Die Art und Weise, wie wir über Politik sprechen und denken, hat einen entscheidenden Einfluss auf unser politisches Handeln. Begriffe, Metaphern und Deutungsrahmen prägen unser Denken oft unbewusst und beeinflussen unsere Wahrnehmung der Welt. Das Buch "Auf leisen Sohlen ins Gehirn" von George Lakoff und Elisabeth Wehling beleuchtet diese Mechanismen und zeigt, wie politische Sprache unsere Meinungsbildung beeinflusst.
Die Macht der Frames
Menschen denken und sprechen in Frames, also kognitiven Deutungsrahmen. Diese Frames geben Fakten einen Sinn, ordnen sie ein und bewerten sie. Sprachliche Frames im öffentlichen Diskurs, wie "Steuerlast", "Arbeitgeber" oder "Klimawandel", prägen unser Denken, oft ohne dass wir es merken.
Elisabeth Wehling beschäftigt sich seit über zehn Jahren damit, die Sprache von Journalisten und Politikern daraufhin zu untersuchen, welche Meinung sie im Kopf der Leser, Zuschauer und Bürger entstehen lässt. In der kognitiven Linguistik wird dieses Thema unter dem Begriff "Framing" stark diskutiert. Framing meint, dass jeder Begriff einen komplexen Deutungsrahmen (Frame) umfasst. Auch die Süddeutsche Zeitung hat diese sprachliche Strategie im Sprachgebrauch vieler Politiker erkannt und den sogenannten Framing-Check ins Leben gerufen.
Wie Frames unser Denken beeinflussen
Wörter sind mehr als nur kurze Informationshülsen. Sie rufen automatisch Wissensbereiche, körperliche Vorgänge und Ideen in unseren Köpfen hervor. Wenn man zum Beispiel das Wort "Elefant" hört oder liest, denkt man nicht nur an das Bild eines Elefanten, sondern verbindet damit auch Gerüche, Gefühle und Erinnerungen.
Frames weisen einem Wort also eine Bedeutung zu, indem sie einen Zusammenhang von diesem Wort zu unserem spezifischen Weltwissen und unseren eigenen Erfahrungen herstellen. Wie an dem obigen Beispiel deutlich wird, kann das dann so weit führen, dass mit einem Wort (im obigen Beispiel: schlug) Bilder und Ideen in unserem Gehirn aktiviert werden (Hammer), von denen wir dann sogar fest glauben, diese auch gelesen zu haben.
Lesen Sie auch: "Auf leisen Sohlen ins Gehirn": Eine Erklärung
Beispiele für Framing im politischen Diskurs
Ein oft erwähntes Beispiel ist das Wort "Flüchtlingswelle". Dieser Begriff löst im menschlichen Gehirn die Bedeutungskonzepte von "Flüchtling" und "Welle" aus. Wellen können sehr groß, bedrohlich, unkalkulierbar und unkontrollierbar sein. Das Wort "Flüchtling" wird mit dem Wort "Welle" gleichgeschaltet, im Sinne von: Ein Flüchtling ist (wie) eine Welle.
Ein weiteres Beispiel ist "Asyltourismus", ein Begriff, den Bayerns Ministerpräsident Markus Söder in der Vergangenheit oft verwendete. Das Wort "Tourismus" wird in der Regel positiv verwendet und mit Urlaub assoziiert. Damit stellt der Begriff "Asyltourismus" etwas Harmloses dar, was auf diejenigen, die Asyl suchen, entsprechend übertragen wird.
Je häufiger eine Verknüpfung von Ideen aktiviert wird, desto stärker wird ihre neuronale Verbindung. Durch die Verwendung bestimmter sprachlicher Begriffe werden Werte transportiert, ohne dass man diese explizit nennen muss. Denn gegen Frames kann sich niemand wehren, sie werden automatisch aktiviert, sobald wir bestimmte Wörter hören oder lesen.
Die Rolle der Medien
Den Medien kommt eine zentrale Rolle in ihrer Vermittlung von Information und Wissen zu. Erkenntnisse über politisches Framing müssten Journalisten bekannt sein, damit sie Frames in der Öffentlichkeit, z.B. bei den parlamentarischen Auftritten von Politikern, aufdecken und diskutieren können. Werden Begriffe wie "Flüchtlingswelle" in der politischen Sprache verwendet, könnten Journalisten auf die problematische Verknüpfung dieser beiden Wörter und ihre entsprechenden Assoziationen aufmerksam machen und versuchen, stattdessen neutrale Wörter zu verwenden, hier zum Beispiel einfach Migration, bzw.
Kritik am Framing-Manual der ARD
Die Veröffentlichung von Elisabeth Wehlings Framing-Manual für die ARD hat eine lebhafte Debatte ausgelöst. Dabei ist Framing nichts Neues. Ohne die Einbettung in eine Strategie und genaue Insights über die Zielgruppen bringt der ganze Zauber nichts. Oft sogar das Gegenteil! Kritik und Spott, aber nur wenig Lob - das Echo war laut.
