Alkoholismus, Entzug und die Erholung des Nervensystems

Alkohol ist ein Zellgift, das als Auslöser oder Verstärker an über 200 Erkrankungen beteiligt ist. Ein Alkoholverzicht, wie er beispielsweise im Rahmen des "Dry January" praktiziert wird, kann daher erhebliche gesundheitliche Vorteile bringen. Ursprünglich eine britische Gesundheitskampagne, hat sich der "Dry January" zu einem weltweiten Trend entwickelt, bei dem viele Menschen für einen Monat auf Alkohol verzichten.

Positive Auswirkungen eines Alkoholverzichts

Forscher der Universität Sussex haben die Auswirkungen eines vierwöchigen Alkoholverzichts untersucht. Die Teilnehmer der Studie berichteten von verbessertem Schlaf, mehr Energie, Gewichtsverlust und einem verbesserten Hautzustand. Auch die Alkoholverkäufe in Deutschland sind im Januar 2024 im Vergleich zum Vormonat um fast 50 Prozent zurückgegangen, wie das Statistische Bundesamt berichtet.

Herz-Kreislauf-System

Alkohol steigert den Blutdruck und kann zu Herzrhythmusstörungen (Arrhythmien) und Herzrasen (Tachykardie) führen. Eine Untersuchung aus München mit 3.000 Biertrinkenden zeigte, dass ab 0,8 Promille Alkohol im Blut jeder Dritte Herzrhythmusstörungen bekommt und jeder Vierte unter Herzrasen leidet. Dies liegt daran, dass beim Abbau von Alkohol Acetaldehyd entsteht, ein Stoff, der im Körper die Freisetzung von erregenden Substanzen wie Adrenalin und Noradrenalin bewirkt. Diese Substanzen steigern den Blutdruck und die Herzfrequenz. Nach einer Erholungszeit von rund einem halben Tag normalisiert sich der Herzschlag wieder. Ein alkoholfreier Monat kann insbesondere Menschen mit Neigung zu Herzrhythmusstörungen helfen, das Herz wieder in den richtigen Takt zu bringen und den Wasserhaushalt zu normalisieren.

Schlafqualität

Alkohol erleichtert zwar das Einschlafen, stört aber das Durchschlafen. Bereits nach geringem Konsum fühlen sich Betroffene am nächsten Morgen weniger erholt, energiereich und fit. Dies liegt unter anderem daran, dass Alkohol die für Erholung, Lernen und Regeneration wichtige REM-Schlafphase (Rapid-Eye-Movement) hinauszögert, verkürzt und stört.

Leber

Als Entgiftungsorgan leidet die Leber besonders unter Alkohol. Sie baut ihn ab und versucht, den Stoff möglichst schnell aus dem Körper zu befördern. Wenn sie regelmäßig oder ständig Alkohol abbauen muss, lagert sie Fett ein und wird zu einer sogenannten Fettleber. Dabei kann das Organ bis auf das Doppelte seiner normalen Größe anwachsen. Glücklicherweise kann sich die Leber in frühen und mittleren Stadien von Alkoholkonsum erholen. Schon nach sieben Tagen ohne Alkohol kann sich der Fettgehalt der Leber halbieren. Auch die im Blut messbaren Leberwerte, wie die Transaminasen ALT/GPT und AST/GOT und die Transferase γGT, können sich bereits nach einer Woche ohne Alkohol verbessern.

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Magen und Entzündungen

Im Magen regt Alkohol die Bildung von Magensäure an. Bei ständiger Anregung kann sich die Magenschleimhaut entzünden. Nach einer Abstinenz von ein bis zwei Monaten kann sich das Organ davon wieder erholen. Alkohol fördert jedoch nicht nur im Magen Entzündungen, sondern auch im gesamten Körper. Dies kann sich besonders deutlich an der Haut zeigen, wo Alkohol Pilz- und Bakterieninfektionen begünstigt. Zudem schädigt er die Hautbarriere, führt zu Wasserverlusten über die Haut und regt die Talgproduktion an, wodurch sich Erkrankungen wie Akne, Neurodermitis und Rosazea verschlimmern können. Auch Schuppenflechte (Psoriasis) kann durch Alkohol angeregt, verstärkt und unterhalten werden.

Krebsrisiko

Die International Agency for Research on Cancer (IARC), die spezialisierte Krebsforschungseinrichtung der WHO, sieht es als ausreichend belegt an, dass Alkohol beim Menschen Krebs verursacht. Nachgewiesen ist dies bisher für folgende sieben Krebsarten: Mundhöhlen-, Rachen-, Kehlkopf-, Speiseröhren-, Dickdarm-, Leber- und Brustkrebs. Für die Entstehung von Brustkrebs ist Alkohol sogar einer der größten Risikofaktoren. Auch eine geringe Trinkmenge kann bereits krebserregend sein, da das Alkoholabbauprodukt Acetaldehyd hochreaktiv ist und zu Schäden an der Erbsubstanz (DNA) führt.

