Biotin, auch bekannt als Vitamin B7 oder Vitamin H, ist ein wasserlösliches Vitamin aus der B-Komplex-Gruppe, das eine wichtige Rolle im Stoffwechsel spielt. Es wird oft als Nahrungsergänzungsmittel zur Förderung der Haut-, Haar- und Nagelgesundheit angeboten. In den letzten Jahren hat hochdosiertes Biotin auch das Interesse der Forschung im Bereich der Multiplen Sklerose (MS) geweckt. Dieser Artikel beleuchtet die aktuellen Studienergebnisse und Erkenntnisse zur Anwendung von hochdosiertem Biotin bei MS.
Biotin: Grundlagen und Wirkmechanismus
Biotin wirkt als essentieller Cofaktor für Carboxylasen, die in kritischen Stoffwechselwegen involviert sind. Es unterstützt die Umwandlung von Pyruvat zu Oxalacetat (Gluconeogenese), die Synthese von Fettsäuren (Acetyl-CoA-Carboxylase) und den Abbau von Aminosäuren (Methylcrotonyl-CoA-Carboxylase). Biotin bindet an spezifische Enzyme über eine kovalente Bindung mit Lysinresten (Biotinylierung) und ermöglicht so die effiziente katalytische Funktion.
Die empfohlene Tagesdosis für Erwachsene beträgt 30-50 µg. Bei therapiebedürftigem Biotinmangel oder Stoffwechselerkrankungen wie Biotinidasemangel können Dosierungen zwischen 5-20 mg täglich erforderlich sein. Bei bestimmten neurologischen Erkrankungen, wie multipler Sklerose, sind höhere Dosierungen (bis zu 300 mg täglich) unter ärztlicher Aufsicht üblich.
Biotin und Multiple Sklerose: Frühe Hoffnungen
Therapeutische Interventionen gezielt gegen die Neurodegeneration, die der Progression bei Multipler Sklerose (MS) zugrunde liegt, werden dringend gebraucht. In diesem Kontext wurde nun Biotin klinisch geprüft. Hochdosiertes Biotin könnte nämlich, so deuteten frühere Studien an, den Energiehaushalt von Neuronen und Oligodendrozyten verbessern und so zu einer Verbesserung von Zellfunktion, -reparatur oder -überleben beitragen.
In einer früheren Studie wurden Verbesserungen im Behinderungsgrad über 12 Monate bei Patienten mit progressiver Multipler Sklerose gefunden. Diese Ergebnisse nährten die Hoffnung, dass hochdosiertes Biotin einen Beitrag zur Besserung bei progressiver MS leisten könnte.
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Ein weiterer Grund für hohe Erwartungen liegt im innovativen Wirkmechanismus. Man nimmt an, dass hochdosiertes Biotin durch eine Unterstützung der Energieproduktion in Nervenzellen den Nervenfaserverlust eindämmen kann; zum anderen gibt es Hinweise für eine Förderung von Reparaturvorgängen der Myelinscheiden, also eine Remyelinisierung. Das ist ein deutlich anderer Ansatz als bei den derzeit zugelassenen, in erster Linie entzündungshemmenden Wirkstoffen. Vorstellbar wäre auch ein kombinierter Einsatz mit Entzündungshemmern gewesen.
Die SPI2-Studie: Ernüchternde Ergebnisse
Um die potenziellen Vorteile von hochdosiertem Biotin bei MS weiter zu untersuchen, wurde eine internationale Phase-3-Studie (SPI2) mit 642 Patienten durchgeführt. Die Teilnehmer erhielten Biotin in 100 mg Dosierung (MD1003) dreimal täglich oder ein Placebo, diese wurden ergänzend zur jeweiligen Medikation eingenommen.
Die Studie zeigte jedoch, dass Biotin keine signifikante Verbesserung des Behinderungsgrads oder der Gehfähigkeit bei Patienten mit progressiver MS brachte. Genauer gesagt, verbesserten sich 39 (12 %) von 326 Patienten in der Biotin-Gruppe mit Blick auf EDSS/TW25 nach 12 Monaten, im Vergleich zu 29 (9 %) von 316 Menschen in der Placebo-Gruppe (Odds Ratio OR 1,35; 95 % Konfidenzintervall 0,81-2,26).
Nachdem der primäre und auch die sekundären klinischen Endpunkte in der SPI2-Studie offensichtlich nicht erreicht wurden, gibt es aktuell jedenfalls definitiv keine Basis für einen Zulassungsantrag. Es wird vermutet, dass man nun die klinische Entwicklung von Biotin zur Behandlung der MS einstellen wird.
