Autoimmunenzephalitis: Entzündung des Gehirns und Therapie mit Cortison

Die Autoimmunenzephalitis ist eine seltene, aber ernstzunehmende Erkrankung, bei der das Immunsystem fälschlicherweise das eigene Gehirn angreift. Diese fehlgeleitete Immunantwort führt zu Entzündungen im Gehirn, die eine Vielzahl neurologischer und psychiatrischer Symptome verursachen können. Eine frühzeitige Diagnose und Behandlung, oft mit Cortison und anderen Immunsuppressiva, ist entscheidend für eine gute Prognose.

Was ist eine Autoimmunenzephalitis?

Normalerweise schützt unser Immunsystem den Körper vor schädlichen Eindringlingen wie Viren, Bakterien und Pilzen. Bei einer Autoimmunerkrankung greift das Immunsystem jedoch fälschlicherweise körpereigene Zellen an. Im Falle der Autoimmunenzephalitis bilden sich Autoantikörper gegen Nervenzellen im Gehirn. Diese Autoantikörper stören die Funktion der Nervenzellen und verursachen Entzündungen.

Die Autoimmunenzephalitis ist keine einzelne Krankheit, sondern eine Gruppe von Erkrankungen, die durch verschiedene Autoantikörper ausgelöst werden. Jede dieser Erkrankungen ist nach dem spezifischen Autoantikörper benannt, der sie verursacht. Ein bekanntes Beispiel ist die Anti-N-Methyl-D-Aspartat-Rezeptor-Enzephalitis (NMDARE), bei der Antikörper gegen NMDA-Rezeptoren auf Nervenzellen gebildet werden. Die NMDARE kann bei Patientinnen jeden Alters auftreten, ist bislang jedoch meist bei jungen Erwachsenen und Kindern diagnostiziert worden. Andere Daten aus Patientinnengruppen mit unklarer Enzephalitis zeigen, dass die NMDARE Virus-bedingte Enzephalitiden bei Kindern in ihrer Häufigkeit sogar übertrifft.

Bis heute werden immer neue Autoantikörper identifiziert, so dass die Anzahl der einzelnen Diagnosen in dieser Gruppe zunimmt. Alle Krankheiten dieser Gruppe sind insofern gleich, als die Autoantikörper an Eiweiße auf der Oberfläche unserer Nervenzellen binden und dadurch die Funktion von Stützproteinen, Kanälen und Rezeptoren dieser Zellen stören.

Ursachen und Risikofaktoren

Die genauen Ursachen für die Entstehung einer Autoimmunenzephalitis sind noch nicht vollständig geklärt. In einigen Fällen kann die Autoimmunreaktion durch eine Infektion, wie beispielsweise eine Herpesenzephalitis, ausgelöst werden. Auch Tumorerkrankungen, insbesondere Keimzelltumoren oder Lymphome, können mit einer Autoimmunenzephalitis einhergehen. Es wird diskutiert, ob genetische Veranlagung und saisonale Faktoren (z. B. Infektwellen im Winter) eine Rolle spielen.

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Manchmal lässt sich die Ursache einer autoimmun bedingten Enzephalitis nicht immer herausfinden. In manchen Fällen entsteht sie auf dem Boden einer Krebserkrankung. Daher suchen Ärzte immer auch nach einem Tumor im Körper, wenn sie eine Autoimmunenzephalitis vermuten.

Symptome

Die Symptome einer Autoimmunenzephalitis können vielfältig sein und hängen von der Art der Autoantikörper und den betroffenen Hirnbereichen ab. Die Erkrankung beginnt meist plötzlich, innerhalb weniger Tage bis Wochen. Zu den häufigsten Symptomen gehören:

  • Neurologische Störungen: Bewegungsstörungen, Hirnnervenausfälle, Krampfanfälle, Sprach- und Gedächtnisprobleme
  • Psychiatrische Störungen: Verhaltensänderungen, Halluzinationen, Psychose, Katatonie
  • Beeinträchtigung lebenswichtiger Körperfunktionen: Kreislauf- und Atemstörungen (in schweren Fällen)

Gedächtnisprobleme, Stimmungsschwankungen oder Krampfanfälle sind typische Anzeichen einer Autoimmunenzephalitis. Die Erkrankung beginnt meist plötzlich, innerhalb weniger Tage bis Wochen. Bei schwerem Verlauf kann auch das vegetative Nervensystem betroffen sein - etwa mit Kreislaufversagen oder Atemstörungen, die eine Intensivbehandlung notwendig machen.

