Ernährung und Multiple Sklerose: Ein umfassender Leitfaden

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, von der weltweit über 2 Millionen Menschen betroffen sind. Der Verlauf der Krankheit ist individuell sehr unterschiedlich und kann zu vielfältigen Symptomen führen, die von Taubheitsgefühlen bis hin zu Lähmungen und Sehstörungen reichen. Ein wichtiger Faktor in der Therapie von MS ist die Bekämpfung von Entzündungen, die im Verlauf der Erkrankung auftreten können. In diesem Artikel werden wir uns mit der Rolle der Ernährung bei Multipler Sklerose auseinandersetzen und verschiedene Ernährungsansätze sowie ihre potenziellen Auswirkungen auf den Krankheitsverlauf untersuchen.

Die Bedeutung der Ernährung bei MS

Viele Ärzte und Multiple-Sklerose-Gesellschaften betonen, dass es keine wissenschaftlich untermauerte "MS-Diät" gibt. Dennoch integrieren immerhin 30 Prozent aller MS-Patienten ein bestimmtes Ernährungskonzept in ihre Therapie - oft mit Erfolg. Die Ernährung spielt eine wichtige Rolle bei der Beeinflussung von Entzündungsprozessen, der Darmgesundheit und der allgemeinen Gesundheit, was sich positiv auf den Verlauf der MS auswirken kann.

Ernährungsansätze bei Multipler Sklerose

Es gibt verschiedene Ernährungsansätze, die von MS-Patienten angewendet werden, um ihre Symptome zu lindern und den Krankheitsverlauf zu verlangsamen. Im Folgenden werden einige dieser Ansätze näher betrachtet:

Die Swank-Diät

Bereits in den 1950er Jahren entwickelte Dr. Roy Swank eine spezielle Ernährung für Menschen mit Multipler Sklerose, die sogenannte "Swank-Diät". Ziel dieser Diät ist es, die Anzahl der Schübe zu reduzieren und die typischen MS-Symptome zu lindern. Dr. Swank stellte fest, dass Multiple Sklerose eher im Hinterland als an den Küsten auftrat und dass gesättigte Fette eine Rolle spielen könnten.

Die Swank-Diät beinhaltet folgende Empfehlungen:

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  • Der Anteil an gesättigten Fetten darf nicht mehr als 15 g pro Tag betragen (tierisches Fett in Fleisch, Wurst, Milchprodukten, Fertigprodukten).
  • Früchte und Gemüse sind ohne Einschränkungen erlaubt.
  • Im ersten Jahr ist rotes Fleisch (inkl. Schweinefleisch) verboten. Geflügelfleisch (ohne Haut) und Fisch sind erlaubt, wobei auf helle Fleischsorten geachtet werden soll.
  • Milchprodukte dürfen nur verzehrt werden, wenn sie 1 % Fettgehalt oder weniger aufweisen.
  • Als Snack sollen Nüsse und Samen bevorzugt werden.

Dr. Swank veröffentlichte im Jahr 1990 eine Studie, in der er über 34 Jahre hinweg 144 MS-Patienten begleitete und beobachtete. Er zeigte, dass gesättigte Fette bei Multipler Sklerose eher schlecht sind, da die Krankheit bei jenen, die weniger als 20 g gesättigte Fette pro Tag zu sich nahmen, nicht so schnell fortschritt wie bei jenen, die reichlich gesättigte Fettsäuren in ihrem Speiseplan hatten.

Das Wahls-Protokoll

Terry Wahls, Ärztin, Forscherin und selbst MS-Patientin, entwickelte das sogenannte Wahls-Protokoll - eine Art Paleo-Ernährung ohne Getreide und Gluten. Neben einer Paleo-Ernährung gehören hier noch ein umfassendes Stressmanagement zur Therapie sowie Anwendungen der neuromuskulären Elektrostimulation. Über die neuromuskuläre Elektrostimulation wird verhindert, dass sich Muskulatur zurückbildet.

