Der Schlaganfall ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen und eine der Hauptursachen für langfristige Behinderungen und Tod weltweit. In Deutschland erleiden jährlich etwa 270.000 Menschen einen Schlaganfall. Dabei wird zwischen dem ischämischen Schlaganfall (ca. 85%), der durch einen Gefäßverschluss verursacht wird, und dem hämorrhagischen Schlaganfall (ca. 15%), der durch eine Hirnblutung entsteht, unterschieden. Die rasche Diagnose und Behandlung sind entscheidend, um die Auswirkungen des Schlaganfalls zu minimieren.
Was ist ein Schlaganfall?
Ein Schlaganfall (medizinisch Apoplex, Apoplexie oder zerebrovaskulärer Insult) ist eine plötzlich auftretende Durchblutungsstörung des Gehirns, die zu einer Schädigung des Hirngewebes führt. Diese Schädigung kann durch einen Verschluss eines Blutgefäßes (ischämischer Schlaganfall) oder durch eine Blutung im Gehirn (hämorrhagischer Schlaganfall) verursacht werden. Je nach betroffenem Hirnareal und Ausmaß der Schädigung können verschiedene neurologische Ausfälle auftreten, wie z.B. Lähmungen, Sprachstörungen, Sehstörungen oder Bewusstseinsstörungen.
Ursachen und Formen des Schlaganfalls
Man unterscheidet grundsätzlich zwei Hauptformen des Schlaganfalls:
- Ischämischer Schlaganfall: Diese Form wird durch eine Verengung oder einen Verschluss einer hirnversorgenden Arterie verursacht, meist durch einen Thrombus (Blutgerinnsel) oder eine Embolie (verschlepptes Blutgerinnsel oder andere Materialien). Dadurch wird das betroffene Hirnareal nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt, was zu einer Schädigung der Nervenzellen führt.
- Hämorrhagischer Schlaganfall: Diese Form entsteht durch eine Blutung im Gehirn, entweder innerhalb des Hirngewebes (intrazerebrale Blutung) oder zwischen Gehirn und Hirnhäuten (Subarachnoidalblutung). Die Blutung kann durch einen Riss eines Blutgefäßes aufgrund von Bluthochdruck, Gefäßmissbildungen oder anderen Ursachen verursacht werden. Das austretende Blut schädigt das Hirngewebe und erhöht den Druck im Schädelinneren.
Risikofaktoren für einen Schlaganfall
Es gibt eine Reihe von Faktoren, die das Risiko für einen Schlaganfall erhöhen können. Diese werden in modifizierbare und nicht-modifizierbare Risikofaktoren unterteilt:
Modifizierbare Risikofaktoren:
- Bluthochdruck: Der wichtigste Risikofaktor für Schlaganfälle.
- Übergewicht: Erhöhtes Körpergewicht (BMI)
- Diabetes mellitus: Zuckerkrankheit
- Luftverschmutzung: Umweltbedingte Belastung
- Rauchen: Nikotinkonsum
- Hoher Salzkonsum: Ernährungsgewohnheiten
- Bewegungsmangel: Mangelnde körperliche Aktivität
- Hyperlipidämie: Erhöhte Blutfettwerte
- Vorhofflimmern: Herzrhythmusstörung
- Stress: Psychische Belastung
- Alkoholkonsum: Übermäßiger Konsum alkoholischer Getränke
- Arteriosklerose: Gefäßverkalkung
- Karotisstenose: Verengung der Halsschlagader
- Ovulationshemmer: Einnahme hormoneller Verhütungsmittel
- Polyglobulie: Erhöhte Anzahl roter Blutkörperchen
- Endometriose: Eine Erkrankung, bei der Gebärmutterschleimhaut außerhalb der Gebärmutterhöhle vorkommt.
Nicht-modifizierbare Risikofaktoren:
- Alter: Das Schlaganfallrisiko steigt mit zunehmendem Alter.
- Geschlecht: Männer haben tendenziell ein höheres Schlaganfallrisiko als Frauen, wobei Frauen im Durchschnitt älter sind, wenn sie einen Schlaganfall erleiden.
- Genetische Prädisposition: Familiäre Veranlagung für Schlaganfälle.
Symptome eines Schlaganfalls
Die Symptome eines Schlaganfalls treten plötzlich auf und können je nach betroffenem Hirnareal variieren. Typische Symptome sind:
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- Plötzlich einsetzende Schwäche oder Lähmung: Betrifft meist eine Körperhälfte (Arm, Bein, Gesicht).
- Sprachstörungen: Schwierigkeiten, sich auszudrücken oder Gesprochenes zu verstehen.