Die Schwierigkeit bei der Diagnostik liegt darin, dass die Krankheit zu Beginn neurologisch schwer zu fassen ist. Eine Kernspintomographie (MRT) des Gehirns zeigt in 50 Prozent der Fälle keine Auffälligkeiten an. Und auch eine Messung der Hirnströme (EEG) ist in einigen Fällen unauffällig. Das plötzliche Auftreten von psychiatrischen Symptomen in Zusammenhang mit neu auftretenden epileptischen Anfällen und vegetativen Entgleisungen ist jedoch ein deutlicher Hinweis darauf, dass es sich um eine Autoimmunenzephalitis handeln könnte.

Diagnose

Die Diagnose einer Autoimmunenzephalitis basiert auf einer Kombination aus klinischer Untersuchung, neurologischer Bildgebung und dem Nachweis von Autoantikörpern im Liquor (Nervenwasser) oder im Blut.

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  • Klinisch-neurologische Untersuchung: Der Arzt untersucht die neurologischen Funktionen des Patienten, um Art und Ausmaß der Beeinträchtigungen festzustellen.
  • Magnetresonanztomographie (MRT): Eine MRT des Gehirns kann Entzündungszeichen oder andere Veränderungen im Gehirn sichtbar machen.
  • Liquoruntersuchung: Die Entnahme von Liquor durch eine Lumbalpunktion ist entscheidend für die Diagnosestellung. Der Liquor wird auf Entzündungszeichen und Autoantikörper untersucht.
  • Blutuntersuchung: Im Blut können ebenfalls Autoantikörper nachgewiesen werden, obwohl die Sensitivität der Liquoranalyse höher ist.
  • Elektroenzephalographie (EEG): Eine EEG kann helfen, Krampfanfälle oder andere abnorme Hirnaktivitäten zu identifizieren.

Zur Diagnosestellung ist daher die Entnahme von Liquor durch eine Lumbalpunktion notwendig. Diese Untersuchung ist wird in einem kurzen und unkomplizierten Verfahren auf unserer kinderneurologischen Station durchgeführt. Der Liquor wird anschließend im LaborBerlin der Charité auf die häufigsten, heute bekannten Autoantikörper gegen Nervenzellen untersucht. Darüber hinaus haben wir in den Forschungslabors der Neuropädiatrie die Möglichkeit mit Hilfe zusätzlicher Untersuchungen nach noch unbekannten Autoantikörpern im Liquor zu suchen. Diese genauere Analyse des Materials wird dann durchgeführt, wenn die Beschwerden der Patient*innen für eine Autoimmunenzephalitis sprechen, die oben genannten Routine-Labor Test aber negative Ergebnisse liefern.

Therapie

Die Behandlung der Autoimmunenzephalitis zielt darauf ab, die fehlgeleitete Immunreaktion zu stoppen und die Entzündung im Gehirn zu reduzieren. Die Therapie erfolgt stufenweise und umfasst in der Regel:

  • Kortison: Hochdosiertes Kortison wird intravenös verabreicht, um die Entzündung schnell zu reduzieren. Anschließend erfolgt die Einnahme von Kortison in reduzierter Dosis.
  • Intravenöse Immunglobuline (IVIG): IVIG sind Antikörper, die aus dem Blut gesunder Spender gewonnen werden. Sie können helfen, die Autoantikörper zu neutralisieren und die Immunantwort zu modulieren.
  • Plasmapherese oder Immunadsorption: Diese Verfahren der Blutwäsche werden eingesetzt, um die Autoantikörper aus dem Blut zu entfernen. Dabei wird das das Blutplasma des Patienten ausgetauscht (Plasmapherese) beziehungsweise gereinigt (Immunadsorption).
  • Immunsuppressiva: Bei fortbestehenden Symptomen oder schweren Verläufen werden stärkere Immunsuppressiva wie Rituximab oder Cyclophosphamid eingesetzt, um das Immunsystem langfristig zu unterdrücken.
  • Tumortherapie: Wenn die Autoimmunenzephalitis mit einer Tumorerkrankung einhergeht, muss der Tumor frühzeitig therapiert werden.

