Alkohol: Langzeitfolgen für Nerven und Gehirn

Alkohol ist eine der am weitesten verbreiteten psychoaktiven Substanzen weltweit. Obwohl viele Menschen Alkohol als harmlos betrachten, ist er tatsächlich ein starkes Nervengift, das bei übermäßigem Konsum schwerwiegende Folgen haben kann. In Deutschland konsumieren laut Bundesgesundheitsministerium 7,9 Millionen Menschen im Alter zwischen 18 und 64 Jahren Alkohol in gesundheitlich riskanter Menge. Dieser Artikel beleuchtet die langfristigen Auswirkungen von Alkoholkonsum auf das Nervensystem und das Gehirn, um das Bewusstsein für die Gefahren zu schärfen.

Die Risiken des Alkoholkonsums

Ein riskanter Konsum liegt vor, wenn Frauen durchschnittlich mehr als 12 Gramm und Männer mehr als 24 Gramm Alkohol pro Tag zu sich nehmen. Regelmäßiger und übermäßiger Alkoholkonsum kann zu einer Vielzahl von körperlichen und psychischen Erkrankungen führen. Dazu gehören Leberschäden, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, ein geschwächtes Immunsystem, Stimmungsschwankungen, Angstzustände und Depressionen. Alkohol beeinträchtigt auch die Wahrnehmungsfähigkeit und Reaktionszeit, was besonders im Straßenverkehr gefährlich sein kann.

Alkohol als Nervengift

Alkohol ist ein Zell- und Nervenschädigendes Gift, das im Körper großen Schaden anrichten kann. Als Nervengift bezeichnet man eine Substanz, die das zentrale Nervensystem beeinflusst oder schädigt. Alkohol wirkt als Beruhigungsmittel auf das Nervensystem und verlangsamt die Aktivität der Neuronen. Er beeinträchtigt die Kommunikation zwischen den Nervenzellen, indem er die Rezeptoren für den Neurotransmitter GABA aktiviert und gleichzeitig die Rezeptoren für Glutamat blockiert. Dies kann zu Koordinationsproblemen, Gedächtnisverlust und vermindertem Urteilsvermögen führen.

Markus Salinger, Suchtmediziner, erklärt, dass Alkohol die Balance der Neurotransmitter stört und die Informationsübertragung im Gehirn beeinträchtigt. Er betont, dass Alkohol, Kokain, Heroin und Cannabis alle unter den Begriff Droge fallen und Gehirnmasse verändern können, wodurch das Gehirnvolumen kleiner wird.

Langfristig kann der regelmäßige Konsum von Alkohol zu schweren Schäden im Nervensystem führen, wie z. B. Gedächtnisverlust oder Demenz. Alkohol beeinträchtigt die Fähigkeit, Informationen zu verarbeiten und zu speichern, und kann sogar zu Schäden an den Nervenzellen führen.

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Neurologische Langzeitfolgen

Die neurologischen Langzeitfolgen des Alkoholkonsums sind enorm und treten oft zusammen mit anderen alkoholinduzierten Krankheiten auf. Zu den möglichen Folgen eines erhöhten Alkoholkonsums zählen:

  • Korsakow-Syndrom: Diese Erkrankung geht mit einer Abnahme der kognitiven Fähigkeiten, Sprechstörungen und unkontrollierten Bewegungen einher. Im Endstadium entwickeln die Betroffenen eine Demenz.
  • Marchiafava-Bignami-Syndrom: Auch diese seltene neurologische Erkrankung ist mit einer Abnahme der kognitiven Fähigkeiten, Sprechstörungen und unkontrollierten Bewegungen verbunden.
  • Alkoholische Polyneuropathie: Schätzungsweise zwischen 22 und 66 Prozent der Menschen mit einem Alkoholproblem erkranken früher oder später an einer Polyneuropathie. Damit ist etwa jeder fünfte Polyneuropathie-Fall alkoholbedingt. Die Erkrankung äußert sich durch Taubheitsgefühle, Kribbeln, Schmerzen oder Lähmungen in den Extremitäten.
  • Alkoholbedingte Demenz: Chronischer Alkoholkonsum kann zu einer Demenz führen, die durch Gedächtnisverlust, Verwirrung und Schwierigkeiten bei der Problemlösung gekennzeichnet ist.

