Alzheimer im Fokus: Aktuelle Fragen und Schwerpunkte

Die Alzheimer-Krankheit stellt eine der größten Herausforderungen im Bereich der Neurodegeneration dar. Weltweit arbeiten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler daran, die Ursachen der Erkrankung besser zu verstehen, neue Diagnostikverfahren zu entwickeln und Therapien zu finden, die den Verlauf der Krankheit beeinflussen können. Noch gibt es keine Heilung, aber für einige Formen der Demenz gibt es bereits zuverlässige Diagnostikverfahren, Präventionsmaßnahmen und erste Therapien, die den Krankheitsverlauf verlangsamen können. Dieser Artikel beleuchtet die Schwerpunkte der Alzheimerforschung und -versorgung in Deutschland, von Früherkennung und neuen Medikamenten bis hin zur Verbesserung der Lebensqualität von Betroffenen und ihren Angehörigen.

Gedächtnisambulanzen: Spezialisierte Anlaufstellen für Diagnostik

Gedächtnisambulanzen sind auf die Diagnostik von Gedächtnisproblemen spezialisiert. Ärztinnen, Ärzte und andere Fachkräfte untersuchen dort, welche Ursachen den Gedächtnisproblemen zugrunde liegen und ob eine Demenzerkrankung wie Alzheimer vorliegt. In Deutschland gibt es rund 160 dieser Einrichtungen, die auch als Memory Kliniken oder Gedächtnissprechstunden bezeichnet werden. Die Überweisung erfolgt durch die Hausärztin oder den Hausarzt.

Mit den neuen Alzheimer-Medikamenten kommt den Gedächtnisambulanzen eine zusätzliche Rolle zu: Erste Zentren koordinieren bereits die notwendigen Schritte für eine mögliche Behandlung mit Leqembi oder Kisunla und begleiten die erforderlichen Untersuchungen.

Ausgewählte Gedächtnisambulanzen in Deutschland

Um die Suche nach einer geeigneten Einrichtung zu erleichtern, folgt eine Auflistung von Gedächtnisambulanzen in verschiedenen Regionen Deutschlands.

Wohin führt die Forschung?

Alzheimer ist eine äußerst komplexe Krankheit. Viele der Prozesse, die im Gehirn ablaufen, sind noch immer nicht vollständig verstanden. Hinzu kommt: Alzheimer beginnt lange bevor die ersten Symptome sichtbar werden. Wenn das Gedächtnis nachlässt, sind die Schäden im Gehirn meist bereits weit fortgeschritten und der Krankheitsprozess nicht mehr umkehrbar.

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Doch es gibt Hoffnung. Erste Medikamente greifen gezielt in den Krankheitsverlauf ein, und Therapien können das Leben von Menschen mit Demenz bereits heute spürbar verbessern, indem sie den Alltag erleichtern, Fähigkeiten länger erhalten und die Lebensqualität steigern.

Forschende weltweit arbeiten daran, Alzheimer eines Tages zu stoppen oder zu heilen und dadurch das Leben künftiger Generationen entscheidend zu verändern.

Schwerpunkte der aktuellen Alzheimer-Forschung

Die Alzheimerforschung konzentriert sich auf verschiedene Bereiche, um die Krankheit besser zu verstehen, frühzeitig zu erkennen und wirksamer zu behandeln.

1. Früherkennung

Alzheimer und andere Demenzerkrankungen beginnen oft viele Jahre, bevor erste Symptome auftreten. Neue Bluttests, bildgebende Verfahren und digitale Methoden sollen es ermöglichen, die Krankheiten deutlich früher und zuverlässiger zu erkennen. Gerade weil Medikamente im frühen Stadium am besten wirken, wird die Früherkennung zu einem entscheidenden Schlüssel in der Versorgung.

Die App neotivCare ist darauf ausgelegt, frühzeitig ein aussagekräftiges Bild der Gedächtnisleistung zu erstellen und somit eine rechtzeitige Intervention zu ermöglichen. Das Team am DZNE entwickelte deswegen gemeinsam mit der Universität Magdeburg und dem Magdeburger Start-Up neotiv eine App, die darauf ausgelegt ist, die Frühzeichen der Erkrankung zu erkennen und somit eine rechtzeitige Intervention zu ermöglichen. Die App namens „neotivCare“ enthält eine Reihe sensibler kognitiver Tests, die spezifische Gehirnregionen ausleuchten und auf subtile kognitive Veränderungen hinweisen.

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2. Antikörper-Medikamente

Mit den Antikörpern Leqembi und Kisunla gibt es erstmals Medikamente, die den Verlauf von Alzheimer verlangsamen können. Sie richten sich an Menschen in einem frühen Krankheitsstadium und greifen gezielt in die Prozesse im Gehirn ein. Noch ist offen, wie groß ihr Nutzen langfristig ist und wie Nebenwirkungen am besten kontrolliert werden können. Forschungsteams arbeiten außerdem daran, ob sich die Antikörper künftig mit anderen Wirkstoffen kombinieren lassen.

