Migräne ist mehr als nur ein unangenehmer Kopfschmerz. Sie kann die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen und zu sozialem Rückzug, Arbeitsausfällen und psychischer Erschöpfung führen. Wenn klassische Medikamente bei chronischer Migräne, definiert als mehr als 15 Kopfschmerztage pro Monat, nicht mehr ausreichen, kann die Behandlung mit Botulinumtoxin (Botox) eine wirksame Option sein.
Was ist Botulinumtoxin und wie wirkt es bei Migräne?
Botulinumtoxin A, ein Gift des Bakteriums Clostridium botulinum, wird in Deutschland vom Pharmaunternehmen Pharm-Allergan GmbH unter dem Markennamen "Botox" vertrieben. Botox ist im Moment als einziges Botulinumtoxin A zur Therapie von Migräne zugelassen. Es wird in stark verdünnter Form verabreicht und ist damit für den Körper gut verträglich.
Botox ist vor allem als Mittel gegen Mimikfalten bekannt. Das Medikament kann letztendlich Muskeln vorübergehend lähmen, was Menschen mit verschiedenen Muskel- oder Nervenerkrankungen zugute kommen kann. Botox lähmt die Muskeln, indem es verhindert, dass der Botenstoff Acetylcholin freigesetzt wird. Der sorgt normalerweise dafür, dass Muskeln aktiviert werden. Bei chronischer Migräne kann Botox zur Präventiv-Therapie eingesetzt werden. Studien zeigen jedoch, dass das Botox zusätzlich zum Botenstoff Acetylcholin auch noch andere Neuropeptide und Neurotransmitter hemmt, die an der Schmerzreizung beteiligt sind, darunter Glutamat, Substanz P, CGRP und Neurokinin A.
Botulinumtoxin Typ A (Handelsname z. B. Botox®) wirkt nicht nur muskelentspannend, sondern beeinflusst auch die Schmerzweiterleitung. Es hemmt die Freisetzung von schmerzvermittelnden Botenstoffen wie CGRP (Calcitonin Gene-Related Peptide) und Glutamat an den Nervenendigungen und reduziert so die Übererregbarkeit des trigemino-vaskulären Systems - ein zentraler Mechanismus bei Migräne. Das Ergebnis: Weniger Migräneanfälle, abgeschwächte Schmerzintensität und mehr Lebensqualität.
Wann ist Botox bei Migräne sinnvoll?
Botox ist in der Therapie der chronischen Migräne prophylaktisch wirksam. Sprich, das Ziel ist es, damit die Attacken- beziehungsweise die Kopfschmerzfrequenz zu senken. Botox ist nur zur Behandlung der chronischen Migräne zugelassen und nur dann, wenn die Patienten auf orale prophylaktische Medikamente nicht ausreichend angesprochen oder diese nicht vertragen haben. Eine Migräne gilt dann als chronisch, wenn ein Patient an mindestens 15 Tagen im Monat unter Kopfschmerzen leidet und davon an mindestens acht unter Migräne.
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Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) empfiehlt in ihrer Leitlinie von 2018 (ergänzt 2019) Botulinumtoxin ausdrücklich zur Prophylaxe der chronischen Migräne, insbesondere wenn andere Prophylaxe-Medikamente nicht ausreichend wirken oder nicht vertragen werden.
Ablauf der Behandlung
Die Behandlung erfolgt ambulant nach einem ausführlichen Gespräch und neurologisch-psychiatrischer Einschätzung.
In der Praxis erfolgt dann nach Desinfektion die Injektion 0,05ml Botox an 31-39 definierten Stellen mittels der feinsten gebräuchlichen Nadel sowie Mikroliterspritze.
Botulinumtoxin wird in definierte Muskelareale im Kopf- und Nackenbereich injiziert (nach dem PREEMPT-Protokoll). Die Injektionen werden in dem Bereich des Kopfes injiziert, in dem der Schmerzherd lokalisiert wurde. Durch die Behandlung entspannt sich die umliegende Muskulatur, entlastet den Nerv und kann so Schmerzlinderung bis hin zur Schmerzfreiheit beitragen.
Die Behandlung dauert ca. 15-20 Minuten. Die Wirkung tritt nach ca. 1-2 Wochen ein und hält ca. 12 Wochen. Dann ist eine erneute Injektion möglich.
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Dosierung und Injektionspunkte
Die aktuelle Standarddosierung gemäß Herstellerempfehlung und Zulassung in Deutschland beträgt pro Behandlung zwischen 155 und 195 sogenannten „Allergan-Einheiten“ (AE). Die Erstbehandlung erfolgt dabei regelmäßig mit 155 AE, verteilt über die folgenden 7 Zonen und insgesamt 31 Injektionspunkte für die Migränespritze. Sollte sich nach der Erstbehandlung mit der Standarddosis kein Erfolg einstellen, so sollte in einer zweiten Sitzung die Erhöhung auf 195 E erwogen werden. Die zusätzlichen Einheiten werden dann auf die Zonen verteilt, in denen der Patient das intensivste Schmerzempfinden verspürt. (Follow the Pain). Je nach Schmerzmuster kann zusätzlich an weiteren Injektionsstellen eine Behandlung erfolgen. Somit sind bis zu 39 Punkte für die Injektion möglich.
