Alpha-Liponsäure (ALA), auch Thioctsäure genannt, ist eine schwefelhaltige Fettsäure mit antioxidativen Eigenschaften, die sowohl wasser- als auch fettlöslich ist. Sie spielt eine wichtige Rolle im Energiestoffwechsel der Zellen und hat sich in den letzten Jahren als potentes Antioxidans etabliert. Dieser Artikel beleuchtet die Bedeutung von Alpha-Liponsäure für die Nervenregeneration, insbesondere im Zusammenhang mit diabetischer Polyneuropathie (DSPN) und chemotherapieinduzierter peripherer Neuropathie (CIPN), und fasst relevante Studienergebnisse zusammen.
Einführung
Die diabetische Neuropathie ist eine häufige Folgeerkrankung des Diabetes mellitus, von der Millionen Menschen weltweit betroffen sind. Schätzungen zufolge entwickeln bis zu 50 Prozent aller Diabetiker im Laufe ihrer Erkrankung eine Neuropathie. Die chemotherapieinduzierte periphere Neuropathie (CIPN) ist eine weitere Form der Nervenschädigung, die als Nebenwirkung von Krebsbehandlungen auftreten kann. In beiden Fällen kann Alpha-Liponsäure eine wichtige Rolle bei der Linderung von Symptomen und der Förderung der Nervenregeneration spielen.
Was ist Alpha-Liponsäure?
Alpha-Liponsäure ist eine körpereigene Substanz, die in geringen Mengen selbst synthetisiert werden kann. Sie ist ein Coenzym, das Enzymen hilft, ihre Arbeit effektiv zu erledigen. In den Mitochondrien, den Energiekraftwerken der Zellen, hilft sie dabei, Glukose in brauchbare Energie umzuwandeln. ALA wirkt als Radikalfänger und kann die Ausscheidung von Fremdstoffen unterstützen. Insbesondere Metallionen wie Blei, Quecksilber, Kupfer, Eisen und Platin löst sie aus der Bindung an schwefelhaltige Proteine heraus und chelatiert sie über ihre Thiolgruppen.
Unterschiede zu Alpha-Linolensäure
Alpha-Liponsäure wird häufig mit Alpha-Linolensäure verwechselt, jedoch handelt es sich um zwei völlig unterschiedliche Substanzen. Während Alpha-Linolensäure eine pflanzliche Omega-3-Fettsäure ist, gehört Alpha-Liponsäure zu den schwefelhaltigen Verbindungen und wirkt als starkes Antioxidans in unseren Zellen.
Natürliche und synthetische Formen
Es gibt zwei Formen von Alpha-Liponsäure: die R-Form (natürlich und bioaktiv) und die S-Form (synthetisch, weniger wirksam). Nahrungsergänzungsmittel enthalten meist ein Gemisch aus beiden Formen.
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Vorkommen in Nahrungsmitteln
Zu den natürlichen Quellen von Alpha-Liponsäure zählen Gemüse wie Spinat, Brokkoli und Tomaten sowie Fleisch und Innereien.
Die Rolle von Alpha-Liponsäure bei Nervenschädigungen
Die diabetische Neuropathie und CIPN sind multifaktorielle Erkrankungen, bei denen erhöhte Glukosewerte bzw. Chemotherapeutika zu oxidativem Stress, Entzündungsreaktionen und Störungen im Zellstoffwechsel führen. Alpha-Liponsäure kann hier auf verschiedenen Ebenen wirken:
- Antioxidative Wirkung: Als starkes Antioxidans neutralisiert Alpha-Liponsäure freie Radikale und reduziert oxidativen Stress, der maßgeblich an der Entstehung von Nervenschäden beteiligt ist.
- Verbesserung der Glukoseaufnahme: Alpha-Liponsäure kann die Insulinwirkung verstärken und somit zur besseren Blutzuckerregulation beitragen.
- Schutz der Mitochondrien: Alpha-Liponsäure schützt die Mitochondrien vor oxidativem Stress und unterstützt gleichzeitig ihre Funktion als Elektronenakzeptor in Enzymkomplexen der Atmungskette.
- Regeneration anderer Antioxidantien: Alpha-Liponsäure hat die Fähigkeit, andere Antioxidantien wie Glutathion, Coenzym Q10, Vitamin C und E zu reduzieren und sie so in ihrer Funktion zu recyceln.
Alpha-Liponsäure bei diabetischer Polyneuropathie (DSPN)
Bei etwa jedem dritten Patienten mit Diabetes mellitus tritt im Verlauf seiner Erkrankung eine distal-symmetrische sensomotorische Polyneuropathie (DSPN) auf. Diese kann aufgrund der teils starken Schmerzen und Missempfindungen in den unteren Extremitäten und dem erhöhten Risiko für die Entwicklung diabetischer Fußulzera die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen.
Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) empfiehlt bei Typ-2-Diabetikern ein Screening auf DSPN zum Zeitpunkt der Diabetesdiagnose. Moderne Behandlungskonzepte umfassen das Minimieren von Risikofaktoren sowie die pathogenetisch orientierte Pharmakotherapie. Hier steht das Antioxidans Alpha-Liponsäure zur Verfügung.
