Die Alzheimer-Krankheit, die häufigste Ursache für Demenz, betrifft Millionen Menschen weltweit. Allein in Deutschland lebten zum Ende des Jahres 2023 etwa 1,8 Millionen Menschen mit Demenz, wobei die Alzheimer-Krankheit die häufigste Ursache ist. Angesichts des demografischen Wandels wird die Zahl der Betroffenen weiter zunehmen. Lange Zeit standen lediglich Medikamente zur Verfügung, die die Symptome lindern konnten. Doch die Forschung macht Fortschritte, und es gibt neue Hoffnung im Kampf gegen diese verheerende Krankheit.
Neue Hoffnung durch Antikörper-basierte Medikamente
Zum Jahreswechsel gab es ermutigende Nachrichten aus der Alzheimer-Forschung: Mit Lecanemab und Donanemab stehen erstmals zwei Wirkstoffe zur Verfügung, die gezielt an einer der Hauptursachen der Erkrankung ansetzen. Diese Amyloid-Antikörpertherapien entfernen krankhafte Eiweißablagerungen im Gehirn, die sich bei der Alzheimer-Krankheit anreichern und dort im Verlauf Nervenzellen schädigen. Für Betroffene im Frühstadium der Krankheit markieren die neuen Therapien einen medizinischen Meilenstein.
Lecanemab (Leqembi): Ein neuer Ansatz zur Verlangsamung des Krankheitsverlaufs
Lecanemab, das in den USA unter dem Handelsnamen Leqembi entwickelt wurde, hat seit kurzem auch die Zulassung in Deutschland erhalten. Der Wirkstoff ist ein Antikörper, der gezielt eine Vorstufe der für Alzheimer typischen Amyloid-beta-Protein-Plaques im Gehirn bindet. Dadurch wird das körpereigene Immunsystem, die Mikrogliazellen, aktiviert, die die Ablagerungen abbauen oder deren Neubildung hemmen.
Wie wirkt Lecanemab?
Professor Christoph Kleinschnitz, Direktor der Klinik für Neurologie, erklärt, dass sich das Medikament gegen Eiweißablagerungen im Gehirn richtet, die Nervenzellen zerstören. Durch die Reduktion dieser Ablagerungen können weniger Nervenzellen zerstört und der Gedächtnisverlust verzögert werden.
Für wen ist Lecanemab geeignet?
Leqembi ist für Menschen mit einer Alzheimer-Diagnose zugelassen, die sich im Stadium einer leichten kognitiven Beeinträchtigung (MCI) oder einer frühen Alzheimer-Demenz befinden. Die Amyloid-beta-Ablagerungen müssen nachgewiesen werden - entweder durch eine Lumbalpunktion oder ein Amyloid-PET. Auch genetische Voraussetzungen spielen eine Rolle: Erkrankte dürfen höchstens eine Kopie des sogenannten ApoE4-Gens tragen. Personen mit zwei Kopien sind wegen des erhöhten Risikos für Hirnblutungen von der Behandlung ausgeschlossen. Leqembi eignet sich außerdem nicht für Menschen, die Gerinnungshemmer einnehmen.
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Wie wird Lecanemab verabreicht?
Lecanemab wird als Infusion alle zwei Wochen direkt in die Vene verabreicht. Die Behandlung dauert jeweils etwa eine Stunde. Vor und während der Behandlung sind MRT-Untersuchungen notwendig, um mögliche Nebenwirkungen wie Hirnschwellungen oder kleine Blutungen frühzeitig zu erkennen.
Welche Nebenwirkungen sind möglich?
In Studien wurden bei einem Teil der Teilnehmenden Hirnschwellungen (ARIA-E) und Hirnblutungen (ARIA-H) beobachtet. Diese traten meist ohne erkennbare Symptome auf, wurden aber engmaschig kontrolliert. Das Risiko für solche Nebenwirkungen hängt stark vom ApoE4-Gen ab: Menschen mit zwei Kopien dieses Gens sind besonders gefährdet und daher von der Behandlung ausgeschlossen. Weitere mögliche Nebenwirkungen sind Kopfschmerzen und Infusionsreaktionen.
Was bringt Lecanemab?
Lecanemab kann Alzheimer weder heilen noch den Krankheitsverlauf aufhalten. Ziel der Behandlung ist es, den geistigen Abbau bei Menschen im frühen Krankheitsstadium zu verlangsamen. In der großen Phase-3-Studie CLARITY AD zeigte sich, dass die Erkrankung bei den Teilnehmenden, die Lecanemab erhielten, langsamer voranschritt als in der Placebo-Gruppe.
Kosten und Verfügbarkeit
Die Behandlung mit Lecanemab wird zunächst von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Aktuell wird geprüft, ob die Therapie mit Lecanemab einen Vorteil hat gegenüber einer medikamentösen Behandlung, die ausschließlich mit den bisher verfügbaren Antidementiva aus der Gruppe der Acetylcholinesterasehemmer durchgeführt wird.
Donanemab: Ein weiterer vielversprechender Antikörper-Wirkstoff
Seit 25.09.2025 ist auch ein zweites Antikörper-basiertes Alzheimermedikament in der EU zugelassen. Es enthält den Antikörper Donanemab. Auch dieses Medikament kann Studien zufolge bei einer Anwendung im Frühstadium der Erkrankung das Fortschreiten verlangsamen.
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Die Funktionsweise und die Zielgruppe von Donanemab ähneln denen von Lecanemab. Allerdings sind auch hier vor Therapiebeginn zeitaufwendige Untersuchungen notwendig, um die Eignung des Patienten festzustellen.
