Die alkoholinduzierte Polyneuropathie, auch als alkoholbedingte Neuropathie bekannt, ist eine Erkrankung des Nervensystems, die zu den peripheren Neuropathien gehört und sich nach chronischem Alkoholmissbrauch entwickelt. Dabei treten sensorische Defizite in Form von allgemeinen Schwächezuständen und diffusen Schmerzen auf. Bei alkoholabhängigen Personen tritt sie in der Regel gemeinsam mit anderen Folgeerkrankungen auf.
Was ist eine Polyneuropathie?
Unter dem Begriff „Polyneuropathien“ wird eine Gruppe von Erkrankungen zusammengefasst, bei denen es zu Schädigungen des peripheren Nervensystems kommt. Infolge dieser Schädigungen ist die Funktion der betroffenen Nerven gestört. Weil mehrere Nerven beziehungsweise ganze Nervenstrukturen betroffen sind, spricht man von Polyneuropathie (griechisch poly = viel, mehrere).
Das periphere Nervensystem (PNS) umfasst aus anatomischer Sicht jenen Teil der Nerven, der nicht zum zentralen Nervensystem (ZNS) gehört - also nicht innerhalb des Schädels oder des Wirbelkanals liegt. Die Nerven des PNS sind allerdings funktionell mit dem zentralen Nervensystem verbunden. Sie leiten Impulse aus dem Gehirn und Rückenmark an die zu versorgenden Organe und Gewebe weiter und sorgen damit für eine physiologische Reaktion an den Zielorganen. Das periphere Nervensystem besteht aus zwei unterschiedlichen Anteilen: Das somatische (willkürliche) Nervensystem ist für die Ausführung willkürlicher Bewegungen und für Reflexe zuständig. Bei den meisten Polyneuropathien sind Nerven des willkürlichen Nervensystems betroffen.
Ursachen der alkoholinduzierten Polyneuropathie
Die moderne Medizin kennt mehr als 200 verschiedene Risikofaktoren, die das Entstehen von Polyneuropathien begünstigen können. Als Hauptursachen gelten Diabetes mellitus Typ 2 sowie chronischer Alkoholismus. Zu den selteneren Ursachen zählen beispielsweise Autoimmunerkrankungen, Entzündungen oder genetische Ursachen. Wenn die Nervenschäden infolge der Einnahme exogener Substanzen entstehen, spricht man von einer toxischen Polyneuropathie. Als mit Abstand häufigste toxische Ursache der Erkrankung gilt der übermäßige Konsum von Alkohol. Neben Diabetes gilt Alkoholabhängigkeit als Hauptauslöser von Neuropathien. Schätzungen zufolge betrifft die Alkoholische Polyneuropathie in Deutschland mindestens ein Fünftel aller Alkoholiker. Männer leiden deutlich häufiger an der Erkrankung als Frauen. Die meisten Betroffenen konsumieren über mehrere Jahre hinweg mehr als 60 g Ethanol täglich, bevor sie an einer Polyneuropathie durch Alkohol erkranken. Ursache für eine Alkoholische Polyneuropathie ist in erster Linie die toxische Wirkung des Alkohols und seiner Abbauprodukte. Bei Alkohol handelt es sich um eine neurotoxische Substanz, die eine exotoxische Schädigung im Nervensystem hervorrufen kann. Dies bedeutet, dass die Schäden im Organismus durch Zufuhr einer äußeren Substanz entstehen. Daneben kann eine Unter- oder Mangelernährung, die in vielen Fällen mit einer chronischen Alkoholsucht einhergeht, das Entstehen der Erkrankung begünstigen oder sogar hervorrufen. Neben Alkohol gibt es zahlreiche weitere exogene Substanzen, die Schäden des peripheren Nervensystems nach sich ziehen können. Dazu zählen Medikamente sowie zahlreiche Umweltgifte wie beispielsweise Quecksilber, Blei, Arsen, Lösungsmittel und Schwefelkohlenstoff. Aus diesem Grund sind bestimmte Berufsgruppen besonders gefährdet, an einer toxischen Polyneuropathie zu erkranken.