Patient*innen mit Autoimmunenzephalitis sprechen daher in der Regel auf eine immunsuppressive Therapie an. Diese hat das Ziel die Produktion der krankmachenden Autoantikörper einzudämmen. Die größte Erfahrung haben wir heute mit der Therapie der NMDARE. Allgemein kann gesagt werden, dass ein frühzeitiger Therapiebeginn und bei (ausbleibender Besserung) eine rasch intensivierte Therapie einen günstigen Einfluss auf den Verlauf und das Ausheilen der Erkrankung haben. In unserer Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt Neurologie unterscheiden wir eine Erstlinientherapie mit hochdosiertem Steroidpuls, intravenösen Immunglobulin-Gaben, sowie Plasmapherese oder Immunadsorption und eine Zweitlinientherapien mit modernen Biologika wie dem Anti-B-Zell Antikörper Rituximab. Je nach Schwere des Krankheitsverlaufs werden beide Therapiesäulen nacheinander angewandt.

Mögliche Nebenwirkungen der Therapie

Die Medikamente, die zur Langzeitbehandlung eingesetzt werden, können mit Blutbildveränderungen und zum Beispiel mit einem erhöhten Risiko für bestimmte Infektionen einhergehen. Bei einer Therapie mit Kortison können Nebenwirkungen auftreten. Eine gefürchtete Nebenwirkung unter der Kortisontherapie ist eine Gewichtszunahme. Diese geht nach Therapieabschluss oft von selbst zurück, da es sich dabei meist um vermehrte Wassereinlagerung im Körper handelt. Insbesondere Veränderung der psychischen Gesundheit, wie depressive Verstimmung oder Schlafstörungen, aber auch Blutdruck- und Blutzuckerveränderungen sollten schnell erkannt und behandelt werden. Nach dem kurzzeitigen Einsatz einer hohen Dosis Kortison können Nebenwirkungen auch bis zu zwei Wochen nach dem Therapieabschluss noch auftreten. Zum Abschluss der Therapie ist es sehr wichtig, dass Sie das Kortison nicht plötzlich absetzen.

Prognose

Die Prognose der Autoimmunenzephalitis hängt von verschiedenen Faktoren ab, darunter die Art der Autoantikörper, die Schwere der Erkrankung und der Zeitpunkt des Therapiebeginns. Ein früher Beginn der Immuntherapie ist entscheidend für eine gute Prognose.

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Etwa die Hälfte aller Patientinnen sprechen bereits auf eine Erstlinientherapie an und haben im Verlauf eine gute Prognose. Von den übrigen Patientinnen sprechen wiederum mehr als zwei Drittel gut auf die Zweitlinientherapie an. Insgesamt erholen sich ca. 80% aller Patientinnen mit Hilfe einer immunsuppressiven Therapie, einer Tumorresektion (falls erforderlich), symptomatischer Behandlung (z.B. der Krampfanfälle oder psychotischer Symptome) und intensiver Rehabilitation. Trotzdem ist der Genesungsprozess langsam und kann sich über viele Monate ziehen. Nach anfänglichem Rückgang der Krampfanfälle und Bewegungsstörungen und allmählicher Verbesserung der kognitiven Fähigkeiten und des Verhaltens, dauert es meist noch mehrere Wochen, bevor unsere Patientinnen wieder den Kindergarten oder die Schule besuchen können.

Dennoch behalten einige Betroffene leichte Einschränkungen im Bereich Gedächtnis, Konzentration oder Impulskontrolle zurück. Die Erkrankung verändert nicht nur das Gehirn, sondern auch das Verhalten. Für Angehörige sind die Wesensänderungen oft schwer zu verarbeiten. Offenheit gegenüber der Erkrankung und das Verständnis für ihre Folgen helfen allen Beteiligten.

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