Mögliche Gründe für das Scheitern der Studie
Es gibt mehrere mögliche Gründe, warum die SPI2-Studie nicht die erhofften Ergebnisse lieferte:
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- Zu kurze Studiendauer: Eine Einschränkung ist, dass auf Basis der kleinen SPI-Studie in SPI2 ebenfalls nur über 1 Jahr untersucht wurde, was für eine Studie bei chronisch-progredienter MS aus Sicht einiger Experten schlicht und einfach zu kurz ist. Vielleicht liefert eine genauere Analyse der Studiendaten anhand von Kurvenverläufen zumindest einen Anhalt, ob man möglicherweise nur deshalb keinen Therapieeffekt gesehen hat, weil man zu kurz untersucht hat.
- Heterogene Patientengruppe: Die Studie schloss Patienten mit primärer und sekundärer progressiver MS ein. Es ist möglich, dass Biotin bei bestimmten Subgruppen von Patienten wirksamer ist als bei anderen.
- Unzureichende Dosierung: Obwohl 300 mg Biotin pro Tag eine hohe Dosis sind, könnte es sein, dass eine noch höhere Dosierung erforderlich wäre, um einen therapeutischen Effekt zu erzielen.
Risiken und Nebenwirkungen von hochdosiertem Biotin
Biotin ist generell gut verträglich. Sehr selten können allergische Reaktionen oder gastrointestinale Beschwerden auftreten. Allerdings gibt es ein wichtiges Problem im Zusammenhang mit hochdosiertem Biotin: Es kann bestimmte Blutwerte verfälschen und so zu den falschen Schlüssen führen.
Bei hohen Dosen besteht das Risiko von falsch-positiven oder falsch-negativen Laborwerten in immunologischen Tests. Dies betrifft vor allem Schilddrüsenhormon-Tests (z. B. TSH, fT4, fT3) sowie Tumormarker. Erhöhte Troponinwerte werden zum Beispiel nicht erkannt und lassen somit womöglich Herzinfarkte unerkannt. Oder es führt zu einer Fehldiagnose von Morbus Basedow.
Um fehlerhafte Ergebnisse zu vermeiden, sollte das Labor über die Einnahme von Biotin informiert werden. Bei der Einnahme von niedrigen Dosen Biotin (z.B. eines Multivitaminpräparates) sind keine Interferenzen zu erwarten, bei hohen Biotindosen >5.000 µg pro Tag kann es zu potentiellen Testinterferenzen kommen. Hier sollte die Probenentnahme frühestens 8 Stunden nach der letzten Einnahme erfolgen.
Inzwischen gibt es neue Tests mit erhöhter Biotinresistenz. Es erfolgt eine Umstellung auf eine neue Testgeneration der Parameter TSH und Troponin mit erhöhten Interferenz Grenzwerten für Biotin. Die Toleranzgrenze liegt nun ≤ 1200 ng/mL.
Aktuelle Empfehlungen und Ausblick
Die Ergebnisse der SPI2-Studie haben die Hoffnungen auf eine wirksame Behandlung von progressiver MS mit hochdosiertem Biotin gedämpft. Derzeit gibt es keine ausreichende Evidenz, um die routinemäßige Anwendung von hochdosiertem Biotin bei MS zu empfehlen.
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Von einer Eigentherapie mit hochdosiertem Biotin ist also aus zweierlei Gründen abzuraten: mangelnde Wirkung und verfälschte Blutwerte.
Es ist jedoch möglich, dass weitere Forschung in Zukunft neue Erkenntnisse über die Rolle von Biotin bei MS liefern wird. Zukünftige Studien könnten sich auf spezifische Subgruppen von Patienten, höhere Dosierungen oder längere Behandlungszeiträume konzentrieren. Es ist auch denkbar, dass Biotin in Kombination mit anderen Therapien einen synergistischen Effekt erzielen könnte.
Biotin als Nahrungsergänzungsmittel: Was ist zu beachten?
Biotin ist ein wichtiges Vitamin, das für verschiedene Stoffwechselprozesse im Körper benötigt wird. Eine ausgewogene Ernährung, die reich an biotinhaltigen Lebensmitteln wie Leber, Eiern, Milchprodukten und Vollkornprodukten ist, kann in der Regel den täglichen Bedarf decken.
Biotin-Supplemente können sinnvoll sein, wenn ein Biotinmangel vorliegt oder ein erhöhter Bedarf besteht, beispielsweise während der Schwangerschaft oder Stillzeit. Es ist jedoch wichtig, die empfohlene Tagesdosis nicht zu überschreiten und vor der Einnahme von hochdosierten Präparaten einen Arzt zu konsultieren.
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