Alzheimer: Vererbbarkeit, Risikofaktoren und Geschlechterunterschiede

Die Alzheimer-Krankheit ist eine der häufigsten Formen der Demenz und stellt eine große Herausforderung für Betroffene, Angehörige und das Gesundheitssystem dar. Während das Alter als der größte Risikofaktor gilt, spielen auch genetische Veranlagung und Geschlecht eine wichtige Rolle. Insbesondere Frauen sind häufiger und stärker von Alzheimer betroffen, was zu intensiver Forschung nach den Ursachen und möglichen Präventionsstrategien geführt hat.

Vererbbarkeit von Alzheimer

Viele Menschen fragen sich, ob Alzheimer vererbbar ist, besonders wenn Fälle in der Familie bekannt sind. Grundsätzlich unterscheidet man zwischen zwei Formen der Alzheimer-Krankheit:

  • Familiäre Alzheimer-Krankheit: Diese Form ist selten und macht nur etwa 1 bis 5 % aller Alzheimer-Fälle aus. Sie wird durch Mutationen in bestimmten Genen (APP, Präsenilin 1 und Präsenilin 2) verursacht, die autosomal-dominant vererbt werden. Das bedeutet, dass Kinder von Trägern dieser Mutationen ein 50-prozentiges Risiko haben, die Krankheit zu erben und zu entwickeln. Die familiäre Alzheimer-Krankheit beginnt oft in jüngerem Alter, meist vor dem 65. Lebensjahr.
  • Sporadische Alzheimer-Krankheit: Diese Form ist weitaus häufiger und tritt erst nach dem 65. Lebensjahr auf. Obwohl das Alter der größte Risikofaktor ist, spielen auch genetische Risikofaktoren eine Rolle.

Genetische Risikofaktoren

Genetische Risikofaktoren erhöhen die Wahrscheinlichkeit, an Alzheimer zu erkranken, bedeuten aber nicht zwangsläufig, dass die Krankheit ausbricht. Ein wichtiger genetischer Risikofaktor ist die APOE4-Genvariante.

  • APOE4: Das Apolipoprotein E (APOE) ist ein Protein, das am Transport von Cholesterin und anderen Fetten im Körper beteiligt ist, einschließlich des Gehirns. Es gibt verschiedene Varianten des APOE-Gens, wobei APOE4 das Alzheimer-Risiko deutlich erhöht. Menschen, die von beiden Elternteilen die APOE4-Variante erben, haben ein besonders hohes Risiko. Eine Studie deutet darauf hin, dass bei Personen, die von beiden Elternteilen das APOE4-Gen geerbt haben, das Risiko so hoch ist, dass es als weitere erbliche Form der Alzheimer-Demenz einzustufen sei. Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass nicht jeder Träger der APOE4-Variante zwangsläufig an Alzheimer erkrankt.
  • Andere genetische Risikofaktoren: Neben APOE4 wurden weitere Gene identifiziert, die das Alzheimer-Risiko beeinflussen können. Diese Gene tragen jedoch weniger stark zur Krankheitsentstehung bei als APOE4.

Alzheimer und Frauen

Frauen sind häufiger von Alzheimer betroffen als Männer. Weltweit leiden etwa 20,9 Millionen Frauen an Alzheimer, verglichen mit 11,4 Millionen Männern. Dieser Unterschied lässt sich nicht allein durch die höhere Lebenserwartung von Frauen erklären. Frauen leben nicht nur länger, sondern auch länger mit Demenz, bereits in der präklinischen Phase, bevor die ersten Symptome auftreten.

Warum sind Frauen häufiger betroffen?

Die Gründe für die höhere Prävalenz von Alzheimer bei Frauen sind komplex und noch nicht vollständig verstanden. Es wird vermutet, dass mehrere Faktoren zusammenwirken, darunter:

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  • Hormonelle Faktoren: Frauen durchlaufen verschiedene hormonelle Phasen, die Männer nicht haben: Menstruationszyklen, Schwangerschaften, Menopause und Postmenopause. Diese hormonellen Veränderungen, insbesondere der Abfall des Östrogenspiegels in den Wechseljahren, könnten eine Rolle bei der Entstehung von Alzheimer spielen. Östrogene scheinen Nervenzellen vor Entzündungen zu schützen, und ein sinkender Spiegel könnte kognitive Beeinträchtigungen begünstigen.
  • Genetische Faktoren: Bestimmte Gene auf dem X-Chromosom könnten das Alzheimer-Risiko bei Frauen erhöhen. Frauen mit homozygotem APOE4 Gen-Status haben hier das größte Risiko, später an Alzheimer zu erkranken.
  • Immunologische Faktoren: Eine chinesische Studie identifizierte eine Mutation des C3-Proteins, das für die Immunabwehr wichtig ist, häufiger bei Frauen mit Alzheimer. Diese Mutation kann dazu führen, dass das C3-Protein intakte Synapsen zerstört, was den kognitiven Verfall beschleunigt. Der weibliche Östrogenspiegel schützt körpereigene Proteine wie C3. Lässt der Schutz nach, steigt also das Risiko, dass sich das Protein modifiziert - und Fehlfunktionen aufweist.
  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Nach der Menopause haben Frauen ein höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, was auch ihr Alzheimer-Risiko erhöht. Risikofaktoren wie hoher Blutdruck, hohe Cholesterinwerte und Diabetes tragen ebenfalls zur Entstehung von Demenz bei.
  • Sozioökonomische Faktoren: Frauen sind in der medizinischen Versorgung möglicherweise Vorurteilen ausgesetzt und erhalten seltener eine angemessene Behandlung. Auch Unterschiede in den Bildungschancen könnten eine Rolle spielen.
  • Weitere Risikofaktoren: Depressionen, Diabetes, Fettleibigkeit, Schädel-Hirn-Traumata und chronische Entzündungen scheinen sich bei Frauen stärker auf den kognitiven Verfall auszuwirken als bei Männern.