Wie Alkohol die Nerven schädigt

Die neurotoxische Wirkung von Alkohol beruht auf verschiedenen Prozessen:

  • Thiaminmangel: Mangelernährung ist ein weitverbreitetes Problem unter Alkoholabhängigen. Viele Betroffene nehmen ohnehin schon zu wenig Thiamin (Vitamin B1) auf. Außerdem hemmt Alkohol die Aufnahme und Verwertung von Thiamin, das für gesunde Nerven unerlässlich ist.
  • Bildung von Acetaldehyd: Acetaldehyd ist ein Abbauprodukt von Ethanol und führt dosisabhängig zum Absterben von Neuronen. Bei chronischem Alkoholkonsum droht eine neuronale Degeneration.
  • Neuroinflammation: Alkohol erhöht die Zahl entzündungsfördernder Zytokine, welche die Blut-Hirn-Schranke überwinden und inflammatorische Prozesse im Gehirn anstoßen können. Außerdem lässt er die Glutamat-Spiegel im Gehirn ansteigen, was wiederum mit einem erhöhten Risiko für neuronale Schäden einhergeht. Über die Aktivierung von Mikroglia und Astrozyten kann Alkohol auch direkt eine Neuroinflammation hervorrufen.
  • Lebervermittelte Schädigung: Bei einer hepatischen Enzephalopathie fallen aufgrund des alkoholbedingten Leberschadens vermehrt neurotoxische Substanzen an. In der Folge kann es auch zu indirekten Schäden am Gehirn kommen.

Alkohol und das Gehirn junger Erwachsener

Eine Studie von John Kerns und seinem Team untersuchte die Auswirkungen von exzessivem Alkoholkonsum bei jungen Erwachsenen in den USA. Die Forscher „durchleuchteten“ 50 Studierende vor und nach ihrem 21. Geburtstag im Magnetresonanztomographen (MRT). Dabei konzentrierten sie sich insbesondere auf das Corpus callosum, die Faserverbindung zwischen den Gehirnhälften.

Die Ergebnisse zeigten, dass bereits ein einziger starker Alkoholrausch ausreichen kann, um das Corpus callosum zu schädigen. Bei Studierenden mit einem Blackout war die Atrophie (Rückgang von Gewebe) besonders stark ausgeprägt. Dies unterstreicht die hohen Risiken für die Gehirnentwicklung, wenn junge Erwachsene extreme Formen des Rauschtrinkens betreiben.

Irrglaube: Alkohol in Maßen ist gesund

Der Trugschluss, dass Alkohol in geringen Mengen gesund ist, geht auf Studien zurück, in denen abstinente Menschen eine höhere Sterblichkeit aufwiesen als solche mit moderatem Alkoholkonsum. Es stellte sich jedoch heraus, dass unter den Teilnehmenden, die gar keinen Alkohol tranken, viele ehemalige Alkoholkranke waren. Nach Beseitigung dieser Verfälschung stieg das Risiko bereits bei geringem Alkoholkonsum an.

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Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) und die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfehlen daher, am besten gar keinen Alkohol zu konsumieren. Ein vollständig risikofreier Alkoholkonsum existiert nicht, und auch geringe Trinkmengen können zu gesundheitlichen Problemen beitragen.

Hinweise auf einen problematischen Alkoholkonsum

Es ist wichtig, sich der eigenen Trinkgewohnheiten bewusst zu sein und auf Anzeichen eines problematischen Alkoholkonsums zu achten. Dazu gehören:

  • Häufiges Trinken, um sich zu entspannen oder Stress abzubauen
  • Verheimlichen des Alkoholkonsums vor anderen
  • Trinken von größeren Mengen Alkohol als geplant
  • Entzugserscheinungen wie Unruhe, Angstzustände oder Schlafstörungen
  • Vernachlässigung von Verpflichtungen aufgrund des Alkoholkonsums
  • Gesundheitliche Probleme im Zusammenhang mit dem Alkoholkonsum

Was tun bei alkoholbedingten Nervenschäden?

Die gute Nachricht ist, dass es Behandlungsmöglichkeiten gibt, um alkoholbedingte Nervenschäden zu lindern oder zu heilen. Dazu gehören:

  • Alkoholverzicht: Der wichtigste Schritt ist der Verzicht auf Alkohol, um weitere Schäden zu verhindern. Bei einer Suchterkrankung kann ein qualifizierter stationärer Alkoholentzug mit umfassender psychotherapeutischer Begleitung erforderlich sein.
  • Vitamin B-Komplexe: Die Einnahme von Vitamin B-Komplexen kann helfen, beschädigte Nerven zu reparieren und das allgemeine Nervensystem zu stärken. Besonders wichtig sind die Vitamine B1, B6 und B12.
  • Physiotherapie: Physiotherapeutische Übungen können dazu beitragen, die Beweglichkeit und Muskelstärke wiederherzustellen sowie die Koordination und Gleichgewichtsfähigkeit zu verbessern.
  • Schmerzbehandlung: Schmerzen können durch verschiedene Medikamente gelindert werden. Die transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS) ist eine weitere Möglichkeit, chronische Schmerzen zu behandeln.
  • Psychotherapie: Eine psychotherapeutische Behandlung kann helfen, die Ursachen der Alkoholsucht aufzuarbeiten und Strategien für den Umgang mit suchtauslösenden Situationen zu entwickeln.

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