Zwei vielversprechende Medikamente, die kürzlich die Aufmerksamkeit der wissenschaftlichen Gemeinschaft auf sich gezogen haben, sind Lecanemab und Donanemab. Lecanemab erhielt 2023 in den USA die volle Zulassung. Die intravenöse Infusionstherapie soll die Beta-Amyloid-Plaques im Gehirn entfernen und zeigte in klinischen Studien eine Verlangsamung des Fortschreitens der Krankheit. Für Europa sprach sich die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) im Sommer allerdings gegen die Zulassung von Lecanemab aus. Viele Fachleute und Patientenorganisationen reagierten enttäuscht. Ein großes Potenzial zeigt auch der Wirkstoff Donanemab, der ebenfalls Beta-Amyloid-Plaques im Gehirn entfernt und im Juli 2024 in den USA zugelassen wurde.

3. Krankheitsmechanismen verstehen

Was genau passiert im Gehirn von Menschen mit Alzheimer? Forschende untersuchen zentrale Prozesse wie die Ablagerung der Proteine Amyloid-beta und Tau, entzündliche Vorgänge, die Bedeutung von Umwelteinflüssen und genetische Aspekte. Ziel ist es, die Entstehung der Erkrankungen besser zu verstehen und neue Ansatzpunkte für Therapien zu finden.

Alzheimer entsteht durch eine Kombination aus genetischen Ursachen und Umweltfaktoren. Altersbedingte Veränderungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, ungesunde Lebensgewohnheiten und chronische Entzündungen tragen außerdem zur Krankheit bei. Ein Schlüsselmechanismus der Entstehung ist die Bildung von so genannten Beta-Amyloid-Plaques im Gehirn, welche die Kommunikation zwischen den Nervenzellen stören und zur Neurodegeneration beitragen. Darüber hinaus kommt es zur Verklumpung sogenannter Tau-Proteine, auch als neurofibrilläre Tangles bekannt. Tau-Proteine helfen normalerweise, die Struktur der Zellen zu stabilisieren und den Transport von Nährstoffen innerhalb der Zellen zu organisieren. Diese Prozesse führen zu Synapsenverlust und neuronaler Degeneration, was Gedächtnis und Kognition beeinträchtigt.

4. Vorbeugung von Demenzerkrankungen

Rund 45 Prozent aller Demenzerkrankungen ließen sich nach aktuellem Stand der Wissenschaft durch die Reduktion bestimmter Risikofaktoren verzögern oder sogar verhindern. Dazu gehören Bluthochdruck, Diabetes, Hörverlust, Depressionen oder soziale Isolation. Die Forschung versucht, diese Zusammenhänge besser zu verstehen und Menschen dabei zu unterstützen, ihr persönliches Risiko zu senken.

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5. Pflege und Lebensqualität

Neben der medizinischen Forschung rückt auch der Alltag von Menschen mit Demenz in den Mittelpunkt. Studien befassen sich damit, wie die Versorgung individueller, die Belastung für Angehörige geringer und die Selbstständigkeit der Erkrankten länger erhalten werden kann. Technische Hilfen, soziale Teilhabe und neue Versorgungsmodelle spielen eine zentrale Rolle.

Die Rolle der Gedächtnissprechstunde in der Demenzdiagnostik

Die Gedächtnissprechstunde spielt eine zentrale Rolle bei der differentialdiagnostischen Abklärung bei Verdacht auf eine dementielle Erkrankung sowie bei der Verlaufsbeurteilung, insbesondere bei unklaren Demenzen. Hier wird eine umfassende Diagnostik durch ein ausführliches Anamnesegespräch, bei dem auch die Fremdperspektive durch Angehörige berücksichtigt wird, angeboten. Gemeinsam sichten die Fachkräfte eventuelle Vorbefunde oder fordern diese gegebenenfalls an. Zudem werden neben einer neurologischen Untersuchung neuropsychologische Testungen in Form von Screenings oder Assessments durchgeführt. Direkt im Anschluss wird das weitere Vorgehen besprochen. Gegebenenfalls erfolgt die Planung zusätzlich erforderlicher Diagnostik wie z. B. eine ausführliche neuropsychologische Testung, MRT- bzw. PET- Untersuchungen oder einer Nervenwasserentnahme mittels Lumbalpunktion. Nach Abschluss der Diagnostik erhalten die Patienten Therapieempfehlungen und werden über Behandlungsmöglichkeiten informiert. Zusätzlich informieren und beraten die Fachkräfte zu klinischen Studien und dem aktuellen Forschungsstand.

