Hochdosiertes Biotin bei Multipler Sklerose: Studien, Wirkung und Risiken

Biotin, auch bekannt als Vitamin B7 oder Vitamin H, ist ein wasserlösliches Vitamin aus der B-Komplex-Gruppe. Es spielt eine wichtige Rolle im Stoffwechsel von Fetten, Kohlenhydraten, Eiweißen und Cholesterin. Biotin ist in Multivitaminpräparaten und Biotin-Supplementen enthalten. Zudem wird Biotin hochdosiert im Rahmen von Studien zur Behandlung der Multiplen Sklerose eingesetzt. Dieser Artikel beleuchtet die Studienlage, die Wirkungsweise von Biotin, potenzielle Risiken und Anwendungsaspekte im Kontext von Multipler Sklerose.

Biotin: Ein Überblick

Biotin wurde bereits 1898 entdeckt, aber erst 1940 konnte seine chemische Struktur endgültig geklärt werden. Es ist ein essenzieller Cofaktor für Carboxylasen, Enzyme, die Stoffwechselvorgänge steuern. Ohne sie könnten bestimmte Prozesse im Körper nicht oder nur langsam stattfinden. Zu diesen Carboxylasen gehören:

  • Pyruvatcarboxylase: Schlüsselenzym bei der Gluconeogenese (Neubildung von Zucker aus Nicht-Zuckern).
  • Propionyl-CoA-Carboxylase: Bestandteil beim Abbau verschiedener Aminosäuren in den Mitochondrien (Kraftwerke der Zellen).
  • Methylcrotonyl-CoA-Carboxylase: Ebenfalls am Abbau der Aminosäure Leucin in den Mitochondrien beteiligt.
  • Acetyl-CoA-Carboxylase: Wichtig für die Herstellung von Fettsäuren (Fettsäuresynthese).

Neben seiner Bedeutung als Coenzym nimmt Biotin Einfluss auf das Zellwachstum, darunter das Wachstum und den Erhalt von Blutzellen, Nervengewebe sowie Haut und Haar.

Biotin in der Nahrung

Damit der Körper ausreichend mit Biotin versorgt ist, muss das Vitamin über die Nahrung aufgenommen werden. Bis vor einiger Zeit gingen Wissenschaftler davon aus, dass der Körper Biotin überhaupt nicht selbst herstellen kann. Dann entdeckten sie jedoch, dass der Körper eine eigene Quelle für B-Vitamine im Magen-Darm-Trakt bereithält. Bestimmte Bakterien, die in einer gesunden Darmflora (Mikrobiom) enthalten sind, können B-Vitamine wie Biotin produzieren und freisetzen. Die Resorptionsrate von Biotin aus Lebensmitteln liegt bei 50 Prozent, die Bioverfügbarkeit bei 100 Prozent. Das in Nahrungsmitteln vorhandene Biotin ist überwiegend an Eiweiß gebunden. Dieses muss bei der Verdauung im Dünndarm zunächst abgespalten werden, bevor der Körper das Biotin verwenden kann. Biotin wird vermutlich vor allem in den oberen Abschnitten des Dünndarms vom Körper aufgenommen.

Verschiedene Faktoren regulieren den Biotintransport innerhalb des Organismus. So ist beispielsweise bei einer guten Biotinversorgung die Menge des Biotins, das zu den Organen transportiert wird, verringert und bei Unterversorgung gesteigert. Der Körper kann B-Vitamine nicht speichern. Eine Ausnahme sind die Vitamine B3 (Niacin) und B12. Ein Überschuss der anderen B-Vitamine, darunter Biotin, wird über den Urin ausgeschieden.

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Besonders viel Biotin enthalten Leber und Hefe. Geringere Biotinmengen finden sich in Milch und Milchprodukten, Eiern (insbesondere Eigelb) und Vollkornprodukten. Biotin steckt auch in Nüssen und Sojabohnen sowie Champignons. Nach Angaben der DGE sind Milchprodukte sowie mit Biotin angereicherte Mehrfruchtsäfte hierzulande die am meisten genutzten Biotinquellen.

Biotinmangel: Ursachen und Symptome

Ein Biotinmangel kommt bei Menschen, die sich ausgewogen ernähren, so gut wie nicht vor. Es gibt jedoch Risikogruppen, bei denen Mangelerscheinungen häufiger vorkommen. Dazu gehören Menschen mit hohem Alkoholkonsum, Dialysepatient:innen und Patient:innen, die Medikamente gegen Epilepsie einnehmen (Antiepileptika). Ein Biotinmangel kann außerdem Menschen mit erkrankter oder geschädigter Darmschleimhaut betreffen, wie sie etwa bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (Colitis ulcerosa oder Morbus Crohn) vorkommen kann. Auch eine Gluten-Unverträglichkeit (Zöliakie) erhöht die Wahrscheinlichkeit für Unterversorgung mit dem Vitamin.

