Alzheimer, eine fortschreitende neurodegenerative Erkrankung, die durch Gedächtnisverlust, kognitive Beeinträchtigungen und Verhaltensänderungen gekennzeichnet ist, betrifft weltweit Millionen von Menschen. Da die Weltbevölkerung immer älter wird, steigt die Zahl der Alzheimer-Patienten rasant an, was die Notwendigkeit wirksamer Behandlungen unterstreicht. Trotz jahrzehntelanger Forschung ist Alzheimer nach wie vor unheilbar, und die Entwicklung von Medikamenten hat sich als äußerst herausfordernd erwiesen. Dieser Artikel befasst sich mit den jüngsten Fortschritten, Studienabbrüchen und Hoffnungen im Bereich der Alzheimer-Medikamentenentwicklung und beleuchtet die Komplexität dieser heimtückischen Krankheit.
Die Alzheimer-Krankheit: Eine wachsende globale Herausforderung
Alzheimer ist mit rund 65 Prozent die am weitesten verbreitete Form von Demenz. In Deutschland leiden schätzungsweise 1,1 Millionen Menschen an Alzheimer. Zu den häufigsten Symptomen zählen Gedächtnis-, Orientierungs- und Sprachstörungen sowie Fehlfunktionen beim Denk- und Urteilsvermögen. Nicht selten verändert sich die Persönlichkeit, worunter besonders die Angehörigen und Kinder leiden. Die Patienten sind daher zunehmend auf Hilfe und Unterstützung angewiesen. Nach Schätzungen der Deutschen Alzheimer Gesellschaft litten Ende 2018 hierzulande rund 1,6 Millionen Menschen an Demenz, davon etwa 1,1 Millionen an Alzheimer. Täglich kommen ca. 900 bzw. 600 Neuerkrankungen hinzu. Weltweit erkrankt alle drei Sekunden ein Mensch an Demenz. Aufgrund des Wachstums einer ständig älter werdenden Erdbevölkerung dürfte der prozentuale Anteil des altersbedingten Alzheimers von bislang zwei Dritteln aller Demenzfälle weiter zunehmen. Lebten 2020 nach Informationen des Verbands Alzheimer’s Disease International weltweit etwa 50 Millionen Menschen mit Demenz, sollen es 2030 bereits 82 Millionen und 2050 schließlich sogar 152 Millionen sein.
Meilensteine und Rückschläge in der Medikamentenentwicklung
Trotz der Herausforderungen gab es in den letzten Jahren einige vielversprechende Entwicklungen in der Alzheimer-Forschung. Ein bemerkenswertes Beispiel ist der USKonzern Biogen. Dessen Wirkstoff Aducanumab erhielt am 7. Juni von der zuständigen US-amerikanischen Arzneimittelbehörde (FDA) unter Auflagen (weitere Studien) die Zulassung zur Behandlung der Alzheimer-Krankheit. Mit einer Zulassung für Europa wird Ende des Jahres gerechnet. Ein absoluter Meilenstein: Denn in der Vergangenheit scheiterten mehr als 200 Kandidaten gegen dieses Leiden in den klinischen Studien. An der Börse schoss deshalb der Biogen- Kurs in Spitze um 60 Prozent nach oben. Schließlich hätte das unter dem Name Aduhelm erhältliche Medikament hoffnungsvoller nicht sein können. Aduhelm ist die erste Therapieform, die, anders als die bisherigen Behandlungsstandards, auf die grundlegenden Mechanismen der Erkrankung einwirkt. Der Antikörper-Wirkstoff richtet sich zwar nicht gegen die (noch immer unbekannte) Ursache des Leidens, jedoch gegen das Eiweiß Beta-Amyloid, das charakteristisch bei Erkrankten vorkommt. Dieses Protein baut der Körper normalerweise ab, bei Alzheimer sammelt es sich jedoch im Gehirn an. Dort verklumpt es zu unauflöslichen Ablagerungen (Plaques), die wiederum für die Zerstörung der dortigen Nervenzellen verantwortlich sind. Denn in vorangegangenen klinischen Testungen wurde nachgewiesen, dass der Biogen-Wirkstoff die schädlichen Plaques effektiv entfernt.
Allerdings ist Aduhelm nicht unumstritten, da nicht alle Studien bis zur Zulassung nach Plan liefen. War die erste Testphase 2016 noch vollumfänglich überzeugend, kam es anschließend zu Kontroversen. Denn bei den darauffolgenden Phase-3-Studien „Emerge“ und „Engage“ mit insgesamt 3200 Probanden gab es widersprüchliche Ergebnisse. Da nicht nachgewiesen werden konnte, dass der Wirkstoff zu geistigen Verbesserungen führt, stoppte Biogen Anfang 2019 beide Testreihen. Allerdings nutzten rund 2000 Patienten die Möglichkeit, die Therapie nach Studienabbruch bis zum eigentlichen Endpunkt fortzuführen. Diesen erweiterten „statistisch signifikanten“ (laut Biogen) Datensatz, vor allem auf die „Emerge“-Studie bezogen, nutzte der Konzern für eine Neubewertung, wonach Aduhelm bei hoher Dosierung doch eine positive Wirkung auf die Gedächtnisleistung nachweise. Daraufhin beantragte das Biotech in Abstimmung mit der FDA Ende 2019 die Genehmigung, die nun Anfang Juni erfolgte.
