Trauer ist ein Gefühl, das oft mit dem Verlust eines geliebten Menschen durch Tod in Verbindung gebracht wird. Im Kontext von Demenz beginnt die Trauer jedoch häufig viel früher, oft schon während die betroffene Person noch lebt. Angehörige erleben Traurigkeit, Verlustgefühle und Schuldgefühle, während sie den fortschreitenden Abbau der geliebten Person miterleben. Diese als "antizipatorische Trauer" bezeichnete Reaktion ist eine verständliche Antwort auf die Veränderungen, die mit der Demenz einhergehen.
Antizipatorische Trauer bei Demenz
Die antizipatorische Trauer ist keine Schwäche, sondern eine natürliche Reaktion auf die fortschreitenden Verluste, die mit Demenz einhergehen. Gewohnte Abläufe verschwinden, Rollen verändern sich, und gemeinsame Pläne lösen sich auf. Das Benennen dieser Trauer kann helfen, mit ihr umzugehen.
Der lange Abschied
Demenz verläuft in der Regel über Jahre. Fähigkeiten lassen nach, Persönlichkeit und Kommunikation verändern sich. Angehörige erleben kontinuierlich kleine Abschiede, vom vertrauten Blick bis zur gemeinsamen Routine. Hinzu kommt die Pflegebelastung, die oft mit Schlafmangel, organisatorischem Druck und dem Gefühl einhergeht, ständig funktionieren zu müssen.
Auswirkungen auf die Seele
Solche Daueranforderungen wirken sich direkt auf die Seele aus. Erschöpfung, Reizbarkeit, Schlafstörungen oder körperliche Beschwerden sind häufige Warnzeichen, auf die man reagieren sollte. Es ist wichtig, die eigene Entlastung aktiv zu planen, kleine Pausen einzulegen und feste Auszeiten zu nehmen. Die Trauer ist ein Zeichen von Liebe und von Belastung - beides darf gleichzeitig da sein. Es ist wichtig, zu benennen, was weh tut, zu teilen, was zu schwer wird, und Hilfe frühzeitig in Anspruch zu nehmen.
Veränderungen im Gehirn durch Trauer und Stress
Belastende Lebensereignisse wie der Tod eines geliebten Menschen, Arbeitslosigkeit oder finanzielle Not können nicht nur die Psyche belasten, sondern möglicherweise auch das Gehirn dauerhaft schädigen und das Risiko für Alzheimer erhöhen.
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Studienergebnisse
Eine Studie des Barcelonabeta Brain Research Centre in Spanien untersuchte den Zusammenhang zwischen schweren Lebensereignissen und biologischen Veränderungen im Gehirn. Die Ergebnisse zeigten, dass der Verlust eines Partners häufig mit Veränderungen im Liquor (Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit) einherging, die auf vermehrte Ablagerungen von Beta-Amyloiden im Gehirn hinweisen. Diese Protein-Bruchstücke sind ein Hauptmerkmal der Alzheimer-Krankheit. Gleichzeitig fanden die Forscher erhöhte Werte von Tau-Protein und Neurogranin, Marker für Schäden an Nervenzellen und den Abbau von Synapsen.
Auch wirtschaftliche Belastungen hinterließen Spuren: Arbeitslosigkeit und finanzielle Not gingen mit einer messbaren Verkleinerung bestimmter Hirnregionen einher, insbesondere im Gyrus cinguli, der unter anderem für die Steuerung von Emotionen und Verhalten verantwortlich ist.
Geschlechtsspezifische Unterschiede
Die Studie zeigte auch, dass das Gehirn je nach Geschlecht und Bildungsgrad unterschiedlich auf Stress reagiert. Männer zeigten besonders durch den Verlust ihres Partners oder durch Arbeitslosigkeit Veränderungen. Bei ihnen fanden sich zudem häufiger Hinweise auf Beta-Amyloid-Ablagerungen und ein verringertes Hirnvolumen. Auch bei Menschen mit niedrigem Bildungsniveau war Arbeitslosigkeit mit einem geringeren Volumen verschiedener Cortex-Regionen verbunden, welche unter anderem für das Denken und die Verarbeitung von Sinneswahrnehmungen zuständig sind. Frauen hingegen reagierten stärker auf finanzielle Notlagen - bei ihnen stiegen vor allem die Tau- und Neurogranin-Werte im Liquor.
Mögliche Mechanismen
Die Forscher vermuten, dass chronischer Stress, insbesondere Trauer und wirtschaftlicher Stress, über verschiedene Mechanismen zu Gehirnschäden und einer erhöhten Anfälligkeit für Alzheimer führen kann. Dazu gehören etwa Veränderungen des Immun-, Hormon- und Herz-Kreislauf-Systems.
Fazit
Schwere Schicksalsschläge können das Gehirn messbar verändern und das Risiko für Alzheimer erhöhen. Es ist daher wichtig, psychologische Unterstützung in Anspruch zu nehmen, um Stress zu bewältigen und möglicherweise zur Prävention von Alzheimer beizutragen.