Risikofaktoren
- Chronischer Alkoholmissbrauch
- Mangelernährung (insbesondere Vitamin-B-Mangel)
- Weitere toxische Substanzen (Medikamente, Umweltgifte)
Symptome der alkoholinduzierten Polyneuropathie
Wann die Polyneuropathie durch Alkohol Symptome auftreten, welche Nerven von der Erkrankung betroffen sind, welche Beschwerden auftreten und wie stark diese ausgeprägt sind, variiert von Patient zu Patient. Der Krankheitsverlauf lässt sich in den meisten Fällen nicht voraussagen. In den meisten Fällen entstehen die Polyneuropathie durch Alkohol Symptome schleichend und steigern sich langsam über einen Zeitraum von mehreren Monaten oder Jahren. In seltenen Fällen zeigen sich die Beschwerden dagegen schlagartig oder entstehen innerhalb einiger weniger Wochen. Als typisches Frühsymptom der Erkrankung gilt Druckschmerzhaftigkeit der großen Nervenstämme, beispielsweise in der Kniekehle oder in der Wade. Daneben kann sich eine Alkoholbedingte Polyneuropathie durch zahlreiche weitere Symptome äußern. In den meisten Fällen treten durch die Nervenschäden durch Alkohol zunächst Störungen in den Füßen, Händen und Beinen auf. Die Beschwerden können Bewegungsabläufe, die körperliche Kraft und die Sensibilität des Körpers beeinträchtigen. Zahlreiche Betroffene klagen über ziehende oder drückende Spontanschmerzen in verschiedenen Körperteilen. Ein weiteres häufiges Symptom der Erkrankung sind Parästhesien, also krankhafte Empfindungen, die keine erkennbare Ursache haben. Daneben treten in vielen Fällen Sensibilitätsstörungen, also eine verminderte oder ausbleibende Wahrnehmung von Sinnesreizen auf. Im weiteren Verlauf der Erkrankung kann es zu Reflexverlust, Schwächung oder Abbau der Muskelzellen und dem Teilausfall einzelner Muskeln, Muskelgruppen oder sogar ganzer Extremitäten kommen. Wenn das vegetative Nervensystem von der Polyneuropathie durch Alkohol betroffen ist, können Impotenz, Verdauungsbeschwerden und Herzrhythmusstörungen die Folge sein. In einigen Fällen kommt es zudem zu Schädigungen der Hirnnerven.
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Typische Symptome
- Sensorische Störungen: Missempfindungen (Kribbeln, Brennen, Taubheitsgefühle), Schmerzen (ziehend, stechend, brennend), erhöhte Schmerzempfindlichkeit, vermindertesTemperaturempfinden.
- Motorische Störungen: Muskelschwäche, Muskelkrämpfe, Muskelschwund, Lähmungen.
- Autonome Störungen: Herzrhythmusstörungen, Verdauungsbeschwerden, Impotenz, Störungen der Pupillenfunktion, Lähmung der Augenmuskeln,Blasenentleerungsstörungen, Inkontinenz, übermäßiges oder ausbleibendes Schwitzen.
Verlauf
Die Symptome beginnen meist an den Füßen und Beinen und breiten sich dann aufwärts aus. In schweren Fällen können auch die Augen und die umliegenden Bereiche betroffen sein. Im späteren Verlauf können Schwächezustände zu Gehstörungen und Stürzen führen.
Diagnose der alkoholinduzierten Polyneuropathie
Um schwerwiegende, dauerhafte Nervenschäden zu vermeiden, sollte eine Alkoholische Polyneuropathie schnellstmöglich erkannt und behandelt werden. Die Diagnose von Polyneuropathien erfolgt meist in mehreren Schritten. Meist erfolgt zunächst ein Arzt-Patient-Gespräch, in dem die Krankengeschichte des Betroffenen erhoben wird (Anamnese). Neben einer Schilderung der bestehenden Beschwerden erfolgt eine Nennung eventueller Grund- und Vorerkrankungen. Hierbei sind Angaben zum Alkohol- und Drogenkonsum besonders wichtig. Um eine Alkoholische Polyneuropathie zuverlässig zu diagnostizieren, ist eine ehrliche Antwort notwendig. Bestimmte Fehlbildungen des Skeletts sowie Fehlstellungen des Fußes können auf eine vorliegende Erkrankung mit erblichem Hintergrund hindeuten. Bei Vorliegen einer Polyneuropathie durch Alkohol wird dagegen meist eine herabgesetzte Nervenleitgeschwindigkeit, eine gestörte Nervenfunktion oder eine Beeinträchtigung der Empfindlichkeit der Nerven festgestellt. Daneben können erhöhte Entzündungswerte wie weiße Blutkörperchen oder CRP im Blut, ein Vitamin-B12-Mangel oder auffällige Leber- und Nierenwerte auf eine Alkoholische Polyneuropathie hinweisen.