Ein weiterer vielversprechender Kandidat ist Gantenerumab, ein von Roche und Morphosys entwickelter Antikörper. Die FDA verlieh dem Medikament den Breakthrough-Therapy-Status, um die klinische Prüfung zu beschleunigen. Gantenerumab wird subkutan verabreicht und bindet an aggregierte Formen des Beta-Amyloids. Allerdings hatte man hier auch zunächst mit der niedrigeren Dosierung begonnen und erst in der Halbzeit auf die fünffache Dosis umgestellt. Obwohl sich die kognitiven Leistungen nicht verbessert hatten, zeigten Imaging-Analysen, dass die Gabe von Gantenerumab die Plaques reduzieren konnte.
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Trotz dieser Fortschritte gab es auch Rückschläge. So musste Novo Nordisk einen Dämpfer hinnehmen: Semaglutid, bekannt als Diabetes- und Abnehm-Medikament, kann Alzheimer im Frühstadium nicht aufhalten. Die Aktie des dänischen Pharmakonzerns stürzte daraufhin um bis zu zehn Prozent ab - der tiefste Stand seit 2021. Zwischen der Semaglutid- und der Placebo-Gruppe zeigte sich kein signifikanter Unterschied. Weder Gedächtnis noch Alltagsfähigkeiten blieben durch das Medikament besser erhalten. Die Krankheit schritt trotz der Entzündungshemmung voran. Ein frustrierendes Ergebnis für Betroffene und Wissenschaftler gleichermaßen.
Die Amyloid-Hypothese und alternative Ansätze
Die Amyloid-Hypothese, die besagt, dass die Amyloid-beta-Ablagerungen im Gehirn von Patienten ursächlich für die Krankheit sind, dominiert die Alzheimer-Forschung seit den 1990er-Jahren. Viele Medikamente, die auf diese Hypothese abzielen, sind jedoch gescheitert. Einige Forscher argumentieren, dass die Amyloid-Hypothese möglicherweise nicht die ganze Geschichte erzählt und dass andere Faktoren, wie zelluläre und molekulare Veränderungen im Gehirn, ebenfalls eine Rolle spielen könnten.
Ein alternativer Ansatz besteht darin, sich auf die Prävention von Alzheimer zu konzentrieren. Experten wie Dr. Ivan Koychev von der Universität Oxford sehen mögliches Potenzial in einem anderen Bereich: der Prävention. Die epidemiologischen Daten deuten darauf hin, dass eine jahrelange Einnahme vor Ausbruch der Symptome das Erkrankungsrisiko senken könnte.
Hoffnungsschimmer und zukünftige Richtungen
Trotz der vielen Herausforderungen gibt es in der Alzheimer-Forschung weiterhin Hoffnung. Laufende Studien untersuchen neue Wirkstoffe, die auf verschiedene Aspekte der Krankheit abzielen, darunter Tau-Proteine, Entzündungen und genetische Faktoren.
Ein vielversprechender Ansatz ist die Immuntherapie, bei der das Immunsystem aktiviert wird, um Beta-Amyloid-Klumpen im Gehirn zu bekämpfen. Das Biotech-Unternehmen Axon Neuroscience hat neue Ergebnisse der Phase-II-Studie für „AADvac1“ bekanntgegeben - den ersten Impfstoff seiner Klasse, der das Fortschreiten der Alzheimer-Krankheit verlangsamen soll. Die Behandlung erwies sich als hochwirksam: 98,2 Prozent der Patienten erzeugten Antikörper gegen pathologisches Tau. Tau-Proteine spielen eine wichtige Rolle für die gesunde, normale Funktion eines Gehirns. Alzheimer beginnt, wenn normale Tau-Proteine durch Trunkation pathologisch werden: Struktur und Funktion werden verändert. Die ungesunden Tau-Proteine binden sich aneinander und es entstehen Verklumpungen, die sich im Gehirn ausbreiten und die Krankheit verursachen.
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Ein weiterer Bereich von Interesse ist die Erforschung genetischer Faktoren, die das Alzheimer-Risiko beeinflussen. Eine Studie der Washington University School of Medicine in St. Louis ergab, dass das Medikament Gantenerumab bei Menschen mit einer genetischen Mutation, die fast sicher zur Alzheimer-Erkrankung führt, den Ausbruch der Demenz um Jahre verzögern kann.
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