Ein Sonderfall ist ein angeborener Biotinidase-Mangel. Dabei handelt es sich um eine angeborene Störung des Biotin-Stoffwechsels. Sie betrifft einen von 80.000 Säuglingen. Deshalb gehört ein Test auf das Enzym zum Neugeborenenscreening.

Bei einer schweren Mangelerscheinung kommt es zu verschiedenen Symptomen. So verursacht zu wenig Biotin Hautausschlag, vor allem rund um Augen, Nase und Mund sowie im Genitalbereich. Eine Bindehautentzündung (Konjunktivitis), Fettleber, niedriger Blutdruck (Hypotonie) sowie Entwicklungsstörungen bei Kindern können ebenso einen Biotinmangel anzeigen. Fehlendes Biotin kann, da es wichtig für die Haare ist, zudem Haarausfall (Alopezie) verursachen.

Ob zu wenig Biotin im Körper ist, wird meist über die Menge im Urin nachgewiesen. Fehlt Vitamin B7, zeigt sich das schnell in einer verminderten Ausscheidung.

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Hochdosiertes Biotin und Multiple Sklerose: Die Studienlage

Therapeutische Interventionen gezielt gegen die Neurodegeneration, die der Progression bei Multipler Sklerose (MS) zugrunde liegt, werden dringend gebraucht. In diesem Kontext wurde nun Biotin klinisch geprüft. Hochdosiertes Biotin könnte nämlich, so deuteten frühere Studien an, den Energiehaushalt von Neuronen und Oligodendrozyten verbessern und so zu einer Verbesserung von Zellfunktion, -reparatur oder -überleben beitragen.

Frühere Studien deuteten an, dass hochdosiertes Biotin möglicherweise einen Beitrag zur Besserung bei progressiver Multipler Sklerose (MS) leisten könnte. In einer früheren Studie wurden Verbesserungen im Behinderungsgrad über 12 Monate bei Patienten mit progressiver Multipler Sklerose gefunden.

Diese vielversprechenden Ergebnisse führten zu einer internationalen Phase-3-Studie mit 642 Patienten, um die Wirksamkeit von hochdosiertem Biotin bei progressiver MS genauer zu untersuchen.

Die SPI2-Studie (Safety and Efficacy of MD1003 (High-Dose Biotin) in Patients with Progressive Multiple Sclerosis):

  • Teilnehmer: Patienten zwischen 18 und 65 Jahren mit primärer oder sekundärer progressiver MS, die bestimmte Kriterien erfüllten (EDSS 3,5-6,5, Gehstrecke unter 40 Sekunden, kein Rückfall in den 2 Jahren vor Studienaufnahme).
  • Intervention: Biotin in 100 mg Dosierung (MD1003) dreimal täglich oder Placebo, zusätzlich zur jeweiligen Medikation.
  • Zeitraum: Zwischen Februar 2017 und Juni 2018 wurden 642 Teilnehmer randomisiert. Die Doppelblind-Phase der Studie endete mit dem Ablauf der 15 Monate für die letzten in die Studie aufgenommenen Patienten (November 2019). Die durchschnittliche Zeit in der Placebo-kontrollierten Phase betrug 20,1 Monate (zwischen 15 und 27 Monate).
  • Ergebnisse: 39 (12 %) von 326 Patienten in der Biotin-Gruppe verbesserten sich mit Blick auf EDSS/TW25 nach 12 Monaten, im Vergleich zu 29 (9 %) von 316 Menschen in der Placebo-Gruppe (Odds Ratio OR 1,35; 95 % Konfidenzintervall 0,81-2,26). Adverse Ereignisse, die im Rahmen der Behandlung auftraten, wurden bei 277 (84 %) von 331 Teilnehmern in der Biotin-Gruppe und bei 264 (85 %) von 311 Teilnehmern in der Placebo-Gruppe berichtet. 87 (26 %) von 331 Patienten unter Biotin und 82 (26 %) von 311 Patienten mit Placebo hatten zumindest ein ernstes adverses Ereignis. In der Biotingruppe verstarb ein Patient.
  • Fazit: Die Studie zeigte somit, dass Biotin keine signifikante Verbesserung des Behinderungsgrads oder der Gehfähigkeit bei Patienten mit progressiver MS brachte.