Diagnostische Verfahren
- Anamnese: Erhebung der Krankengeschichte, einschließlich Alkohol- und Drogenkonsum, Vorerkrankungen und familiärer Vorbelastung.
- Klinisch-neurologische Untersuchung: Prüfung von Muskelkraft, Reflexen, Sensibilität und Koordination.
- Elektrophysiologische Untersuchung: Messung der Nervenleitgeschwindigkeit (Elektroneurographie, ENG) und der Muskelaktivität (Elektromyographie, EMG).
- Laboruntersuchungen: Bluttests zur Bestimmung von Entzündungswerten, Vitamin-B12-Spiegel, Leber- und Nierenwerten, Blutzucker und anderen relevanten Parametern.
- Nervenbiopsie: In seltenen Fällen Entnahme und Untersuchung einer Nervenprobe.
- Quantitative Sensorische Testung: Messung des Temperaturempfindens, um Small-Fiber-Neuropathien zu diagnostizieren.
Therapie der alkoholinduzierten Polyneuropathie
Obwohl Polyneuropathien die Lebenserwartung in der Regel nicht negativ beeinflussen, können die ihr zugrundeliegenden Ursachen wie Alkoholmissbrauch zu einer verkürzten Lebensdauer beitragen. Eine Alkoholische Polyneuropathie wird in den meisten Fällen erst in einem fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert. In einigen Fällen bestehen zum Zeitpunkt der Diagnose bereits irreversible Nervenschäden durch Alkohol, die nicht mehr vollständig geheilt werden können. Eine geeignete Therapie kann in vielen Fällen dennoch zu einer Linderung der bereits bestehenden Symptome beitragen. Zudem kann durch eine richtige Behandlung die Entstehung weiterer Schäden verhindert werden. Die Therapie von Polyneuropathien richtet sich dabei in erster Linie nach der Ursache der Erkrankung. Wenn eine Begleiterkrankung wie Diabetes vorliegt, ist es beispielsweise entscheidend, die Blutzuckereinstellung zu optimieren. Zur Behandlung der Beschwerden können zudem verschiedene physikalische Therapien wie Wärme- und Kältebehandlungen, Physiotherapie, Krankengymnastik oder Reizstromtherapie angewandt werden. Da eine Alkoholische Polyneuropathie in vielen Fällen mit einem Nährstoffmangel einhergeht, sollten zu niedrige Nährstoffspiegel durch die Einnahme geeigneter Nahrungsergänzungsmittel, insbesondere von B-Vitaminen, schnellstmöglich ausgeglichen werden. Daneben ist eine dauerhafte Ernährungsumstellung notwendig. Um eine Alkoholische Polyneuropathie erfolgreich zu behandeln, sollten die Nervenschäden durch Alkohol möglichst früh erkannt und behandelt werden. Um die Erkrankung positiv in ihrem Verlauf zu beeinflussen, muss in erster Linie der Auslöser beseitigt werden. Betroffene sollten den Konsum von Alkohol demnach nach Möglichkeit vollständig meiden. Wenn die Erkrankung noch nicht allzu weit fortgeschritten ist, bilden sich die Symptome der Erkrankung bei Alkoholabstinenz in vielen Fällen zurück. Da es Suchtkranken sehr schwer fällt, aus eigenem Willen auf alkoholische Getränke zu verzichten, ist in vielen Fällen professionelle Unterstützung erforderlich. Im Rahmen eines stationären Entzugs erhalten Betroffene die Gelegenheit, ihren Körper vollständig vom Alkohol zu befreien und zu entwöhnen. Sobald die Alkoholzufuhr beendet wurde, kann sich das geschädigte Nervensystem nach und nach regenerieren. Da bei einem Alkoholentzug starke, teils sogar lebensbedrohliche Entzugserscheinungen auftreten können, sollte dieser ausschließlich unter medizinischer Aufsicht durchgeführt werden.
Therapieansätze
- Alkoholabstinenz: Der wichtigste Schritt ist der vollständige Verzicht auf Alkohol, um weitere Nervenschäden zu verhindern. Ein stationärer Entzug unter medizinischer Aufsicht kann erforderlich sein.
- Ernährungsumstellung und Nahrungsergänzung: Ausgleich von Nährstoffmängeln, insbesondere durch Einnahme von B-Vitaminen.
- Schmerztherapie: Einsatz von Medikamenten zur Schmerzlinderung (z.B. Antidepressiva, Antikonvulsiva). Opioide Schmerzmittel sollten aufgrund des Suchtpotenzials vermieden werden.