Alpha-Liponsäure bei chemotherapieinduzierter peripherer Neuropathie (CIPN)
Während einer Krebserkrankung und deren Behandlung entwickeln manche Patientinnen und Patienten Taubheitsgefühle oder Missempfindungen in den Händen und Füßen. Ursache sind meist die zur Krebsbehandlung eingesetzten Medikamente, welche die Nerven reizen oder schädigen können. Die Beschwerden werden als Nervenschädigung (Neuropathie) und ihrer häufigsten Ursache nach als chemotherapiebedingte Nervenschädigung (chemotherapieinduzierte Polyneuropathie, CIPN) bezeichnet.
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Zur Vorbeugung von therapiebedingten Nervenschäden empfiehlt die Leitlinie zur Supportiven Therapie (2020) regelmäßiges Bewegungs- und Funktionstraining der Finger und Zehen. Zur Behandlung bereits bestehender Nervenschäden empfiehlt sie spezielle Bewegungstherapien (z.B. sensomotorisches und koordinatives Training) sowie der gezielte Einsatz von Medikamenten bei stärkeren Beschwerden und Funktionsstörungen. Verfahren aus der integrativen Onkologie, z.B. traditionelle Behandlungsverfahren oder pflanzliche Heilmittel, können ergänzend eingesetzt werden.
Studienergebnisse zur Wirksamkeit von Alpha-Liponsäure
Verschiedene klinische Studien haben die Wirksamkeit von Alpha-Liponsäure bei diabetischer Polyneuropathie untersucht. Eine Meta-Analyse von Studien zeigte, dass Alpha-Liponsäure neuropathische Schmerzen lindern und die Nervenfunktion verbessern kann. Auch bei CIPN gibt es Hinweise auf eine positive Wirkung von Alpha-Liponsäure, jedoch sind hier weitere Studien erforderlich.
Eine große, randomisierte, plazebo-kontrollierte Phase-III-Studie ist für den Beginn nächsten Jahres geplant, um den Nutzen von Alpha-Liponsäure bei diabetischer Neuropathie unter "rigorosen Effizienzkriterien" zu untersuchen. Symptome und Nervenfunktion bei 500 Patienten (250 Plazebo, 250 Liponsäure) sollen über "mindestens zwei Jahre" verfolgt werden.
Alpha-Liponsäure-Infusion
Die Verabreichung von Alpha-Liponsäure als Infusion bietet gegenüber der oralen Einnahme deutliche Vorteile. Die intravenöse Gabe ermöglicht eine höhere Bioverfügbarkeit und umgeht den First-Pass-Effekt der Leber. Die antioxidans therapie mittels Infusion ermöglicht zudem eine präzise Dosierung und eine gleichmäßige Verteilung der Substanz im Körper.
Die Alpha-Liponsäure-Infusion wird typischerweise als Kurbehandlung über mehrere Wochen durchgeführt. Die Standarddosierung liegt meist zwischen 300 und 600 mg pro Infusion, verabreicht über einen Zeitraum von 30 bis 60 Minuten. Die Infusionen werden üblicherweise in einem klinischen Umfeld oder in spezialisierten Praxen durchgeführt.
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Dosierung und Anwendung
Die Dosierung von Alpha-Liponsäure hängt vom individuellen Ziel ab. Bei Polyneuropathie (z. B. diabetischer Neuropathie) werden üblicherweise 600 mg pro Tag empfohlen. Alpha-Liponsäure sollte auf nüchternen Magen eingenommen werden, da die Nahrungsaufnahme die Bioverfügbarkeit verringern kann.
Alpha-Liponsäure ist in verschiedenen Formulierungen erhältlich, darunter Tabletten, Kapseln und Infusionen.
Mögliche Nebenwirkungen und Kontraindikationen
Alpha-Liponsäure gilt im Allgemeinen als sicher, dennoch können Nebenwirkungen auftreten. Zu den häufigsten gehören Übelkeit, Erbrechen und allergische Reaktionen. In seltenen Fällen kann es zu Magen-Darm-Beschwerden, Kopfschmerzen oder Hautreaktionen kommen.
Kontraindikationen umfassen schwere Nieren- oder Lebererkrankungen sowie bekannte Überempfindlichkeiten gegen Alpha-Liponsäure.
Alpha-Liponsäure kann mit bestimmten Medikamenten interagieren, einschließlich Chemotherapeutika und Medikamente gegen Diabetes.
Fazit
Alpha-Liponsäure ist ein vielversprechendes Antioxidans mit potenziellen Vorteilen für die Nervenregeneration, insbesondere bei diabetischer Polyneuropathie und chemotherapieinduzierter peripherer Neuropathie. Studienergebnisse deuten auf eine Linderung von neuropathischen Schmerzen und eine Verbesserung der Nervenfunktion hin. Die Alpha-Liponsäure-Infusion bietet eine effektive Möglichkeit, den Körper mit diesem wichtigen Nährstoff zu versorgen.
Es ist jedoch wichtig, vor Beginn der Einnahme von Alpha-Liponsäure eine Gesundheitsfachkraft zu konsultieren, insbesondere wenn bereits Medikamente eingenommen werden oder bestehende Gesundheitsprobleme vorliegen. Eine sorgfältige und individuell abgestimmte Dosierung ist wichtig, um die besten Ergebnisse zu erzielen und mögliche Nebenwirkungen zu vermeiden.
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