Unterschiede im Krankheitsverlauf

Erkrankt eine Frau an Alzheimer, geht es schneller bergab. Sie erlebt einen rascheren und dramatischeren Verfall ihrer kognitiven Fähigkeiten, vor allem der sprachlichen. Zum Beispiel machen sich Wortfindungsstörungen stärker bemerkbar. Auch finden sich in weiblichen Alzheimer-Gehirnen mehr toxische Proteine als in denen der Männer, das Hirngewebe baut sich zügiger ab. Außerdem zeigen Frauen zu Beginn der Erkrankung vermehrt depressive Symptome, während Männer stärker zu Aggressionen neigen.

Prävention und Risikomanagement

Obwohl es keine garantierte Vorbeugung gegen Alzheimer gibt, können verschiedene Maßnahmen das Risiko senken oder den Ausbruch der Krankheit hinauszögern:

  • Gesunder Lebensstil: Eine ausgewogene Ernährung, regelmäßige körperliche Aktivität, geistige Stimulation und soziale Kontakte sind wichtig für die Gesundheit des Gehirns.
  • Herz-Kreislauf-Gesundheit: Die Kontrolle von Blutdruck, Cholesterin und Blutzucker ist entscheidend, um das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und damit auch von Demenz zu verringern.
  • Kognitives Training: Das Gehirn sollte regelmäßig gefordert werden, z. B. durch das Erlernen neuer Fähigkeiten, das Lösen von Rätseln oder das Spielen von Musikinstrumenten.
  • Soziale Kontakte: Einsamkeit ist ein Risikofaktor für Alzheimer. Daher ist es wichtig, soziale Kontakte zu pflegen und aktiv am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.
  • Vermeidung von Risikofaktoren: Rauchen, übermäßiger Alkoholkonsum, Übergewicht und Kopfverletzungen sollten vermieden werden.
  • Frühe Diagnose und Behandlung: Eine frühzeitige Diagnose ermöglicht es, geeignete Unterstützungsmaßnahmen zu ergreifen und den Krankheitsverlauf durch Medikamente und andere Therapien zu beeinflussen.

Medikamentöse Therapie

In den letzten Jahren wurden Fortschritte bei der Entwicklung von Medikamenten zur Behandlung von Alzheimer erzielt.

  • Cholinesterase-Hemmer und Glutamat-Antagonisten: Diese Medikamente können die Symptome lindern und das Fortschreiten der Krankheit leicht verzögern, haben aber keinen Einfluss auf den Untergang der Nervenzellen.
  • Antikörper-Therapie: Neue Antikörper-Wirkstoffe wie Lecanemab und Donanemab zielen auf die Amyloid-Ablagerungen im Gehirn ab und sollen den Krankheitsverlauf verlangsamen. Lecanemab ist seit kurzem in Deutschland auf dem Markt, während für Donanemab eine Zulassungsempfehlung der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) vorliegt. Studien zeigen, dass Donanemab das Fortschreiten der Alzheimer-Erkrankung um 35 Prozent verlangsamen kann. Bereits eingetretene Symptome können nicht beeinflusst werden.
  • Geschlechterunterschiede bei der Wirksamkeit: Es gibt Hinweise darauf, dass Lecanemab bei Frauen weniger wirksam sein könnte als bei Männern. Dies könnte daran liegen, dass Frauen in den klinischen Studien bereits ein fortgeschritteneres Krankheitsstadium hatten oder dass die Skalen zur Bewertung der kognitiven Leistungen an Männern ausgerichtet sind. Es ist wichtig zu betonen, dass Lecanemab auch bei Frauen wirksam sein kann, insbesondere in frühen Stadien der Erkrankung.

Hormonersatztherapie

Die Rolle der Hormonersatztherapie bei der Prävention von Alzheimer ist umstritten. Einige Studien deuten darauf hin, dass eine frühzeitige Hormontherapie mit Estradiol-Präparaten während des Übergangs in die Menopause oder in der frühen Postmenopause einen schützenden Effekt haben könnte. Andere Studien zeigen jedoch, dass eine späte Hormontherapie das Alzheimer-Risiko sogar erhöhen könnte. Es besteht weiterer Forschungsbedarf, um die genauen Auswirkungen der Hormonersatztherapie auf das Alzheimer-Risiko zu klären.

Forschung und Ausblick

Die Alzheimer-Forschung ist ein aktives und dynamisches Feld. Wissenschaftler arbeiten daran, die Ursachen der Krankheit besser zu verstehen, neue Biomarker für eine frühe Diagnose zu entwickeln und wirksamere Therapien zu finden. Ein Schwerpunkt liegt auf der Erforschung der geschlechtsspezifischen Unterschiede bei Alzheimer, um maßgeschneiderte Präventions- und Behandlungsstrategien zu entwickeln.

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