Herausforderungen und Kontroversen
Trotz der vielversprechenden Ergebnisse gibt es auch Herausforderungen und Kontroversen im Zusammenhang mit den neuen Medikamenten. So ist umstritten, wie stark Lecanemab den Krankheitsverlauf von Alzheimer tatsächlich bremsen kann und ob der geringe Nutzen die teils starken Nebenwirkungen rechtfertigt. Einige Experten bewerten den Effekt als sehr begrenzt und halten ihn für die Betroffenen möglicherweise gar nicht für spürbar.
Auch die hohen Kosten der Therapie sind ein Diskussionspunkt. Allein das Medikament kostet rund 29.000 Euro pro Jahr, zusätzlich fallen die Kosten für Untersuchungen und Arztbesuche an.
Früherkennung als Schlüssel zum Erfolg
Viele Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Behandlung sehr frühzeitig begonnen werden muss, wenn sie noch wirksam ins Krankheitsgeschehen eingreifen soll, und nicht erst, wenn die Alzheimer-Symptome schon ausgeprägt sind. Das ist möglich geworden, weil sich Zeichen der Krankheit (d.h. Beta-Amyloid und Tau-Fibrillen im Gehirn) mittlerweile mit nicht-invasiven bildgebenden Verfahren nachweisen lassen.
Biomarker für die Früherkennung
Die Forschung konzentriert sich daher auf die Entwicklung von Biomarkern, die eine frühe und zuverlässige Diagnose ermöglichen. Dazu gehören Bluttests, bildgebende Verfahren und digitale Methoden. Gerade weil Medikamente im frühen Stadium am besten wirken, wird die Früherkennung zu einem entscheidenden Schlüssel in der Versorgung.
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AT(N)-Scoring-System
Das AT(N)-Scoring-System dient dazu, die Alzheimerkrankheit auf Basis der neuropathologischen Veränderungen zu diagnostizieren. A steht für Amyloidbeta-Pathologie, T für Tau-Pathologie und N für neurodegenerative Prozesse, die aber nicht Alzheimer-spezifisch sind. Liquortests können mit hoher Genauigkeit zwischen neuropathologischen Veränderungen bei AD unterscheiden. Hierbei sind Verhältnismarker verlässlicher als „Stand alone“-Marker.
Core-Biomarker
Nach der neuen Klassifizierung reicht eine Veränderung der Core-1-Biomarker (A und T) aus, um die biologische Diagnose der Alzheimerkrankheit zu stellen. Insbesondere sind die folgenden Tests für die Diagnose von AD geeignet: Amyloid-PET, Aβ42/40 im Liquor, p-tau181/Aβ42 im Liquor, t-tau/Aβ42 im Liquor, „genaue“ Plasmatests oder Kombinationen dieser Tests.
Bluttests als vielversprechende Alternative
Ein Merkmal der neuen Klassifizierung ist die Verwendung von Serummarkern bei der Diagnose. Verschiedene Kits stehen hier zur Auswahl. Die besten Ergebnisse liefern Kits, die das phosphorylierte Tauproteinp-tau217 bestimmen können. Diese zeigen eine hohe Korrelation mit Liquorbiomarkern.
Weitere Forschungsansätze und Therapieoptionen
Neben den Antikörper-basierten Medikamenten gibt es noch etliche andere Ansatzpunkte für eine Alzheimer-Therapie, die derzeit in klinischen Studien oder bei Tieren erprobt werden. Viele Forschungen setzen weiterhin auf Antikörper gegen Eiweißablagerungen im Gehirn. Es gibt aber auch neue Ansätze wie Medikamente gegen Entzündungen oder zum Schutz der Synapsen. Insgesamt laufen weltweit über 130 Studien, die Zahl der klinischen Studien hat damit um rund 11 Prozent zugenommen.
Prävention durch Lebensstiländerung
Unabhängig von neuen Antikörper-Medikamenten setzt die Forschung auch auf Prävention durch eine Veränderung des Lebensstils. Auch andere Risikofaktoren für eine Demenz sind beeinflussbar: Diabetes und Übergewicht lassen sich ebenso behandeln wie Bluthochdruck und ein erhöhter Cholesterinspiegel. Hörgeräte sorgen für soziale Teilhabe - auch das ein wichtiger Faktor, um die grauen Zellen fit zu halten. Darüber hinaus gibt es Hinweise darauf, dass Impfungen gegen bestimmte Viren das Demenzrisiko reduzieren könnten.
Bedeutung von Pflege und Lebensqualität
Neben der medizinischen Forschung rückt auch der Alltag von Menschen mit Demenz in den Mittelpunkt. Studien befassen sich damit, wie die Versorgung individueller, die Belastung für Angehörige geringer und die Selbstständigkeit der Erkrankten länger erhalten werden kann. Technische Hilfen, soziale Teilhabe und neue Versorgungsmodelle spielen eine zentrale Rolle.
Die Rolle der Deutschen Alzheimer Gesellschaft
Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V. Selbsthilfe Demenz (DAlzG) engagiert sich für ein besseres Leben mit Demenz. Sie unterstützt und berät Menschen mit Demenz und ihre Familien. In ihren Veröffentlichungen und in der Beratung bündelt sie das Erfahrungswissen der Angehörigen und das Expertenwissen aus Forschung und Praxis. Als Bundesverband von mehr als 130 Alzheimer-Gesellschaften unterstützt sie die Selbsthilfe vor Ort.