Angststörung und Epilepsie: Eine umfassende Betrachtung

Die Wechselbeziehung zwischen Epilepsie und psychischen Erkrankungen, insbesondere Angststörungen, ist ein komplexes und vielschichtiges Thema. Studien belegen, dass Menschen mit Epilepsie ein deutlich höheres Risiko haben, an psychischen Erkrankungen zu leiden, was die Notwendigkeit einer umfassenden Betreuung dieser Patientengruppe unterstreicht.

Erhöhte Prävalenz psychischer Erkrankungen bei Epilepsie

Eine in JAMA Neurology veröffentlichte Metaanalyse aus dem Jahr 2025 (DOI: 10.1001/jamaneurol.2024.3976) zeigt, dass die Prävalenz der meisten psychischen Erkrankungen bei Patienten mit Epilepsie signifikant höher ist als bei Personen ohne Epilepsie. Dies betrifft verschiedene affektive Störungen wie Depressionen, bipolare Störungen und Angststörungen, aber auch psychotische Erkrankungen, Substanzmissbrauch, ADHS und Autismus.

Die Metaanalyse umfasste 27 epidemiologische Studien mit 565.443 Patienten mit Epilepsie und 13,4 Millionen Personen ohne Epilepsie. Die Ergebnisse zeigen, dass Angststörungen, Depressionen, bipolare Störungen und Suizidgedanken bei Patienten mit Epilepsie häufiger auftraten. Auch psychotische Erkrankungen, Schizophrenie, Zwangsstörungen, posttraumatische Belastungsstörungen, Essstörungen, Drogenkonsumstörungen, Autismus und ADHS waren in dieser Gruppe häufiger anzutreffen.

Diese Ergebnisse unterstreichen die hohe Belastung durch psychische Begleiterkrankungen bei Epilepsie und die Notwendigkeit, diese frühzeitig zu erkennen und zu behandeln, um die Lebensqualität der Patienten zu verbessern.

Psychiatrische Komorbidität bei Epilepsie

Epilepsie-Patienten leiden nicht nur unter ihren Anfällen, sondern auch häufig unter psychiatrischen Komorbiditäten. Bei jedem zweiten Patienten wird eine solche Komorbidität festgestellt, wobei Depressionen oder Panik- und Angst-Attacken besonders häufig sind.

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Angst- und Panikgefühle können Teil der Anfallssymptome sein und während, kurz vor oder nach einem Anfall auftreten. In Einzelfällen können solche Attacken sogar wichtige Hinweise für die Epilepsie-Diagnose liefern, da sie auf Tumoren hinweisen können.

Iktale Angst: Wenn Angst zum Anfallssymptom wird

Iktale Angst tritt vor allem bei Temporallappen-Epilepsien auf, bevorzugt in der rechten Hemisphäre. Neurologen raten, bei plötzlichen iktalen Angst-Attacken EEG und sMRT zur Differentialdiagnose zu verwenden.

Ein Beispiel: Eine junge Frau suchte ihren Hausarzt aufgrund plötzlicher Nervosität, Panikgefühle bis hin zur Todesangst und verschwommener Wahrnehmung auf. Die Attacken traten mehrmals täglich auf und dauerten jeweils etwa eine Minute. Da die Patientin zu diesem Zeitpunkt eine persönliche Krisensituation zu bewältigen hatte, empfahl der Hausarzt eine Psychotherapie und verzichtete auf die bildgebende Diagnostik. Diese erfolgte ein Jahr später, als die Symptome nicht zurückgegangen waren. Per struktureller MRT (sMRT) wurde ein Astrozytom entdeckt.

Differentialdiagnose: Iktale Angst vs. Panikattacken

Es ist wichtig, iktale Angst von Panikattacken anderer Ursache zu unterscheiden. Bei Panikattacken ohne Anfallskorrelat bleibt das Bewusstsein erhalten, während es beim Übergang in komplex-fokale Anfälle gestört ist. Epilepsie-Patienten berichten daher häufig erst auf Nachfragen von der Angstattacke, formulieren eher undeutlich und zögernd. Patienten mit nicht-epileptischen Panikattacken erzählen häufiger von sich aus über das Ereignis, können sich gut erinnern und die Attacke klar beschreiben. Iktale Attacken dauern meist ein bis zwei Minuten, Panik- und Angstanfälle anderer Ursache eher fünf bis zehn Minuten.