Behandlungsintervalle
Üblicherweise erfolgt die Behandlung alle 3 Monate. Im 2. Behandlungsjahr kann bei anhaltendem Therapieerfolg versucht werden, das Intervall auf 4 Monate zu verlängern. Alternativ besteht auch die Möglichkeit, den 3-Monatszeitraum beizubehalten, aber die Dosierung zu verringern. Es kann auch versucht werden, die Behandlung auszusetzen und erst bei erneut einsetzenden Beschwerden wieder aufzunehmen.
Vorteile der Migränebehandlung mit Botox
- Reduktion der Migränetage pro Monat
- Besserung von Begleitsymptomen (Lichtempfindlichkeit, Übelkeit etc.)
- Keine tägliche Medikamenteneinnahme notwendig
- Gut verträglich, auch bei psychischen Begleiterkrankungen
- In Kombination mit psychotherapeutischer Begleitung besonders effektiv
Mögliche Nebenwirkungen und Kontraindikationen
Die Behandlung gilt als sehr sicher und gut verträglich.
Häufigste Nebenwirkungen:
- Nacken- und Kopfschmerzen für 2-3 Tage
- Kurzzeitige Rötungen an den Einstichstellen
- Leichte Blutergüsse
- Vorübergehende Muskelschwäche oder Spannung im Nackenbereich
Seltene Nebenwirkungen:
- Hängende Augenbrauen (Ptosis)
- Schwäche der Nackenmuskulatur bei sehr schlanken Patienten
- Schluckbeschwerden
- Hautschmerzen
- Kieferschmerzen
Kontraindikationen:
- Neuromuskulären Erkrankungen
- Schluckstörungen oder chronischen Atembeschwerden
- Akute Infekte und Entzündungen der vorgesehenen Injektionsstellen
- Gleichzeitige Einnahme bestimmter Medikamente, die die muskuläre Transmission beeinflussen sowie bestimmter Antibiotika (Aminoglykosid-Antibiotika, Spectinomycin)
- Nachgewiesene Überempfindlichkeit gegen einen der Bestandteile von BOTOX
- Schwangerschaft und Stillzeit
Kostenübernahme
Botox bei chronischer Migräne wird von den gesetzlichen und den privaten Krankenkassen übernommen, wenn die o.g. Voraussetzungen erfüllt sind.
Damit die Kassen die Kosten der BOTOX Spritze gegen Migräne übernehmen, muss jedenfalls eine chronische Migräne nach den weiter oben im Text dargestellten Kriterien vorliegen. Darüber hinaus muss ein prophylaktische Migräne-Behandlung mit herkömmlichen Medikamenten, wie Metoprolol, Flunarizin oder Topiramat erfolglos versucht worden sein. Am besten ist es, Sie nehmen vor dem Beginn der Therapie mit BOTOX® gegen Migräne Kontakt zu Ihrer Krankenkasse auf und reichen dort einen Behandlungsplan ein, den Ihnen Ihre behandelnde Ärztin bzw. Ihr behandelnder Arzt erstellen und aushändigen kann.
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Sollte Botox bei episodischer Migräne versucht werden, belaufen sich die Kosten einer 3-Monats-Behandlung auf ca. 580 Euro (für 155 AE) als ungefährer Richtwert. Die konkreten Kosten hängen dann von den spezifischen Bedingungen des individuellen Falles ab und werden nach GOÄ abgerechnet.
Was Sie vor und nach der Behandlung beachten sollten
Vor der Behandlung:
- Sie können einiges tun, damit die Injektion von BOTOX® so angenehm und erfolgreich wie möglich für Sie verläuft.
- Bei der Behandlung sollten Sie keine Schminke, wie etwa Make-up, tragen
- Falls Sie BOTOX® selbst zu dem Termin mitbringen, denken Sie daran, das Medikament gekühlt (bei maximal 2 - 8 °C) zu transportieren.
- Bitte teilen Sie Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt mit, wo die Schmerzen besonders stark sind, um falls nötig weitere Behandlungspunkte festzulegen.
- Wenn Sie zum Zeitpunkt eines Behandlungstermins eine akute Migräneattacke haben, sollten Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt besprechen, ob der Termin verschoben werden sollte und ob es zeitnahe Alternativen gibt.
Nach der Behandlung:
- Bleiben Sie noch ein paar Minuten in der Praxis, um sicherzugehen, dass Sie die Behandlung mit BOTOX® gut vertragen.
- Mögliche Schwellungen im behandelten Bereich bilden sich meist innerhalb von 30 Minuten von selbst wieder zurück.
- In den ersten 24 Stunden nach der Behandlung achten Sie bitte auf Folgendes:
- Vermeiden Sie es, den Bereich der Injektion zu reiben oder zu massieren.
- Wenden Sie keine Gesichtsmaske oder Peeling an.
- Lassen Sie keine Physiotherapie und Lymphdrainagen durchführen.
- Verzichten Sie auf einen Saunabesuch oder ein Sonnenbad.
- Mit diesen Maßnahmen können Sie einer Verteilung von BOTOX® an andere Stellen vorbeugen bzw. eine mögliche Verringerung der Wirkung verhindern.
- Darüber hinaus empfehlen wir Ihnen:
- Vielleicht sind Sie im Anschluss an die Behandlung etwas erschöpft. Gönnen Sie sich nach einem Behandlungstermin etwas Ruhe.
- Führen Sie über die Zeit der Behandlung ein Migräne- und Kopfschmerztagebuch.
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