Behandlungsfehler bei Multipler Sklerose: Definition, Ursachen und Folgen

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die Gehirn und Rückenmark betrifft. Obwohl es keine Heilung gibt, können Behandlungen helfen, die Symptome zu lindern und den Verlauf der Krankheit zu verlangsamen. Allerdings können Fehler bei der Diagnose und Behandlung von MS schwerwiegende Folgen haben. Dieser Artikel beleuchtet die Definition und Ursachen von Behandlungsfehlern bei MS und diskutiert mögliche Folgen für Betroffene.

Definition des Behandlungsfehlers bei Multipler Sklerose

Ein Behandlungsfehler liegt vor, wenn eine medizinische Behandlung nicht den zum Zeitpunkt der Behandlung geltenden, allgemein anerkannten fachlichen Standards entspricht. Im Zusammenhang mit MS kann dies verschiedene Aspekte betreffen:

  • Fehldiagnose: Eine falsche Diagnose, bei der eine andere Erkrankung fälschlicherweise als MS diagnostiziert wird oder umgekehrt.
  • Verzögerte Diagnose: Eine verzögerte Diagnose, bei der die korrekte Diagnose MS erst nach einer erheblichen Zeitspanne gestellt wird.
  • Falsche Therapie: Die Anwendung einer Therapie, die für den jeweiligen Patienten nicht geeignet oder nicht indiziert ist.
  • Unzureichende Überwachung: Eine unzureichende Überwachung des Patienten während der Therapie, wodurch Nebenwirkungen oder Komplikationen nicht rechtzeitig erkannt werden.
  • Mangelhafte Aufklärung: Eine unvollständige oder unverständliche Aufklärung des Patienten über die Risiken und Nebenwirkungen der Therapie.

Ursachen von Behandlungsfehlern bei Multipler Sklerose

Die Ursachen für Behandlungsfehler bei MS können vielfältig sein. Einige der häufigsten Ursachen sind:

  • Fehlerhafte Anwendung von Diagnosekriterien: Die Diagnose von MS basiert auf bestimmten Kriterien, die sorgfältig angewendet werden müssen. Fehler bei der Anwendung dieser Kriterien können zu Fehldiagnosen führen. So glaubten Ärzte in einem Fall bei 60 Prozent der Patienten vor allem dem MRT und weniger den klinischen Symptomen, die sich nicht als MS-typisch erwiesen.
  • Überbewertung von MRT-Befunden: MRT-Aufnahmen des Gehirns und des Rückenmarks sind ein wichtiges Instrument zur Diagnose von MS. Allerdings können MRT-Befunde auch bei anderen Erkrankungen auftreten, was zu Fehldiagnosen führen kann. "Die MRT-Kriterien sind jedoch nicht zur Differenzialdiagnose geeignet. So könnten auch Migränepatienten im MRT eine Dissemination über die Zeit präsentieren. Davon dürfe man sich nicht irritieren lassen.
  • Mangelnde Berücksichtigung von Differenzialdiagnosen: MS kann ähnliche Symptome wie andere Erkrankungen verursachen. Neurologen müssen daher sorgfältig Differenzialdiagnosen in Betracht ziehen, um eine Fehldiagnose zu vermeiden.
  • Unzureichende Kenntnisse über MS: MS ist eine komplexe Erkrankung, die sich ständig weiterentwickelt. Neurologen müssen über die neuesten Forschungsergebnisse und Behandlungsoptionen auf dem Laufenden sein, um eine optimale Versorgung der Patienten zu gewährleisten.
  • Zeitdruck und Arbeitsbelastung: In einem Gesundheitssystem, das zunehmend unter Zeitdruck steht, kann es vorkommen, dass Neurologen nicht genügend Zeit haben, um eine gründliche Diagnose zu stellen oder eine umfassende Therapieplanung durchzuführen.
  • Kommunikationsprobleme: Eine mangelhafte Kommunikation zwischen dem Neurologen und dem Patienten oder zwischen verschiedenen medizinischen Fachkräften kann zu Fehlern bei der Diagnose und Behandlung führen.
  • Überschätzung der Wirksamkeit von Immuntherapien: Neurolog*innen überschätzen vielleicht die Wirksamkeit ihrer Immuntherapien deshalb, weil diese ihnen selbst ermöglicht haben, aus dem Zustand der ärztlichen Untätigkeit zu entkommen, den sie für sich persönlich als schlimm erlebt haben.

