Die Nonnenstudie: Ein Meilenstein in der Alzheimer-Forschung

Die Nonnenstudie ist eine faszinierende Langzeitstudie, die wichtige Erkenntnisse über die Alzheimer-Krankheit und die Faktoren, die zu einem gesunden Altern beitragen können, liefert. Unter der Leitung von Dr. David Snowdon wurde seit 1986 das Leben von über 600 Nonnen des Ordens "Schulschwestern von Notre Dame" in den USA über mehrere Jahrzehnte hinweg begleitet. Die Studie umfasste jährliche kognitive und körperliche Untersuchungen, die Auswertung persönlicher Unterlagen und die Spende der Gehirne nach dem Tod für Forschungszwecke.

Der Beginn einer bahnbrechenden Forschung

Amerikanischen Forschern war aufgefallen, dass Nonnen oft ein höheres Alter erreichen als der Durchschnitt der Bevölkerung, während der Anteil an Altersdemenz bei ihnen vergleichsweise gering ist. Ursprünglich wollten sie lediglich untersuchen, wie die Nonnen gelebt haben und ob sie bis zu ihrem Tod geistig fit waren. Nach ihrem Tod wurden die Gehirne der Nonnen mit ihrem vorherigen Einverständnis auf Anzeichen der Alzheimer-Krankheit untersucht, um wissenschaftliche Rückschlüsse zwischen ihrem Lebenslauf und der Krankheit ziehen zu können.

Unerwartete Ergebnisse: Schwester Bernadette und die Infragestellung des Zusammenhangs zwischen Plaques und Demenz

Die Untersuchung des Gehirns von Schwester Bernadette, die zu Lebzeiten keinerlei Demenzerscheinungen zeigte, lieferte eine überraschende Erkenntnis. Ihr Gehirn war mit Plaques übersät, und nach den Gewebeproben zu urteilen, hätte sie eine schwer demente Frau sein müssen. Trotzdem war sie bis zu ihrem Tod geistig rege und übte anspruchsvolle körperliche Tätigkeiten aus. Dieser Fall stellte den bis dahin geltenden Zusammenhang zwischen Plaques und seniler Demenz in Frage.

Nach dem Fall von Schwester Bernadette wurden weitere ähnliche Fälle entdeckt, in denen Nonnen trotz geschädigter Gehirne geistig gesund waren. Dies führte zu der Erkenntnis, dass selbst eine Unzahl von Eiweißablagerungen und ein schrumpfendes Gehirn nicht zwingend Alzheimer bedingen.

Kritik an der Studie: Ein unvollständiger Ansatz

Obwohl die Nonnenstudie bahnbrechende Erkenntnisse lieferte, wurde auch Kritik an ihrem Ansatz geäußert. Kritiker bemängelten, dass die Studie auf halbem Weg stehen geblieben sei und die Folgerungen unvollständig waren. Statt lediglich aufzulisten, wie das Leben der Nonnen verlaufen ist, wäre es hilfreich gewesen, ihre Regsamkeit im Alter genauer zu erfassen: wie sie sich bewegten, ob sie Sport getrieben haben und ob ihre alltäglichen Verrichtungen mehr oder weniger Konzentration erforderten.

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Die so gewonnenen Aufzeichnungen, verglichen mit den Feststellungen bei der Untersuchung ihrer Gehirne, hätten wertvolle Grundlagen für weitere Alzheimerforschungen liefern können. So blieb die Frage nach einem möglichen Zusammenhang zwischen Bewegung und Demenzvermeidung unbeantwortet.

Der logische Trugschluss im Fall von Schwester Bernadette

Vom Lebensstil von Schwester Bernadette darauf zu schließen, warum sie nicht dement wurde, ist nicht logisch. Sie hat offensichtlich nicht wie eine "typische" Nonne gelebt, da ihr Gehirn von den Eiweißablagerungen übersät war. Die Tatsache, dass sie trotzdem zu der Zeit, als ihr Gehirn bereits geschädigt war, geistig fit geblieben ist, wirft die Frage auf, wie vielseitig und anspruchsvoll sie sich in ihren letzten Lebensjahren bewegt hat. Daraus hätte man schließen können, was im Alter nach einem ungesund geführten Leben nötig ist, um geistig fit zu bleiben.