Neurobiologische Zusammenhänge

Die bio- und neurochemische Verwandtschaft von Angst und Epilepsie mit einem gemeinsamen System von Botenstoffen wie GABA, Serotonin und Noradrenalin lässt sich therapeutisch nutzen.

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Dissoziative Anfälle: Eine wichtige Abgrenzung

Dissoziative Anfälle sind durch plötzliche Bewegungsstörungen oder Bewusstseinsveränderungen ohne organische Ursache im Gehirn gekennzeichnet. Betroffene verlieren vorübergehend die Kontrolle über ihren Körper - mit Zuckungen, Ohnmachtsanfällen oder Verkrampfungen. Es kann sich anfühlen, als würde man sich von seinem eigenen Körper oder seinen eigenen Emotionen entfernt selbst beobachten.

Anders als bei Epilepsie fehlt jedoch eine krankhafte elektrische Entladung im Gehirn. Die Anfälle entstehen ohne erkennbare körperliche Ursache und dauern oft mehrere Minuten. Dissoziative Anfälle sind meist Folge unbewusster seelischer Belastung. Manchmal stehen frühere medizinische Ereignisse wie ein epileptischer Anfall oder eine Ohnmacht am Anfang. Menschen mit anderen chronischen Erkrankungen wie Epilepsie, Migräne, Depression, Angst- oder Schlafstörungen haben ein erhöhtes Risiko.

Die Diagnose stützt sich auf das typische Erscheinungsbild der Anfälle. Zentral ist eine individuell angepasste Psychotherapie. Jeder zweite Betroffene wird mit Therapie anfallsfrei - früh beginnen lohnt sich!

Therapieansätze

Trotz der Häufigkeit von Angsterkrankungen bei Epilepsien fehlen bisher systematische Therapiestudien und Vorschläge zur optimalen Behandlung. Ausgehend von der zeitlichen Beziehung zwischen dem Auftreten von Angst und epileptischen Anfällen (iktale, periiktale und interiktale Angst) ist ein umfassendes Therapiekonzept erforderlich.

Psychotherapie

Psychotherapeutische Unterstützung kann bei verschiedenen Aspekten der Angstbewältigung hilfreich sein, insbesondere bei dissoziativen Anfällen und interiktalen Angststörungen. Eine individuell angepasste Psychotherapie kann sehr wirksam sein.

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Pharmakotherapie

Die bio- und neurochemische Verwandtschaft von Angst und Epilepsie mit einem gemeinsamen System von Botenstoffen wie GABA, Serotonin und Noradrenalin lasse sich therapeutisch nutzen. Bei der Auswahl von Antidepressiva sollten Substanzen mit geringem Interaktionspotential und geringem Risiko für eine Anfallsprovokation bevorzugt werden. Bei Depressionen sollten bevorzugt andere SSRI (Venlafaxin, Satralin) eingesetzt werden. Die Dosierung dieser Antidepressiva sollte vorsichtig allmählich aufgebaut werden. Vorsicht ist geboten bei Antidepressiva, die Psychosen auslösen können wie Phenytoin, Suximide, Phenobarbital etc.

Selbsthilfestrategien

Epilepsiepatienten sollten sich nicht zurückziehen, sondern aktiv sein, auch wenn der Fortschritt nur langsam spürbar ist. Angst an sich kann unnötigerweise die Lebensqualität durch Vermeidung eigentlich ungefährlicher Situationen beeinträchtigen. Ein offener Umgang mit der Erkrankung ist wichtig. Angehörige, Freunde und Kolleg:innen sollten wissen, wie sie im Ernstfall reagieren.

Informationen für Patienten und Angehörige

Das Ärztliche Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ) hat Kurzinformationen für Patientinnen und Patienten zu Angststörungen und zum Doosesyndrom - einer seltenen Form der Epilepsie im Kindesalter - aktualisiert. Diese Informationen können kostenfrei heruntergeladen, ausgedruckt und an Erkrankte und Interessierte weitergegeben werden.

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