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Trauer bei Demenzkranken
Grundsätzlich sind an Demenz Erkrankte fähig zu trauern. In einem frühen Stadium zeigen sie zunächst normale Trauerreaktionen. Mit Fortschreiten der Demenz-Erkrankung lassen jedoch die kognitiven Fähigkeiten nach. Die Reaktionen auf das Verlusterlebnis fallen anders aus als bei gesunden Menschen. So nehmen die an Demenz Erkrankten wahr, dass etwas nicht stimmt, und reagieren darauf mit Verhaltensauffälligkeiten wie Unruhe oder innerer Erregung. Reaktionen wie Weinen oder der verbale Austausch kommen im fortgeschrittenen Stadium aber selten vor. Es wird eher passieren, dass die an Demenz Erkrankten aktuelle mit vergangenen Todesfällen verwechseln oder wieder und wieder nachfragen, wo die bereits verstorbene Person ist.
Umgang mit der Trauer von Demenzkranken
Es gibt viele Faktoren, die das Erleben und die Reaktion auf ein Verlusterlebnis bei Demenz-Erkrankten beeinflussen. Dazu zählt auch, wie weit die Erkrankung schon fortgeschritten ist, ob die Person den menschlichen Verlust noch bewusst wahrnimmt oder ob sie sich noch an diese Beziehung erinnern kann. Hat der an Demenz Erkrankte erfahren, dass diese Person verstorben ist, erinnert er sich nach einiger Zeit oft nur noch daran, dass jemand verstorben ist, vergisst aber, wer es war.
Fachkräfte können in Bezug auf den Umgang mit der Trauer helfen, indem sie mit dem an Demenz Erkrankten üben, sich an diese Information zu erinnern. Eine Lerntechnik, auf die sie zurückgreifen können, heißt beispielsweise Spaced Retrieval Technik. Dabei wird die spezielle Information wieder und wieder in immer größeren Intervallen abgefragt, bis sie gut abrufbar ist. So ist es möglich, dass die erkrankte Person anfangen kann, den Verlust zu verarbeiten, anstatt ihn immer wieder neu zu erleben.
Es gibt darüber hinaus keine festen Regeln dafür, wie man den Erkrankten an Demenz eine Todesnachricht überbringt. Angehörige sollten ausprobieren und gut beobachten, was hilfreiche Strategien sein können. In jedem Fall haben die Erkrankten aber ein Recht darauf zu erfahren, dass jemand verstorben ist.
Weiße Trauer: Trauer um einen lebenden Menschen
"Weiße Trauer" oder "unsichtbare Trauer" wird es genannt, wenn man um jemanden trauert, der lebt, also noch da ist, aber doch irgendwie nicht, so wie das im Lauf einer Demenzerkrankung oft der Fall ist.
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Merkmale der weißen Trauer
Das Besondere an dieser Form der Trauer ist, dass sie oft nicht als solche erkannt wird, weder von der Umwelt noch von den Angehörigen selbst. Die Person lebt ja noch, und Trauer wird in unserer Vorstellung eng mit dem Tod verknüpft. Diese Unsichtbarkeit der Trauer macht es für die Angehörigen oftmals schwer. Sie fühlen sich mit ihren aufkommenden Gefühlen alleingelassen und können sie häufig nicht richtig einordnen oder mitteilen. Eine gewisse Sprachlosigkeit ist die Folge und oft auch das Gefühl der Einsamkeit.
Ein weiteres Merkmal der weißen Trauer ist, dass sie ein ständiges Hin und Her ist. Die Person lebt noch, und es gibt auch schöne Momente. Manchmal hat man das Gefühl, man darf gar nicht trauern.
Funktionieren und Gefühle
Das Erste, was wir sehr häufig machen bei einer Trauer ist, dass wir sehr stark ins Funktionieren gehen. Dieses Funktionieren ist meistens etwas, da bin ich sehr abgespalten von meinen Gefühlen. Trauernde kommen dann zu mir und sagen, ich kann gar nicht richtig weinen. Und wenn ich jemanden als pflegende Angehörige oder überhaupt als Angehörige betreue oder besuche oder mit jemanden zusammen bin, um jemanden traure, dann bin ich ganz häufig auch sehr stark im Funktionieren, weil ich das ja sein muss, weil ich als pflegende Angehörige den Laden am Laufen halte und in diesem Funktionieren bin ich ganz oft auch gar nicht mit meinen Gefühlen im Kontakt und will das vielleicht auch gar nicht sein, weil ich ja Angst haben muss und dass, wenn ich mal traurig werde oder in die Trauerfalle oder mich der Trauer hingebe, dass vielleicht nicht mehr den Laden am Laufen halten kann oder selber zusammenbreche.
Das Gefühlsspektrum der Trauer
Wir denken immer, Trauer ist Traurigsein. Und dass Trauer ja auch ganz viele andere Gefühle im Spektrum hat und angefangen von der Wut, von der Schuld, von der Angst, aber vielleicht auch Dankbarkeit, vielleicht auch freudige Erinnerung, vielleicht auch Erleichterung und daran kommt sofort die Schuld wieder, weil ich mich ja eigentlich nicht erleichtert fühlen darf. Es wird Trauer sehr oft als traurig sein sehen. Und viele Leute trauen aber gar nicht in dem sie traurig sind, sondern in dem sie sehr wütend sind zum Beispiel.