- Sehstörungen: Plötzliche Verschlechterung des Sehvermögens, Doppelbilder oder Gesichtsfeldausfälle.
- Gleichgewichtsstörungen: Schwindel, Unsicherheit beim Gehen.
- Koordinationsstörungen: Schwierigkeiten, Bewegungen gezielt auszuführen.
- Sensibilitätsstörungen: Taubheitsgefühl oder Kribbeln in einer Körperhälfte.
- Starke Kopfschmerzen: Plötzlich auftretende, heftige Kopfschmerzen, oft in Kombination mit anderen Symptomen.
- Bewusstseinsstörungen: Benommenheit, Verwirrtheit oder Bewusstlosigkeit.
Wichtig: Bei Verdacht auf einen Schlaganfall ist schnelles Handeln entscheidend. Jede Minute zählt, um das Ausmaß der Hirnschädigung zu begrenzen. Rufen Sie sofort den Notruf (112) und schildern Sie die Symptome.
Diagnostik des Schlaganfalls
Um einen Schlaganfall zu diagnostizieren und die Ursache zu bestimmen, werden verschiedene Untersuchungen durchgeführt:
- Körperliche Untersuchung: Der Arzt untersucht den Patienten auf neurologische Ausfälle und befragt ihn zu seinen Symptomen und Vorerkrankungen.
- Bildgebende Verfahren:
- Computertomographie (CT): Ermöglicht die Unterscheidung zwischen ischämischem und hämorrhagischem Schlaganfall und den Ausschluss anderer Ursachen für die Symptome.
- Magnetresonanztomographie (MRT): Kann feinere Details des Hirngewebes darstellen und frühe Anzeichen eines ischämischen Schlaganfalls erkennen.
- Angiographie (CT- oder MR-Angiographie): Stellt die Blutgefäße im Gehirn dar und kann Verengungen oder Verschlüsse identifizieren.
- Elektrokardiogramm (EKG): Um Herzrhythmusstörungen wie Vorhofflimmern zu erkennen, die ein Risikofaktor für Schlaganfälle sind.
- Blutuntersuchungen: Um Risikofaktoren wie erhöhte Blutfettwerte oder Diabetes zu identifizieren und den Gerinnungsstatus zu überprüfen.
Therapie des Schlaganfalls
Die Behandlung des Schlaganfalls zielt darauf ab, die Durchblutung des Gehirns so schnell wie möglich wiederherzustellen und weitere Schäden zu verhindern. Die Therapie hängt von der Art des Schlaganfalls (ischämisch oder hämorrhagisch) und dem Zeitpunkt des Behandlungsbeginns ab.
Akuttherapie des ischämischen Schlaganfalls
Die Akuttherapie des ischämischen Schlaganfalls umfasst folgende Maßnahmen:
- Thrombolyse: Die intravenöse Verabreichung eines Medikaments (Alteplase), das Blutgerinnsel auflösen kann. Die Thrombolyse muss innerhalb von 4,5 Stunden nach Symptombeginn erfolgen. In bestimmten Fällen kann die Thrombolyse auch in einem erweiterten Zeitfenster (bis zu 9 Stunden) in Betracht gezogen werden, wenn spezielle bildgebende Verfahren (z.B. Perfusions-MRT oder -CT) zeigen, dass noch rettbares Hirngewebe vorhanden ist.
- Thrombektomie: Ein interventioneller Eingriff, bei dem ein Katheter in die betroffene Hirnarterie eingeführt wird, um das Blutgerinnsel mechanisch zu entfernen. Die Thrombektomie kann bei Patienten mit einem großen Gefäßverschluss in Kombination mit oder anstelle der Thrombolyse durchgeführt werden. Das Zeitfenster für die Thrombektomie kann bis zu 24 Stunden nach Symptombeginn betragen, abhängig von der individuellen Situation des Patienten.
- Weitere Maßnahmen: Überwachung der Vitalfunktionen, Behandlung von Komplikationen (z.B. Hirnödem),Frührehabilitation.
Akuttherapie des hämorrhagischen Schlaganfalls
Die Akuttherapie des hämorrhagischen Schlaganfalls konzentriert sich auf die Kontrolle der Blutung und die Reduzierung des Hirndrucks:
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- Blutdrucksenkung: Eine rasche Senkung des Blutdrucks kann das Wachstum des Hämatoms verhindern.
- Chirurgische Entfernung des Hämatoms: In einigen Fällen kann eine Operation erforderlich sein, um das Blutgerinnsel zu entfernen und den Hirndruck zu entlasten.
