Medizintourismus in Deutschland: Chancen und Herausforderungen

Der Medizintourismus in Deutschland boomt. Jährlich werden etwa hunderttausend ausländische Patienten in deutschen Kliniken behandelt, was dem deutschen Gesundheitssektor Milliardenerlöse beschert. Über zweihunderttausend Menschen reisen jedes Jahr aus dem Ausland an, um sich in deutschen Kliniken und Arztpraxen behandeln zu lassen. Knapp die Hälfte davon wird stationär aufgenommen. Die Patienten kommen aus Westeuropa, den Golfstaaten und Russland.

Motive der Patienten

Die Motive für den Medizintourismus nach Deutschland sind vielfältig. Patienten aus Westeuropa, insbesondere aus den Niederlanden, Großbritannien, Frankreich und Belgien, reisen oft nach Deutschland, um Wartezeiten für "planbare Eingriffe" zu umgehen.

Für Patienten aus den Golfstaaten hat sich Deutschland als attraktives Ziel etabliert, nachdem bis 2001 die USA bevorzugt wurden. Ein Grund dafür sind die nach dem 11. September gestiegenen Ressentiments gegenüber Arabern in Nordamerika. Für einige Patienten aus den Golfstaaten gehört es quasi zum guten Ton, sich im Ausland behandeln zu lassen.

Andere internationale Patienten suchen in Deutschland Behandlungen, die in ihren Heimatländern nicht verfügbar oder teurer sind. Einige haben bereits eine lange Krankenodyssee hinter sich. In seltenen Fällen wird die Behandlung in Deutschland als humanitäre Aktion organisiert, wie im Fall eines zweijährigen Mädchens mit einem dreifachen Herzfehler.

Wirtschaftliche Aspekte

Der Medizintourismus ist für Deutschland ein Milliardengeschäft. Die Einnahmen durch ausländische Patienten verbessern die finanzielle Situation der Kliniken, die seit der Einführung von Fallpauschalen kaum noch Spielraum in ihrem Budget haben. Mit dem zusätzlichen Geld können die Gesundheitsunternehmen modernere Geräte anschaffen und mehr Forschung betreiben, was letztlich auch deutschen Patienten zugutekommt.

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Das "Netzwerk für bessere medizinische Versorgung" wurde 2005 gegründet, um Patienten aus dem Ausland zu akquirieren. Einige Krankenhäuser haben ihre Komfort- und Privatstationen so eingerichtet, dass sie den besonderen Bedürfnissen und Wünschen der wohlhabenden Gesundheitstouristen gerecht werden können.

Kritik und Herausforderungen

Trotz der wirtschaftlichen Vorteile birgt der Medizintourismus auch Herausforderungen und Kritikpunkte.

Einige Kritiker bemängeln, dass ausländische Patienten Betten belegen, die für deutsche Patienten benötigt werden könnten. Diese Kritik trifft aber statistisch nicht zu, da immer Betten frei sind.

Ein weiteres Problem sind Patienten, die in ihren Heimatländern notdürftig behandelt wurden und schwere Infektionen mit antibiotikaresistenten Keimen aufweisen. Die Behandlung solcher Patienten ist aufwendig und teuer, da Operationssäle und Isolierzimmer aufwendig desinfiziert werden müssen. Dies kann zu einem Verlustgeschäft für die Kliniken führen.

Ein großes Problem stellt der Markt der Patientenvermittler dar. Viele Vermittler sind unseriös und versprechen Heilung, obwohl der Patient bereits austherapiert ist. Es gab Berichte über Agenturen, die von unheilbar Kranken zehntausende Euros abgezockt haben. Einige Vermittler raten zu überflüssigen Untersuchungen und Behandlungen, um ihre Provisionen zu erhöhen.

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Rechtliche Aspekte

Für Patienten aus dem Ausland dürfen grundsätzlich keine anderen Honorarsätze verlangt werden als für deutsche Patienten. Allerdings gibt es Schlupflöcher, wie horrende Honorare für Zusatzleistungen oder überflüssige Untersuchungen. Verträge zwischen Vermittlern und Patienten unterliegen nicht staatlicher Aufsicht. Einige Gerichte haben überhöhte "Schlepper-Provisionen" jedoch als "sittenwidrig" beurteilt.

Qualitätssicherung und Transparenz

Um den Medizintourismus in Deutschland seriös und nachhaltig zu gestalten, sind Qualitätssicherung und Transparenz unerlässlich. Seriöse Krankenhäuser arbeiten entweder gar nicht mehr mit so genannten "Beratungsagenturen" zusammen oder schicken dem Patienten eine Kopie der Rechnung, damit dieser die tatsächlichen Kosten nachvollziehen kann.

Es ist wichtig, dass sich Patienten vor einer Behandlung im Ausland gut über den Arzt und die Klinik informieren. Verständigungsprobleme sollten vermieden werden, notfalls sollte ein Dolmetscher hinzugezogen werden. Ein besonderes Augenmerk ist auf die Qualifikation des Arztes und auf die Qualitätsstandards der Klinik bzw. Praxis zu richten. Eine Zertifizierung nach europäischen Standards kann eine Hilfe zur Beurteilung sein.