Trauer im Alltag von Pflegenden
Wir setzen Trauer, auch bei Trauer und Verstorben, ganz oft mit Traurigkeit gleich, dass da jemand wirklich intensiv traurig ist. Und das ist ja nur ein Teil davon. In der Regel haben wir ein großes Gefühlsspektrum, wo ganz viel Wut, ganz viel Schuldgefühl, vielleicht auch Scham drin sind, Unsicherheit, Angst, sicherlich auch Freude und Dankbarkeit und so ein ganz großes Mischmasch von sehr, sehr vielen, sehr, sehr intensiven Gefühlen, die gar nicht alle Traurigkeit sind oder die sich auch gar nicht alle so identifizieren lassen.
Der Umgang mit unterdrückten Gefühlen
Je mehr wir Gefühle unterdrücken, umso mehr preschen sie irgendwann an anderer Stelle wieder nach oben. Einer der Gründe, glaube ich, weshalb es wichtig ist, sich der Trauer zu stellen, ist das, wenn man das nicht tut, dann ist das so ein bisschen so wie wenn man eine Badeente unter Wasser drückt oder irgendetwas ein Tischtennisball unter Wasser drücken. Das geht sehr lange sehr gut. Ich drücke ja mit meiner Trauer alle anderen Gefühle gleich mit, denn Trauer und Freude sind ja auch nah beieinander. Und das kann man sehr lange tun und vielleicht mache ich das mit meiner nicht dominanten Hand, mit der linken Hand. In meinem Fall, ich bin Rechtshänderin und ich kann sehr, sehr gut durchs Leben gehen, mit der linken Hand unter Wasser, mit dem Tischtennisball und kann rechts alles machen und irgendwann kommt vielleicht eine Situation, vielleicht verliebe ich mich und möchte hier mal einen Arm nehmen und vergesst das, dass meine linke Hand ja diesen Tischtennisball alle mit allen Gefühlen unter Wasser drückt und ich benutze die linke Hand und dieser Tischtennisball schnell nach oben und da sind alle Gefühle und kein Mensch in meinem Umfeld und ich selber auch nicht bringt das mit meiner Trauer in Verbindung. Das ist zum Beispiel was, was wir bei Kindern und Jugendlichen ganz oft erleben. Oder bei Menschen, die sehr lange funktionieren müssen, weil das Haus abbezahlt werden muss oder weil sie sich um andere kümmern müssen und gar keine Zeit ist, sich der eigenen Trauer zu stellen. Und dann kommt manchmal Jahre später diese Trauer hoch.
Das Labyrinth der Trauer
Wenn wir irgendwie durch etwas durch sind, also zum Beispiel die Demenzdiagnose und der Schrecken da drüber und jetzt sind schon ein paar Monate vergangen, dann Und wir sind plötzlich so zurückgeworfen in ein Gefühl der Wut auf die Krankheit oder der massiven Verunsicherung oder so der Schrecken des Anfangs, dann haben wir ganz oft das Gefühl, dass wir irgendwie was falsch machen, dass wir unsere Gefühle nicht richtig im Griff haben oder uns nicht richtig im Griff. Und in der Trauer ist das so, dass die Leute sagen, ich kann auch nicht mehr richtig trauern. Ich war doch schon so viel weiter, weil wir wir eben so gradlinig denken. Und in Wirklichkeit ist es mit der Trauer oder überhaupt mit Veränderungsprozessen und das ist ja bei der Demenz auch so. Ich muss mir das so vorstellen wie ein Labyrinth, was in einem Kreis ist. Also wo ich sozusagen im Kreis laufe und hinter diesem Labyrinth oder darunter gelegt sind, wie so Kuchenstücke mit verschiedenen Farben. Und je nachdem, wo ich diesen Weg entlang gehe, komme ich immer wieder in Stellen vorbei, wo ich denke, da war ich doch schon mal oder das fühlt sich so ähnlich an. Und das ist ganz normal, das ist ein ganz normaler Prozess, dass ich eben auch auf bestimmte Gefühlsebenen oder bestimmte Themen, bestimmte Sachen wieder zurückgerufen werde. Übrigens dann vielleicht auch mein Leben lang. Das werden Menschen kennen, wenn sie um jemanden trauern. Und der kann schon Jahre tot sein und sie können schon sich gut mit der Trauer abgefunden haben oder gut mit ihr leben und plötzlich kommt eine Musik oder ein Geruch oder eine Situation und man fühlt sich total zurückgeworfen und es zieht einem so den Boden unter den Füßen weg. Und es können auch Situationen sein, die viel später auftauchen und zu verstehen, dass das dazugehört, dass das ganz normal ist. Das ist glaube ich ganz wichtig und dass es Teil des Prozesses ist. Dass es nicht nicht heißt, ich bin wieder am Anfang, sondern das heißt, ich bin ein Stück weiter auf mein Weg gegangen.
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