Allgemeine Empfehlungen für eine gesunde Ernährung bei MS

Unabhängig von spezifischen Diäten gibt es allgemeine Empfehlungen für eine gesunde Ernährung, die MS-Patienten berücksichtigen sollten:

  • Vermeidung von gesättigten Fetten: Gesättigte Fette sind insbesondere in Fleisch, Wurst, Butter, Palm- und Kokosfett enthalten. Auch Streich- und Backfette können reich an gesättigten Fetten sein. Hier empfiehlt es sich, die Zutatenliste und Nährwertgehalte zu überprüfen.
  • Meidung von Transfetten: Transfette sind ungesättigte Fettsäuren, die durch industrielle Prozesse oder ein hohes Erhitzen entstehen. Sie können Entzündungsprozesse im Darm verstärken und die Verwertung von gesunden ungesättigten Fettsäuren stören. Transfette finden sich insbesondere in Backwaren.
  • Konsum von gesunden Fetten: Gesunde Fette sind Bestandteile der Myelinscheide und anderer Gewebe des Zentralen Nervensystems und können daher bei der Regeneration von MS-Schüben helfen. In Bezug auf eine Nahrungsergänzung mit Omega-3-Fettsäuren ist die Studienlage nicht eindeutig, aber ein umfassendes ganzheitliches Therapiekonzept, das auch entzündungshemmende Omega-3-Fettsäuren beinhaltet, ist sinnvoll.
  • Reduzierung von Omega-6-Fettsäuren: Omega-6-Fettsäuren (Arachidonsäure bzw. Linolsäure) sind in Wurst, Fleisch, Sonnenblumenöl, Distelöl, Maiskeimöl und Sojaöl enthalten. Ein Ungleichgewicht zwischen Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren kann Entzündungen fördern.
  • Vermeidung von Blutzuckerschwankungen: Blutzuckerschwankungen durch zucker- und weissmehlreiche Lebensmittel sollten vermieden werden, da sie zu starken Entzündungsreaktionen führen können. Die glykämische Last (GL) gibt an, wie stark ein Lebensmittel den Blutzuckerspiegel steigen lässt.
  • Reduzierung von Fleischkonsum: Rotes Fleisch bzw. generell Fleisch und häufig auch Milchprodukte können über unterschiedliche Mechanismen Entzündungsprozesse beschleunigen. Vermutlich auch durch die enthaltene Arachidonsäure, eine Omega-6-Fettsäure, die als Vorstufe entzündungsfördernder Verbindungen gilt.
  • Konsum von fettarmen Milchprodukten: Milchprodukte enthalten bestimmte Proteine im Fettanteil (MFGM), die eine ursächliche Rolle bei der Multiplen Sklerose innehaben könnten. Wenn überhaupt, so sollten bei Multipler Sklerose somit nur extrem fettarme Milchprodukte konsumiert werden.
  • Reduzierung von Salzkonsum: Eine salzreiche Ernährung kann entzündliche Prozesse im Nervensystem fördern und beschleunigen und ausserdem die Funktionen eines gesunden Immunsystems drosseln.
  • Vermeidung von Vitalstoffmängeln: Bei chronischen Erkrankungen sollten in jedem Fall Vitalstoffmängel vermieden werden. Besonders wichtig bei Multipler Sklerose sind Vitamin D, Alpha-Liponsäure und antioxidativ wirksame Pflanzenstoffe.
  • Förderung der Darmgesundheit: Die Darmgesundheit sollte bei einer ganzheitlichen Therapie der Multiplen Sklerose im Mittelpunkt stehen, da eine schlechte Darmverfassung zur Entstehung von Autoimmunerkrankungen wie der Multiplen Sklerose führen kann. Eine ungesunde Ernährung kann zu einer Störung der Darmflora (Dysbiose) führen, die wiederum chronische Entzündungen und eine durchlässige Darmschleimhaut (Leaky Gut Syndrom) verursachen kann.
  • Ausreichende Flüssigkeitszufuhr: Trinken Sie in regelmässigen Abständen ausreichend Wasser, verdünnte Gemüsesäfte oder Kräutertees. Vermeiden Sie Softdrinks, Kaffee und andere koffeinhaltige Getränke.
  • Regelmässige Mahlzeiten: Achten Sie auf regelmässige Mahlzeiten und kochen Sie am besten vor, so dass Sie in müden Phasen auf Ihre Vorräte zurückgreifen können und nicht in Versuchung geraten, ungesunde Fertigprodukte zu essen.
  • Intermittierendes Fasten: Das Intermittierende Fasten könnte möglicherweise ebenfalls eine interessante Massnahme darstellen um eine Multiple Sklerose und andere Autoimmunerkrankungen besser kontrollieren zu können.