Gewichtszunahme

Alkohol ist ein Gewichtstreiber, da er mit 7 Kilokalorien pro Gramm beinahe so viel Energie wie Fett (9 Kilokalorien pro Gramm) enthält. Zusätzlich hemmt Alkohol die Fettverbrennung, stört den Muskelaufbau und steigert die Insulinausschüttung, was zu Heißhungerattacken führen kann.

Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE)

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) hat ihre Richtwerte für tolerierbare Alkoholmengen neu bewertet und kommt zu dem Schluss, dass es keine sichere Menge für einen unbedenklichen oder risikofreien Alkoholkonsum gibt. Auch kleinste Mengen können demnach das Risiko für Erkrankungen erhöhen. Die DGE rät daher allen Personen, keinen oder möglichst wenig Alkohol zu trinken.

Alkohol und das Nervensystem

Dopaminspiegel und Sucht

Alkoholiker, die entziehen und längere Zeit auf das Suchtmittel verzichten, haben in bestimmten Regionen des Gehirns erhöhte Dopaminspiegel. Dies berichten Wissenschaftler des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim. Dopamin ist ein Neurotransmitter, der eine erregende Wirkung hat und beispielsweise die Motivation und den Antrieb steigern kann. Durch den Einfluss von Alkohol kommt es zu einer Wirkungsverstärkung von Dopamin sowie einer Störung des Dopaminspiegels.

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Dopamin bzw. das dopaminerge System ist ein wichtiger Bestandteil des menschlichen Belohnungssystems. Alkohol wirkt auf das dopaminerge System, das körpereigene Opioidsystem und das Serotoninsystem ein und verstärkt die Ausschüttung dieser Botenstoffe. Das Gehirn merkt sich den positiven Effekt, der mit dem Alkoholkonsum verbunden war, und möchte dieses Stimmungshoch wieder herbeiführen, wodurch das Suchtverlangen oder Craving entsteht.

Langfristig führt häufiger Alkoholkonsum zu einer Sensibilisierung des dopaminergen Systems. Die Effekte, die der langjährige Alkoholkonsum auf den Dopamin-Spiegel im Gehirn hat, können nicht nur zur Ausbildung einer Alkoholsucht führen, sondern auch abstinenzwillige Alkoholiker zu einem Rückfall verleiten.

Veränderungen im Gehirn

Studien haben gezeigt, dass bestimmte Areale im Gehirn, welche über die Verhaltenskontrolle entscheiden, bei Alkoholikern eine größere Dopamin-Konzentration aufweisen. Dies deutet darauf hin, dass die Verhaltenskontrolle bei Menschen mit einer Alkoholsucht nachhaltig verringert sein kann.

Unter chronischem Alkoholeinfluss kommt es zu einer Veränderung der Zellzwischenräume im Gehirn. Dadurch kann sich der Botenstoff im zentralen Nervensystem besser verteilen und bereits in geringerer Konzentration sehr wirksam sein.

Wenn Menschen Alkohol trinken, wird die Produktion des Neurotransmitters Dopamin angekurbelt. Geschieht dies über einen längeren Zeitraum hinweg regelmäßig, gewöhnt sich der Konsument ebenso wie sein Gehirn an diesen Effekt. Die Folge: Das zentrale Nervensystem fährt die Eigenproduktion des Botenstoffs herunter. Entscheidet sich ein Suchtkranker dazu, keinen Alkohol mehr zu trinken, sinkt der Dopamin-Spiegel schnell ab und verbleibt auf diesem Niedriglevel. Aufgrund dessen führt die Kombination aus Dopamin und Alkohol beim Entgiften zunächst zu einer intensiven Stimmungsverschlechterung.

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Hirnschäden und Erholung

Ein internationales Forscherteam hat herausgefunden, dass Hirnschäden durch Alkohol nach einem Entzug noch für mindestens sechs Wochen fortschreiten. Von den Schädigungen betroffen ist vor allem die weiße Substanz des Gehirns, die eine wichtige Rolle für Lernen und Gedächtnisbildung spielt.

Die Forscher glauben, dass dies durch eine alkoholbedingte Entzündungsreaktion im Gehirn verursacht werden könnte. Diese Reaktion könnte auch für die hohe Rückfallrate von Patienten, insbesondere während der frühen Phase der Abstinenz, eine Rolle spielen.

Studien zeigen, dass regelmäßiger Alkoholkonsum von bereits fünf bis sechs Standardgläsern pro Woche die kognitive Leistungsfähigkeit vermindert. Im Gehirn verursacht ein regelmäßiger Konsum hoher Alkoholmengen außerdem Veränderungen, die das Risiko einer Demenzerkrankung stark erhöhen.