Internationale Vermarktung und Kooperation

Um im globalen Wettbewerb um Gesundheitstouristen bestehen zu können, ist eine internationale Vermarktungsstrategie notwendig. Es reicht nicht aus, den Speiseplan zu ändern und Pflegekräfte einzustellen, die Englisch oder Arabisch sprechen. Vielmehr ist eine umfassende Kooperation zwischen medizinischen Einrichtungen erforderlich.

Einige Kliniken besuchen Medizin-Messen in Dubai, um für sich zu werben. Der Medizintourismus sollte als wichtiger Teil des Tourismusgeschäfts insgesamt gesehen werden, da er positive Effekte für Fluglinien, Hotellerie und Einzelhandel bringt.

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Alternativen zum Patiententourismus

Anstatt den Patiententourismus zu fördern, sollte Deutschland verstärkt ausländische Ärzte fortbilden, damit diese ihre Landsleute in der Heimat besser behandeln können. Dies wäre eine nachhaltigere und humanitärere Lösung.

Medizinische Versorgung im Urlaub

Für Reisende, die im Urlaub erkranken, ist es wichtig zu wissen, dass die gesetzlichen Krankenkassen für Behandlungen bei akuten Erkrankungen oder Unfällen in EU-Mitgliedsländern und in Ländern mit Sozialversicherungsabkommen aufkommen. Beim Arzt oder in der Klinik müssen die Patienten die Europäische Krankenversicherungskarte (EHIC) und ihren Personalausweis vorlegen.

Wer in Länder außerhalb der Europäischen Union reist, mit denen kein Sozialversicherungsabkommen besteht, bekommt die anfallenden Behandlungskosten im Ausland von der Krankenkasse nicht erstattet. Eine zusätzliche Auslandsreisekrankenversicherung deckt Lücken des gesetzlichen Versicherungsschutzes ab.

Behandlung im Ausland planen

Als gesetzlich Versicherter kann man sich auch innerhalb der Europäischen Union behandeln lassen. Bestimmte Leistungen, wie Zahnersatz oder Kuren, müssen vorher von der Krankenkasse genehmigt werden. Vor einer geplanten Behandlung im Ausland sollten sich Patienten möglichst gut über den Arzt informieren und einen Kostenvoranschlag einholen.

Probleme im italienischen Gesundheitssystem und Lösungsansätze

Die Probleme im italienischen Gesundheitssystem nehmen zu, insbesondere in touristisch geprägten Regionen. Das Pustertal in Südtirol plant, einen speziellen medizinischen Dienst für Urlauber einzuführen, der von den Touristen selbst bezahlt wird. Dieses Modell soll die reguläre medizinische Grundversorgung für Einheimische entlasten und gleichzeitig junge Ärzte an die Region binden.

Andere italienische Regionen, wie der Gardasee, bieten bereits ähnliche medizinische Dienste für Touristen an. Mit der Guardia Medica Turistica finden Urlauber schnelle Hilfe, ohne lange Wartezeiten im Krankenhaus in Kauf nehmen zu müssen.

Medizintourismus 2.0: Internationale Vernetzung und Systemexport

Medizintourismus 2.0 bedeutet eine engere internationale Vernetzung und den Systemexport von Lösungen, das heißt medizinischem Know-how, Dienstleistungen und technisch-organisatorischen Komplettlösungen bis hin zu schlüsselfertigen Krankenhäusern. Patienten, die ihr Heil im Ausland suchen, sind für kein Gesundheitssystem eine befriedigende Dauerlösung. Daher wurden auf russischer Seite erhebliche Investitionen im Gesundheitsbereich beschlossen.

Fazit

Der Medizintourismus in Deutschland bietet sowohl Chancen als auch Herausforderungen. Einerseits kann er die finanzielle Situation der Kliniken verbessern und Innovationen fördern. Andererseits birgt er Risiken in Bezug auf Qualitätssicherung, Transparenz und ethische Aspekte. Um den Medizintourismus seriös und nachhaltig zu gestalten, sind klare Regeln, eine umfassende Qualitätssicherung und eine verstärkte internationale Kooperation erforderlich. Zudem sollte Deutschland verstärkt in die Ausbildung ausländischer Ärzte investieren, um eine nachhaltigere und humanitärere Lösung zu fördern.

Tipps für Patienten, die eine Behandlung im Ausland in Erwägung ziehen

  • Informieren Sie sich gründlich über den Arzt und die Klinik.
  • Achten Sie auf die Qualifikation des Arztes und die Qualitätsstandards der Klinik.
  • Vermeiden Sie Verständigungsprobleme, notfalls mit Hilfe eines Dolmetschers.
  • Holen Sie einen detaillierten Kostenvoranschlag ein.
  • Klären Sie die Kostenübernahme mit Ihrer Krankenkasse.
  • Schließen Sie eine Auslandsreisekrankenversicherung ab.
  • Seien Sie vorsichtig bei der Auswahl eines Patientenvermittlers.
  • Prüfen Sie die Rechnung sorgfältig.
  • Bewahren Sie alle Unterlagen auf.

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