweiligen Schmerzindikation mit zwei unterschiedlichen Akupunkturbehandlungen - und zwar einer den Regeln der traditionellen, chinesischen Medizin entsprechenden Akupunkturform ("Verum"-Akupunktur) und einer unspezifischen, für diese Studien speziell entwickelte Akupunkturform ("Sham"-Akupunktur = Akupunktur an "falschen" Punkten).
Beteiligung und Qualitätssicherung
40.000 Ärzte behandeln bundesweit mit Akupunktur. Nur etwa 15.000 haben eine zertifizierte Grundausbildung, 1.500 eine Vollausbildung. An der Studie können nur Ärzte mit mindestens einer Grundausbildung teilnehmen.
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Kostenübernahme und Verfügbarkeit
Die Behandlung von bestimmten Beschwerden wie Kreuz- und Knieschmerzen werden von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Für andere Anwendungsgebiete erfolgt die Abrechnung nach der Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ). Bei Interesse kann man einen Termin im Schmerzzentrum vereinbaren.
Weitere Studien und Publikationen
Zusätzlich zu den GERAC-Studien gibt es zahlreiche weitere wissenschaftliche Publikationen, die die Wirksamkeit der Akupunktur bei verschiedenen Erkrankungen untersuchen, darunter:
- Segmental Acupuncture for Prevention of Recurrent Urinary Tract Infections
- Wang et al. Eur J Pain
- Fleckenstein et al. Clin J Sport Med
- Rebhorn et al. Pain
- Fleckenstein et al. BMC Complement Altern Med
- Hübscher et al. Eur J Appl Physiol
- Kramer et al. Acupunct Meridian Stud. 2008; 1(2):91-96
- Kramer et al. J Altern Complement Ther
- Usichenko et al. CMAJ
- Hauswald et al.. Dt Ztschr f Akup
- Scheewe et al. Dt. Ztschr. f. Akup. 2008;51(2):8-12
- Schmidt, C. Dissertation
- Bäcker et al.
- Friedrichs et al. Dt .Ztschr. f. Akup
- Unschuld P.U.
- Bäcker et al.
- Vogel et al. Dt .Ztschr. f. Akup
- Bäcker et al.
- Verthein et al. Dt. Ztschr. f. Akup
- Bader et al. Dt .Ztschr. f. Akup
- Bollig et al. Dt. Ztschr. f. Akup
- Backmund et al. Dt. Ztschr. f. Akup
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