Strategien für einen erfolgreichen Alkoholverzicht

  • Gesundheitliche Vorteile: Senkung des Risikos für Lebererkrankungen, Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und andere chronische Krankheiten.
  • Verbesserte geistige Gesundheit: Reduzierte Symptome von Depression und Angst.
  • Besserer Schlaf: Verbesserte Schlafqualität und Erholung.
  • Gewichtsmanagement: Reduzierung der Kalorienaufnahme durch den Verzicht auf alkoholische Getränke.
  • Finanzielle Ersparnisse: Weniger Ausgaben für Alkohol.
  • Selbstreflexion: Überdenken Sie Ihre Trinkgewohnheiten und die Gründe für Ihren Alkoholkonsum.
  • Ziele setzen: Setzen Sie sich klare und erreichbare Ziele.
  • Unterstützung suchen: Reden Sie mit Freunden, Familie oder einem Therapeuten über Ihre Entscheidung.
  • Auslöser identifizieren: Erkennen Sie Situationen oder Emotionen, die zum Trinken führen, und entwickeln Sie Strategien, um diese zu vermeiden.
  • Alternative Aktivitäten: Finden Sie gesunde Alternativen, um Stress abzubauen oder sich zu entspannen.
  • Soziale Unterstützung: Teilnahme an Selbsthilfegruppen wie den Anonymen Alkoholikern (AA).
  • Achtsamkeit und Meditation: Nutzen Sie Techniken, um Ihre Gedanken und Gefühle zu kontrollieren.
  • Gesunde Gewohnheiten entwickeln: Regelmäßige Bewegung, gesunde Ernährung und ausreichend Schlaf.
  • Vermeidung von Versuchungen: Halten Sie Alkohol aus Ihrem Haus und vermeiden Sie Situationen, in denen stark getrunken wird.
  • Tagebuch führen: Dokumentieren Sie Ihre Fortschritte und reflektieren Sie Ihre Erfolge und Rückschläge.
  • Akzeptanz und Vergebung: Erkennen Sie, dass Rückfälle Teil des Prozesses sein können und verzeihen Sie sich selbst.
  • Analyse des Rückfalls: Verstehen Sie, was zum Rückfall geführt hat, und entwickeln Sie Strategien, um solche Situationen in Zukunft zu vermeiden.
  • Sofortige Handlung: Kehren Sie so schnell wie möglich zu Ihren Abstinenzplänen zurück.
  • Unterstützung suchen: Wenden Sie sich an Ihre Unterstützungsnetzwerke, um Hilfe und Ermutigung zu erhalten.
  • Ausgewogene Ernährung: Eine gesunde Ernährung kann helfen, den Körper zu regenerieren und das Verlangen nach Alkohol zu reduzieren.
  • Hydratation: Ausreichend Wasser trinken, um den Körper zu unterstützen und das Verlangen nach Alkohol zu reduzieren.
  • Vitamine und Mineralstoffe: Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln, um Defizite auszugleichen, die durch langjährigen Alkoholkonsum entstanden sein könnten.
  • Langfristige Ziele setzen: Überlegen Sie sich langfristige Ziele und entwickeln Sie einen Plan, um diese zu erreichen.
  • Lebensstiländerungen: Entwickeln Sie neue Hobbys und Interessen, die keinen Alkohol beinhalten.
  • Stetige Weiterbildung: Informieren Sie sich regelmäßig über neue Forschungsergebnisse und Strategien zur Unterstützung der Alkoholabstinenz.

Therapie bei Alkoholabhängigkeit

Sobald sich von Alkoholismus Betroffene entschließen, in ein Leben ohne Alkoholsucht zu starten, bestehen gute Aussichten auf Erfolg. Eine Alkoholismus-Therapie teilt sich üblicherweise in zwei Phasen:

  • Die Entgiftung: Sie dauert bei Alkoholismus in der Regel sieben bis 14 Tage und bildet die Basis für die Entwöhnung von der Alkoholsucht. (Die Entgiftung ist der medizinisch begleitete körperliche Entzug vom Alkohol. Sie findet für die Dauer von etwa sieben bis 14 Tagen in einem Krankenhaus vor der Entwöhnungsbehandlung statt. Die Kosten werden in der Regel von der Krankenkasse übernommen. Die Einweisung erfolgt durch den Hausarzt.)
  • Die Entwöhnung: Sie hat das Ziel, den von Alkoholabhängigkeit Betroffenen dauerhaft von seiner Alkoholsucht zu lösen. Die Entwöhnung ist die Behandlung der automatisierten Verhaltensmuster und -gewohnheiten, die immer wieder zu Rückfällen führen. Sie kann ambulant in einer Beratungsstelle, ganztägig ambulant in einer Tagesklinik oder stationär in einer Fachklinik durchgeführt werden.

Der Schwerpunkt der Behandlung liegt zum einen in der Gruppentherapie, ergänzt durch indikative Gruppen, Einzeltherapien, Sport- und Bewegungsangeboten, Ergotherapie, und zum anderen in Bausteinen wie der möglichen Einbeziehung von Angehörigen.

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