Lesen Sie auch: Wie Metaphern unser Gehirn beeinflussen
Elisabeth Wehling hat den Begriff „Framing“ in Deutschland bekannt gemacht und dabei den Fokus auf Metaphern gelegt. Als ihr lesenswertes Buch „Politisches Framing“ 2016 in Deutschland herauskam, wurde Trump gerade zum US-Präsidenten gewählt, die AfD in Deutschland groß und das Brexit-Referendum in Großbritannien durchgeführt - alles drei Ereignisse, die durch die Form der sprachlichen Auseinandersetzung Aufsehen erregten.
Framing selbst ist so alt wie die Menschheit. Auch die bundesdeutsche Politik hat es seit Anbeginn praktiziert. Schon im Jahr 1973 hat die CDU eine „Projektgruppe Semantik“ gegründet, welche die Parteiführung beraten und bei ihrem „Marsch durch die Begriffe“ unterstützen sollte. 1976 zog die CDU mit dem Slogan „Freiheit statt Sozialismus“ in den Wahlkampf gegen Helmut Schmidt. Robert Habeck berichtet in seinem Buch „Wer wir sein könnten“, dass die Grünen bewusst von der „Klimakatastrophe“ sprechen, nicht vom „Klimawandel“. Und die SPD-geführten Bundesministerien wählen für ihre aktuellen Gesetzesvorhaben sprechende Titel wie das „Starke-Familien-Gesetz“ oder die heiß diskutierte „Respekt-Rente“.
Wehling empfiehlt in ihrem Manual der ARD, Framing bewusst einzusetzen. Anstatt auf Fakten und nackte Zahlen zu setzen, sollten die öffentlich-rechtlichen Sender lieber die Überzeugungskraft der moralischen Prinzipien kommunizieren, auf denen die ARD basiert. Im Kern läuft das darauf hinaus, den Menschen stärker zu vermitteln, „warum“ es die öffentlich-rechtlichen Sender gibt, als was sie tatsächlich machen.
Doch einige der von Wehling vorgeschlagenen Begriffe sind unglücklich gewählt. So schlägt Wehling vor, über die privaten Medien unter anderem als „medienkapitalistische Heuschrecken“ zu sprechen - knackig, polarisierend und emotional. Aber genau hier gerät Wehlings gesamte Bilderwelt in Schieflage. Sie nimmt die Privaten ins Visier und nutzt Kampfbegriffe, die diesen die Existenzberechtigung absprechen. Das steht auch im Widerspruch zum Rundfunkstaatsvertrag. Denn dieser sieht ausdrücklich die Koexistenz beider Systeme vor. Der eigentliche Gegner, das sind die Populisten, die mit einfachen Parolen Front gegen die demokratische Gesellschaft machen. Die kommen bei Wehling ungeschoren davon.
Das Wehling-Manual macht deutlich: Framing ist Präzisionsarbeit und funktioniert nur, wenn es in das magische Dreieck aus Ziel, Zielgruppe und Tonalität eingebettet ist. Die gewählten Bilder müssen exakt auf das gestellte Ziel einzahlen und nahtlos an die existierenden Assoziationen in den Köpfen der Zielgruppen anknüpfen. Gelingt das nicht, geht der Schuss schnell nach hinten los.
Lesen Sie auch: Die Macht der Sprache: Lakoff und Wehling erklärt
Fazit
Die Sprache, die wir verwenden, hat einen tiefgreifenden Einfluss auf unser Denken und Handeln. Politische Sprache ist ein mächtiges Werkzeug, das genutzt werden kann, um unsere Meinungsbildung zu beeinflussen. Es ist daher wichtig, sich der Macht der Sprache bewusst zu sein und kritisch zu hinterfragen, welche Frames verwendet werden, um uns zu beeinflussen. Nur so können wir unsere eigene Sicht der Welt darstellen und auf die Art und Weise mit unserer Umwelt kommunizieren, wie wir es auch beabsichtigen.
Bewusster Umgang mit Sprache
Das A und O für jeden einzelnen und für uns alle ist, dass wir bewusst mit Sprache umgehen, dass wir uns der Macht der Sprache bewusst sind und die Sprache bewusst einsetzen. Frames sind nicht per se manipulativ, Frames sind einfach Teil unserer Sprache, Teil aller Sprachen. Aber nur wenn wir uns auch der eigenen Sprache bewusst sind, nur wenn wir uns immer wieder mit ihr auseinandersetzen, können wir Kontrolle über unsere eigene Sprache haben und auf die Art und Weise mit unserer Umwelt kommunizieren, wie wir es auch beabsichtigen. Nur so können wir unsere eigene Sicht der Welt darstellen.
Frei nach Watzlawik kann man nicht nicht framen - insofern ist eine Debatte darüber, ob eine öffentlich-rechtliche Organisation wie die ARD framen darf, müßig. Sie muss es sogar, und das möglichst präzise und strategisch überlegt. Denn präzises Framing kann Organisationen wie der ARD, die, fast 70 Jahre nach ihrer Gründung, neu erklären müssen, warum sie die Welt ein Stück besser machen, helfen, diese Vermittlung zu leisten. Aber Framing braucht das magische Dreieck aus Ziel, Zielgruppe und Tonalität. Und es muss in eine Gesamtstrategie eingebettet sein, die genau definiert, wer erreicht und welche Einstellungen in welcher Art verändert werden sollen. Als isoliertes Papier kann ein Framing-Manual im besten Falle Anstöße geben, wohin die Sprach-Reise gehen kann.