Leben mit Demenz: Herausforderungen und Unterstützung

Eine Demenz wirkt sich auf verschiedene Lebensbereiche aus, zum Beispiel auf den Alltag, das Verhalten und Gefühle, die Kommunikation, auf Familie und Partnerschaft sowie auf die soziale Teilhabe. Wie sich eine Demenz auswirkt, ist individuell verschieden. Dabei spielen mehrere Faktoren eine Rolle: beispielsweise die Form der Demenz, der Zeitpunkt der Diagnose sowie Möglichkeiten der Behandlung. Und nicht zuletzt kommt es auch auf die Lebenssituation und die praktische Unterstützung durch das Umfeld an.

Auswirkungen auf den Alltag

Für Menschen mit Demenz wird es mit fortschreitender Erkrankung schwieriger, den Alltag selbstständig zu bewältigen. Zum Beispiel nimmt die Fähigkeit ab, gewohnte Tätigkeiten durchzuführen, sich zeitlich und örtlich zu orientieren sowie Situationen einzuschätzen. Auch wird die Funktion von Gegenständen teilweise nicht mehr erkannt. Körperliche Beeinträchtigungen können den Alltag zusätzlich erschweren. Je stärker die Erkrankung ausgeprägt ist, umso weniger Selbstfürsorge ist in der Regel möglich, zum Beispiel im Haushalt, bei der Körperpflege, Ernährung, Medikation oder Freizeitgestaltung. Menschen mit fortgeschrittener Demenz können etwa die Finanzen und behördliche Angelegenheiten nicht mehr regeln.

Verhaltensänderungen

Mit fortschreitender Demenz kann sich das Verhalten deutlich ändern. Das kann sich zum Beispiel in häufigen Stimmungswechseln, Antriebslosigkeit oder unruhigem Umhergehen (Wandering-Syndrom) zeigen. Auch kann der Tag-Nacht-Rhythmus gestört sein. Dann ist die Person vermehrt am Abend oder nachts aktiv (Sundowning-Syndrom). Zudem können Wahrnehmungsstörungen bis hin zu Wahnvorstellungen auftreten. Das Verhalten von Menschen mit Demenz kann für das Umfeld unverständlich, anstrengend und auch mit Scham besetzt sein.

Kommunikation und soziale Teilhabe

Die Demenz wirkt sich erheblich auf die Kommunikationsfähigkeit aus. Zum Beispiel werden Worte nicht mehr richtig verwendet oder verstanden. Schließlich verlieren sie immer mehr an Bedeutung. Mimik, Gestik und Berührungen werden dann besser verstanden als Worte. Der Verlust von gewohnten Fähigkeiten, wie Orientierung und Gedächtnis, kann stark verunsichern. Mit fortschreitender Erkrankung wird es zudem schwieriger, am sozialen Leben teilzunehmen. Zum einen erschweren es kognitive und körperliche Symptome, gezielt aktiv zu sein und sich mit anderen auszutauschen. Zum anderen treffen Menschen mit Demenz im öffentlichen Raum mitunter aufgrund ihres Verhaltens auf Unverständnis oder gar Ablehnung.

Unterstützung für Betroffene und Angehörige

Mit der Diagnose einer Demenzerkrankung ergeben sich sowohl für die Betroffenen als auch für die Angehörigen zahlreiche Fragen. Im Rahmen einer Demenzsprechstunde besprechen Fachkräfte ausführlich das Krankheitsbild mit seinen Symptomen, den möglichen Formen und Verläufen und den Möglichkeiten der Behandlung. Dabei legen sie den Fokus auf das aktive Gestalten des Alltags, den selbstbestimmten Umgang mit der Erkrankung und auf Möglichkeiten zur Unterstützung und Entlastung Angehöriger und Pflegender, um Sicherheit zu schaffen und Lebensqualität zu erhalten.

Gesellschaftliche Initiativen und Aufklärung

Akzeptanz, Verständnis und Unterstützung durch das Umfeld sind wichtige Faktoren, damit Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen möglichst gut mit der Erkrankung leben können. Jedoch ist die Gesellschaft vielfach nicht auf darauf eingestellt. Viele wissen zum Beispiel nicht, wie sie mit fremden Menschen mit Demenz umgehen oder ihnen bei einer Begegnung helfen können, zum Beispiel in der Nachbarschaft, im Restaurant oder im Supermarkt. Darum sind gesellschaftliche Aufklärung und Sensibilisierung für die Bedürfnisse von Menschen mit Demenz wichtig. Die aktuell größte bundesweite Initiative ist die Nationale Demenzstrategie (NDS), eine Weiterentwicklung der von der Bundesregierung initiierten „Allianz für Menschen mit Demenz“.

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