Konkrete Ernährungsempfehlungen für MS-Patienten

Basierend auf den oben genannten Prinzipien können folgende konkrete Ernährungsempfehlungen für MS-Patienten abgeleitet werden:

  • Gemüse, Pilze, Nüsse und Samen: Diese sollten einen Großteil der Ernährung ausmachen.
  • Einschränkung des Fleischkonsums: Insbesondere rotes Fleisch und Wurst enthalten viele entzündungsfördernde Stoffe.
  • Entzündungshemmende Omega-3-Fettsäuren: Diese finden sich in Leinöl, Algenöl und fettreichem Fisch wie Lachs, Hering und Makrele.
  • Begrenzung des Zuckerkonsums: Zu hoher Zuckerkonsum fördert Entzündungen. Daher ist es sinnvoll, den Verzehr von Kohlenhydraten (etwa Weißbrot, Nudeln) und vor allem von Zucker- und Knabberkram zu begrenzen.
  • Pro- und Präbiotika: Diese können helfen, die Darmflora zu verbessern. Aus ballaststoffreichen Lebensmitteln stellen Darmbakterien wertvolle kurzkettige Fettsäuren wie Butyrat und Propionat her, die zur Reparatur der Nervenzellen gebraucht werden.
  • Gluten- und Milchprodukte: Einzelnen Betroffenen kann ein Glutenverzicht Linderung verschaffen, dasselbe gilt für einen Verzicht auf Milchprodukte. Bei der Umstellung auf eine entzündungshemmende Ernährung und insbesondere beim Weglassen/Wiedereinführen von Gluten und Casein sollten MS-Betroffene am besten Ernährungs- und Symptomtagebuch führen.

Weitere unterstützende Maßnahmen

Neben der Ernährung gibt es weitere Maßnahmen, die MS-Patienten ergreifen können, um ihre Lebensqualität zu verbessern:

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  • Regelmäßige Bewegung: Regelmäßige Bewegung und sportliche Betätigung sind essenziell für MS-Patienten und können sich positiv auf Symptome wie Spastiken, Fatigue, Körperhaltung, Muskelerhalt und die Prävention von Osteoporose auswirken.
  • Stressmanagement: Stresslindernde Aktivitäten wie Yoga können sich ebenfalls positiv auf die Symptome der MS auswirken.
  • Vitamin-D-Supplementierung: Viele MS-Patienten weisen einen Vitamin-D-Mangel auf, und Studien zeigen, dass ein höherer Vitamin-D-Spiegel mit einer geringeren Krankheitsaktivität korreliert sein kann.
  • Cannabis: Studien deuten darauf hin, dass Cannabis positiv auf Symptome wie Spastiken, Schmerzempfinden, Gehfähigkeit und Blasenfunktion wirken kann.
  • Akupunktur: Einige Patienten berichten über positive Effekte der Akupunktur wie Schmerzlinderung.

Die Rolle digitaler Hilfsmittel

Moderne digitale Hilfsmittel, wie spezialisierte Apps, bieten wertvolle Unterstützung im Alltag von MS-Betroffenen. Diese Apps können dabei helfen, ein detailliertes Ernährungs- und Symptomtagebuch zu führen und bieten personalisierte Ernährungsempfehlungen an, die auf die Bedürfnisse von Menschen mit MS zugeschnitten sind. Darüber hinaus bieten Online-Communities eine Plattform für den Austausch von Erfahrungen und gegenseitige Unterstützung.

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