Migräne ist mehr als nur ein starker Kopfschmerz. Sie ist eine neurologische Erkrankung, die das Leben der Betroffenen erheblich beeinträchtigen kann. Dr. Astrid Gendolla, eine renommierte Neurologin und Schmerztherapeutin, gibt Einblicke in die verschiedenen Aspekte der Migräne, von der Diagnose bis zur Behandlung, und zeigt Wege auf, wie Betroffene ihre Lebensqualität verbessern können.
Einleitung
Migräne ist eine komplexe Erkrankung, die sich in unterschiedlichen Formen und Schweregraden äußern kann. Viele Betroffene fühlen sich unverstanden und alleingelassen. Ziel dieses Artikels ist es, ein umfassendes Verständnis von Migräne zu vermitteln und Betroffenen sowie Angehörigen fundierte Informationen an die Hand zu geben.
Unterscheidung zwischen episodischer und chronischer Migräne
Kopfschmerzspezialisten unterscheiden zwischen episodischer und chronischer Migräne. Die chronische Migräne ist dadurch gekennzeichnet, dass sie an mindestens 15 Tagen im Monat auftritt, wobei an mindestens acht Tagen migränetypische Kopfschmerzen vorliegen.
Dr. Astrid Gendolla betont, dass die chronische Migräne eine deutlich höhere Frequenz aufweist als die episodische. Dies führt zu einer stärkeren Beeinträchtigung der Lebensqualität, höheren Ausfallzeiten am Arbeitsplatz und einer Zunahme von Frühverrentungen.
Ein wesentlicher Unterschied liegt im Grad der Behinderung. Menschen mit chronischer Migräne leiden stärker unter den Auswirkungen der Erkrankung. Dr. Gendolla nennt das Beispiel eines jungen Mädchens mit Abitur, das aufgrund ihrer Migräne auf ein anspruchsvolles Maschinenbaustudium verzichtet und stattdessen eine Ausbildung zur technischen Zeichnerin beginnt. Dieses Beispiel verdeutlicht, wie Migräne die Lebensplanung und berufliche Entwicklung junger Menschen beeinflussen kann.
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Ein weiteres Problem ist die fehlende Objektivierbarkeit der Migräne. Im Gegensatz zu anderen Erkrankungen gibt es keine eindeutigen Biomarker oder Tests, die eine Migräneattacke objektiv nachweisen können. Dies führt oft dazu, dass Betroffene sich nicht ernst genommen fühlen und ihre Beschwerden bagatellisiert werden.
Begleiterkrankungen und psychische Belastung
Migräne tritt häufig in Verbindung mit anderen Erkrankungen auf. Angststörungen, Schlafstörungen und Depressionen sind häufige Begleiterkrankungen, die die Lebensqualität der Betroffenen zusätzlich beeinträchtigen. Es ist wichtig, diese Begleiterkrankungen frühzeitig zu erkennen und zu behandeln, um den Therapieerfolg zu verbessern.
Dr. Gendolla betont die Bedeutung einer zusätzlichen antidepressiven Behandlung bei chronischer Migräne, beispielsweise mit Citalopram oder Venlafaxin. Auch schlafanstoßende Mittel wie Doxepin können bei Schlafstörungen hilfreich sein. Entscheidend ist dabei die Defokussierung vom Schmerz, um den Teufelskreis aus Schmerz, Angst und Depression zu durchbrechen.
Medikamentöse Prophylaxe und Medikamentenübergebrauch
Die medikamentöse Migräneprophylaxe spielt eine wichtige Rolle bei der Behandlung der chronischen Migräne. Betablocker, Antiepileptika und Antidepressiva werden häufig eingesetzt, um die Häufigkeit und Intensität der Migräneattacken zu reduzieren.
Ein großes Problem stellt der Medikamentenübergebrauch dar. Viele Migränepatienten nehmen über einen längeren Zeitraum Schmerzmittel ein, um ihre Beschwerden zu lindern. Dies kann jedoch paradoxerweise zu einer Zunahme der Kopfschmerzen führen und die Wirksamkeit der Prophylaxe beeinträchtigen.
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Dr. Gendolla empfiehlt, den Medikamentenübergebrauch vor Beginn der Prophylaxe zu behandeln. Es gibt verschiedene Strategien, um den Medikamentenentzug durchzuführen. Einige Ärzte bevorzugen einen sofortigen Entzug, während andere eine schrittweise Reduktion der Medikamente empfehlen. Dr. Gendolla beginnt in der Regel sechs bis acht Wochen vor dem Medikamentenentzug mit der prophylaktischen Behandlung, um den Übergang zu erleichtern.
Bei Migränepatienten mit Medikamentenübergebrauch hat sich das Antiepileptikum Topiramat als prophylaktisch wirksam erwiesen. Allerdings kann Topiramat Nebenwirkungen verursachen, wie z.B. Kribbeln in den Händen und Füßen. Diese Nebenwirkungen können jedoch oft durch die Einnahme von Kalium oder den Verzehr einer Banane pro Tag reduziert werden.
Botulinumtoxin-A-Injektionen sind eine weitere Option zur Behandlung der chronischen Migräne. Studien haben gezeigt, dass Botulinumtoxin-A bei chronischer Migräne wirksam ist, während es bei episodischer Migräne keine Wirkung zeigt.
Empowerment gegen Migräne: Innovative Therapieansätze
Dr. Astrid Gendolla betont die Bedeutung des Empowerments gegen Migräne abseits von Tabletten, Tropfen und Spritzen. Sie sieht innovative Apps wie "sinCephalea" als eine wichtige Ergänzung zur medikamentösen Therapie.