Zweigeteilte Alzheimerforschung

Die Alzheimerforschung sollte idealerweise zweigeteilt sein:

  1. Wie soll man leben, um Plaques im Hirn zu vermeiden?
  2. Was kann man im Alter tun, damit Plaques im Hirn keinen Schaden anrichten?

Die kognitive Reserve: Ein Schlüssel zum Verständnis

Ein wichtiger Aspekt, der durch die Nonnenstudie beleuchtet wurde, ist die sogenannte kognitive Reserve. Die Studie zeigte, dass einige Nonnen trotz erheblicher Alzheimer-typischer Veränderungen im Gehirn keine oder nur geringe kognitive Einbußen aufwiesen. Dies deutet darauf hin, dass bestimmte Faktoren wie Bildung, Intelligenz und geistige Aktivität eine Art Schutzmechanismus darstellen können, der es dem Gehirn ermöglicht, die Auswirkungen der Krankheit zu kompensieren.

Die Gehirnmechanismen der kognitiven Reserve sind jedoch noch weitgehend unbekannt. Aktuelle Forschungsprojekte versuchen, diese Mechanismen mithilfe moderner bildgebender Verfahren wie der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) und der Positronen-Emissions-Tomographie (PET) zu erfassen. Ziel ist es, herauszufinden, ob eine höhere kognitive Reserve mit Veränderungen in der koordinierten Aktivierung von Netzwerken bestimmter Gehirnbereiche verbunden ist.

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Weitere Erkenntnisse aus der Nonnenstudie

Die Nonnenstudie lieferte noch weitere wichtige Erkenntnisse:

  • Bildung und kognitive Aktivität: Ein höherer Bildungsgrad und eine höhere kognitive Aktivität im späteren Leben sind mit einem verringerten Risiko für Alzheimer und andere altersbedingte neurologische Erkrankungen verbunden.
  • Positive Lebenseinstellung: Eine positive, optimistische Lebenseinstellung und eine positive emotionale Ausdrucksweise im jungen Alter sind mit einer längeren Lebensdauer verbunden.
  • Soziale Beziehungen: Soziale Beziehungen und soziale Unterstützung spielen eine wichtige Rolle für die Gesundheit im Alter.

Die Grenzen der Nonnenstudie

Es ist wichtig zu beachten, dass die Nonnenstudie auch ihre Grenzen hat. Der einzigartige Lebensstil und die Lebensumstände der Nonnen machen eine Generalisierung der Studienergebnisse schwierig. Darüber hinaus ist es wichtig zu bedenken, dass sich die pathologischen Veränderungen einer Alzheimer-Erkrankung schon Jahrzehnte vor einer klinischen Auffälligkeit manifestieren können.

Aktuelle Herausforderungen und vielversprechende Ansätze in der Alzheimerforschung

Die Alzheimerforschung steht weiterhin vor großen Herausforderungen. Obwohl in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte erzielt wurden, verstehen die Forschenden die molekularen Mechanismen, die Alzheimer verursachen, noch immer nicht vollständig.

Ein vielversprechender Ansatz ist die Entwicklung von Medikamenten, die auf die Ansammlung von Tau-Proteinen im Gehirn abzielen. Im Moment laufen Therapiestudien, die sich gegen die Ansammlung von Tau richten.

Da es wahrscheinlich noch lange keine Antialzheimerpille geben wird, gewinnen nicht-medikamentöse Behandlungsansätze an Bedeutung. Insbesondere in der frühen Phase ist es sinnvoll, kognitive Stimulation anzubieten. Auch Verfahren, die die Erinnerung wecken, sind geeignet, genauso wie Ergotherapie für alltagspraktische Übungen und körperliche Aktivität.

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