Die Ernüchterung nach der SPI2-Studie:

Trotz der anfänglichen Hoffnungen, die durch kleinere Studien geweckt wurden, brachte die groß angelegte Phase-3-Studie SPI2 keine positiven Ergebnisse. Prof. Dr. Hans-Christoph Diener, Uni Essen, berichtete, dass das Vitaminpräparat bei keinem der definierten Endpunkte hinsichtlich Behinderung und klinischer Verschlechterung punkten konnte. Damit ist diese gut verträgliche und kostengünstige Option leider aus dem Rennen, sagte Prof. Diener.

Warum gab es hohe Erwartungen?

Buttmann: Hoch dosiertes Biotin hatte in der kleinen SPI-Studie mit insgesamt 154 Teilnehmenden bei immerhin 12,6% der mit Biotin Behandelten zur Besserung einer vorbestehenden Behinderung geführt, was unter Placebo bei niemandem beobachtet worden war. Damit hatte die Studie ihren sehr ambitionierten primären Endpunkt, eine Besserung von Einschränkungen, erreicht, wenn auch nur bei einer Minderheit der Teilnehmenden. Untersucht wurde über 1 Jahr mit einer Bestätigung nach weiteren 3 Monaten. Biotin zeigte sich hier sehr gut verträglich. Ein weiterer Grund für hohe Erwartungen liegt im innovativen Wirkmechanismus. Man nimmt an, dass hochdosiertes Biotin durch eine Unterstützung der Energieproduktion in Nervenzellen den Nervenfaserverlust eindämmen kann; zum anderen gibt es Hinweise für eine Förderung von Reparaturvorgängen der Myelinscheiden, also eine Remyelinisierung. Das ist ein deutlich anderer Ansatz als bei den derzeit zugelassenen, in erster Linie entzündungshemmenden Wirkstoffen. Vorstellbar wäre auch ein kombinierter Einsatz mit Entzündungshemmern gewesen. Vielen MS-Betroffenen ist Biotin außerdem sympathisch, weil es sich dabei um ein Vitamin handelt, wenn auch bei MS in 10.000-fach höherer Dosis als von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung für alle Menschen empfohlen.

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AMSEL: Bedeutet das, dass Biotin bei MS überhaupt keinen therapeutischen Effekt hat und nicht zugelassen wird?

Buttmann: Nachdem der primäre und auch die sekundären klinischen Endpunkte in der SPI2-Studie offensichtlich nicht erreicht wurden, gibt es aktuell jedenfalls definitiv keine Basis für einen Zulassungsantrag. Ich vermute, dass man nun die klinische Entwicklung von Biotin zur Behandlung der MS einstellen wird. Ob Biotin bei MS wirklich überhaupt keinen therapeutischen Effekt hat, wissen wir allerdings noch nicht. Hier müssen wir weitere Analysen abwarten. Ich halte es für durchaus möglich, dass sich zum Beispiel in den MRT-Analysen noch Unterschiede zwischen Biotin- und Placebo-Behandelten zeigen werden. Das wird aber jedenfalls keine Basis für eine Zulassung sein können. Eine weitere Einschränkung ist, dass auf Basis der kleinen SPI-Studie in SPI2 ebenfalls nur über 1 Jahr untersucht wurde, was für eine Studie bei chronisch-progredienter MS aus meiner Sicht schlicht und einfach zu kurz ist. Vielleicht liefert eine genauere Analyse der Studiendaten anhand von Kurvenverläufen zumindest einen Anhalt, ob man möglicherweise nur deshalb keinen Therapieeffekt gesehen hat, weil man zu kurz untersucht hat. Ich fände es jedenfalls zu voreilig, Biotin mit diesen ersten Hauptergebnissen schon komplett zu Grabe zu tragen, auch wenn es auf Basis der SPI2-Studie sicher keine Zulassung für die MS geben wird.

Risiken und Nebenwirkungen von hochdosiertem Biotin

Obwohl Biotin generell als gut verträglich gilt, birgt die Einnahme hoher Dosen Risiken.

Verfälschung von Laborwerten:

Eine der bedeutendsten Nebenwirkungen von hochdosiertem Biotin ist die potenzielle Verfälschung von Laborwerten. Biotin kann bestimmte Blutwerte verfälschen und so zu falschen Schlüssen führen. Dies betrifft insbesondere Immunoassays, deren Testprinzip auf einer Streptavidin‐Biotin‐Wechselwirkung beruht. Das Ergebnis kann falsch hoch/positiv (kompetitives Testprinzip) oder falsch erniedrigt/negativ (Sandwichprinzip) ausfallen. Zu den potentiell betroffenen Tests zählen u.a. TSH, Troponin T und die Schilddrüsenhormone.