"sinCephalea" ist eine digitale Gesundheitsanwendung (DiGA), die auf Rezept erhältlich ist und von den Krankenkassen erstattet wird. Die App ermöglicht es Betroffenen, ihre Migräne besser zu verstehen und ihre Ernährung individuell anzupassen.
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Die App basiert auf dem Konzept der personalisierten, Blutzucker-stabilisierenden Ernährung. Studien haben gezeigt, dass starke Blutzuckerschwankungen Migräneattacken auslösen können. "sinCephalea" hilft Betroffenen, ihre individuellen Blutzuckerreaktionen auf verschiedene Lebensmittel zu erkennen und ihre Ernährung entsprechend anzupassen.
Pirkko, eine Migränepatientin, berichtet von ihren positiven Erfahrungen mit "sinCephalea". Sie konnte durch die App feststellen, dass Vollkornbrot ihren Blutzuckerspiegel stark beeinflusst und Migräneattacken auslöst. Seit sie ihre Ernährung nach den Empfehlungen von "sinCephalea" angepasst hat, konnte sie die Häufigkeit ihrer Migräneattacken deutlich reduzieren.
Maike, eine andere Migränepatientin, hat ebenfalls positive Erfahrungen mit "sinCephalea" gemacht. Sie konnte feststellen, dass Schokolade ihre Migräneattacken verstärkt, während Vollkornbrot ihr hilft, ihren Blutzuckerspiegel stabil zu halten.
Dr. Gendolla erläutert: "Migränepatientinnen und -patienten beschneiden sich in ihrem ganzen Leben so stark, dass es ihnen guttut zu wissen, was sie hemmungslos genießen können, weil sie es vertragen. Es geht also auch um gezielten Genuss."
Studien haben gezeigt, dass Betroffene mit "sinCephalea" ihre Attacken um durchschnittlich 44 Prozent pro Monat reduzieren können.
Die Rolle der Ernährung bei Migräne
Die Ernährung spielt eine wichtige Rolle bei der Entstehung und Behandlung von Migräne. Es gibt eine Vielzahl von Lebensmitteln, die als Trigger für Migräneattacken gelten. Dazu gehören beispielsweise Alkohol, Käse, Schokolade, Zitrusfrüchte und bestimmte Konservierungsstoffe.
Allerdings reagiert jeder Mensch anders auf verschiedene Lebensmittel. Was für den einen ein Trigger ist, kann für den anderen unproblematisch sein. Es ist daher wichtig, die eigenen individuellen Trigger zu identifizieren und die Ernährung entsprechend anzupassen.
"sinCephalea" ist ein wertvolles Hilfsmittel, um die individuellen Blutzuckerreaktionen auf verschiedene Lebensmittel zu erkennen und die Ernährung entsprechend anzupassen. Die App berücksichtigt nicht nur die Inhaltsstoffe der Lebensmittel, sondern auch individuelle Faktoren wie den Stoffwechsel, die Tageszeit und die körperliche Aktivität.
Ganzheitlicher Therapieansatz
Dr. Astrid Gendolla betont die Bedeutung eines ganzheitlichen Therapieansatzes bei Migräne. Neben der medikamentösen Therapie und der Ernährungsumstellung spielen auch andere Faktoren eine wichtige Rolle, wie z.B. Stressmanagement, Entspannungstechniken, ausreichend Schlaf und regelmäßige Bewegung.
Es ist wichtig, die individuellen Bedürfnisse und Lebensumstände des Patienten zu berücksichtigen und einen maßgeschneiderten Therapieplan zu entwickeln. Ziel ist es, die Häufigkeit und Intensität der Migräneattacken zu reduzieren, die Lebensqualität zu verbessern und den Patienten zu einem selbstbestimmten Umgang mit ihrer Erkrankung zu befähigen.
Tipps und Ratschläge für Migränepatienten
- Führen Sie ein Kopfschmerztagebuch, um Ihre Migräneattacken zu dokumentieren und mögliche Trigger zu identifizieren.
- Achten Sie auf eine regelmäßige Lebensweise mit ausreichend Schlaf, regelmäßigen Mahlzeiten und ausreichend Bewegung.
- Vermeiden Sie bekannte Triggerfaktoren in Ihrer Ernährung.
- Lernen Sie Entspannungstechniken, um Stress abzubauen.
- Suchen Sie sich professionelle Hilfe bei einem Kopfschmerzspezialisten.
- Nutzen Sie innovative Apps wie "sinCephalea", um Ihre Migräne besser zu verstehen und Ihre Ernährung individuell anzupassen.
- Tauschen Sie sich mit anderen Migränepatienten aus, um sich gegenseitig zu unterstützen und voneinander zu lernen.
Fazit
Migräne ist eine komplexe Erkrankung, die das Leben der Betroffenen erheblich beeinträchtigen kann. Mit einem umfassenden Therapieansatz, der medikamentöse Therapie, Ernährungsumstellung, Stressmanagement und innovative Technologien wie "sinCephalea" umfasst, können Betroffene ihre Lebensqualität deutlich verbessern und ein selbstbestimmtes Leben führen. Dr. Astrid Gendolla betont, dass Migränepatienten ihre Erkrankung auch für sich nutzen können, indem sie ihre eigenen Bedürfnisse besser kennenlernen und ihre Lebensweise entsprechend anpassen. Ziel ist es, wieder zuversichtlich planen und handeln zu können.