Folgen von Behandlungsfehlern bei Multipler Sklerose

Behandlungsfehler bei MS können schwerwiegende Folgen für die Betroffenen haben:

  • Verzögerung der korrekten Behandlung: Eine Fehldiagnose oder verzögerte Diagnose kann dazu führen, dass Patienten nicht die notwendige Behandlung erhalten, um den Verlauf der Krankheit zu verlangsamen und Symptome zu lindern.
  • Unnötige oder schädliche Therapien: Patienten, die fälschlicherweise mit MS diagnostiziert werden, können unnötige oder sogar schädliche Therapien erhalten, wie z.B. Immunmodulatoren oder Zytostatika. 70 Prozent der Patienten mit falscher MS-Diagnose haben eine Therapie mit Immunmodulatoren erhalten, 36 Prozent mehr als ein Präparat, 13 Prozent Alemtuzumab, einige auch Zytostatika wie Mitoxantron oder Cyclophosphamid.
  • Nebenwirkungen und Komplikationen: MS-Therapien können erhebliche Nebenwirkungen und Komplikationen verursachen, die die Lebensqualität der Patienten beeinträchtigen können.
  • Psychische Belastung: Eine Fehldiagnose oder verzögerte Diagnose kann zu erheblicher psychischer Belastung führen, insbesondere wenn Patienten über lange Zeit unter unklaren Symptomen leiden.
  • Verlust des Vertrauens: Behandlungsfehler können das Vertrauen der Patienten in die Neurologie untergraben.

Beispiele für Behandlungsfehler bei Multipler Sklerose

Ein Team in Vancouver konnte 23 Neurologen an unterschiedlichen MS-Zentren in den USA dafür begeistern, Fälle von Patienten aufzubereiten, bei denen sie eine bestehende MS-Diagnose als falsch erkannt hatten. Bei etwa der Hälfte hatten die Neurologen schließlich eine andere Diagnose als MS gestellt, bei den übrigen waren sie sich zumindest sicher, dass die Patienten keine MS hatten, wenngleich die alternative Diagnose noch nicht eindeutig feststand. Von den Patienten, bei denen letztlich eine andere Erkrankung als MS diagnostiziert werden konnte, hatten 22 Prozent eine Migräne, 15 Prozent eine Fibromyalgie, 12 Prozent unspezifische, nicht genau lokalisierbare neurologische Symptome, 11 Prozent ein psychisches Problem und 6 Prozent eine Neuromyelitis optica (NMO). "Es sind überwiegend ganz häufige Störungen, die fälschlicherweise für eine MS gehalten werden", sagte Solomon.

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Zu den verpassten Chancen zählten sie etwa Liquoruntersuchungen bei 52 der Patienten. Rund zwei Drittel der Patienten hätten keine MS-Diagnose erhalten dürfen, hätten die Ärzte die geltenden MS-Diagnose-Kriterien rigoros angewandt, bei der Hälfte wäre dies auch nach den alten Kriterien der Fall gewesen, so das Urteil der MS-Spezialisten.

Vermeidung von Behandlungsfehlern bei Multipler Sklerose

Um Behandlungsfehler bei MS zu vermeiden, sind folgende Maßnahmen wichtig:

  • Sorgfältige Anwendung von Diagnosekriterien: Neurologen sollten die Diagnosekriterien für MS sorgfältig anwenden und alle relevanten Informationen berücksichtigen, einschließlich der klinischen Symptome, MRT-Befunde und Liquoruntersuchungen.
  • Berücksichtigung von Differenzialdiagnosen: Neurologen sollten Differenzialdiagnosen in Betracht ziehen, um andere Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen auszuschließen.
  • Fortbildung und Aktualisierung des Wissens: Neurologen sollten sich regelmäßig fortbilden, um über die neuesten Forschungsergebnisse und Behandlungsoptionen auf dem Laufenden zu bleiben.
  • Verbesserung der Kommunikation: Neurologen sollten eine offene und transparente Kommunikation mit ihren Patienten pflegen und sicherstellen, dass die Patienten über alle relevanten Aspekte ihrer Erkrankung und Behandlung informiert sind.
  • Einholung einer Zweitmeinung: Patienten sollten die Möglichkeit haben, eine Zweitmeinung von einem anderen Neurologen einzuholen, um die Diagnose und Behandlungsempfehlungen zu überprüfen.
  • Einführung von Qualitätsmanagementsystemen: Krankenhäuser und Arztpraxen sollten Qualitätsmanagementsysteme einführen, um die Qualität der Versorgung von MS-Patienten zu verbessern und Behandlungsfehler zu vermeiden.
  • Gewissenhaftes Nebenwirkungsmanagement: Die Notwendigkeit eines gewissenhaften Nebenwirkungsmanagements der MS-Medikamente müssen die Neurolog*innen wohl erst noch lernen einzusehen. Abschauen dürfen sie es gerne von anderen Fachdisziplinen, die ebenfalls mit gefährlichen Therapieprinzipien hantieren.

Rechtliche Aspekte von Behandlungsfehlern bei Multipler Sklerose

Wenn ein Behandlungsfehler bei MS zu einem Schaden führt, können Betroffene Schadensersatzansprüche gegen den behandelnden Arzt oder das Krankenhaus geltend machen. Die Beweislast liegt in der Regel beim Patienten, der nachweisen muss, dass ein Behandlungsfehler vorliegt und dass dieser Fehler zu einem Schaden geführt hat. Allerdings gibt es in bestimmten Fällen Beweiserleichterungen für den Patienten, insbesondere wenn ein grober Behandlungsfehler vorliegt.

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