- Weitere Maßnahmen: Überwachung der Vitalfunktionen, Behandlung von Komplikationen (z.B. Hirnödem, Krampfanfälle),Frührehabilitation.
Sekundärprävention
Nach einem Schlaganfall ist es wichtig, Maßnahmen zur Vorbeugung weiterer Schlaganfälle zu ergreifen. Dazu gehören:
- Medikamentöse Therapie:
- Thrombozytenaggregationshemmer (z.B. ASS, Clopidogrel): Um die Bildung von Blutgerinnseln zu verhindern.
- Antikoagulantien (z.B. Warfarin, DOAK): Bei Vorhofflimmern oder anderen Risikofaktoren für die Bildung von Blutgerinnseln im Herzen.
- Statine: Um den Cholesterinspiegel zu senken und die Arteriosklerose zu verlangsamen.
- Antihypertensiva: Um den Blutdruck zu senken.
- Lebensstiländerungen:
- Gesunde Ernährung: Reich an Obst, Gemüse und Vollkornprodukten, wenig gesättigte Fette und Salz.
- Regelmäßige körperliche Aktivität: Mindestens 30 Minuten moderate Bewegung an den meisten Tagen der Woche.
- Gewichtsreduktion: Bei Übergewicht.
- Rauchstopp: Verzicht auf Nikotin.
- Mäßiger Alkoholkonsum: Begrenzung des Alkoholkonsums auf maximal ein alkoholisches Getränk pro Tag für Frauen und maximal zwei für Männer.
- Behandlung von Risikofaktoren:
- Einstellung des Diabetes: Optimale Blutzuckerkontrolle.
- Behandlung der Karotisstenose: In einigen Fällen kann eine Operation oder ein Stent erforderlich sein, um die Halsschlagader zu erweitern.
Aktuelle Leitlinien zur Schlaganfallbehandlung
Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) und die Deutsche Schlaganfallgesellschaft (DSG) haben im Jahr 2021 die S2e-Leitlinie zur Akuttherapie des ischämischen Schlaganfalls aktualisiert und erweitert. Die Leitlinie basiert auf den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen und gibtEmpfehlungen zurDiagnostik, Therapie und Prävention des Schlaganfalls.
Wichtige Neuerungen in der Leitlinie
- Post-Stroke-Delir: Die Leitlinie berücksichtigt nun auch Aspekte des Post-Stroke-Delirs, einer akuten Verwirrtheitszustand, der bei bis zu 48% der Schlaganfallpatienten auftreten kann. Die Leitlinie empfiehlt ein gezieltes Screening auf ein Delir und Maßnahmen zur Reorientierung der Patienten (Kommunikation, Mobilisation, Brille, Hörgeräte, Tag-Nacht-Rhythmus).
- Kardiovaskuläre Diagnostik: Die Leitlinie betont die Bedeutung der kardiovaskulären Diagnostik zur Identifizierung von Risikofaktoren für Schlaganfälle.
- Geschlechtsspezifische Unterschiede: Die Leitlinie berücksichtigt geschlechtsspezifische Unterschiede bei Schlaganfällen. Obwohl es keine Evidenz dafür gibt, dass Frauen anders behandelt werden sollten als Männer, zeigen Studien, dass Frauen häufiger von Schlaganfällen betroffen sind, im Durchschnitt älter sind und häufiger Bluthochdruck und Vorhofflimmern haben. Zudem gibt es Hinweise darauf, dass Frauen seltener auf Stroke-Units behandelt werden und eine erhöhte Krankenhaussterblichkeit haben.
Bedeutung der Stroke-Unit-Behandlung
Die Leitlinie unterstreicht die Bedeutung der Behandlung von Schlaganfallpatienten auf einer spezialisierten Stroke-Unit. Stroke-Units sind Stationen, die auf die Behandlung von Schlaganfallpatienten spezialisiert sind und über ein interdisziplinäres Team aus Ärzten, Pflegekräften und Therapeuten verfügen. Studien haben gezeigt, dass die Behandlung auf einer Stroke-Unit die Überlebenschancen und dieFunktionsfähigkeit der Patienten verbessert.
Rolle der prähospitalen Versorgung
Auch die prähospitale Versorgung spielt eine entscheidende Rolle bei der Schlaganfallbehandlung. Ziel ist es, Patienten mit Verdacht auf einen Schlaganfall so schnell wie möglich in eine geeignete Klinik zu transportieren. Die Anwendung von Schlaganfall-Scores wie dem FAST-Test kann helfen, einen Schlaganfall frühzeitig zu erkennen. In einigen Regionen gibt es mobile Stroke-Units, die eine früheDiagnostik und Therapieeinleitung vor Ort ermöglichen.
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