Die Alzheimer-Forschung hat in den letzten Jahren bemerkenswerte Fortschritte erzielt, die neue Hoffnung auf wirksame Behandlungen und möglicherweise sogar eine Heilung wecken. Obwohl es noch keinen Durchbruch gibt, der die Krankheit vollständig aufhalten oder umkehren kann, deuten vielversprechende Entwicklungen darauf hin, dass wir uns in einer neuen Ära der Alzheimer-Therapie befinden.
Lecanemab (Leqembi): Ein Hoffnungsschimmer
Ein bedeutender Meilenstein in der Alzheimer-Forschung ist die Zulassung von Lecanemab (Handelsname Leqembi) in den USA und der Europäischen Union. Dieser Antikörper-Wirkstoff zielt auf eine Vorstufe der für Alzheimer typischen Amyloid-beta-Protein-Plaques im Gehirn ab.
Wirkmechanismus von Lecanemab
Lecanemab bindet gezielt an Amyloid-beta-Vorstufen und aktiviert dadurch das körpereigene Immunsystem, insbesondere die Mikrogliazellen. Diese Zellen sind für den Abbau von Ablagerungen und die Hemmung ihrer Neubildung verantwortlich.
Zulassung und Anwendungsbereich
Leqembi ist in der EU seit dem 15. April 2025 zugelassen und ist nur für Menschen mit einer Alzheimer-Diagnose im Frühstadium geeignet, d.h. im Stadium einer leichten kognitiven Beeinträchtigung (MCI) oder einer frühen Alzheimer-Demenz.
Voraussetzungen für die Behandlung
Um für eine Behandlung mit Leqembi in Frage zu kommen, müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein:
Lesen Sie auch: Informationen für Alzheimer-Patienten und Angehörige
- Nachweis von Amyloid-beta-Ablagerungen im Gehirn (entweder durch Lumbalpunktion oder Amyloid-PET)
- Maximal eine Kopie des ApoE4-Gens (Personen mit zwei Kopien sind aufgrund eines erhöhten Risikos für Hirnblutungen ausgeschlossen)
- Keine Einnahme von Gerinnungshemmern (erhöhtes Risiko für Hirnblutungen)
- Teilnahme an einem EU-weiten Register
Gentest vor Behandlungsbeginn
Vor Beginn der Behandlung mit Leqembi ist ein Gentest erforderlich, um festzustellen, ob der Patient das ApoE4-Gen besitzt. Menschen mit einer doppelten Kopie dieses Gens (ApoE4-Homozygote) haben ein erhöhtes Risiko für schwere Nebenwirkungen und können daher nicht mit Leqembi behandelt werden.
Verabreichung und Überwachung
Leqembi wird alle zwei Wochen als einstündige Infusion direkt in die Vene verabreicht. Vor und während der Behandlung sind regelmäßige MRT-Untersuchungen erforderlich, um mögliche Nebenwirkungen wie Hirnschwellungen oder kleine Blutungen frühzeitig zu erkennen. Diese Kontrollen erfolgen vor der 5., 7. und 14. Infusion. Werden sie nicht durchgeführt, muss die Behandlung beendet werden.
Mögliche Nebenwirkungen
In Studien wurden bei einem Teil der Teilnehmenden Hirnschwellungen (ARIA-E) und Hirnblutungen (ARIA-H) beobachtet. Das Risiko für solche Nebenwirkungen hängt stark vom ApoE4-Gen ab. Weitere mögliche Nebenwirkungen sind Kopfschmerzen und Infusionsreaktionen.
Wirksamkeit von Leqembi
Leqembi kann Alzheimer weder heilen noch den Krankheitsverlauf aufhalten. Ziel der Behandlung ist es, den geistigen Abbau bei Menschen im frühen Krankheitsstadium zu verlangsamen. In der CLARITY AD-Studie zeigte sich, dass die Erkrankung bei den Teilnehmenden, die Leqembi erhielten, langsamer fortschritt als in der Placebo-Gruppe.
Wer kommt für die Behandlung in Frage?
Nach einer Einschätzung des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) von Mai 2025 erfüllt etwa 1 von 100 Menschen mit einer Alzheimer-Demenz alle Voraussetzungen für eine Behandlung mit Leqembi, also rund 12.000 Erkrankte in Deutschland. Neuere Berechnungen des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (ZI) von August 2025 gehen von bis zu 73.000 Patientinnen und Patienten in Deutschland aus.
Lesen Sie auch: Kinder-Alzheimer: Ein umfassender Überblick
Kostenübernahme
Die Behandlung mit Leqembi wird zunächst von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen.
Weitere vielversprechende Therapieansätze
Neben Lecanemab gibt es eine Reihe weiterer vielversprechender Therapieansätze in der Alzheimer-Forschung:
Donanemab (Kisunla): Ein weiterer Amyloid-Antikörper, der sich im Zulassungsverfahren befindet und ähnliche Wirkmechanismen wie Lecanemab aufweist.