- Physikalische Therapie: Krankengymnastik, Physiotherapie, Ergotherapie, Wärme- und Kälteanwendungen, Elektrostimulation (TENS), Wechselbäder.
- Behandlung von Begleiterkrankungen: Optimierung der Blutzuckereinstellung bei Diabetes, Behandlung von Leber- und Nierenerkrankungen.
- Psychotherapie: Unterstützung bei der Alkoholentwöhnung und Bewältigung der Erkrankung.
Medikamentöse Therapie
Gegen die Schmerzsymptomatik werden Pregabalin oder Gabapentin sowie alternativ Duloxetin oder Amitriptylin eingesetzt. Diese Medikamente modifizieren die Schmerzwahrnehmung auf unterschiedlichen Wegen und haben sich als effektiver gegenüber klassischen Schmerztabletten erwiesen. Hierzu bedarf es der Unterstützung eines erfahrenen Neurologen oder Schmerztherapeuten.
Zur Schmerzbekämpfung haben sich Antidepressiva und Medikamente gegen Krampfanfälle (Epilepsie), sogenannte Antikonvulsiva, bewährt. Capsaicin ist für die Schärfe der Chilischoten verantwortlich und hat sich in Form von Capsaicin-Pflastern auf der Haut in Studien als erfolgversprechendes Mittel gegen Polyneuropathie erwiesen. Es betäubt nicht nur den schmerzenden Bereich und steigert die Durchblutung, sondern scheint sogar die Neubildung kleiner Nervenfasern anzuregen.
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Prognose und Vorbeugung
Insofern die Erkrankung in einer leichten Form vorliegt, ist eine Alkoholische Polyneuropathie bis zu einem gewissen Grad heilbar. Sobald die Erkrankung in einer fortgeschrittenen Form vorliegt, können bereits bestehende Nervenschäden jedoch nicht mehr rückgängig gemacht werden. Um eine Alkoholische Polyneuropathie zu behandeln, ist in erster Linie der Verzicht auf Alkohol notwendig. Da die Erkrankung meist mit Nährstoffmängeln einhergeht, kann die Einnahme geeigneter Präparate die Heilung unterstützen. In besonders schwerwiegenden Fällen kann eine Alkoholische Polyneuropathie zu Schädigungen des vegetativen Nervensystems und der inneren Organe führen. Schätzungen zufolge leiden zwischen 22 und 66 % aller Alkoholkranken in Deutschland an einer Polyneuropathie durch Alkohol. Je länger die Suchterkrankung vorliegt und je größere Mengen an Alkohol konsumiert werden, desto höher ist auch das Risiko, zu erkranken. Da es sich bei Polyneuropathie durch Alkohol um eine fortschreitende Krankheit handelt, können sich die Symptome bei Nichtbehandlung verschlimmern.
Vorbeugende Maßnahmen
- Vermeidung von Alkoholmissbrauch: Moderater Alkoholkonsum oder vollständige Abstinenz.
- Ausgewogene Ernährung: Sicherstellung einer ausreichenden Zufuhr von Vitaminen und Nährstoffen.
- Regelmäßige Bewegung: Förderung der Durchblutung und Nervenfunktion.
- Früherkennung und Behandlung von Grunderkrankungen: Optimale Blutzuckereinstellung bei Diabetes, Behandlung von Leber- und Nierenerkrankungen.
Prognose
Die Frage, ob eine Heilung der Polyneuropathie möglich ist, lässt sich leider nicht eindeutig beantworten. Sie hängt unter anderem vom Zeitpunkt der Diagnose, der zugrundeliegenden Erkrankung und dem Ausmaß der bereits bestehenden Nervenschädigung ab. Wenn bisherige Behandlungen nicht zur gewünschten Beschwerdefreiheit geführt haben, ist ein Reha-Aufenthalt eine sinnvolle therapeutische Ergänzung. Physiotherapeutische und physikalische Maßnahmen sind als langfristige Behandlungen am effektivsten.
Eine Alkoholische Polyneuropathie wird in den meisten Fällen erst in einem fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert. In einigen Fällen bestehen zum Zeitpunkt der Diagnose bereits irreversible Nervenschäden durch Alkohol, die nicht mehr vollständig geheilt werden können. Eine geeignete Therapie kann in vielen Fällen dennoch zu einer Linderung der bereits bestehenden Symptome beitragen. Zudem kann durch eine richtige Behandlung die Entstehung weiterer Schäden verhindert werden.
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