  • Schilddrüsenhormone: Es kann zu einer Fehldiagnose von Morbus Basedow kommen.
  • Troponin: Erhöhte Troponinwerte werden zum Beispiel nicht erkannt und lassen somit womöglich Herzinfarkte unerkannt.

Empfehlungen zur Vermeidung von Laborwertverfälschungen:

  • Bei der Einnahme von niedrigen Dosen Biotin (z.B. eines Multivitaminpräparates) sind keine Interferenzen zu erwarten, bei hohen Biotindosen >5.000 µg pro Tag kann es zu potentiellen Testinterferenzen kommen.
  • Hier sollte die Probenentnahme frühestens 8 Stunden nach der letzten Einnahme erfolgen.
  • Neue Tests mit erhöhter Biotinresistenz: Es erfolgt eine Umstellung auf eine neue Testgeneration der Parameter TSH und Troponin mit erhöhten Interferenz Grenzwerten für Biotin. Die Toleranzgrenze liegt nun ≤ 1200 ng/mL.
  • Arzneimittel, die Biotin in diesen und höheren Dosierungen enthalten, sollen deshalb entsprechend mit einem Hinweis im Beipackzettel versehen werden.

Weitere mögliche Nebenwirkungen:

In der SPI2-Studie traten adverse Ereignisse bei 84 % der Teilnehmer in der Biotin-Gruppe und bei 85 % in der Placebo-Gruppe auf. Ernste adverse Ereignisse wurden bei 26 % der Patienten in beiden Gruppen berichtet. Ein Todesfall trat in der Biotin-Gruppe auf.

Es ist wichtig zu beachten, dass ohne das Vorliegen eines Biotinmangels derart hohe Dosierungen keine Vorteile für die Gesundheit bringen.

Anwendung und Dosierung von Biotin

Empfohlene Tagesdosis:

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt Erwachsenen täglich 40 Mikrogramm Biotin zu sich zu nehmen. Stillende haben einen leicht erhöhten Bedarf.

Dosierung bei Biotinmangel oder Stoffwechselerkrankungen:

Bei therapiebedürftigem Biotinmangel oder Stoffwechselerkrankungen wie Biotinidasemangel können Dosierungen zwischen 5-20 mg täglich erforderlich sein.

Hochdosiertes Biotin bei Multipler Sklerose (Studien):

In Studien zur Multiplen Sklerose wurden Dosierungen von bis zu 300 mg täglich unter ärztlicher Aufsicht eingesetzt.

Anwendungshinweise:

  • Ein Biotinmangel sollte anhand klinischer Symptome (z. B. Haarausfall, Hautausschläge, neurologische Störungen) und/oder biochemischer Parameter (z. B. verminderte Biotinidase-Aktivität oder niedrige Biotinspiegel im Blut) festgestellt werden. Differentialdiagnosen sollten ausgeschlossen werden.
  • Biotin wird bei genetisch bedingten Erkrankungen wie Biotinidasemangel, Mangelernährung oder einer iatrogenen Beeinträchtigung der Biotinverwertung (z. B. durch Antikonvulsiva) verordnet.
  • Bei hoher Dosierung (z. B. über 100 mg/Tag) sollten die Serum-Biotinspiegel regelmäßig überprüft werden, insbesondere bei genetischen Störungen oder neurologischen Indikationen. Begleitend sollten klinische Parameter wie neurologische Symptome und Hautzustand überwacht werden.

Kontraindikationen

Biotin darf nicht angewendet werden bei:

  • Bekannter Überempfindlichkeit oder Allergie gegen Biotin oder Hilfsstoffe in Biotinpräparaten.
  • Schwerer Niereninsuffizienz, wobei eine engmaschige Überwachung empfohlen wird, da die Biotinausscheidung eingeschränkt sein kann (keine absolute Kontraindikation).
  • Hohen Dosen ohne ärztliche Abstimmung, da diese diagnostische Tests (z. B. Schilddrüsen- und Tumormarker-Tests) beeinflussen können.
  • Seltenen genetischen Stoffwechselstörungen, die die Biotinaufnahme oder -verwertung einschränken (nur unter ärztlicher Überwachung).

Biotin in Schwangerschaft und Stillzeit

Biotin ist sicher in der Schwangerschaft und Stillzeit. Der Bedarf ist in diesen Phasen leicht erhöht (ca. 35 µg/Tag), und eine Supplementierung ist bei biochemisch nachgewiesenem Mangel indiziert. Eine routinemäßige Hochdosierung ist nicht notwendig.

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