Blarcamesin: Ein chemisch-synthetischer Wirkstoff, der sich in einem frühen Stadium der klinischen Entwicklung befindet.
TREM2-Modulation: Forschungsteams untersuchen, wie man das Eiweiß-Molekül TREM2 beeinflussen kann, um entzündliche Prozesse im Gehirn einzudämmen.
Lesen Sie auch: Alzheimer und Demenz im Vergleich
Gentherapie: Ansätze zur Veränderung des ApoE3-Gens, um das Alzheimer-Risiko zu senken.
Bluttests: Entwicklung von Bluttests zur frühzeitigen und zuverlässigen Diagnose von Alzheimer.
Präventionsstrategien: Studien zeigen, dass sich das Alzheimer-Risiko durch Faktoren wie Bewegung, Blutdruckkontrolle oder soziale Teilhabe deutlich senken lässt.
Weitere Forschungsansätze: Im Blick stehen Entzündungen im Gehirn, Durchblutungsstörungen, genetische Faktoren oder die Rolle der Darmflora.
Herausforderungen und Perspektiven
Trotz der vielversprechenden Fortschritte gibt es in der Alzheimer-Forschung noch erhebliche Herausforderungen:
Komplexität der Erkrankung: Alzheimer ist eine äußerst komplexe Krankheit, deren Ursachen und Mechanismen noch nicht vollständig verstanden sind.
Frühzeitige Diagnose: Alzheimer beginnt lange bevor die ersten Symptome sichtbar werden. Wenn das Gedächtnis nachlässt, sind die Schäden im Gehirn meist bereits weit fortgeschritten und der Krankheitsprozess nicht mehr umkehrbar.
Wirksamkeit der Therapien: Die derzeit verfügbaren Therapien können den Krankheitsverlauf lediglich verlangsamen, aber nicht heilen oder aufhalten.
Nebenwirkungen: Einige Therapien, wie z.B. die Antikörper-Medikamente, können erhebliche Nebenwirkungen haben.
Trotz dieser Herausforderungen gibt es gute Gründe für Optimismus:
Zunehmendes Verständnis der Erkrankung: Die Forschung hat in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte beim Verständnis der Ursachen und Mechanismen von Alzheimer erzielt.
Neue Therapieansätze: Es gibt eine Vielzahl vielversprechender Therapieansätze in der Entwicklung, die auf unterschiedliche Aspekte der Erkrankung abzielen.
Frühzeitige Diagnose: Die Entwicklung von Bluttests und anderen Verfahren zur frühzeitigen Diagnose von Alzheimer ermöglicht es, Therapien in einem früheren Stadium der Erkrankung einzusetzen, wenn sie am wirksamsten sind.
Prävention: Studien zeigen, dass sich das Alzheimer-Risiko durch einen gesunden Lebensstil und die Reduktion bekannter Risikofaktoren deutlich senken lässt.
Die Zukunft der Alzheimer-Forschung
Die Zukunft der Alzheimer-Forschung liegt vermutlich nicht in einem einzelnen Medikament, sondern in einer Kombination verschiedener Ansätze: vom Abbau krankheitsrelevanter Proteinablagerungen bis hin zu präventiven Maßnahmen im Alltag. Klar ist: Je früher eine Behandlung beginnt, desto größer ist der Nutzen.
Insgesamt sind die Fortschritte ermutigend - eine Heilung ist jedoch weiterhin nicht in Sicht. Dennoch eröffnen die neuen Therapien und Forschungsergebnisse neue Perspektiven für Menschen mit Alzheimer und ihre Angehörigen.
Die Rolle des Gesundheitssystems
Die Gesellschaft und die Gesundheitssysteme müssen mit dem medizinischen Fortschritt mithalten, damit Patient:innen auch tatsächlich von Innovationen profitieren. Es bedarf adäquater politischer Rahmenbedingungen, damit Wissenschaft nicht reine Wissenschaft bleibt, sondern das Leben der Betroffenen und Angehörigen verändert.
EFPIA und EBC haben für politische Entscheidungsträger:innen acht konkrete Handlungsempfehlungen erarbeitet:
- Alzheimer-Erkrankung und Hirn-Gesundheit national, europa- und weltweit zu einer Priorität der öffentlichen Gesundheit machen.
- Beschäftigte im Gesundheitswesen aus- und weiterbilden und sie sowie Bürger:innen für das Thema sensibilisieren.
- Daten, Informationsaustausch und entsprechende Technologien zu Nutze machen.
- Zugang zu Innovationen verbessern.
- Genügend finanzielle Mittel für Forschung und Infrastruktur sicherstellen.
- Bevölkerung und Patient:innen involvieren.
- Multidisziplinär denken.
- Post-diagnostische Behandlungspfade über Leitlinien definieren und mit entsprechenden Geldern versehen.